Das Wesen des Schönen liegt in der Harmonie, und zwar in einer Harmonie

zweifacher Art: 1. in der Harmonie des Wahrnehmbaren unter sich, also

Harmonie in Formen, Farben, Tönen und Bewegungen, und 2. in der

Harmonie zwischen Form und Inhalt, also der harmonischen Abstimmung des

Wahrnehmbaren auf seinen (geistigen) Inhalt. Die Schönheit des Menschen

ist also die harmonische Abstimmung der Körperteile (hinsichtlich

Formen und Farben) aufeinander und auf den Geist. Vollständige

Harmonie zwischen Geist und Körper ist Vollkommenheit -- doch nur unter

der Voraussetzung, daß der _Geist_ als solcher schon vollkommen ist.

Die Lust an solcher Harmonie ist Lust an der Vollkommenheit. Streben

nach Vollkommenheit bedeutet demnach Streben nach Harmonie zwischen

Geist und Körper als Inhalt und Form. Der höchste Inhalt des Menschen,

sein Geist, gegossen in die ihm angemessenste Form des Körpers: das ist

das vollkommene Menschheitsideal. Der sichtbare Teil davon ist die dem

Inhalt entsprechende Form, der Leib, der eben bei solcher Erfüllung

seiner Bestimmung ästhetische Lust erzeugt. _Das_ ist in wenigen Worten

die Wahrheit über die Schönheit des Menschen, und nicht jene flache

Auffassung, die sie als bloßes Nützlichkeitsprodukt aus dem Kampf ums

Dasein hinstellen möchte! -- -- --

Das Weib ist es nun, wie wir schon sahen, welche die maximale Schönheit

vertritt. Das schöne Weib erregt in geistig hochentwickelten Männern

uninteressiertes Wohlgefallen an ihrer Schönheit als solcher. Dies ist

insbesondere auch beim Künstler der Fall. -- -- --

Stratz gelangt zu einem Kanon der Schönheit durch Abzug alles ihr

Widersprechenden. Er sagt: »Um lebende weibliche Schönheit objektiv zu

beurteilen, muß man auf negativem Wege vorgehen: die Fehler

ausmerzen.«[34] Jedoch ist es klar, daß das zum mindesten den

unbewußten geistigen Besitz des Schönheitsideals seitens des

Urteilenden schon voraussetzt. Denn, wie hätte er sonst ein Kriterium

für das Fehlerhafte?

Doch hier interessiert uns nur die Tatsache, daß Stratz auf diesem Wege

zu einem Kanon objektiver Schönheitsmerkmale gelangt, die er am

Schlusse seines Werkes in einer Tabelle zusammenfaßt.[35] -- -- --

Die _Übereinstimmung der verschiedenen Völker_ in ihrer Beurteilung

idealer Frauenschönheit scheint vorwiegend die _Farbe_ zu betreffen.

Wir müssen zwei Arten von ästhetischen Wirkungen unterscheiden: solche

durch Harmonie und solche durch Kontrast. Schönheit durch Harmonie wird

am vollendetsten von der _Blondine_ dargestellt. In ihr erblickt auch

Stratz, wenn ich ihn recht verstehe, den Typus maximaler

Frauenschönheit; denn er sagt: »Da starke Pigmentanhäufung ein

gemeinschaftliches Merkmal niedrig stehender Rassen ist, so kann man im

allgemeinen blondes Haupthaar als einen Vorzug betrachten, und

namentlich bei der Frau, bei der durch den schwächeren Gegensatz von

Blond und Weiß die Harmonie der zarten Bildung erhöht wird.«[36] »Der

Reiz der hellen Farben, Weiß, Rosig, Hellblau und Blond, dem zarteren

Körper des Weibes eigen, wirkt an und für sich schon so mächtig, daß er

vielen gleichbedeutend mit Schönheit ist.«[37]

In der englischen Sprache ist »fair«, blond, für Frauen gleichbedeutend

mit schön.

Die Kontrastwirkung kommt zustande durch helle Haut und dunkle Haar-

und Augenfarbe: »Eine brünette Haut,« sagt Stratz, »ist mit den dunklen

Augen und Haaren zusammengestimmt und wirkt durch Abtönung ebenso

harmonisch wie die weiße Haut mit blondem Haar und hellen Augen. Bei

Zusammenstellung der weißen Haut mit schwarzem Haar werden aber durch

den Kontrast die Vorzüge beider Teile noch lebhafter sprechen.«[38]

Wie wir oben fanden, _ist_ Schönheit Harmonie schlechthin, unter der

_Voraussetzung_ eines an sich vollkommenen Inhalts, der die Abstimmung

des Äußern auf ihn zu einem »Wert« erhebt! Ohne diese Voraussetzung

macht Harmonie noch keine Schönheit aus. Der Kontrast ist also mit der

Harmonie nicht als etwas Ebenbürtiges meßbar, sondern nur eine Methode

der Erzielung von Wirkung auf das ästhetische Gefühl. Auch handelt es

sich nicht um schöne Haut, Augen, Haare als Einzeldinge, sondern um die

Schönheit des ganzen menschlichen Körpers. Es ist also unstatthaft zu

sagen, daß eine helle Haut nebst dunklen Haaren die Schönheit der

einzelnen Teile hervorhebe: denn nach diesem Grundsatz müßte eine

blonde Negerin ebenso schön sein (hinsichtlich Farbenwirkung) als eine

schwarzhaarige Europäerin mit weißer Haut: der Kontrast wäre in beiden

Fällen der gleiche und würde »die Vorzüge beider Teile« hervortreten

lassen, nämlich in diesem Beispiel der blonden Haare und der schwarzen

Haut der so vorgestellten Negerin.

Ferner müßte nach dem andern Beispiel von Stratz betreffend die

Harmonie bei der Brünetten eine Frau von vollkommenen Formen, aber mit

schwarzer Haut, schwarzen Haaren und Augen ebenfalls schön sein. Denn

Harmonie wäre auch hier vorhanden. Offenbar würden wir jene aber der

Blondine mit der _ihr_ eigentümlichen Harmonie nicht an die Seite

setzen. Warum nicht? Erstens, weil die hellen Farben der Blondine auf

den Inhalt des Menschen, seinen Geist, der als »Lichtgestalt«

vorgestellt wird, wenn man an einen wirklich edlen und hoheitsvollen

Charakter und Helden denkt, harmonisch abgestimmt sind. Zweitens, weil

die bei der Blondine in Frage kommenden Farben weiß, blau und golden an

sich schöner sind als die Farben braun und schwarz. Drittens, weil blau

und gelb annähernd sogenannte Komplementärfarben sind, die immer

Wohlgefallen erregen, weil sie zusammen passen (psychologisch: sich zu

weiß ergänzen). Viertens, weil die genannten drei Farben außerdem noch

harmonisch zueinander passen. Der blonde Typ ist also als solcher

derjenige größter menschlicher Vollkommenheit, den wir kennen,

vielleicht, den es überhaupt geben _kann_.

Einige Stellen aus _Havelock Ellis_ mögen nun das noch weiter

bekräftigen. Auch sie beziehen sich vorwiegend auf die Proklamierung

der Blondheit als des am meisten auffallenden objektiven

Schönheitskennzeichens. Ellis schreibt:[39]

»Renier hat das Frauenideal der provençalischen Troubadoure untersucht:

›Sie vermeiden jede Beschreibung der weiblichen Form; ihre

Beobachtungen beziehen sich zumeist auf die schlanke, gerade, frische

Erscheinung des Körpers, auf weiße und rosige Farbe. Auch die Augen

werden viel gepriesen; sie sind süß, liebevoll, hell, lächelnd und

heiter. Ihre Farbe wird nie erwähnt. Der Mund lacht, ist karminrot, und

wenn er bei süßem Lächeln die weißen Zähne zeigt, lockt er zur Wonne

des Kusses. Das Gesicht ist klar und frisch, die Haut weiß, das Haar

stets blond. Vom übrigen Körper ist selten die Rede.‹«

Ebenso sei nach _Rowbothams_ Schilderung des konventionellen Ideals der

Troubadoure die Dame stets von milchweißer Haut »weißer und frischer

als frischgefallener Schnee, von einer besonderen Reinheit des Weißen«.

»Ihr fast immer mit Blumen geschmücktes Haar ist stets flachsfarben,

seidenweich, vom Glanze feinsten Goldes schimmernd.«

In den ältesten spanischen (!) Romanzen ist nach Ellis das Haar »›von

reinem Golde‹ oder einfach blond ..., das Gesicht weiß und rosig, die

Hände weiß ....«

Er gibt ferner an, daß Alwin Schultz das Ideal der deutschen Dichter

des XII. und XIII. Jahrhunderts folgendermaßen schildert: »Sie muß

mittelgroß und schlank sein, ihr Haar blond wie Gold ...« Dunkles Haar

finde keine Bewunderung. Die Augen müßten hell, gewöhnlich blau, die

Haut solle weiß, bezw. zart rosig sein.

Adam de la Halle aus Artois schildert nach unserm Gewährsmann in einem

Gedicht aus dem XIII. Jahrhundert seine Geliebte als goldhaarig,

schwarzäugig. Das sind nur einige der in der genannten Quelle

angeführten Schilderungen, die auf die Hervorhebung der Blondheit und

ihrer Attribute als des Ideals der Frauenschönheit ausgehen.

Ferner betonen nach Ellis die _italienischen_ Dichter den Vorzug des

blonden Haares.

Johanna von Aragonien, die schönste Frau des 16. Jahrhunderts, hatte

nach der Beschreibung ihres Arztes Niphus, des Philosophen am

päpstlichen Hofe und Freundes Leos X., langes goldiges Haar und blaue

Augen, rosig-weißen Teint.

Gabriel de Minuts Geliebte hatte »trotz ihrer südlichen Heimat blondes

Haar und blaue Augen«. Die Beschreibung stammt aus dem Jahre 1587.

Die griechischen Künstler vergoldeten das Haar ihrer Statuen. Götter

und Menschen sind bei Homer oft blond: Venus ist es fast immer.

Ellis fährt dann fort: »Es ist interessant, daß die Musterung der

weiblichen Schönheitsideale in vielen verschiedenen Ländern zeigt, daß

sie alle Merkmale enthalten, welche dem ästhetischen Gefühle des

modernen Europäers entsprechen, und viele dieser Ideale enthalten kein

Merkmal, das mit unserm Geschmacke ganz unvereinbar wäre.«

»Daß die Schönheit ein Element der Objektivität enthält, ergibt sich

auch daraus, daß Männer niederer Rasse manchmal europäische Frauen

schöner finden als die ihres eigenen Stammes. Wahrscheinlich ist unter

den geistig und somit auch ästhetisch am meisten entwickelten

Individuen niederer Rasse diese Vorliebe für weiße Frauen zumeist zu

finden.«

_Nach allem: Menschliche Schönheit, gemessen am Weibe, weil diese sie

in maximalem Betrage besitzt, ist objektiv. Das allgemeinste Merkmal

dieser Objektivität der Schönheit ist die Blondheit mit ihren

Attributen der weißen Haut und blauen Augen._

c) Die Auserlesenen.

Nach diesem Überblick über die wertvollsten geistigen und körperlichen

Eigenschaften des Menschen bleibt es mir noch übrig, im Zusammenhang

kurz den Gesamthabitus des für die Auslese und Reinzucht tauglichen

Mannes und Weibes zu schildern. Das kann natürlich nur in großen

allgemeinen Umrissen geschehen und unter Leitung folgender

Gesichtspunkte, die im Vorhergehenden aufgefunden worden sind:

Die _höchsten geistigen_ Eigenschaften sind dem Manne zugeteilt worden.

Bei der Beurteilung der geistigen Merkmale werde ich daher vom Manne

ausgehen; denn ich kann sie nur bei ihm in vollkommenster Entfaltung

sehen.

Die _höchste körperliche_ Eigenschaft dagegen, Schönheit, ist dem Weibe

zugefallen. Hinsichtlich des Schönheitsideals werde ich also aus dem

entsprechenden Grunde wie oben mich am Weibe orientieren.

Wir werden also auch bei der _Auslese_ der Tüchtigsten natürlich vom

Manne die höchsten geistigen Eigenschaften und von der Frau die größte

Schönheit verlangen.

Allein, sowohl in geistiger, als auch in leiblicher Beziehung gibt es

je einen Faktor, der an praktischer Bedeutung alle andern überragt. Auf

diese beiden Faktoren werde ich daher bei _beiden_ Geschlechtern den

gleichen Wert legen und außerdem ihr Vorhandensein als eine der

Mindestforderungen aussprechen, die erfüllt sein müssen, um einen

Menschen noch als zur Auslese geeignet erscheinen zu lassen.

Dieser _geistige_ Faktor ist der _Charakter_ (Wille, Gesinnung): er

_ist der Kern des Menschen überhaupt, seine Seele_. Es unterliegt zwar

keinem Zweifel, daß er in vollendetster Ausprägung beim Manne vorkommt;

doch ist der Unterschied gegenüber dem Weibe bedeutend geringer als

derjenige hinsichtlich der übrigen Geistesgaben. Es gibt

erfahrungsgemäß auch Frauen von außerordentlicher Seelengröße.

Deswegen, und weil der Charakter den Kern _jedes_ Menschen bildet, ist

es besser, über jenen kleinen Unterschied hinwegzusehen und bei beiden

Geschlechtern die höchsten Anforderungen an den Charakter zu stellen.

Jener oben genannte _körperliche_ Faktor ist Gesundheit. Sie ist die

leibliche Grundlage aller menschlichen Vervollkommnung.

_Vorzüglichkeit des Charakters und Gesundheit sind also unerläßliche

Bedingungen der Zulassung zur Auslese und Reinzucht._

Im übrigen werden die Merkmale der Geistesgröße, die beim Manne

gefunden worden sind, auch als Maßstab für das Weib genommen; jedoch

wird bei ihr nicht das Höchste hierin verlangt. Ebenso werden die

Kennzeichen der Schönheit des Weibes für den Mann zugrunde gelegt, doch

auch wieder in untergeordneter Weise.

_Demnach_: Bei Mann und Weib stehen Charakter und Gesundheit im

Mittelpunkt; beim Mann kommt dann zunächst noch sonstige Geistesgröße,

beim Weib Schönheit in Betracht.

Die Übertragung der Merkmale des einen Geschlechts auf das andere gilt

nach allem Vorausgegangenen sinngemäß und nur bedingt und allgemein,

nicht im besondern.

_Das Idealbild des Mannes_ wäre etwa folgendes: Schlanke, ziemlich

hochgewachsene Gestalt, hohe Stirn, schmales Gesicht, scharfes Profil,

ernster Gesichtsausdruck. Haare blond; doch tritt das hier etwas in den

Hintergrund. Charakterstärke, Güte, Idealismus, Altruismus,

Wahrheitsliebe, moralischer Mut, Intelligenz, Genialität, ästhetisches

Gefühl, Gesundheit.

Zur Erläuterung muß ich hier nochmals auf den schon genannten Aufsatz

von O. Hauser verweisen: »Der physische Typus des Genies des

Altertums«. Hauser zeigt darin an der Hand der Beschreibung einer

großen Anzahl berühmter Männer aus dem Altertum, daß die hohe, schlanke

Gestalt, Blondheit und das scharfe Profil mit der großen, zumeist

gebogenen Nase das charakteristische Aussehen der Großen bilden.

_Das Idealbild des Weibes_ wäre etwa dieses: Schlanke, ziemlich hohe

Gestalt, schmales Gesicht, gerade und senkrechte Stirn, deutliches,

aber regelmäßiges Profil, Anmut, Blondheit oder Annäherung an sie. Güte

und Reinheit des Charakters, Wahrheitsliebe, Altruismus, Intelligenz,

moralischer Mut, ästhetisches Gefühl, Gesundheit.

Alle Vervollkommnung findet nicht plötzlich, sondern durch Entwicklung

statt. Demnach können wir zunächst nicht die _höchsten_ Eigenschaften

des Geistes und Körpers, also nicht Genie und größte Schönheit, als

unerläßliche Attribute derjenigen, die der Auslese und Reinzucht als

Material dienen sollen, verlangen, sondern müssen mit Bescheidenerem

zufrieden sein. Wie schon erwähnt, sollen daher ein vorzüglicher

Charakter und Gesundheit das Mindestmaß des Notwendigen sein. Doch muß

selbstverständlich körperliche Wohlgestalt, wenn auch nicht eigentliche

Schönheit, ebenfalls dabei sein, also eine schlanke, gut gebaute,

nicht zu kleine Statur, sowie ein Kopf und Gesicht, welche die im

Vorstehenden angegebenen Merkmale der Rasse noch deutlich erkennen

lassen.

d) Das Organ des Geistes.

Das Organ des Geistes ist das Gehirn. Von seiner Beschaffenheit hängen

daher offenbar auch die geistigen und Charaktereigenschaften ab, die

bei der Reinzucht der Vollkommensten ausgelesen und gesteigert werden

sollen. Wir müssen daher der Betrachtung des Gehirns noch einen

besonderen Abschnitt widmen.

Ploetz kommt zu dem Schlusse, daß weder die Zunahme der

durchschnittlichen Lebensdauer, noch die Vergleichung von Schädeln der

jetzigen und früheren Geschlechter die Frage entscheiden läßt, ob wir

uns seit dem Altertum vervollkommnet haben oder nicht. Die Zunahme der

Lebensdauer ist eine tatsächliche. Aber sie ist für die Beantwortung

der Frage nicht verwertbar, weil man nicht entscheiden kann, ob sie aus

gesteigerter konstitutioneller Kraft des Menschen oder aus

Erleichterung der äußeren Bedingungen des Daseins herzuleiten ist.

Nach den vergleichenden Messungen zu urteilen, scheint eine

Vergrößerung des Gehirns stattgefunden zu haben. Doch sind die

Statistiken aus verschiedenen Gründen, namentlich auch wegen des zu

geringen Zahlenmaterials, nicht endgültig beweisend. Ferner darf man

Zunahme des Hirngewichts nicht ohne weiteres mit Steigerung der Güte

gleichsetzen. Doch sprechen viele Tatsachen dafür, daß beides in

weitgehendem Maße zusammenfällt. So ist das Wachstum des Gehirns durch

die Tierreihe hindurch bis zum Menschen die auffälligste Erscheinung

der ganzen Entwicklungsgeschichte. Im höheren Alter nehmen beim

Menschen Volum und Gewicht des Gehirns ab und Hand in Hand damit auch

seine geistigen Kräfte. Sehr hervorragende Männer haben oft besonders

große Gehirne gehabt. Endlich hat man keinen Fall auffinden können, in

dem ein außergewöhnlich hochstehender Mensch ein besonders kleines

Gehirn besessen hätte.

Daß die geistige Höhe nicht _nur_ von der Masse des Gehirns, sondern

auch von seiner sonstigen Beschaffenheit abhängt, ist ja Tatsache.

Anzahl und Tiefe der Furchen spielen eine große Rolle, weil von ihnen

die Größe der _Oberfläche_ des Großhirns abhängt, und weil hier der

Sitz der höchsten geistigen Fähigkeiten ist.

Die vergleichenden Messungen machen nun, wie schon erwähnt, eine

Zunahme der Hirngröße, namentlich im Stirnteil, wahrscheinlich.[40]

Das weibliche Gehirn ist durchschnittlich etwas kleiner als das des

Mannes. _Browne_ fand, daß das männliche Gehirn 29,71 Gramm mehr wiegt

als das weibliche. Dabei hatte er den Anteil in Abzug gebracht, der auf

den Unterschied der Körpergröße zu setzen ist, wodurch bewiesen wird,

daß der Unterschied nicht nur ein relativer, sondern ein absoluter

ist.[41] Dieser Unterschied tritt nach _Rüdinger_ schon während des

Lebens im Mutterleibe auf. Er sagt: »Alle drei Hauptdurchmesser des

Gehirns sind bei neugeborenen Knaben größer als bei Mädchen« ...[42]

Auch die Windungen sind bei weiblichen Gehirnen während des Lebens im

Mutterleib bedeutend einfacher als bei männlichen; der ganze

Stirnlappen macht daher bei Mädchen den Eindruck der Glätte oder

Nacktheit. »Trotz vieler individueller Ausnahmen,« fährt Rüdinger fort,

»welchen man sorgfältigere Berücksichtigung zuteil werden lassen muß,

kann man die Tatsache, _daß ganz verschiedene typische Bildungsgesetze

für die Großhirnwindungen der beiden Geschlechter bestehen und schon im

fötalen Leben sich geltend machen, nicht bestreiten_.«[43]

Sehr bemerkenswert sind die Resultate, zu denen J. Ranke gelangt. Sie

beziehen sich auf die altbayerische Landbevölkerung. Nach ihnen ist

hier das Gehirnvolumen bei den Frauen im Verhältnis zu _ihrer_

Körpergröße relativ etwas größer als beim Manne bezüglich der seinigen.

Jedoch kommt es bei Männern häufiger vor, daß die Hirngröße den

Mittelwert überragt, als daß sie hinter diesem zurückbleibt. Anders bei

den Frauen: bei ihnen besteht eine Neigung zum Zurückbleiben hinter dem

Mittelwert. Ranke sagt: »Das psychische Organ der Männer zeigt also

vorwiegend eine das Mittelmaß übersteigende Entwicklung, und die Zahl

besonders mächtig entwickelter Gehirne ist relativ viel größer als bei

Frauen.«[44]

Ranke findet nun einen Zusammenhang zwischen diesen anatomischen

Unterschieden und den geistigen Leistungen der beiden Geschlechter:

beim weiblichen Gehirn sind sie »für das Durchschnittsweib etwas höher«

als diejenigen des männlichen Gehirns »für den Durchschnittsmann«.[45]

Browne untersuchte das _spezifische Gewicht_ der Marksubstanz des

Gehirns an verschiedenen Stellen und fand es überall bei beiden

Geschlechtern gleich, nämlich 1044. Das spezifische Gewicht der grauen

Hirnrinde aber, »in welcher man den Sitz des Bewußtseins zu suchen

hat«, betrug bei Männern 1036-1037 (letzteres in den Stirnwindungen),

bei Frauen überall nur 1034.[46]

Ploß schließt mit folgenden Sätzen: »Jedenfalls scheinen uns die bisher

aufgefundenen Differenzen wichtig und charakteristisch genug, um auch

den eifrigsten Verfechter der Frauenemanzipation aus dem Felde schlagen

zu können, besonders da, wie Rüdinger gezeigt hat, diese Unterschiede

angeborene und nicht erst im späteren Leben erworbene sind.«[47]

In Vorstehendem haben wir die anatomische Erklärung für die

Erfahrungstatsache, daß die höchsten Geistesgaben nur beim Manne

vorkommen. -- -- --

_Da es sich für uns um Weiterentwicklung des Menschen handelt, so

müssen wir unsere Aufmerksamkeit nunmehr der Frage zuwenden, wie

dieser Fortschritt im Geistesleben und am Gehirn statthaben könnte._

Es muß sich um Höherentwicklung der _Vernunft_ als des Inbegriffs des

höheren Geisteslebens in allen seinen drei Sphären handeln. (S. die

terminologische Auseinandersetzung auf S. 26). Anatomisch muß eine

weitere Entwicklung der Großhirnrinde dem zugrunde gelegt werden. In

ihr haben wir also die anatomischen Bedingungen für den Fortschritt der

Menschheit zu höheren und edleren Formen des Daseins zu suchen.

Von diesen Überlegungen ausgehend bin ich zu der Überzeugung gelangt,

daß einige Bemerkungen, die _Schleich_[48] über die mutmaßliche

Weiterentwicklung des Großhirns gemacht hat, manches Richtige

enthalten. Er geht von der Beobachtung aus, daß das Großhirn sowohl für

das unbewaffnete Auge, als auch unter dem Mikroskop den Eindruck der

Unfertigkeit und Neuheit hervorruft gegenüber den andern

stammesgeschichtlich viel älteren Teilen des Zentralnervensystems. Auch

seiner Beschaffenheit nach ist es viel weicher, breiartiger als

letztere. Nun sind die Tätigkeiten der älteren, festeren Abschnitte

automatische, unbewußte: sie gehen mit der Unfehlbarkeit und Sicherheit

von statten, die uns im allgemeinen alle automatischen Funktionen

zeigen. Ganz anders verhält es sich mit den Tätigkeiten des

Bewußtseins, die an die jüngsten, obersten Teile des Großhirns geknüpft

sind: namentlich in unserm Denken und Erkennen irren wir fortwährend.

Schleich nimmt nun in Anlehnung an den englischen Philosophen H.

_Spencer_ an, daß es jeweils nur die jüngsten, in der Entwicklungsreihe

also am weitesten vorgeschobenen Teile des Nervensystems sind, deren

Tätigkeiten mit _Bewußtsein_ verknüpft sind. Nach dieser Theorie waren

diejenigen Funktionen, die jetzt in uns und den höheren Tieren

unbewußt, selbsttätig, geworden sind, einst auch mit Bewußtsein

verbunden: auch sie mußten mühsam erlernt werden, ebenso wie wir jetzt

innerhalb der Sphäre der uns bewußten Lebensäußerungen lernend, übend,

prüfend und tastend vorgehen. Das Riechen, die Atmung, die

Herztätigkeit, die Verdauung usw. hätten also nach Spencers Ansicht

einst in der stammesgeschichtlichen Kindheit der Organismenreihe unter

der Leitung des Bewußtseins erlernt werden müssen.

Dieser Ansicht trete ich nun allerdings nur sehr bedingt bei: im

allgemeinen stimme ich vielmehr James zu, der annimmt, daß die

Reflexbewegungen »zufällige« angeborene Idiosynkrasien, die wegen ihrer

Nützlichkeit im Kampf ums Dasein erhalten blieben, sind. Sie fallen

unter die Rubrik meiner »primären« Instinkte. Außer diesen mögen in

geringerem Grade auch Übungsresultate im Laufe langer Zeiten

automatisch geworden sein. Sie bilden dann meine »sekundären«

Instinkte. Die Auslese der spontan entstandenen Reflexhandlungen halte

ich jedoch für das Wichtigere.

Schleich glaubt ferner, daß die Entwicklung des Großhirns in dem Sinne

fortschreiten wird, daß auch unsere höheren geistigen Tätigkeiten einst

unbewußt und automatisch sein werden, ebenso wie es jetzt die niederen

sind, die von den älteren Hirnteilen abhängen. Unser Denken und Handeln

würde dann mit der Raschheit und Sicherheit selbsttätiger Vorgänge

stattfinden.

Freilich darf der Schluß nicht gemacht werden, daß das Bewußtsein

_nichts_ anders ist, »als der in der Entwicklung am weitesten

vorgeschobene, in Differenzierung begriffene Teil des nervösen

Apparates überhaupt« ...[49] Wir werden vielmehr unten sehen, daß

Bewußtsein etwas Besonderes ist.

Abgesehen von diesen Punkten aber scheint mir Schleichs Ansicht richtig

zu sein und mit dem übereinzustimmen, was wir nach dem bisherigen Gang

der Entwicklung erwarten müßten. Das ist folgendes: 1. Die Entwicklung

wird vorwiegend nach der geistigen Seite fortschreiten. 2. Dies muß von

der Organisation der Hirnrinde abhängig sein, in der also eine

Verbesserung zu erwarten ist. 3. Der Fortschritt muß seinen Ausdruck

finden in der Gewinnung größerer Sicherheit und Leichtigkeit im Denken

und Handeln seitens der Menschen.

Höherzüchtung des Menschen auf biologischer Grundlage. Vortrag · 第 3 / 6 段