in Einklang, so ergibt sich etwa folgendes: Unser Bewußtsein besteht
aus einem ununterbrochenen Fluß von Vorstellungen, Gefühlen und
Strebungen, welch letztere beide den Vorstellungen angegliedert sind.
Da jede Hauptvorstellung stets durch Verschmelzungen und Assoziationen
von einem Kranz anderer Vorstellungen umgeben ist, der _ganze_ Komplex
jeweils das Bewußtsein ausmacht und dieser ganze Komplex ein
fortwährend sich verändernder ist, so gleicht unser Bewußtsein von der
Wiege bis zum Grabe einem ununterbrochenen Flusse, in dem das einmal
Vorübergeströmte niemals zurückkehrt. Denn nie ist der Komplex als
Ganzes wieder der gleiche, der er früher einmal war; der _ganze_
Komplex aber macht das Bewußtsein aus. Niemals treten einzelne
Vorstellungen, z. B. bei der Erinnerung, ins Bewußtsein; sie haben
immer ihren Kranz zugeordneter Vorstellungen um sich, und dieser
wechselt ununterbrochen.[50]
Vorstellungen bilden die _Unterlage der Erkenntnis_: _sie_ sind also
das _Material_ des Erkenntnisaktes. Die Außenwelt ist uns ebenso wie
die Erinnerung zunächst als Vorstellung gegeben. Vorstellungen sind
aber noch keine Erkenntnis. Erst durch ihre Verarbeitung entsteht
letztere. Ein _Interesse_ besitzen wir jedoch nur an der Erkenntnis
selbst, während die Vorstellungen als solche nichts anders bedeuten als
eine Belästigung unseres Bewußtseins.
Bei der Wahrnehmung von Gegenständen zeigt sich nun der Idealvorgang
der Gewinnung von Erkenntnis: denn in demselben Augenblick, in dem uns
unsere Sinnesorgane die Empfindungen oder Vorstellungen übergeben,
haben wir auch schon die _Erkenntnis_ des Gegenstands. Die
_Vorstellung_ der Außenwelt und das _Wahrnehmungsurteil_ fallen also
zusammen; die _Erkenntnis_ aber liegt in letzterem. Daher
definiert auch _Höfler_, dem ich mich anschließe: »Wahrnehmung =
Wahrnehmungsvorstellung + Wahrnehmungsurteil.«[51] Auf der niedersten
Stufe der Denktätigkeit ist also der _vollkommene_ Vorgang bereits
erreicht: niemandem bereitet die Beurteilung und Erkenntnis der
Gegenstände irgendwelche Schwierigkeit, sobald ihm einmal die
zugehörigen Empfindungen, bezw. Vorstellungen gegeben sind. Zum
Verständnis trage ich hier nach, daß ich auch diesbezüglich die
Terminologie Höflers annehme, der definiert: »Empfindungen sind
Wahrnehmungsvorstellungen von möglichst einfachem, physischem
Inhalte.«[52] Deswegen setze ich also auch statt Empfindungen
Vorstellungen.
Bei den _höheren_ Graden des Denkens ist aber der Idealvorgang des
Erkennens noch lange nicht erreicht. Hierbei _stören_ uns vielmehr
folgende zwei Umstände: 1. Nicht nur _der_ Vorstellungskomplex befindet
sich in unserm Bewußtsein, der für die zu gewinnende Erkenntnis
wertvoll ist, sondern außerdem sind uns noch eine größere oder
geringere Menge _anderer_ Vorstellungen bewußt, welche jenem assoziiert
sind, aber mit dem Erkenntnisakt nicht zusammenhängen, sondern ihn
erschweren. Bei Neurasthenikern kann das außerordentlich hohe Grade
erreichen und sie zum Denken nahezu unfähig machen. 2. Es liegt ein
_Widerstand_ zwischen Vorstellung und Erkenntnis, der erst überwunden
werden muß. Beim höheren und fortgeschritteneren Denken folgt die
Erkenntnis, das Urteil, nicht sofort, blitzartig, automatisch auf das
Denkmaterial, die Vorstellungen, wie es bei der Wahrnehmung der Fall
ist. Dort bedarf es vielmehr einer gewissen Anstrengung. Die _geniale
Intuition_, die ja ebenso automatisch und blitzartig erfolgt wie das
Wahrnehmungsurteil, ist nichts anders als dieselbe Vollkommenheit auf
der Stufe der höheren Denktätigkeit. Während aber bei der Wahrnehmung
Sicherheit und Verlaß besteht, ist dies bei der genialen Intuition
nicht der Fall: sie kommt bisweilen und ein andermal wieder nicht und
ist überhaupt nur bei einzelnen besonders hoch konstruierten Gehirnen
vorhanden. Im übrigen quält sich der Mensch mühsam von Erkenntnis zu
Erkenntnis durch.
Zu allem kommt noch die Qual, den der _Unlustanteil_ des im Bewußtsein
befindlichen Vorstellungskomplexes bedingt: im Anschluß an eine
richtige Erkenntnis steigt ein ganzer Komplex von durch Assoziation
damit zusammenhängenden Vorstellungen in unser Bewußtsein auf. Ein Teil
davon ist mit Lust -- ein anderer mit Unlust betont. Durch letzteren
entstehen teils nützliche Warnungen; aber teils bringt er auch
unnötigen Kummer und unberechtigte Sorge. Wiederum ist es der
Neurastheniker, bei dem das die höchsten Grade erreicht. Aber beim
Gesunden ist es mehr oder weniger auch vorhanden. Alle unsere
Lebenserinnerungen bestehen, wie _Wundt_ sagt, aus Dichtung und
Wahrheit: »Unsere Erinnerungsbilder wandeln sich unter dem Einfluß
unserer Gefühle und unseres Willens in Phantasiebilder um, über deren
Ähnlichkeit mit der erlebten Wirklichkeit wir meist uns selbst
täuschen.«[53] -- -- --
Wir müssen zwischen Bewußtsein schlechthin und dem Sich-Bewußtwerden
eines Vorgangs unterscheiden. Das letztere macht das dem Menschen
eigentümliche Bewußtsein aus, wie ich zum Verständnis vorweg betonen
will. Daher will ich zum Unterschied das _erstere_ mit dem
Kunstausdruck »_Bewußtsein an sich_« und das spezifisch menschliche
Bewußtsein mit demjenigen »_empirisches Bewußtsein_« belegen.
Empirisches Bewußtsein scheint nun nur dort vorzukommen, wo sich ein
_Widerstand_ geltend macht. Wir haben »Bewußtsein« von einem Baume, den
wir sehen, aber wir »werden uns seiner nicht bewußt«, solange nicht
etwas Besonderes an ihm unsere _Aufmerksamkeit_ erregt, weil der
Vorgang glatt und widerstandslos verläuft.[54] Beim Reden oder Lesen
des weiteren ist man sich seiner Tätigkeit nicht bewußt, bis ein
Widerstand eintritt oder sonst etwas die Aufmerksamkeit erregt.
Deswegen hat James wiederum recht, wenn er sagt: »Alles Bewußtsein
scheint von einer gewissen Langsamkeit des Prozesses in den
Gehirnzellen abzuhängen. Je rascher die Ströme sind, desto weniger
Gefühl scheinen sie zu erwecken.«[55]
Trotzdem aber entspricht es zweifellos dem tatsächlichen
psychologischen Erfahrungsbestand, auch bei solchen schnell und glatt
verlaufenden Vorgängen von »Bewußtsein« zu reden. Daraus folgt nun ein
_qualitativer_ Unterschied unserer Bewußtseinszustände: _Das_
Bewußtsein, das wir beim fließenden Vorgang besitzen, ist identisch mit
dem Bewußtsein an sich, das eben in unserer Hirnrinde zum Durchbruch
kommt. _Dasjenige_ Bewußtsein dagegen, das wir dann haben, wenn
Aufmerksamkeit oder sonstiger Widerstand im Spiele ist, ist empirisches
Bewußtsein. Trotz seiner qualitativen Verschiedenheit kann es natürlich
nur eine Modifikation des ersteren sein.
Demnach gibt es Erkenntnis mit und ohne empirisches Bewußtsein.
Ersteres nennen wir »_Aufmerksamkeit_«. Dasselbe wäre es zu sagen: Es
gibt Erkenntnis mit und ohne Aufmerksamkeit. Ersteres ist dann der
Fall, wenn ein Widerstand damit verbunden ist. Dies aber macht
empirisches Bewußtsein.
_Nach allem_: Es gibt ein Bewußtsein an sich. Wo es nicht gehemmt wird,
ist es auch im menschlichen Gehirn sich selber gleich (oder ähnlich).
Wo es aber auf seinem Weg durch das Gehirn auf einen Widerstand trifft,
da wird es eben dadurch verändert und bildet dann das empirische
Bewußtsein. Demnach ist Bewußtsein an sich vergleichbar einem glatt
dahinfließenden Strome. Im Bette dieses Stromes aber befinden sich
Unebenheiten, wie sie in einem wirklichen Flusse durch Felsen und
Steine dargestellt werden. Diese Rauhigkeiten bietet die
Unvollkommenheit der Gehirnkonstruktion dar: auch an ihnen entstehen
daher Wirbel im Strome des Bewußtseins an sich, wie sie im wirklichen
Wasser an entsprechenden Stellen vorkommen. Die Wirbel im
Bewußtseinsstrome heben sich von dem glatten Strome ab und werden als
Besonderheiten kenntlich. Der Inbegriff dieser Besonderheiten, also der
Rauhigkeiten an Stellen des Widerstands, ist das empirische Bewußtsein.
Wo aber der Bewußtseinsstrom ohne Hemmungen durch das menschliche
Gehirn hindurchfließt, da erleidet er natürlich keine wesentliche
Veränderung: in diesem Teil ist demnach unser empirisches oder
menschliches Bewußtsein nicht verschieden von dem Bewußtsein an sich,
sondern bildet nur einen Ausschnitt aus ihm. Wo aber Wirbel entstehen,
da _werden wir uns_ des Bewußtseins an sich _bewußt_. Hier also ist
unser empirisches Bewußtsein verschieden von dem Bewußtsein an sich:
denn in diesem als solchem sind Hemmungen unbekannt.
Das ergibt die unverfälschte Psychologie der unmittelbaren
Erfahrung! -- -- --
Bei der Wahrnehmung von Gegenständen treten die Lust- und Unlustgefühle
auch in das Bewußtsein ein.
Letztere entsprechen gefährlichen oder unangenehmen Stellen in der
Außenwelt, denen wir daher zu entgehen suchen. Es stehe z. B. ein schön
blühender Baum am Rande eines Abgrundes: was wird bei der Wahrnehmung
stattfinden? Der Baum wird uns mit einem Lustgefühl erfüllen, von dem
Abgrund aber werden wir uns fernzuhalten trachten. Hier begegnet uns
der Wille in seiner primitiven und ursprünglichen Form, nämlich als
Bewegung. In der Tat _ist Bewegung_ überhaupt das _Wesen_ des
Wollens. Denn bei Phantasievorstellungen (im Gegensatz zu
Wahrnehmungsvorstellungen) ist es analog: wir nehmen die lustbetonten
Vorstellungen dankbar an und wünschen, von den unlustbetonten
loszukommen. In beiden Fällen, dem der äußeren Wahrnehmung und dem des
Phantasiebildes, hat der _Wille_ die Merkmale der Bewegung an sich,
nämlich _Richtung_. Allein, innerhalb des Umkreises der
Phantasietätigkeit gelingt die _Tat_, d. h. die Ausführung der Bewegung
oder die Einschlagung der Richtung, nicht so leicht als bei der
wirklichen Bewegung im äußeren Raume, die, wie wir sahen, die
ursprüngliche Willensäußerung ist: mit unfehlbarer Sicherheit und ohne
merkbare Anstrengung vermögen wir, von dem Abgrund zurückzugehen,
sobald wir es »wollen«. Jedoch können wir nicht mit auch nur annähernd
ähnlicher Sicherheit eine unangenehme Vorstellung unterdrücken, »uns im
Geiste von ihr hinwegbewegen«.
Wenn wir aber die äußere Bewegung, den Willen auf primitiver Stufe,
vollständig beherrschen, so ist nicht einzusehen, warum das auf höheren
Stufen nicht auch der Fall sein _sollte_: die höhere Willenssphäre ist
eben nur noch zu unvollständig in unserm Zentralorgan ausgebildet. Wir
sollten demnach beim _Erkenntnisakte_ im Gebiet der Phantasie annehmen
und behalten können: 1. die der Erkenntnis unmittelbar zugrunde
liegenden Vorstellungen, und 2. die begleitenden Lustvorstellungen;
dagegen sollten wir die Unlustvorstellungen, nachdem sie uns einmal
bewußt geworden sind und zur Warnung gedient haben, verlassen können.
Der Zusammenhang mit dem Beispiele vom Baume bei der äußeren
Wahrnehmung ist ja klar: das unter 1 Angeführte entspricht den
Empfindungen des Baumes, das unter 2 Genannte denjenigen der schönen
Blüte und das zuletzt Gesagte dem Abgrund. -- -- --
Die _Aufmerksamkeit_ ist mit einem Mischgefühl aus Lust und Unlust
verbunden: insofern, als sie uns nützt, und als alle Steigerung der
Erfahrung von ihr abhängt, ist sie entschieden lustbetont; insofern
aber, als sie einen Widerstand im glatten Bewußtseinsstrome bedeutet,
ist sie unlustbetont, wie solche Stellen es immer sind. Dieses
Mischgefühl kann man bei einiger Übung in der Selbstbeobachtung
deutlich wahrnehmen. Wir können die Aufmerksamkeit der Stelle des
Bewußtseins gleichsetzen, an der die Vorstellungen mit der Heftigkeit
von Geschossen einschlagen und das Wasser (im Beispiele des Stromes)
aufspritzen machen.
_Ich fasse zusammen_: In jedem Erkenntnisakt gibt es folgende angenehme
Faktoren, die wir daher beizubehalten wünschen: 1. den glatten Fluß der
Erkenntnis, 2. die begleitenden Lustanteile, 3. die nützliche
Aufmerksamkeit, und folgende unangenehme, die wir daher aus dem
Bewußtsein lieber ausschalten möchten: 1. die Hemmungen der Erkenntnis,
das zeitliche Auseinanderfallen von Vorstellungskomplex und zugehörigem
Urteil, 2. die Unlustanteile, die Unfähigkeit, den Willen nach Belieben
von gewissen Vorstellungen loszureißen.
Daraus folgen nachstehende Forderungen für die Vervollkommnung unseres
Bewußtseins: Der nützliche und angenehme Anteil sollte ihm als sicherer
Besitz gegeben, der unnütze und unlustbetonte ausgeschaltet werden.
Beseitigung der Widerstände würde beiden Forderungen entsprechen; _nur
der_ Widerstand, den die _nützliche_ Aufmerksamkeit bildet, muß auf
allen Stufen der Entwicklung beibehalten werden, weil er für ihren
Fortschritt nötig ist. Denken wir uns das Ende der Entwicklung
erreicht, so würde natürlich auch dieser Teil der Aufmerksamkeit, als
der letzte Widerstand im Bewußtsein, wegfallen: das Bewußtsein eines
vollkommenen Wesens wäre identisch mit dem Bewußtsein an sich.
Die Erfüllung jener beiden Forderungen, bezw. die Ausschaltung der
Widerstände (mit Ausnahme der _nützlichen_ Aufmerksamkeit), würde uns
die Vorzüge des _automatischen_ Denkens ohne dessen Nachteil sichern!
Als Nachteil wäre zu denken die Festlegung der Erkenntnisfähigkeit auf
einer gewissen Entwicklungsstufe oder für eine bestimmte Umgebung. Das
darf aber nicht geschehen: denn, wie James sagt, ist es das Fehlen von
festen Reaktionen in Gestalt von Instinkten, das die Überlegenheit des
Menschen über das Tier, ebenso wie diejenige des Mannes über das Weib
ausmacht.[56] Doch sind natürlich gewisse instinktive Reaktionen
möglich, die _allgemeingültigen Werten_ entsprechen, z. B. denen der
Nächstenliebe und des »Mitleidens«, und die daher sehr wohl _fest_
werden dürfen und werden. _Wir können also definieren: Ein vollkommenes
Vernunftwesen würde teils durch die Feinheit seiner Hirnrinde, teils
durch Fixierung allgemeingültiger Willensantriebe und Gefühlsregungen
die Reaktionen auf die Werte des Wahren, Guten und Schönen als
Instinkte besitzen._ Ersteres würde wiederum den freien, letzteres den
festen Instinkten entsprechen.
Doch _diese_ Art annähernder Automatie, die ich dargestellt habe, wäre
nur in einem sehr bildungsfähigen und feinen Gehirn denkbar: denn nur
ein solches könnte so widerstandslos auf die Vorstellungen und
Willensantriebe reagieren, als es im Vorstehenden verlangt wurde: nur
durch ein so fein reagierendes Gehirn könnte das Bewußtsein an sich so
glatt hindurchfließen, wie es ein Strom durch ein weiches, felsenloses
Bett tut. -- -- --
In weitgehendem Maße zeigt es sich nun bei näherem Zusehen, daß die
Widerstände durch Furcht und Besorgnis hervorgerufen werden, die ein
Ausdruck der Selbstsucht sind: Selbstverleugnung ist daher eins der
wertvollsten Mittel zur Ausschaltung der Widerstände. Unlustgefühle und
die Beschäftigung mit den eigenen Vorstellungen zerstieben vor der
Hinwendung des Wollens auf das Absolute und Allgemeine wie Spreu vor
dem Winde. So entsteht auch eine Art Passivität des Bewußtseins, die
das Denken und Erkennen sehr erleichtert. Demnach besitzen wir in
rückhaltloser Selbstverleugnung eine mächtige Handhabe zur Ausschaltung
der das empirische Bewußtsein ausmachenden »Wirbel« im Strome des
Bewußtseins an sich. Muß aber die Selbstverleugnung, um wirksam zu
sein, _rückhaltlos_ sein, so darf sie dennoch nicht _grenzenlos_ sein:
die Persönlichkeit soll bewahrt und erhöht werden, das empirische
Bewußtsein als nützlicher Teil der Aufmerksamkeit erhalten bleiben;
denn der Mensch muß Erfahrung sammeln, wozu die Aufmerksamkeit dient.
Somit stehen die Resultate unserer psychologischen Überlegung der
Hauptsache nach im Einklang mit denjenigen, zu denen Schleich auf Grund
seiner anatomischen und entwicklungstheoretischen Betrachtung gelangt
war: nämlich, daß es auf Höherentwicklung der Hirnrinde und des von ihr
abhängigen Geisteslebens geht, und daß sie zur Automatie des Denkens,
Wollens und Fühlens führen wird -- wenigstens in hohem Grade. -- -- --
Die Menschen fühlen das empirische Bewußtsein als etwas Qualvolles. Die
Ursache für diese merkwürdige Tatsache erhellt aus Vorstehendem: es ist
ja der Inbegriff der Widerstände im Gehirn. _Daß_ es Tatsache ist, geht
daraus hervor, daß die Menschen aller Zeiten mit seltener Einmütigkeit
die verschiedensten Mittel zu seiner Unterdrückung angewendet haben:
der indische Jogi hypnotisiert sich selbst, der Buddhist übt sich in
den höchsten Graden der Willensverneinung, alle Völker benützen
berauschende Mittel irgendwelcher Art. -- -- --
Nach _Eimers_ »_Gesetz der männlichen Präponderanz_« treten bei Tieren
die neuen Merkmale zuerst bei älteren Männchen auf. Da _Genialität_ den
fortgeschrittensten Zustand des Menschen bedeutet und sie rein auf den
Mann beschränkt ist, so findet dieses Prinzip, wie man von vornherein
erwarten müßte, beim Menschen eine glänzende Bestätigung.[57]
Nach Vorstehendem muß jene in Zusammenhang gebracht werden mit der
Entfaltung des Gehirns in der Richtung nach Ermöglichung einer mehr
automatischen Seelentätigkeit.
Für den Fortschritt des Menschen zu höherer Organisationsstufe käme
dann sehr viel darauf an, daß die bedeutendsten Männer eine möglichst
große Anzahl von Kindern erzeugten.
Wie stimmt unsere gegenwärtige Ordnung der Dinge mit der Erfüllung
dieser Forderung überein? -- -- --
Ein Überblick über diese ganze psychologische Auseinandersetzung sei
noch zum Schlusse hinzugefügt:
I. _Unser Bewußtsein hat Mängel; es sind das folgende_:
1. Die Langsamkeit des Denkens.
2. Die Unfähigkeit, den Willen nach Belieben von Vorstellungen
loszureißen:
a) Von den Gedanken und Vorstellungen überhaupt, die einem zur Zeit
unerwünscht sind.
b) Von den eigentlichen Unlustgefühlen.
c) Von unnötigem Achten auf sich selbst.
d) Von Vorstellungen, denen überhaupt kein Äquivalent in der
Wirklichkeit entspricht (die z. B. _unbegründete_ Sorgen ausmachen).
II. _Diese Mängel sind gleichbedeutend mit Hemmungen oder Widerständen
im Bewußtseinsstrome._
III. _Diese Widerstände erzeugen das empirische (spezifisch
menschlich-tierische) Bewußtsein._
IV. _Aber Bewußtsein besitzen wir auch dann, wenn die Hemmungen fehlen.
Daher unterscheide ich dieses letztere als Bewußtsein an sich von jenem
empirischen Bewußtsein. Dieses ist ein Spezialfall des Bewußtseins an
sich, eine Modifikation von ihm._
V. _Den idealen Erkenntnisvorgang besitzen wir in der äußeren
Wahrnehmung: denn hierbei folgt die Erkenntnis (das Urteil) sofort auf
die Vorstellungen. Ebenso besitzen wir im Verein damit den idealen
Willensvorgang in der Bewegung im Raume: denn wir können ihn mit
unfehlbarer Sicherheit und scheinbar mühelos ausführen. Bei dieser Art
von Erkenntnis und Willenshandlung fehlen Widerstände._
VI. _Dieses Ideal sollte daher auch im höheren Denken erreicht werden._
VII. _Der Weg dazu besteht einmal in dem Fortschritt der Organisation
der Hirnrinde. Das andere Mal können wir uns durch Selbstverleugnung
einigermaßen dem Ziele nähern. Denn durch sie wird in hohem Grade der
Wille von den unerwünschten Vorstellungen (s. I, 2) losgerissen._
VIII. _Im übrigen ist Auslese das Mittel zur Erreichung des Zieles
seitens der Menschheit._
IX. _Genialität und Altruismus sind die Merkmale, die offenbar in
Zusammenhang stehen mit der Erreichung dessen, was unsere
psychologische Analyse als erwünscht aufgezeigt hat._
X. _Es läßt sich annähernde Automatie der Bewußtseinsvorgänge denken
ohne Aufgebung der Fähigkeit zur Bearbeitung neuer Erfahrungsdata und
neuer Probleme._
XI. _Niemals wird es sich handeln um Unbewußtsein überhaupt: denn
Bewußtsein ist an sich etwas Besonderes. Dagegen wird (wahrscheinlich)
das empirische Bewußtsein immer mehr eingeschränkt werden, in dem Maße
nämlich, als die Widerstände im Gehirn mit seiner steigenden
Organisation abnehmen._
XII. _Die Menschen fühlen das empirische Bewußtsein als etwas
Qualvolles und streben mit seltener Einmütigkeit nach seiner
Unterdrückung._
XIII. _Der höhere Mensch wird die Werte als Instinkte besitzen --
annähernd._
XIV. _Die Weiterentwicklung des Geisteslebens wird in der Richtung
stattfinden, daß Selbsttätigkeit auch in seinen fortgeschritteneren
Stufen Platz greift, wie es jetzt bei der Wahrnehmung der Fall ist. Die
Vorstellungen werden nicht mehr getrennt von und neben den
Erkenntnissen im Bewußtsein bemerkbar sein._
2. Die Erblichkeit.
Zunächst sei auf das früher (S. 13) über die Erblichkeit Gesagte
hingewiesen. Auch geistige Eigenschaften sind wie andere angeborene
Merkmale erblich, da ihre Eigenart beim Menschen von der Beschaffenheit
seines Gehirns abhängt, und diese mit auf die Welt gebracht wird. Das
stimmt auch mit der Erfahrung überein: nur das Genie scheint eine
Ausnahme zu machen. Doch sind uns die einzelnen Faktoren, die bei der
Beurteilung der Frage der Erblichkeit des Genies berücksichtigt werden
müssen, nicht genügend bekannt. Das Genie ist die höchste Spitze
menschlicher Entwicklung und ruht als solche auch auf der subtilsten
anatomischen Unterlage im Körper. Die geringste Inkongruenz in der den
Samen aufnehmenden Eizelle wird eine Ablenkung herbeiführen können.
Auch kommt es gar nicht auf die Vererbung derselben genialen Fähigkeit,
wie sie der Vater hat, an, sondern nur auf diejenige seiner geistigen
Höhe im allgemeinen. Ferner hat die Menschheit bisher nicht die
geringste Rücksicht auf eine in geistiger Hinsicht passende Gattenwahl
genommen. Die herrschenden Anschauungen haben auch die Hervorbringung
möglichst zahlreicher spontaner Variationen durch den genialen Vater,
wie es dem Manne ja die Natur ermöglicht hat, und wozu ihn sein
polygamer Instinkt mit Macht antreibt, verhindert. Endlich wissen wir
nicht, ob jene Redensart wahr ist, die behauptet, daß das Genie sich
immer Bahn breche: _vielleicht_ gehen viele Genien -- wenn auch nicht
die allergrößten -- unter, ohne Gelegenheit gefunden zu haben, sich als
solche zu offenbaren.
Wie Forel angibt, hat übrigens _Alphonse de Candolle_ »in seiner
›Histoire de la science et des savants‹ den unzweideutigen
Beweis geliefert, daß die Nachkommenschaft bedeutender und
tüchtiger Menschen eine unverhältnismäßig größere Zahl wiederum
hervorragender und tüchtiger Menschen aufweist als diejenige der
unbedeutenden, ...«[58] -- -- --
Die Erblichkeit der Merkmale ist natürlich eine unerläßliche Bedingung
für die Bildung von Dauerformen. Da Milieumerkmale nur in geringem
Grade erblich sind, so kommt es für die Verbesserung der Rasse weitaus
am meisten auf die angeborenen Eigenschaften an.
3. Genügende Fruchtbarkeit.
Je größer die Fruchtbarkeit ist, desto mehr verschiedene spontane
Variationen werden entstehen. Je mehr aber dies letztere der Fall ist,
desto größer wird wiederum die Aussicht für das Vorhandensein von
wertvollen unter ihnen sein. So hat denn auch wahrscheinlich für die
Bildung der Menschenrassen und verschiedenen Tierformen ein starker
Geburtenüberschuß in der Vergangenheit eine bedeutsame Rolle gespielt.