höchste Eigenschaft des Charakters, Güte. Denn unter Altruismus
versteht man Nächstenliebe. Sein psychologischer Untergrund ist das
unwillkürliche Mitgefühl mit fremder Freude und fremdem Weh. Er ist des
weiteren ein praktisch sehr wichtiges Kennzeichen der Seelengröße, weil
er leicht auffindbar ist: niemand kann lange seinen Altruismus oder
Egoismus verbergen.
Da im nachfolgenden viel von Selbstverleugnung die Rede sein wird, so
muß ich, um nicht mißverstanden zu werden, meinen diesbezüglichen
Standpunkt klarlegen. Das kann jetzt so gut geschehen als später. Im
Mittelpunkt aller Vervollkommnungslehre steht die Persönlichkeit, das
Individuum. Nichts, was den wirklichen Persönlichkeitswert steigert,
gehört zum Begriff des Egoismus. Dies Wort bezieht sich nur auf die
Befriedigung des Selbstes mit materiellen Gütern und in seinen niederen
Begehrungen. Aber auch die Gesamtheit soll vervollkommnet werden. Dies
geschieht, wenn sie aus einer möglichst großen Zahl vollkommener
Individuen besteht. Ferner ist Selbstverleugnung sowohl das wirksamste
Mittel zur Steigerung des wahren eigenen Persönlichkeitswerts -- »es
wächst der Mensch mit seinen Zielen!« --, als auch zur Hebung der
Gesamtheit. So fällt der Weg zu den wahren Werten des Individuums und
zu denen der Gesamtheit zusammen. Selbstverleugnung bedeutet also nicht
Aufgebung des _wahren_ Selbstes, sondern nur diejenige seiner Behaftung
mit niedrigem Wollen.[13]
3. =Ein melancholisch-ernster Grundzug des Wesens gepaart mit
Lebhaftigkeit.= Schon den Alten war der schwermütige Ausdruck der
Geistesgewaltigen bekannt. Denn _Cicero_ läßt _Aristoteles_ sagen:
»Omnes ingeniosos melancholicos esse.«[14] Das heißt auf deutsch: Alle
Genien sind Melancholiker. Weitere Belege für dieses merkwürdige
psychologische Phänomen führt _E. v. Hartmann_ an. _Platon_ und _Kant_
haben sich entsprechend geäußert. »Schelling,« schreibt von Hartmann,
»sagt (Werke I. 7. S. 399): ›Daher der Schleier der Schwermut, der über
die ganze Natur ausgebreitet ist, die tiefe unzerstörbare Melancholie
alles Lebens.‹ Ferner hat er (Werke I. 10. S. 266-268) eine sehr schöne
Stelle, welche ich ganz durchzulesen empfehle; hier kann ich nur einige
Bruchstücke anführen: ›Freilich ist es ein Schmerzensweg, den jenes
Wesen, ... das in der Natur lebt, auf seinem Hindurchgehen durch diese
zurücklegt, davon zeugt der Zug des Schmerzes, der auf dem Antlitz der
ganzen Natur, auf dem Angesicht der Tiere liegt ...‹« u. s. w.[15]
Weitere Stellen, welche die Tatsache der Melancholie der Genien
bestätigen, finden sich bei _Schopenhauer_. _Woher_ sie stammt, brauche
ich hier nicht zu erläutern, da es nur auf den Nachweis ihres
Vorhandenseins ankommt. Sie _muß_ als ein Kennzeichen der Geistesgröße
angeführt werden, weil es einfach Wahrheit ist, daß die Genien es
besitzen. Damit will ich natürlich nicht die Hervorbringung eines
Geschlechts von Melancholikern befürworten. Vielmehr ist jener
schwermütige Ernst der Geisteshelden sehr verschieden von der
krankhaften Melancholie, wie sie Gegenstand der Nervenheilkunde ist.
Es ist nichts anderes als die Erkenntnis der Wahrheit und das Gefühl
der Einsamkeit in einer ihnen unterlegenen Welt, was sich im Antlitz
jener widerspiegelt. Deswegen ist der Zug der Schwermut auch mit jenem
andern vergesellschaftet, der ihre Geistesfrische ausdrückt, demjenigen
der Lebhaftigkeit. Auf diesen letzteren hat _Schopenhauer_ aufmerksam
gemacht.[16]
4. =Objektivität.= Auch dies hat Schopenhauer mit den Worten
hervorgehoben: »So ist denn Genialität nichts anders als die
vollkommenste Objektivität.«[17]
Bei allem Erkennen ist nämlich stets Interesse mit im Spiel: schon die
bloße Bestätigung einer Wahrnehmung als einer richtigen enthält einen
kleinen Willensakt, der mit Lust betont ist. Es ist unbewußte Freude
dabei, und daher auch der unbewußte Wunsch, daß sich kein
nachträglicher Irrtum herausstellen möge. Weit mehr noch ist dies
jedoch bei Erkenntnissen höherer Art der Fall, die durch das
eigentliche Denken zutage gefördert werden. Außerdem hat der Mensch
ohnehin ein Interesse an der Tatsächlichkeit gewisser Dinge und an dem
Nichtvorhandensein anderer. Deswegen besteht denn auch bei ihm die
weitverbreitete Neigung, selber seine Urteile zu fälschen. Es ist daher
die höchste Stufe der Erkenntnisfähigkeit, unabhängig von den genannten
psychologischen Erscheinungen nach reiner Wahrheit zu streben und das
Erkannte im gleichen Sinne weiterzugeben. Das aber versteht man unter
Objektivität. Deswegen hat Schopenhauer recht, wenn er Objektivität des
Urteilens als Merkmal der Geistesgröße anführt.
5. =Selbstbeherrschung.= Auf höheren Stufen der menschlichen
Entwickelung wird der Mensch zum Herrn über seine Gemütsbewegungen, ist
nicht mehr ihr willenloser Spielball. Er ist stark im Schmerz, besonnen
in der Freude, ein Beherrscher des Zornes, der Liebe und des Hasses und
aller Leidenschaften.
6. =Begeisterungsfähigkeit.= Gleichwohl aber ist die Fähigkeit tiefer,
bis auf den Grund der Seele reichender Erregbarkeit ein
unveräußerliches Erbstück wahrer Geistesgröße. Es ist die Fähigkeit der
Begeisterung für die Ideale, für das Wahre, Gute und Schöne, sowie die
der Entrüstung über deren Gegenteile, über Lüge, Bosheit, ja sogar
schon über das bloß Niedrige und Philiströse, sowie über das
Unästhetische. Nicht zu verwechseln mit jener Begeisterung für die
wirklichen Werte sind gewisse hysterische Entladungen in der
Massenpsychologie des Volkes oder sentimentale Schwärmerei, beides
durchaus minderwertige Erscheinungen. Echte Begeisterung und Entrüstung
sind kraftvoll, gehen entschlossen alsbald in Taten über, stehen unter
der Herrschaft der Vernunft.
Die Entstehungsursache der Begeisterung und Entrüstung gerade bei
hochwertigen Individuen ist in dem Umstand zu suchen, daß das ganze
Nervensystem einem Resonanzboden gleicht, der _im ganzen_ bei jedem
neuen Bewußtseinszustand mitschwingt.
_James_ sagt: »Der ganze Organismus kann als ein Resonanzboden
aufgefaßt werden, den jede noch so geringe Änderung des Bewußtseins im
ganzen zum Mitschwingen veranlassen kann.«[18]
7. =Impulsivität.= Forel führt diese unter den psychischen
Erscheinungen der Minderwertigen an.[19] Der sachverständige
Irrenarzt hat auch zweifellos zunächst recht darin: impulsives, von
der Vernunft nicht beherrschtes Handeln ist sicherlich ein
Minderwertigkeitssymptom und oft die Ursache von Unglück. Anders
aber in Menschen, bei denen die Vernunft beim Impuls zugegen ist:
bei ihnen ist Impulsivität ein Merkmal von Seelengröße. Gerade die
Geistesgewaltigen fassen ihre Entschlüsse rasch, augenblicklich. Bei
ihnen ist der Blick so klar, der Instinkt so gut entwickelt, daß sie
kaum der Überlegung bedürfen, um das Rechte zu sehen und zu tun. So
sind _die Ideen_ unter den Ideen und _die Taten_ unter den Taten
Kinder des Impulses und der Eingebung: nimmermehr wird das
Welterschütternde aus dem grübelnden Verstande herausgequält! Aus
den Tiefen des Unbewußten zuckt ein Blitzstrahl durch das Bewußtsein
eines Genius: die Idee ist geboren, die Tat beschlossen, der Weg
beleuchtet!
8. =Besonnenheit= ist nicht minder ein Kennzeichen der Geistesgröße.
Gerade sie gestaltet die Impulsivität zu einer Segenspenderin, was
diese ohne jene nicht ist.
9. =Naive Genialität.= Naivität kommt ähnlich wie Impulsivität auf zwei
verschieden hohen Stufen vor: einmal auf der kindlichen: dann beruht
sie auf Mangel an Erfahrung und Überlegung; das andere Mal auf der der
Geistesgröße: dann ist sie ein Zeichen geläuterter Erkenntnisfähigkeit.
»Naivität,« sagt Eisler, »gehört zu jedem wahren Genie.«[20]
10. =Instinkt.= Zunächst die Definition: Eisler sagt: »Instinkt ist
eine Art des Triebes, eine Regsamkeit des psychophysischen Organismus,
die, ohne Bewußtsein (Wissen) des Endzieles eine zweckmäßige Handlung
(Bewegung) einleitet. Der Instinkt beruht auf einer Anlage des
Organismus, die als Produkt von Willens- und Triebbetätigungen früherer
Generationen und der Vererbung jener aufzufassen ist.«
»Die Instinkte gelten bald als unbewußte Intellekt- und
Willenshandlungen, bald als bloße Reflexbewegungen, sie werden bald
einer universalen Vernunft zugeschrieben, bald als Produkte
individueller Erfahrung und Gewohnheit, bald endlich als vererbte
mechanische Triebe und Dispositionen betrachtet. Im weiteren Sinne
heißt ›Instinkt‹ die ›Spürkraft‹ des Geistes.«[21]
_Ich unterscheide »freie« und »feste« Instinkte._ Erstere bestehen in
der unmittelbaren Eingebung und Leitung durch das Unbewußte, letztere
zerfallen wieder in primäre und sekundäre: primäre Instinkte sind
angeborene »zufällige« spontane Variationen, die im Laufe der
Geschlechter erhalten geblieben und fest geworden sind. Sekundäre
Instinkte entstehen durch Engraphie, wenn im Laufe vieler Generationen
gewohnheitsmäßige Reaktionen, welche die Lebensverhältnisse in stets
gleicher Weise auszuführen zwangen, organisch einverleibt worden sind.
In diesem Zusammenhang meine ich mit Instinkt beim Menschen als
Kennzeichen der Geistesgröße das unmittelbare Wissen um die Wahrheit,
das Rechte und Schöne.
11. =Religiosität.= Es ist eine Tatsache, daß die größten Männer fast
alle ein religiöses Bewußtsein irgendwelcher Art gehabt haben. Darum
muß Religiosität als ein Merkmal der Geistesgröße verzeichnet werden,
weil die Erfahrung sie als solches aufzeigt.
So wird denn auch der Mensch der Zukunft nicht weniger, sondern mehr
religiös sein als derjenige der Gegenwart.
12. _Schüchternheit._ Ebenso ist es eine Tatsache, daß dreistes,
sicheres Auftreten zwar oft den Handlungsreisenden, keineswegs aber
gewöhnlich den Geistesgewaltigen auszeichnet. Freilich wird diese
anfängliche Schüchternheit und Zurückhaltung, die er mit auf die Welt
bringt, späterhin dann überwunden und macht unbeugsamem
Selbstbewußtsein Platz. Denn die Größe seiner Ideen senkt ihm nach
ihrem Durchbruch alsbald Selbstvertrauen in seine Seele nebst der Kraft
des Willens zu ihrer Ausführung.
13. _Überschwenglichkeit._ Goethe sagte: »Allein das Überschwengliche
macht die Größe.«
14. _Geniale Schöpferkraft._ Das ist die höchste Fähigkeit des Menschen
überhaupt und rein auf den Mann beschränkt. Das ist die Sprache der
Erfahrung der gesamten Menschheit. Daß Frauen nur deswegen von der
Genialität ausgeschlossen seien, weil sie bisher nicht genügende
Gelegenheit zur Bildung und Entfaltung ihrer geistigen Gaben gehabt
hätten, ist leeres Gerede. Denn die Musik und Dichtkunst waren ihnen
von jeher zugänglich, und sie haben darin _nichts_ von Bedeutung
geleistet. Ferner hat man in den Vereinigten Staaten von Nordamerika
das gewaltige Experiment gemacht, den Frauen die gleichen
Voraussetzungen der Bildung und der geistigen Entfaltung zu verleihen
wie den Männern, ja, noch bessere, weil der Mann schon sehr früh vom
Geschäftsleben absorbiert wird. Das Resultat aber hinsichtlich
geistiger Leistungen des Weibes in Amerika ist ein _Nichts_, eine
glatte Null! Ja, noch weit weniger: es zeigt sich eine bedeutende
Schwankung _unter die Nullinie_: die echte Amerikanerin ist klügelnder
Verstandesmensch geworden und hat dabei ihre spezifisch weiblichen
Tugenden, die der Selbstlosigkeit und Aufopferung für Gatte und Kind,
des Mitgefühls, eingebüßt. Der Verstand aber ist ideenleer, kalt
berechnend, ohne jegliche Größe, auf den eigenen Vorteil bedacht. Man
vergleiche die Terminologie auf S. 26, um sich den Unterschied zwischen
Verstand und Vernunft, um welch letztere es sich also hier _nicht_
handelt, nochmals klar zu machen. Ferner empfehle ich die Lektüre von
_Herricks_ neuem Roman »Together«,[22] in dem der scharf beobachtende
Verfasser eine sinnfällige Schilderung der modernen Amerikanerin gibt.
Dieses Experiment, das die Amerikaner am Menschen selber angestellt
haben, kann mit Recht als die Krönung der experimentellen
Forschungsmethode bezeichnet werden. Bereits ist der Zeitpunkt
herangekommen, wo das Experiment so weit gediehen ist, daß der Forscher
dessen Resultate ablesen kann. Sie sind die eben erwähnten! -- -- --
_Ich definiere: Genie ist die Fähigkeit, große neue Ideen von
bleibendem Werte zu finden und ihnen Form zu geben._ Dies ist die
allgemeinste und zugleich die bestimmteste Definition des Begriffs
Genie. Sie bezieht sich auf alle Arten von Genien. Immer handelt es
sich bei echtem Genie um jenes Zusammentreffen: Erfassung des
wertvollen Neuen und seine Gestaltung.
Die gestaltende Kraft ist einerseits das besondere Merkmal des
Künstlers und anderseits etwas sehr Charakteristisches am Genie
überhaupt. Doch gehört bei ihm die bedeutende neue Idee dazu und muß
vorangehen. Demnach ist jeder Genius seinem Wesen nach auch Künstler:
die Gestaltungskraft _ist_ eben das Künstlerische an ihm. Doch ist
nicht jeder Künstler ein Genie: Gestaltungskraft macht den Künstler;
jedoch nur, wenn es Großes und Neues ist, das er formt, ist er ein
Genie. Wir müssen also hiernach Künstler im engeren und weiteren Sinne
unterscheiden: erstere werden ausgemacht von den Künstlern auf dem
Gebiete der eigentlichen Kunst, letztere von den Genien.
15. =Treue.=
16. =Aufrichtigkeit, Offenheit, Wahrheitsliebe.=
17. =Moralischer Mut.=
18. =Innere Freiheit.=
b) Die körperlichen Eigenschaften.
_Die körperlichen Merkmale, die der Auslese und Reinzucht unterworfen
werden sollen, sind Gesundheit und Schönheit._
Dabei bedeutet »gesund« nicht etwa »robust« und äußerlich von Kraft
strotzend. Vielmehr ist eine gewisse Feinheit des Baues ein Zeichen der
Vollkommenheit. Gesundheit ist also hier im reinen Sinne des Wortes zu
nehmen, als Freiheit von Krankheiten und erblichen Nachteilen,
insbesondere hinsichtlich des letzteren Punktes von Tuberkulose,
Syphilis und Gehirnanomalien. Gesundheit muß in körperlicher Hinsicht
die Grundlage der Rassenzucht bilden.
Hinsichtlich der Schönheit des Körpers können in weitgehendem Maße die
Skulpturen der Griechen Anerkennung finden. Doch muß darauf aufmerksam
gemacht werden, daß in den Gesichtern jener Statuen die Abwesenheit von
Charakterausdruck auffällt: die Griechen stellten die _reine_ Schönheit
als solche dar. Das erklärt jene Erscheinung. Demnach werden wir die
Gesichter ihrer Statuen nicht in allem als maßgebend ansehen können.
Die griechische Kunst ist ein _absoluter Idealismus_,[23] also
Idealismus des Schönen. Wir dagegen verlangen mit Recht im Gesicht des
Mannes auch den _Ausdruck_ des Charakters und der Geistesgröße, wie ihn
ein scharfes Profil, feste Züge, hohe Stirn zuwege bringen, und wie er
sich tatsächlich bei den großen Männern findet.[24]
Bei den Statuen von Frauen finden wir bei den Griechen, ebenso wie bei
denjenigen von Männern, das wohlbekannte »griechische Profil«: gerade
Nase, die sich unmittelbar in die gerade Stirnlinie fortsetzt. Zugleich
ist aber die _gerade_ Stirne nicht auch eine ganz _senkrechte_, sondern
neigt sich leicht zurück. In der Tat könnte das »griechische Profil«
nicht mit Schönheit in Einklang gebracht werden, wenn dies nicht so
wäre. Denn bei _senkrechter_ Stirne würde die Nase, wenn sie _nicht_
aus der Fortsetzung der Stirnlinie hervortreten soll, zu weit in das
Gesicht eingerückt werden müssen und daher dieses unschön erscheinen.
Betrachtet man aber moderne Frauen und Mädchen der weißen Rassen, so
findet man fast allgemein, daß sie eine ganz senkrecht emporsteigende
Stirne haben. Dabei tritt die Nase etwas hervor und verläuft, auch wenn
sie selbst gerade ist, nicht genau in der Fortsetzung der Stirnlinie
wie bei den Skulpturen der Griechen. Diese _senkrechte_ Stirne aber
verleiht dem weiblichen Gesicht etwas Hoheitsvolles und Edles: sie ist
nichts anders als der ästhetische Ausdruck des sittlich Reinen.
Biologisch wird sie zurückgeführt auf das Stehenbleiben des weiblichen
Kopfes auf kindlicher Entwicklungsstufe.[25]
Beim Weibe werden wir also abweichend von den Griechen, zwar nicht wie
beim Manne scharfe Gesichtszüge, wohl aber die senkrechte Stirn unter
Verzicht auf das rein griechische Profil verlangen. Denn die senkrechte
Stirnlinie deutet Charakter an, und zwar den mehr passiven Teil
desselben, die edle Gesinnung und Reinheit, während die scharfen
Gesichtszüge beim Manne mehr die aktive Seite des Charakters, die
Energie und Willenskraft ausdrücken.
Wie einerseits die Erfahrung uns gezeigt hat, daß die _größte geistige_
Höhe, das Genie, _nur_ beim Manne vorkommt, so lehrt sie nunmehr
anderseits, daß die maximale Entfaltung von Körperschönheit auf das
Weib beschränkt ist. Die Richtigkeit davon wird durch eine Reihe von
Tatsachen bestätigt. So achten Männer gegenseitig aneinander
Genialität, Frauen aneinander Schönheit als die höchste Gabe ihres
eigenen Geschlechts. Umgekehrt fühlt sich der Mann am meisten von
Frauenschönheit, das Weib hauptsächlich von hoher geistiger Begabung
des Mannes angezogen. Wenigstens gilt das Letztere für höhere
Kulturvölker, während auf primitiveren Stufen körperliche Stärke und
physischer Mut ihr am meisten imponieren. Übrigens entspricht auf
höherer Stufe die Kraft des Geistes derjenigen des Körpers auf
niederer.
Ferner kommt es allenthalben in Poesie, Kunst, Literatur und dem naiven
Bewußtsein des Volkes zum Ausdruck, daß die Menschen zu allen Zeiten
und an allen Orten das Weib als das Symbol der Schönheit schlechthin
betrachtet haben und es noch tun.
_Ploß_ sagt, über diesen Gegenstand: »In _einer_ Hinsicht ist nun aber
allerdings das Weib dem Manne überlegen, nämlich in der _Schönheit der
äußeren Körperform_. Nur wenige gibt es, die das bestreiten, z. B.
Schopenhauer, ... allein, auch dieser Vorzug des Geschlechts ist
ungemein ungleich auf die Weiber verteilt. Eine Annäherung an das Ideal
weiblicher Schönheit, das wir uns unter dem Einflusse einer geläuterten
Ästhetik gebildet haben, ist nur unter höchst günstigen Verhältnissen
möglich.«[26] Vom Genie beim Manne gilt das Entsprechende ja ebenso
sehr, oder noch mehr.
Unter Anführung von Arbeiten _Cordiers_ und _Ecksteins_ widerspricht
nun Ploß der Annahme des Vorhandenseins allgemeiner Schönheitsgesetze.
Anders _Delauney_, den er dann nennt. Dieser behauptet, »daß es
allerdings allgemeine Schönheitsregeln gibt, sowohl für die Menschen,
wie für die Tiere; sie begründen sich durch die von _Claude Bernard_
aufgestellten sogenannten organotropischen Gesetze, die in der
Entwicklung der Form eines jeden Organs gefunden werden; es gibt für
jedes Organ ein Maximum der Entwicklung, welches die ihm eigene
Schönheit darstellt; und in betreff der Schönheit des ganzen
Individuums müssen die verschiedenen Organe in einer bestimmten
Beziehung und in einem gewissen Verhältnisse zueinander stehen.«[27]
Die Schönheit des Weibes hängt außer von der Rasse auch etwas von ihrer
sozialen Stellung ab. Bei niederen Völkern und in den unteren Schichten
der zivilisierten Nationen findet man sie seltener, bezw. weniger
entwickelt: »In den ›besseren‹ Teilen,« sagt Ploß, »unter den gut
situierten Klassen der Bevölkerung erblicken wir fast überall auch
schönere edlere Gestaltung, nicht bloß bei Männern, sondern namentlich
bei Frauen.«[28] ... »und so setzt sich oft in den mit Glücksgütern
hinreichend ausgestatteten Familien als Erbstück ein schönes und edles
Aussehen von Generation zu Generation fort.«[29] Der Einfluß der
Erblichkeit dürfte hierbei zu gering veranschlagt sein. Doch haben
sicherlich die äußeren Bedingungen, unter denen Menschen leben, einen
etwas umgestaltenden Einfluß auf ihr Aussehen, wie es _Ranke_
hinsichtlich des Längenwachstums für die Nordamerikaner nachgewiesen
hat.[30]
Darwin führt die überlegene Frauenschönheit auf den Einfluß der
geschlechtlichen Zuchtwahl zurück. Da die Frauen während langer
Perioden ihrer Schönheit wegen gewählt worden seien, meint er, so sei
es nicht auffallend, daß das Weib ihre Schönheit auch in größerem Maße
auf ihre weiblichen Nachkommen vererbt habe als auf die männlichen. So
seien denn die Frauen schöner geworden als die Männer.[31]
Die Mängel dieser Begründung liegen auf der Hand. _Aus welchem Grunde_
zogen, um die Hauptsache zu erwähnen, die Männer von jeher die
schöneren Frauen vor? Wenn es wahr ist, was Eckstein sagt, nämlich daß
Schönheit einfach ein Ausdruck von Zweckmäßigkeit und Gesundheit ist,
dann beantwortet sich die Frage von selbst, wie folgt: Die Männer
kannten durch Instinkt und Erfahrung die Merkmale der Gesundheit und
der Zweckmäßigkeit für die Ausübung des natürlichen Berufs der Frau.
Diese wären also identisch mit Schönheit. Ihnen entsprechend trafen
jene nun die Gattenwahl im Hinblick auf die bevorstehende Mutterschaft.
Auch _Stratz_ setzt Gesundheit und Schönheit einander gleich.[32]
Jedoch ist diese ebenso oberflächliche als gangbare Behauptung leicht
widerlegbar. Denn dasjenige an der spezifisch weiblichen Schönheit, was
zugleich für die Leistungen der Frau als Mutter zweckmäßig ist,
beschränkt sich auf die gute Entwicklung der Brüste und des Beckens.
Nun werden freilich Männer durch diese Körperteile, insbesondere durch
den Busen, sexuell angezogen. Jedoch zeigen sich darin immerhin nur die
primitivsten Triebe der Liebe.
Die höchsten Äußerungen weiblicher Schönheit haben nicht den geringsten
Zusammenhang mit Zweckmäßigkeit. Als solche verstehe ich: die Schönheit
und den Liebreiz des Gesichts, das prachtvolle Haar, die Zartheit der
Glieder, die Kleinheit der Hände und Füße, die Rundung der Körperformen
durch die stärkere Entwicklung des Unterhautfettgewebes als beim Mann,
das eigentümlich feine Inkarnat, die Schönheit der Bewegungen und der
Stimme. Dennoch ist all das zweifellos auch unter dem Einfluß der
Zuchtwahl entwickelt worden.
Ebensowenig wie Zweckmäßigkeit ist Gesundheit die alleinige Grundlage
der Schönheit: Chinesen und Neger können hervorragend gesund sein.
Dennoch mangeln ihnen alle Merkmale fortgeschrittener Schönheit.
Demnach: Schönheit umfaßt Gesundheit dem _Begriffe_ nach -- nicht
immer im Einzelfall --, Gesundheit aber nicht umgekehrt Schönheit,
nicht nur nicht in der Erfahrung, sondern auch nicht dem Begriffe nach.
Es bleibt also nur die Annahme übrig, daß die Männer von vornherein im
Geiste das Ideal weiblicher Schönheit, wenn auch zum größten Teil
zunächst unbewußt, besaßen und ihm gemäß ihre Wahl, getrieben durch den
Instinkt, trafen. _Dann aber ist Schönheit etwas durchaus Objektives,
eine Idee an sich._ Zur Stützung dieses Resultats meiner Überlegung
führe ich einige Ansichten von Philosophen an[33]:
»Nach Chr. Krause ist Schönheit die ›reine, klare und lebensvolle
Gottähnlichkeit endlicher Naturen an ihrer Endlichkeit‹. ›Die Urquelle
aller Schönheit ist Gott selbst und seine Kraft, in der alle Dinge sich
regen.‹ (Urb. d. Menschheit, 3, S. 41). Nach Zeising ist die Schönheit
oder die Idee der Anschauung ›die als _erscheinend_ aufgefaßte
Vollkommenheit‹. (Ästhet. Forsch. S. 181.) J. H. Fichte erklärt:
›Alles Schöne beruht ... auf der _inneren Zusammenstimmung_
(›Harmonie‹) einer Mannigfaltigkeit von Teilen, durch welche
die Teile zu einem geschlossenen _Ganzen_ werden.‹ (Psychol. I,
S. 697). V. Cousin bemerkt: ›Le sentiment du beau est sa propre
satisfaction à lui-même‹ (Du Vrai, p. 141 ff.). Die Schönheit ist ein
Ausdruck der geistigen und sittlichen Vollkommenheit (vergl. d.
Arbeiten von Chaignet und L'Evêque).«