Insbesondere erkenntnistheoretische Erwägungen führen nun zur Annahme

eines einheitlichen Weltgrundes, also des Monismus, und zwar des

idealistischen oder _Monismus des Geistes_. Denn der _materialistische

Monismus_ spielt zwar in den unklaren Köpfen der Masse noch eine große

Rolle, -- _existiert_ in der wissenschaftlichen Philosophie aber

_überhaupt nicht_ mehr! _Windelband_ z. B. bezeichnet den Versuch, »das

Bewußtsein als Nebenfunktion der Materie« aufzufassen, »als

Absurdität.«[64]

Es hängen aber alle geistigen Vorgänge im Menschen von der

Beschaffenheit des Organs des Geistes in ihm, seines Gehirns ab. _Das_

ist wiederum Erfahrung, also Tatsache; darum habe ich auch an allen

Stellen des Vorhergehenden diesen Standpunkt streng festgehalten: er

ist ja überhaupt die Voraussetzung für die Nützlichkeit von

Höherzüchtung des Menschen in geistiger und sittlicher Hinsicht. Nicht

aber _erzeugt_ das Organ des Geistes den Geist: dies ergeben

philosophische Überlegungen -- und auch Intuition. Diesen Standpunkt

habe ich besonders in dem Abschnitt: »Das Organ des Geistes« vertreten:

ja, ich habe ihn hier gewissermaßen von der Erfahrung ausgehend von

neuem begründet, auf neue Art die alte Wahrheit wieder frisch

aufgefunden.

_Niemand kann_ leugnen, daß in dieser Abhandlung zwei streng

wissenschaftliche Standpunkte in reinster Harmonie miteinander

dastehen: einmal der Standpunkt naturwissenschaftlicher Erfahrung, daß

alle geistige Betätigung im Menschen von seinem Gehirn abhängt; das

andere Mal der Standpunkt wissenschaftlicher Philosophie und des

gesunden Menschenverstandes, daß der Geist und das Bewußtsein an sich

sind und nicht im Gehirn _erzeugt_ werden können. -- -- --

Ist der Monismus des Geistes Wahrheit, dann muß auch der Mensch sich

restlos als Geist auffassen lassen, -- und das geht in der Tat

zwanglos. Doch ist der Gedankengang, der dazu führt, ein unabhängiger

und beruht nicht auf der Voraussetzung des Monismus des Geistes.

Vielmehr hilft er ihn begründen.

Ich erinnere zunächst an die terminologische Klarstellung (S. 26). Dort

sahen wir, daß alles Geistige überhaupt aus den drei Grundklassen

Denken (Erkennen etc.), Wollen und Fühlen besteht.

Zum Denken gehört das Gebiet der Wahrheit, zum Wollen das des Guten,

der Sittlichkeit, des Charakters und der Gesinnung, zum Gefühl das der

Schönheit. Denn das Schöne ist Gegenstand des ästhetischen Gefühls. Des

näheren ist es das Schöne in Formen, Farben, Tönen und Bewegungen, das

den Gegenstand der Ästhetik ausmacht. Alles das aber ist _sinnlich_

wahrnehmbar, nämlich durch unsere zwei höchsten Sinne: Gesicht und

Gehör. Das liegt schon in dem Wort Ästhetik.[65] Dann aber ist das

Schöne im Menschen nicht nur sein ästhetisches Gefühl, sondern auch

seine eigene sinnliche Wahrnehmbarkeit: diese aber wird dargestellt von

seinem Leib. Demnach ist der Leib des Menschen eine Offenbarung des

Prinzips der Schönheit, also des Geistes, und _der Mensch ist restlos

begriffen als eine Funktion der drei ewigen Ideen des Wahren, Guten und

Schönen_. Denn sein Geist (Erkenntnis, Wille, Gefühl) und sein Körper

(Schönheit als zum ästhetischen Gefühl gehörig) gehen rein in ihnen

auf.[66]

Um in der Terminologie keine Unklarheit aufkommen zu lassen, bemerke

ich, daß hierbei Geist in beiden Bedeutungen gemeint ist: als Gegensatz

zur Materie und als höheres geistiges Prinzip. Wenn aber die

Zurückführung alles Körperlichen auf Geist als auf das an sich seiende

Prinzip der Welt gemeint ist, dann ist die zweite Bedeutung die

ausschlaggebende: denn der Geist an sich ist der reine Geist im

unbedingten, absoluten Sinne, gleichbedeutend mit Vernunft und Logik.

Nach der terminologischen Auseinandersetzung muß es jedem klar sein,

daß Vernunft nicht Verstand ist: Vernunft umfaßt das ganze

Geistesleben, auch das Gefühl, nur ist hierbei aus ihm alles Niedere

und Unberechtigte ausgeschieden: Vernunft, Logik und Geist in seiner

höheren Bedeutung sind also der Inbegriff des vollkommenen und idealen

Geisteslebens in _allen_ drei Sphären, derjenigen der Erkenntnis, des

Willens und des Gefühls. Den Sphären entsprechend unterscheide ich denn

auch theoretische, praktische und ästhetische Vernunft. -- -- --

Ist nun der Mensch eine Funktion der Ideen der Vernunft oder des

Geistes (jetzt immer in der zweiten Bedeutung gebraucht), dann geziemt

es ihm auch, sein Wollen und Handeln mit Geist zu durchdringen, logisch

zu gestalten. Wir haben das _Ziel_ und den _Weg_ zu diesem zu

unterscheiden. Das Ziel ist Vollkommenheit. Diese also besteht in der

völligen Erhebung des Menschen auf die Höhe des Wahren, Guten und

Schönen, d. h. in der Verkörperung dieser Ideen in ihm.

Demnach kann ich nunmehr die letzte und genaueste Definition des

Zuchtzieles geben: _Das Zuchtziel ist die Einbettung des Geistes in den

Menschen._ Ist somit das Ziel alles Lebens auf der Erde die

Verwirklichung von Geist in der Kreatur, dann besteht das vorhin

Gesagte zu recht: auch der Weg dazu muß auf die Stufe des Geistes oder

der Vernunft projiziert werden. Dies geschieht, wenn _der_ Weg gewählt

wird, den ich angegeben habe. -- -- --

Die _Liebe_ als die schaffende und erhaltende, also dem Gesetz des

Lebens entsprechende Manifestation des Geistes, wird auch in einer

durchgeistigten und nach logischen Gründen handelnden Menschheit

selbstredend bestehen bleiben: sie wird herrlichere Früchte tragen denn

je zuvor. Aber auch sie wird auf die Stufe des Geistes projiziert sein.

Dann wird sie sich äußern in ihrer Reinheit, nämlich als

Selbstverleugnung: Selbstverleugnung der Gatten, überhaupt des Mannes

und des Weibes, voreinander -- das ist die Liebe zwischen Mann und Weib

auf die Stufe der Vernunft übertragen: das ist die Logik in der Liebe

der Geschlechter zueinander. Ein erbärmlicher Wicht, der sie in dieser

Reinheit für etwas Ärmeres hält als das, was die Menschen jetzt

gewöhnlich unter »Liebe« verstehen! -- -- --

So ist der Mensch und all sein Treiben, alles, was ihn angeht, als ein

Ausschnitt aus einem großen System des Geistes restlos begriffen, und

dies geschah in drei Aussagen:

1. Der Mensch ist selber ganz eine Funktion des Geistes.

2. Deshalb soll auch sein Wollen und Handeln durchgeistigt, vernünftig

sein.

3. Die Liebe äußert sich auf dieser Stufe als Selbstverleugnung.

Der Mensch soll nach allem einsehen, daß die Preisgabe seiner

kleinlichen sentimentalen Rücksichten und der Aufschwung auf die Höhe

reinen Geisteslebens ihn nicht ärmer, sondern weit reicher machen, das

Dasein erst zu wahrem Leben gestalten. Freilich bedarf es dazu einer

heroischen Auffassung des Lebens von Mann und Weib und entschlossener

Abwendung vom Philistertum, der Hinlenkung auch des Willens auf das

Allgemeine und Absolute, auf die wahren Werte der Persönlichkeit.

So möge denn die Blüte der Menschheit unter dem Banner des Geistes über

das Philistertum hinwegschreitend den Aufstieg zu größerer Vollendung

antreten!

[Illustration]

FUSSNOTEN:

[1] Den Leser, der sich für meine Weltanschauung interessiert, verweise

ich auf mein Buch: »Idealistische Sittenlehre und ihre Gründung auf

Naturwissenschaft«, Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung, Leipzig, 2 M.

[2] _Richard Semon_: Die Mneme als erhaltendes Prinzip im Wechsel des

organischen Geschehens. Leipzig, 1904, Verlag Wilh. Engelmann. Ich

benutze Forels Wiedergabe der Lehre in seiner: »Die sexuelle Frage.«

1907, S. 13–18.

[3] Forel, a. a. O., S. 16 und 17.

[4] Eine kurze Zusammenfassung der Kritik findet sich in meiner

Idealistischen Sittenlehre auf Seite 25 und 26.

[5] Moritz Wagner: Über die Darwin'sche Theorie in Bezug auf die

geographische Verbreitung der Organismen (Sitzungsberichte der K.

Bayer. Akademie der Wissenschaften, 1868, Bd. I, Seite 373).

[6] Seite 385.

[7] Wagner, a. a. O., Seite 386.

[8] Seite 394.

[9] Seite 375.

[10] Vergl.: _H. S. Chamberlain_: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts,

1907, Seite 277–289 und _W. Schallmayer_: Vererbung und Auslese im

Lebenslauf der Völker. III. Bd. von »Natur und Staat«, 1903.

[11] _G. Vacher de Lapouge_: Über die natürl. Minderwertigkeit der

niederen Bevölkerungsklassen. Politisch-Anthropologische Revue, VIII.

Jahrgang, No. 9, Seite 462.

[12] _A. Ploetz_: Die Tüchtigkeit unserer Rasse und der Schutz der

Schwachen, 1895, Seite 128 und 129.

[13] Siehe darüber meine »Idealistische Sittenlehre« Seite 92ff.

[14] Tusc. disp. I. 33, zitiert nach _R. Eisler_: Wörterbuch der

Philosophischen Begriffe, 1904, I, Seite 372.

[15] _E. v. Hartmann_: Philosophie des Unbewußten, 1872, S. 631.

[16] _A. Schopenhauer_: Die Welt als Wille und Vorstellung, 1877, I.

Band, Seite 219.

[17] A. a. O., Seite 218.

[18] _James_: The Principles of Psychology, 1891. Im Original heißt es:

».... the entire organism may be called a sounding-board, which every

change of consciousness, however slight, may make reverberate.« H.

Band, Seite 450.

[19] Sexuelle Ethik, Seite 28.

[20] A. a. O., I, Seite 705.

[21] A. a. O., I, Seite 515.

[22] Bei Mac Millan & Co., New-York etc., 1908.

[23] M. Sauerlandt: Griechische Bildwerke, 1908.

[24] Vergl. _O. Hauser_: Der physische Typus des Genies des Altertums;

Politisch-Anthropolog. Revue, VIII. Jahrgang No. 9, und _H. S.

Chamberlain_, a. a. O., Seite 486 und 500-501.

[25] _H. Ploss_: Das Weib, 1896, Seite 13.

[26] A. a. O., Seite 52.

[27] A. a. O., Seite 52.

[28] A. a. O., Seite 54.

[29] A. a. O., Seite 55.

[30] _J. Ranke_: Der Mensch, 1889, II. Band.

[31] Ploss, a. a. O., Seite 57.

[32] _C. H. Stratz_: Die Schönheit des weiblichen Körpers, 1908 Seite

2.

[33] Aus Eisler, a. a. O., II, Seite 299.

[34] A. a. O., Seite XVII.

[35] A. a. O., Seite 360 ff.

[36] A. a. O., Seite 276.

[37] A. a. O., Seite 278.

[38] A. a. O., Seite 280.

[39] _Havelock Ellis_: Die Gattenwahl beim Menschen, deutsch, 1906,

Seite 181–190.

[40] _Ploetz_, a. a. O., Seite 117–127.

[41] _Ploss_, a. a. O., Seite 22.

[42] _Ploss_, a. a. O., Seite 23.

[43] _Ploss_, a. a. O., Seite 24.

[44] _Ploss_, a. a. O., Seite 25.

[45] _Ploss_, a. a. O., Seite 25.

[46] _Ploss_, a. a. O., Seite 25.

[47] A. a. O., Seite 25.

[48] C. L. _Schleich_: Schmerzlose Operationen, 1906, Seite 88–97.

[49] A. a. O., Seite 97.

[50] _James_, a. a. O.

[51] _A. Höfler_: Grundlehren der Psychologie, 1905, Seite 66.

[52] A. a. O., Seite 9.

[53] _W. Wundt_: Grundriß der Psychologie, 1907, Seite 323.

[54] _James_ sagt: »There is a general principle in Psychology that

consciousness deserts all processes where it can no longer be of use.«

(A. a. O., II, Seite 496).

[55] »All consciousness seems to depend on a certain slowness of the

process in the cortical cells. The rapider the currents are, the less

feeling they seem to awaken.« (A. a. O., II, Seite 104).

[56] A a. O., II, Seite 367–369.

[57] G. H. Th. _Eimer_: Die Entstehung der Arten auf Grund von Vererben

erworbener Eigenschaften; 1888, Seite 31, 43, 44, 65, 66. (Ich verwerte

hier nur die angeführte tatsächliche Beobachtung Eimers als solche).

[58] _Forel_: A. a. O., Seite 29 und 30.

[59] Vergl. meinen Aufsatz: Grundzüge der Rassenveredelung,

Politisch-Anthropolog. Revue, VIII. Jahrg., No. 9. (Dezember 1909).

[60] A. a. O., Seite 282.

[61] A. a. O., Seite 279–287.

[62] R. _Eucken_: Grundlinien einer neuen Lebensanschauung, 1907.

[63] A. a. O., I, Seite 218: »_The psychologists attitude towards

cognition .... It is a thoroughgoing dualism._ It supposes two

elements, mind knowing and thing known, and treats them as

irreducible.«

[64] W. _Windelband_: Lehrbuch der Geschichte der Philosophie, 1903,

Seite 527.

[65] Ästhetik kommt von dem Griechischen: αἰσθάνομαι:

ich nehme mit den Sinnen wahr, oder αἰσθητός: sinnlich

wahrnehmbar.

[66] Ich verweise hinsichtlich alles dessen nochmals auf meine

»Idealistische Sittenlehre und ihre Gründung auf Naturwissenschaft«,

Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung in Leipzig, 1909, Preis M. 2—.

Höherzüchtung des Menschen auf biologischer Grundlage. Vortrag · 第 6 / 6 段