Plane könnte jedoch die Forderung von überschüssiger Fruchtbarkeit
weitgehende Einschränkung erfahren, weil die planvoll, dauernd und
bewußt durchgeführte Gattenwahl allein schon die Entstehung
hochwertiger Varianten gewährleistet. Dennoch darf man in der
Herabsetzung der Geburtenziffer selbstredend nicht zu weit gehen: ein
nicht allzu kleiner Geburtenüberschuß bleibt immerhin wünschenswert.
Denn _das_ ist ja gerade ein Unglück für die Kulturvölker, daß die
höheren Klassen so wenig Kinder haben im Vergleich zu den unteren.
Außerdem findet ein fortwährendes Abströmen der besten Elemente,
namentlich vom Lande, nach den höheren sozialen Schichten statt, in
denen sie, bezw. ihre Nachkommen, bald die Gewohnheiten der neuen
Umgebung annehmen. Darin liegt denn in der Tat ein unleugbarer
degenerativer Einfluß: es ist eine Art Aufsaugung und Ausscheidung des
besten Materials. Auch hierin müßte die neue Lebensordnung also
gründlichen Wandel schaffen. Doch würde sie dann mit der Malthus'schen
Lehre, selbst bei Annahme der vollen Gültigkeit derselben, nicht in
Konflikt geraten: denn es sollen sich nur die tüchtigsten Individuen
stärker fortpflanzen und die minderwertigsten mehr oder weniger davon
abgehalten werden. Übrigens wird jene Lehre ja neuerdings auch stark
angefochten. Auch liegt keineswegs im Gesagten eine _übermäßige_
Inanspruchnahme der Frau.
4. Auslese und Reinzucht.
a) Mittel, durch welche die Auserlesenen einander als solche erkennen
können.
Soll der Plan, durch Auslese der Vollkommensten und Reinzucht zwischen
ihnen eine höhere Form des Menschen hervorzubringen, praktisch
ausführbar sein, so müssen die geeigneten Partner einander als solche
erkennen können. Ich deute daher einige Mittel an, die dazu dienlich
sein dürften, jedoch ohne Anspruch auf Vollständigkeit.
1. Anlegung von Stammbäumen der geistigen Aristokratie seitens der
Gemeinden, in welche die Partner Einblick zu ihrer Vergewisserung über
ihre gegenseitigen erblichen Eigenschaften nehmen könnten. Natürlich
müßten diese Stammbäume zugleich auch über den körperlichen Zustand der
Vorfahren Aufschluß geben.
2. Beobachtungen der Leistungen und des Vorlebens des Partners. Daraus
sind gewisse Schlüsse auf seine geistigen Eigenschaften möglich.
3. Einprägung der Merkmale der Geistesgröße, wie sie in der
betreffenden Tafel niedergelegt sind.
4. Einprägung der körperlichen Eigenschaften, wie ich sie unter III, 1,
b und c angegeben habe.
5. Ausbildung der Fähigkeit, den Charakter zu beurteilen. Jeder Mensch
besitzt sie mehr oder weniger von Natur. Das Interesse an unserem Plane
würde selbsttätig diese Fähigkeit rasch bedeutend steigern;
Beschäftigung mit Anthropologie und Psychologie, auch mit der
Geschichte, würde das noch unterstützen.
6. Der »_Instinkt für den geeigneten Gatten_«. Dieser bildet weitaus
das wichtigste Mittel zur Erkennung des passenden Partners. Zunächst
muß ich auf das in der Tafel der Kennzeichen der Geistesgröße über den
Instinkt im allgemeinen Gesagte verweisen (S. 31). Diesem sei noch
folgendes Nähere hinzugefügt: Jeder einigermaßen gut organisierte
Mensch hat ein Bewußtsein von einem bestimmten Typus des andern
Geschlechts, der zu ihm am besten paßt, und zu dem er sich daher
geschlechtlich hingezogen fühlt. Selbstredend wird dieser Typus durch
eine Mehrheit von Individuen dargestellt. Trifft ein Mensch ein solches
an, so besteht die Gefahr, daß er sich in es »verliebt«. Diese Art von
Liebe ist identisch mit der in den Romanen geschilderten. Sie ist das,
was die Menschen im landläufigen Sinne des Wortes »Liebe« oder
»Verliebtheit« nennen, und was sie für etwas besonders »Heiliges« und
»Ideales« halten. Darin irren sie aber: jene Liebe beruht auf einer
Wahnidee, was beweisbar ist: sie erlaubt nämlich nur, das _eine_
Individuum als geeigneten Gatten anzuerkennen; es ist aber klar, daß
andere Vertreter desselben Typs ebenso geeignet wären. Es ist diese
romanhafte Liebe also eine zur Gattung der Paranoia gehörige Wahnidee
oder Psychose.
Dagegen ist Zuneigung zu dem ganzen betreffenden Typus als solchem
berechtigt. Ebenso ist eine mehr geistige Liebe berechtigt, die zwar
auf dem Unterschied von Mann und Weib beruht, auf der gegenseitigen
Ergänzung, nicht aber auf dem Geschlechtstrieb, oder doch nur in sehr
lockerem Zusammenhang mit ihm steht.
Je bessere Rasse nun ein Mensch besitzt, desto deutlicher ist sein
Instinkt für den geeigneten Gatten ausgebildet.[59]
_Nach allem_: Der Gatteninstinkt ist nicht identisch mit »Liebe«,
sondern leitet den Menschen in objektiver unbewußter Erkenntnis zu den
für ihn tauglichsten Partnern. Die Liebe dagegen maßregelt oft diesen
Instinkt und lenkt ihn ab: ein Mensch fängt an irgend einer, oft genug
nebensächlichen oder minderwertigen Eigenschaft eines Individuums vom
andern Geschlecht Feuer. Es erregt zum Beispiel irgend ein geistiger
oder körperlicher Zug an jemandem die fetischistische oder
masochistische Anlage des andern: rasende Liebe kann die Folge sein,
die doch dann ganz gewiß mit der Erkenntnis eines geeigneten Gatten
nichts gemein zu haben braucht. Solch ein Verliebter steht unter dem
Banne von Auto- oder Fremdsuggestion, welch letztere als eben von dem
Gegenstand der Liebe ausgehend zu betrachten ist. Daraus erklären sich
denn auch die merkwürdigen Verirrungen des Gatteninstinkts. Sie kommen
ja nicht selten auch bei Frauen vor, die doch sonst einen besonders
feinen und sicheren Gatteninstinkt besitzen; gerade sie sind aber auch
suggestibler, was die Verirrung leicht verständlich macht.
Normalerweise aber haben die Frauen einen prächtigen Instinkt für den
geeigneten Gatten: sie merken die hervorragendsten Männer sofort unter
der Masse heraus und sehnen sich innerlich nach der Vereinigung mit
ihnen.
Hochorganisierte Männer haben auch einen recht guten Gatteninstinkt,
sind aber dennoch weniger wählerisch als Frauen.
Dieser eigentümliche Unterschied in der Strenge der Gattenwahl zwischen
Männern und Frauen findet seine Erklärung in der _natürlichen_
Verschiedenheit in der Beschaffenheit beider und ihrer Aufgaben für die
Fortpflanzung. Männer könnten leicht eine große Anzahl von Kindern
erzeugen und haben nach dem Akte der Zeugung keinen Anteil mehr an der
Entstehung des Kindes. Mißgriffe in der Gattenwahl könnten sie daher,
was ihre physische Fähigkeit anlangt, leicht wieder ausgleichen. Frauen
dagegen gestattet die Natur hinsichtlich der Zahl nur eine
verhältnismäßig geringe Anteilnahme an der Hervorbringung der
Nachkommenschaft. Ihre Hauptaufgabe besteht jedoch in der Entwicklung
des keimenden Lebens. Sie haben daher ein großes Interesse daran,
möglichst tüchtige Väter für ihre Kinder auszulesen. -- -- --
Die Möglichkeit, daß die geeigneten Gatten einander erkennen können,
darf also nicht in Abrede gestellt werden. Der Mensch muß nur die, ihm
dazu verliehenen Mittel mit ernstem Willen anwenden. Freilich werden
Irrtümer vorkommen. Das ist aber auf allen empirischen Gebieten der
Fall und bedingt noch keine Undurchführbarkeit ihrer Aufgaben. Wenn in
einer gewissen Zahl von Fällen das Rechte getroffen wird, so gelingt
der Fortschritt, wie die allgemeine Erfahrung lehrt. Auch hinsichtlich
unseres Planes wird es daher nicht anders sein.
b) Die formale Seite der Auslese.
Die logischen Konsequenzen aus allem Vorstehenden würden nun die
Forderung ergeben, daß die wenigen hervorragendsten Männer mit
möglichst vielen verschiedenen Frauen möglichst viele Kinder zeugen
sollten. Die praktische Durchführung dieses Postulats brauchte nicht zu
der beide Geschlechter entwürdigenden Polygamie zu führen. Außerdem
würde diese gar nicht einmal in idealer Weise den rein theoretischen
Schlußfolgerungen aus unsern Überlegungen gerecht werden. Vielmehr
würde dies nur durch Promiskuität geschehen. Die Durchführung der
Promiskuität wäre nicht etwa ein Rückfall auf niedere Stufen der
Entwicklung; denn, wie neuere Forschungen zu ergeben scheinen, besteht
sie nirgends als der anerkannte Zustand der formalen Regelung der
Fortpflanzung und des Geschlechtsverkehrs beim primitiven Menschen.
Vielmehr schließt sich dieser an seine nächsten Verwandten in der
Tierreihe, die menschenähnlichen Affen, an und lebt wie sie in Ehe. Es
läßt sich daher viel eher vermuten, daß Promiskuität einem ganz weit
fortgeschrittenen Zustand der Menschheit entspricht. In der Tat läßt
sich leicht der Gedankengang durchführen, daß die Verwirklichung der
höchsten sittlichen Idee, die es überhaupt in der Philosophie gibt,
nämlich derjenigen der _Humanität_, d. h. der Einheit und Verbrüderung
aller Menschen (nach Erreichung einer äußerst hohen Organisationsstufe)
einzig und allein die Promiskuität noch zur Regelung der
geschlechtlichen Beziehungen zuläßt.
_Dennoch liegt es mir vollständig fern, derartige Forderungen jetzt
schon aufzustellen_: denn, mag dem Gesagten sein, wie es will, so viel
muß jeder Praktiker auf den ersten Blick sehen: heute ist die
Menschheit dafür nicht reif. Die _Einehe_ birgt in sich zahlreiche
Faktoren von äußerstem Wert für die geistige, sittliche und körperliche
Integrität und für den Fortschritt der Rasse, auf die im einzelnen
einzugehen, zu weit führen würde. Ich erinnere nur an das Vorhandensein
der Geschlechtskrankheiten, den Wert der geistigen Gemeinschaft
zwischen _einem_ Mann und _einer_ Frau, denjenigen der Erziehung durch
hochwertige Eltern für die Kinder, den notwendigen Schutz, den Ehe und
Familie sowohl dem Manne, als auch dem Weibe gewähren usw.
_Demnach muß die Einehe als Grundlage der Gesellschaft (jedenfalls
vorerst noch auf absehbare Zeit) aufrecht erhalten bleiben, und es kann
sich nur um die Einführung von Reformen handeln, welche sie in dieser
ihrer zentralen Bedeutung nicht gefährden._
Es liegt mir viel daran, in diesen beiden Punkten nicht mißverstanden
zu werden: 1. Als Logiker sehe ich die Konsequenzen meiner Resultate
völlig klar. 2. Als Praktiker aber behaupte ich dennoch auf das
bestimmteste, daß sie nicht in einseitiger Weise unser Handeln
beeinflussen dürfen, daß vielmehr die Einehe als Grundlage der
Gesellschaft bestehen bleiben muß. Der Grund für diese Entscheidung
liegt in der Tatsache, daß es eben hier wie immer, wo das Praktische in
Frage kommt, _nicht nur eine, sondern eine Reihe von Schlußketten
gibt_. Das Übersehen dieser Tatsache ist es, was so oft die
Reformatoren zu falschen und in ihrer Wirkung schädlichen
Schlußfolgerungen verleitet: an _einer_ Stelle kommt plötzlich eine
andere Schlußkette in Betracht, die der ersten Halt gebietet. Es
handelt sich dabei nicht etwa um Widersprüche, sondern um die
Mannigfaltigkeit des Gebietes der Tatsachen, des Werdens und Vergehens,
der Erfahrung, der Natur, des Lebens, die sich nicht in die Zwangsjacke
eines vereinzelten logischen Gedankengangs einschnüren läßt.
Aber gewisser Reformen sind unsere, auf das Geschlechtsleben und die
Fortpflanzung sich beziehenden Sitten und Anschauungen freilich
bedürftig. Ich beschränke mich bei ihrer Anführung streng auf den
Gesichtspunkt unseres _Zieles_, nämlich der Rassenveredelung. Da fällt
es zunächst auf, daß die zahlreichen hochwertigen Frauen, die nicht
heiraten können, dennoch zur Fortpflanzung zugelassen werden sollten,
damit die hier schlummernden biologischen Werte für die Menschheit
nicht verloren gehen. Ferner muß die Möglichkeit vorliegen, unpassende
und unfruchtbare Ehen ohne Nachteil für die Beteiligten lösen zu
können. Ebenso müssen hochwertige Menschenexemplare freie Bahn zu ihrer
Verehelichung haben, eventuell durch staatliche Unterstützung.
_Demnach fasse ich kurz die notwendigsten Reformen, die eingeführt
werden sollten, folgendermaßen zusammen_:
1. _Fürsorge für Mütter und Kinder, zumal außerhalb der Ehe._
2. _Anerkennung der Gleichberechtigung unehelicher Mütter und Kinder._
3. _Erleichterung der Bedingungen für Schließung und Trennung der Ehen,
sofern dadurch dem Wohl der Rasse gedient wird._
Da immer das Interesse der _Gesamtheit_ vorausgesetzt wird, um den
Vorschlägen Berechtigung zu verleihen, so muß hervorgehoben werden, daß
die staatliche Fürsorge auch von Rechts wegen nur dann in Frage kommen
könnte, wenn es sich um hochwertiges Menschenmaterial handelt. Um aber
dann Enttäuschungen zu vermeiden, müßte dieser Punkt _vor_ der Zeugung
entschieden werden. Dies könnte wohl nur etwa so geschehen, daß
Kommissionen bestehend aus Ärzten und Anthropologen eingesetzt würden,
an die ein Paar (verheiratet oder ledig), das ein Kind zu zeugen
wünscht, sich zuvor wenden könnte, um ein Gutachten zu erlangen. Dieses
wäre selbstredend für den Staat bindend, auch dann, wenn sich nach der
Geburt das Kind entgegen menschlicher Berechnung als minderwertig
herausstellen sollte. -- -- --
Es ist durchaus eine Verkennung des Menschen zu behaupten, die
Einführung solcher gemäßigter und ganz vernünftiger Reformen würde die
Sittlichkeit gefährden. Es liegt vielmehr die einzige Möglichkeit zur
Rettung der Menschheit aus ihrem Egoismus und ihrer materialistischen
Versumpfung, ihrem Nachjagen nach niederer Lust, was alles zum
Untergang der Menschheit führen muß, wenn ihm nicht gründlich Einhalt
geboten wird, in der Entfaltung einer großen neuen _Idee_. Nur unter
der Herrschaft von Ideen vermag sich die Menschheit zu behaupten und
fortzuschreiten. Unserer Zeit aber fehlen mächtig auf die Seelen der
Menschen einwirkende Gedanken! Hier ist jetzt eine solche Idee, welche
die Menschheit bezüglich ihrer höchsten Werte bis ins Mark hinein
berührt und Allgemeingültigkeit besitzt!
_So wird denn hier meines Wissens zum erstenmal die brennende Frage
der Ehereform unter dem Gesichtspunkt des Zieles behandelt,
desjenigen nämlich der Vervollkommnung der Menschheit, ihres
entwicklungstheoretischen Fortschritts._ -- -- --
Wir dürfen des weiteren die Augen nicht gegenüber der Tatsache
verschließen, daß die Richtung, in der sich das moderne Weib
entwickelt, mit der Erhaltung der Rassentüchtigkeit auf die Dauer nicht
vereinbar ist, geschweige denn mit deren Steigerung. Sie verliert immer
mehr die Liebe zu ihrem _natürlichen_ Beruf. Nur die Einstellung
unseres gesamten Lebens unter den Nimbus einer großen neuen Idee kann
sie wieder zur Besinnung auf ihre natürliche Bestimmung bringen: _sie
muß einsehen, daß sie bei Erfüllung ihres eigentlichen Berufs an der
Erreichung eines allgemeinen Endzieles der Menschheit mitwirkt_. Dann
wird sie die Freude an diesem ihrem Beruf zurückgewinnen. Dabei bleibt
ihr noch Zeit genug zu einer geistigen Entfaltung, die nicht über das
hinausstrebt, was das Weib in dieser Hinsicht noch ohne Schaden
vertragen kann, und die in diesen Grenzen durchaus berechtigt und ein
Symptom des menschlichen Fortschritts überhaupt ist.
c) Die Reinzucht.
Nicht nur Auslese, sondern auch _Reinzucht_ ist für die Entstehung der
neuen und höheren Menschenform nötig. Sie ist nicht mit Eng- oder
Inzucht zu verwechseln; darunter versteht man die Paarung zwischen
Blutsverwandten. Unter der Reinzucht der Vollkommensten verstehe ich
die Paarung zwischen den vollkommensten Männern und Frauen ohne
Kreuzung mit niederen Individuen. Dabei ist entfernte Verwandtschaft
freilich kein Hindernis. Nur darf sich die Gattenwahl nicht andauernd
auf denselben kleinen Kreis beschränken. Denn »fortgesetzte Inzucht«,
sagt Chamberlain, »innerhalb eines sehr kleinen Kreises, das, was man
›Engzucht‹ nennen könnte, führt mit der Zeit zur Entartung und
namentlich zur Sterilität. Zahllose Erfahrungen der Tierzucht beweisen
das.«[60]
Es muß sich bei den Vollkommensten ein »Rassegefühl« ausbilden, kraft
dessen sie die Paarung mit andern ablehnen. Völker und Individuen, ja
wahrscheinlich schon Tiere, relativ reiner Rasse haben in der Tat ein
solches Rassegefühl. Für uns sind heute die Engländer das beste
Beispiel dafür: wie mir ein gelehrter deutscher Weltreisender erzählte,
heiratet ein Engländer in den Kolonien nur äußerst selten eine
Nichtengländerin, und dann meistens eine stammesverwandte Deutsche oder
Skandinavierin.
5. Blutmischung und Herkunft der Varianten.
Die Frage der Blutmischung erledigt sich nach unsern bisherigen
Ausführungen fast von selbst: zu vermeiden ist die Kreuzung mit
minderwertigen Individuen und mit niedrigen Rassen. Innerhalb der
europäisch-nordamerikanischen Kulturvölker soll aber dann ein weiterer
Rassenunterschied nicht mehr maßgebend sein. Denn hier kommt es dann
nur noch auf die _individuelle_ Tüchtigkeit an: ließen sich doch die
Merkmale geistiger und körperlicher Vollkommenheit ohne die
Voraussetzung bevorzugter bestehender Rassen auffinden; wer sie auch
immer besitzt, soll demnach als ein für die Reinzucht der
Vollkommensten Auserlesener gelten.
Blutmischungen spielen bei der Entstehung einer vorzüglichen Rasse
offenbar eine bedeutsame Rolle. Ich folge Chamberlains Ausführungen
hierüber.[61] Darnach ist Vermischung mit nahe verwandten hohen Typen
günstig; sie muß aber zeitlich eng begrenzt und dann von strenger
Reinzucht gefolgt sein. »Mit zeitlicher Beschränkung,« schreibt
Chamberlain, »will ich sagen, daß die Zufuhr neuen Blutes möglichst
schnell vor sich gehen und dann aufhören muß; fortdauernde
Blutmischung richtet die stärkste Rasse zugrunde« (S. 284). Stehen die
sich vermischenden Formen einander fern, so muß vollends die
Vermischung eine seltene und von sorgfältigster Reinzucht gefolgte
sein. Dies sind die allgemeinen Grundsätze, wie sie _bisher_ zur
Bildung der hochwertigsten Rassen geführt haben. Ihre Anwendung auf
unser Problem ist natürlich nur unter gewissen sinngemäßen
Modifikationen möglich.
Wir dürfen nämlich, um Begriffsverwirrung nicht aufkommen zu lassen,
nie unsern _leitenden_ Gesichtspunkt aus den Augen verlieren. Es soll
eine neue und höhere Form des Menschen nach besonderen Grundsätzen
hervorgebracht werden: die Hauptrichtung der Entwicklung soll
weitergeführt werden. Diese Hauptrichtung besteht in der
Zunahme der geistigen Fähigkeiten; diese sollen also noch mehr
vervollkommnet werden. Außerdem kommt dazu die weitere Entfaltung der
menschlichen Körperschönheit als des sichtbaren Ausdrucks des
entwicklungstheoretischen Fortschritts. Daraus ergibt sich aber
naturgemäß ein freierer und unabhängigerer Standpunkt für die Herkunft
des Auslesematerials, der so formuliert werden kann: _Wer auch immer an
Geist, Charakter und Körperschönheit hervorragt, bildet die Vorstufe
der neuen und höheren Form und sei als Auserlesener betrachtet_.
Doch habe ich in dem Abschnitt »Die Auserlesenen« angegeben, daß
Hoheit des Charakters und körperliche Gesundheit bei guter
Durchschnittsintelligenz und Annäherung des Körpers an die Merkmale der
Vollkommenheit praktisch als genügend erachtet werden sollen. Darüber
bin ich dann im folgenden hinausgegangen, ebenso wie auch die letzte
Formel die Ansprüche strenger faßt. Ich bin mir des kleinen
Widerspruchs bewußt; doch löst er sich bei sinngemäßer Auffassung
dessen, was ich meine, auf. Wir müssen einmal das _Optimum, das Ideal_
klar zeichnen und das andere Mal das _zunächst Erreichbare_ festhalten:
das Optimum wäre es, wenn die hervorragendsten Individuen allein als
Auserlesene gelten würden. Da es aber zu wenige Individuen von solcher
Vollendung gibt und die Durchführung des Postulats auch eine zu große
Härte gegen die übrige gesinnungstüchtige Menschheit enthalten würde,
da schließlich aller biologische Fortschritt eben durch Entwicklung
geschieht, so sehe ich bei der praktischen Forderung von der
Durchsetzung des Optimums ab, mache also eine durch die Tatsachen sich
als nötig erweisende Konzession. Wenn die Menschheit einmal zielbewußt
den rechten Weg überhaupt einschlägt, dann wird es auf diesem
allmählich immer mehr der Vollkommenheit und der Erreichung des
Optimums entgegengehen.
Die Auserlesenen leben nun nicht räumlich auf bestimmten Teilen der
Erde zusammen, sondern können allenthalben in den höheren Kulturvölkern
gefunden werden. Demnach erhalten wir folgende _Formel für die Herkunft
der Varianten: Zerstreut durch die ganze Kulturmenschheit findet sich
eine Anzahl geistig und körperlich hervorragender Individuen: sie
bilden das Material für die Reinzucht der Vollkommensten._
Diese Forderungen wahren zugleich die Notwendigkeit der Blutmischung
und der Reinzucht. Denn nach ihnen werden sich innerhalb der höchsten
Kulturvölker Angehörige verschiedener biologischer Rassen
zusammenfinden. Das werden aber einander nahe verwandte hohe Formen im
Hinblick auf die Merkmale sein, die uns leiten. Diese Eigenschaften
kennzeichnen sie als eine Art Rasse für sich trotz ihrer geographischen
Zerstreutheit innerhalb aller Kulturvölker. So haben wir bei
Innehaltung meiner Grundsätze die Tatsache von Blutmischung in
biologischer Hinsicht und von Reinzucht bezüglich der Eigenschaften,
die das wahre Wesen echten und höheren Menschentums ausmachen. -- --
Nicht zu verwechseln sind Intelligenz, Begabung, Weisheit, Genialität
mit Gelehrtheit, nicht Tugend und Güte des Charakters mit bloßer
Enthaltsamkeit von Lastern oder gar nur von dem, was zur Zeit
gesellschaftlich verpönt ist. Die ersteren sind angeborene Erbwerte,
die anderen anerzogene Eigenschaften. Es liegt mir fern, die Sache des
Bonzen und des Moralphilisters zu verfechten!
Ebensowenig darf ästhetisches Gefühl mit dem modernen Ästhetentum oder
mit dem zusammengeworfen werden, was R. _Eucken_ Ȋsthetischen oder
künstlerischen Subjektivismus« nennt.[62] Wiederum ist jenes vorwiegend
ein Erbwert, dieser dagegen eine nachträglich angewöhnte Haltung, und
zwar ein Entartungssymptom. Das Ästhetentum soll nach Preisgabe des
Idealismus als einer Weltanschauung den unrettbaren Untergang im
krassen und öden, doch immerhin noch ehrlichen Materialismus decken.
Da nun die Werte, auf die es uns ankommt, erbliche sein müssen, so
kommen sie auch in allen Klassen der Bevölkerung vor, nicht etwa nur
bei den sozial höheren Schichten. Doch sind sie innerhalb derjenigen
Klassen, die Generationen hindurch einer höheren Bildung und
sorgfältigeren Charakterpflege teilhaftig gewesen sind, etwas häufiger
vorhanden als in andern. So führen also die Grundsätze der Reinzucht
der Vollkommensten nicht zur Beschränkung des Auslesematerials auf die
höheren Bevölkerungsklassen. Vielmehr finden sich die geeigneten
Varianten in allen Schichten. Deswegen sei hier nochmals der Nachdruck
auf den Wert des Individuums gelegt. Wer auch immer tüchtige Erbwerte
besitzt, der sei als ein Auserlesener, als die Vorstufe des Heros
betrachtet.
6. Der Instinkt.
In unserer Tafel der Grundsätze (S. 24) ist als letzter noch der
Instinkt genannt. Über ihn ist aber nichts Besonderes mehr zu sagen, da
er bereits an andern Stellen behandelt worden ist.
IV. Das System des Geistes.
Im Vorausgehenden habe ich eine reinliche Scheidung zwischen geistigen
und körperlichen Eigenschaften durchgeführt. Ein solcher _glatter
Dualismus_ zwischen Geist und Körper ist überall der Standpunkt der
reinen und unverfälschten _Erfahrung_: als Erfahrung ist er Tatsache:
darüber, daß unsere Erfahrung uns nirgends Monismus, sondern auf allen
Gebieten den klar ausgesprochenen Dualismus zwischen Geist und Materie
gibt, gibt es nichts zu unterhandeln, zu diskutieren. Denn _Tatsachen_
stehen fest.
Für die Psychologie bestätigt James, der mit ungeheurer Strenge
beflissen ist, die wirkliche und reine psychologische Erfahrung ohne
Beimengungen unseres Denkens zu schildern, diesen Dualismus. Er sagt:
»Die Stellung des Psychologen gegenüber dem Erkennen ... ist ein
durchgreifender Dualismus. Sie nimmt zwei Elemente an, den erkennenden
Geist und das erkannte Ding und behandelt sie als nicht aufeinander
zurückführbar.« ...[63]
Erst wenn man jetzt im Denken hinter die Erfahrung zurückgeht und
Metaphysik treibt, kommt man auf das Gebiet der Diskussion, nämlich
darüber, ob man das Urprinzip der Welt noch als eine Zweiheit von Geist
und Stoff oder als eine Einheit auffassen soll. Im letzteren Fall
stehen -- allgemein gesprochen -- zwei Lösungen zur Verfügung, der
materialistische und der idealistische Monismus. Wenn man einmal zur
Annahme eines idealistischen Prinzips gelangt ist und dann noch
behauptet, es sei unstatthaft, noch Genaueres über dessen Wesen
auszusagen, so beruht das auf erkenntnistheoretischer Vornehmtuerei:
vielmehr muß es dem gesunden Menschenverstand auf den ersten Blick klar
sein, daß ein idealistisches Prinzip der Welt gleichbedeutend ist mit
einem geistigen. Das läßt sich auch noch sonst sehr triftig begründen;
darüber aber kann ich mich hier nicht verbreiten.