Anmerkungen zur Transkription:
Fett gedruckter Text wurde mit dem Gleichheitszeichen = markiert,
gesperrt gedruckter Text mit Unterstrich _, unterstrichener Text mit
Tilde ~. Für einfache Anführungszeichen wurden › und ‹ verwendet.
Inkonsistente und altertümliche Schreibweisen wurden beibehalten,
lediglich einige offensichtliche Fehler wurden korrigiert (z.B. Moriz,
Ausdrnck, Satzzeichenfehler). Die 0 des angegebenen Preises auf der
Titelseite war auf dem Scan nicht lesbar, aufgrund der darauf folgenden
Buchvorstellungen kann aber von einem Preis von M. 0,80 ausgegangen
werden.
Höherzüchtung des
Menschen auf biologischer
Grundlage.
Vortrag, gehalten auf der 81. Versammlung
Deutscher Naturforscher
und Ärzte in Salzburg, 1909, bedeutend
erweitert und umgearbeitet. □□□□
Von
Dr. med. PAUL C. FRANZE.
Bad Nauheim.
Leipzig.
Hof-Verlagsbuchhandlung Edmund Demme.
Preis: M. 1,80.
~Edmund Demme, Hof-Verlagsbuchhandlung, Leipzig.~
~»=Reformgedanken.=«~ Von Dr. Meyer. Heft I. 1. Die =Umwertung des
bisherigen Krankheitsbegriffes=. 2. Säurenaturen. 3. Wetterlage und
Gesundheit. 4. Wissenschaftliche Bedenken bezügl. der Geldreinigung an
den Kassen. (0,60 Mark.) Die kleine Broschüre enthält so viel
Wissenswertes und zum Teil Neues, daß die Lektüre jedermann empfohlen
werden kann.
~»=Reformgedanken.=«~ Von Dr. M. Meyer. Heft II. 1. =Besuch bei
einem Hundertdreijährigen.= 2. Wesen und Behandlung der
=Gallensteinkrankheit=. 3. Das Rätsel der =Genickstarre=. (Preis 0,80
Mark.) Interessant ist die Schilderung des Besuches bei einem
Hundertdreijährigen. Wir erfahren, wie der Mann gelebt, um dieses hohe
Alter erlangen zu können, ferner gibt der Verfasser ein klares Bild von
der Behandlung der Gallensteinkrankheit und löst endlich das Rätsel
über Entstehung, Ursachen und Behandlung der Genickstarre, einer
Krankheit, die in letzter Zeit so vielfach bei uns auftrat.
~»=Reformgedanken.=«~ Von Dr. M. Meyer. Heft III. Ist der Typhus eine
Infektionskrankheit? (0,60 Mark.) In dem Wandel der Anschauungen,
welcher sich auf pathologischem Gebiete in letzter Zeit zu vollziehen
beginnt, hat man sich dazu verstanden, manches Krankheitsbild von einem
völlig anderen Standpunkte aus anzusehen. Dieses gilt auch für den
Typhus, der bisher für eine Ansteckungskrankheit angesehen wurde.
Verfasser übt an dieser Anschauung Kritik und sucht Gegenbeweise
anzuführen, wobei er wiederum das Hauptgewicht auf die Anregung der
Darmtätigkeit legt, die Ursache in =Selbstvergiftung= und die Heilung
resp. Verhütung in Beseitigung der Schlacken oder Reinigung des Blutes
erblickt.
~»=Reformgedanken.=«~ Heft IV. 1. =Die Darmreinigung als Heilfaktor.=
2. Die Beziehungen zwischen Darmtätigkeit und lokaler Krankheit. 3. Ein
Beitrag zur Behandlung der =Lungenentzündung=. Von Dr. med. Max Meyer.
(Preis 0,80 Mark.) Die Erkenntnis, daß der krankhafte Zustand des
Körpers häufiger das Endergebnis fortgesetzter Schädlichkeiten ist,
beginnt in letzter Zeit immer mehr Anhänger zu gewinnen. Was man bisher
als Ursache ansah, die vermutete bakterielle Ansteckung, kann in vielen
Fällen nicht mehr als ausreichende Ursache gelten. Ärztliche Forscher,
wie: Dr. Bunge, Dr. Lahmann, Dr. Borchard, Dr. Hueppe, Dr. Haig, Dr.
Paczkowski, Dr. Walser etc. klären uns darüber auf, daß die meisten
Krankheiten in Darmgiftbildung, Kohlensäurebildung und Stauung im
menschlichen Körper ihre Ursache haben. Den Vorgang dieser
Selbstvergiftung, sowie deren Einfluß auf den gesamten Organismus sucht
uns die obengenannte Broschüre zu erklären, sie ist deshalb sehr
lesenswert.
~»=Reformgedanken.=«~ Von Dr. M. Meyer. Heft V. 1. Die Bedeutung der
=Abkühlung und der Feuchtigkeit= für die Entstehung von Krankheiten. 2.
Über das =Wesen der Erkältung=. (Preis 0,50 Mark.) Gemeiniglich wird
mit dem Ausdruck »ungesundes Wetter« das naßkalte Wetter bezeichnet,
das wohl eigentlich den Inbegriff klimatischer Schädlichkeiten
darstellt, während man Perioden von andersartigem oder direkt
entgegengesetztem Charakter für gesundheitlich günstig oder zum
mindesten nicht krankmachend hält. Ob und inwiefern das zutrifft,
darüber gibt uns der Verfasser Aufschluß. Ebenso klärt er uns in kurzer
interessanter Weise auf über das Wesen der Erkältung, worüber noch
recht unklare Begriffe herrschen. Da nun aber die genannten Faktoren:
Abkühlung, Feuchtigkeit und Erkältung für die Entstehung von
Krankheiten eine sehr große und wichtige Rolle spielen, so ist die
Lektüre der billigen Schrift zu empfehlen.
~»=Reformgedanken.=«~ Von Dr. M. Meyer. Heft VIII. =Wie entsteht der
Krebs und wie ist er zu behandeln?= (0,30 Mark.) Die schlimmste
Krankheit ist der _Krebs_, aber das Allerschlimmste ist, daß sich die
Gelehrten über Entstehung und Behandlung noch gar nicht einig sind,
deshalb ist es mit Freuden zu begrüßen, wenn -- wie in vorliegender
Broschüre -- von ärztlichen Denkern der Versuch gemacht wird, Klarheit
zu schaffen.
Höherzüchtung des Menschen auf
biologischer Grundlage.
Vortrag,
gehalten auf der 81. Versammlung Deutscher Naturforscher
und Ärzte, 1909, bedeutend erweitert und
umgearbeitet.
Von
Dr. med. Paul C. Franze
Arzt in Bad Nauheim.
1910
EDMUND DEMME, Hofverlagsbuchhandlung
Leipzig.
Nachdruck verboten.
Inhalts-Verzeichnis.
Seite
Vorwort 5
I. =Aufstieg= 6
II. =Biologische Grundlegung= 12
1. Das Material der Artbildung, die spontanen
Variationen, und ihre Erblichkeit 12
2. Überschüssige Fruchtbarkeit 14
3. Natürliche Auslese und Kampf ums Dasein 14
4. »Das Prinzip der natürlichen Prädestination« 15
5. Keimauslese 17
6. Geschlechtliche Zuchtwahl 17
7. Isolation 18
8. Zusammenhang vorstehender Grundsätze mit der
Fortentwicklung der Menschheit 19
III. =Anwendung der Grundsätze auf die Rassenzucht
beim Menschen= 24
1. Das Material 25
a. =Die geistigen Eigenschaften= 25
b. =Die körperlichen Eigenschaften= 34
c. =Die Auserlesenen= 44
d. =Das Organ des Geistes= 47
2. Die Erblichkeit 62
3. Genügende Fruchtbarkeit 64
4. Auslese und Reinzucht 65
a. =Mittel, durch welche die Auserlesenen
einander als solche erkennen können= 65
b. =Die formale Seite der Auslese= 68
c. =Die Reinzucht= 71
5. Blutmischung und Herkunft der Varianten 72
6. Der Instinkt 75
IV. =Das System des Geistes= 75
[Illustration]
Vorwort.
Auf der 81. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte in Salzburg,
1909, hielt ich unter dem gleichen Titel, den diese Broschüre trägt,
einen Vortrag. Der Aufforderung meines Herrn Verlegers, die
Ausführungen der Allgemeinheit zugänglich zu machen, bin ich gern
nachgekommen. Freilich mußte dabei über den Umfang des ursprünglichen
Vortrags, für den nur etwa 20 Minuten zur Verfügung standen, bedeutend
hinausgegangen werden.
Einerseits erhielt demnach das dort Gesagte hier in der Broschüre eine
gründlichere Bearbeitung; anderseits kam in dieser vieles Neue hinzu,
das mit dem Inhalt des Themas eng zusammenhängt. So sind z. B. die
Abschnitte über die körperlichen Eigenschaften, das Organ des Geistes,
die Ehereform, das System des Geistes hier zum ersten Male
veröffentlicht worden.
Möge die Schrift der Verbreitung der Erkenntnis dienen, daß der Mensch
ein noch durchaus unvollständig durchorganisiertes Wesen ist, und daß
er daher seinen bewußten Willen zur Erlangung höherer Organisation im
Sinne des entwicklungstheoretischen Fortschrittes verwenden sollte!
_Bad Nauheim_, 19. Januar 1910.
=Dr. Paul C. Franze.=
I. Aufstieg.
Äonenhafte Zeitläufe blicken herab auf das Aufstreben lebendiger
Materie auf unserm Planeten nach edleren und höheren Formen des
Daseins: das ist die Entwicklungsgeschichte der Organismen. Und mitten
drin in diesem gewaltigen Ringen steht der Mensch, der Schöpfung Krone,
-- doch dies nur auf Zeit, und nimmermehr ihr Ende, vielmehr die bloße
Vorstufe eines Geschlechts von Halbgöttern auf Erden!
Oder vielleicht richtiger: der jetzige Mensch ist nur ein unfertiges
Produkt auf dem Weg zu wahrem Menschentum. Der »Mensch« als ein in
seiner Art vollendeter Organismus muß erst noch kommen. Der _wahre_
Mensch wird dann eben jener Halbgott sein.
Dann aber haben wir mit Unrecht unser Augenmerk bisher fast nur auf die
Vergangenheit der Entwicklung gerichtet statt auf die Zukunft des
Menschen.
Möchte doch daher das Licht eines neuen Tages über die Menschheit
aufgehen, ja, möchte sogar diese Stunde schon seine Morgenröte
sein! -- -- --
Dieser Wunsch hat aber nur dann Aussicht auf Erfüllung, wenn die
höchsten und heiligsten menschlichen Erkenntnismittel den Pfad
erleuchten, der gewandelt werden muß, und wenn reiner Wille die
Menschheit beseelt.
Dreifach nämlich ist der Hauptweg der Erkenntnis.
_Erstens: Eingebung aus den Tiefen des Unbewußten_, Intuition, die von
selber kommt und ihr Licht vorauswirft. Auch Verlaß auf diese
selbsttätige Spürkraft des Geistes bei der Deutung der Eindrücke: denn
Deuten immerhin, und beileibe nicht ideenlose Aufschichtung von
Tatsachen, wie die Moderne es oft wohl möchte.
Die Ideen und Eingebungen kommen dem genialen Denker unwillkürlich
zumeist bei der Beobachtung von Tatsachen, und anderseits geht er
absichtlich von diesen aus, um zu Ideen zu gelangen, um den Sinn des
Daseins zu erfassen und den rechten Weg zu finden.
_Zweitens: Naivität_, so weit als möglich, in der unmittelbaren
Auffassung der Tatsachen. Naivität ist nichts anders als vollkommene
Aufrichtigkeit. Bei der Wahrnehmung ist sie daher das Hinnehmen der
unverfälschten, durch kein eigenes Hinzudenken veränderten Erfahrung,
einerseits also das impressionistische Einwirkenlassen der
Sinneseindrücke aus der Außenwelt und anderseits die Erfassung der
reinen Seelenvorgänge, wie sie gerade im Menscheninnern von selbst
verlaufen: gleichwie ein Kind, klug, mit seelenvollen Augen den bunten
Wechsel der Natur aufnimmt, rein von eigenen Beimengungen des
Verstandes, also tut es auch derjenige, der von Irrtümern frei bleiben
will.
_Drittens: Logisches Schließen_ ebenfalls bei der Deutung der
Erscheinungen und zur Herstellung des vernünftigen Zusammenhangs
zwischen ihnen.
Intuition, Naivität und Logik, das ist das Heiligtum unter den
Erkenntnismitteln.
Und wir bedürfen des Besten auf dem jetzt zu betretenden Wege: denn
steil sind zwar immer der Vollendung Pfade; doch diese, die hier
begangen werden, sind _furchtbar_ in ihrer Steilheit und Höhe! -- -- --
Seit den kosmogonischen Theorien von _Kant_ und _Laplace_ und seit den
Lehren von _Lamarck_ und _Darwin_ betrachtet die Wissenschaft, ja, man
darf sagen die gebildete Menschheit, Entwicklung als ein
allgemeingültiges Gesetz, dem alles, was wir kennen, unterliegt: sowohl
die in ihrer Pracht am Himmel glänzenden Sterne, als auch die Gefäße
des Lebens einschließlich des Menschen.
Mögen jene Theorien auch noch so unzulänglich sein -- gleichviel: sie
haben unsere Erkenntnis unzweifelhaft erweitert.
Der Inhalt der Deszendenztheorie im engeren Sinne ist dieser: Von den
niedersten Lebewesen bis hinauf zum Menschen hat eine allmähliche
Entwicklung stattgefunden. Es werden die Bedingungen dieser
Entwicklungsrichtung aufgesucht und eben dadurch, daß sie gefunden
werden, wird der Weg zur organischen Vervollkommnung des Menschen
gewiesen. Zunächst geschieht das für die Vergangenheit, dann aber auch
für die Zukunft. Denn die Kenntnis der zurückgelegten Strecke gestattet
gewisse Schlüsse für die bevorstehende.
Demnach stellen wir fest, daß die Entwicklung eine bestimmte Richtung
hat; sie geht von einfachsten und unvollkommensten zu immer
zusammengesetzteren und vollendeteren Formen des Lebens. Innerhalb
dieser allgemeinsten Richtung treten aber beim Menschen noch besondere
Merkmale als auffallende hervor. Das sind einerseits die Steigerung des
Bewußtseins, des Geistes oder der Vernunft und die Ausbildung des
Charakters, des ästhetischen Gefühls und der künstlerischen
Gestaltungskraft, anderseits die Entfaltung der dem Menschen
eigentümlichen Körperschönheit.
Das aber ist innerhalb des Reiches der Lebewesen der _Lauf der Natur,
die Stromesrichtung des Weltgeschehens_: Aufstieg, Vervollkommnung,
Steigerung und Bejahung des Daseins, Tätigkeit, Umformung von Energien,
welch letzteres mit Lust betont ist, wenn es fließend und leicht von
statten geht, mit Unlust dagegen, wenn es gehemmt wird oder schwer
verläuft.
Rein naiv und impressionistisch können wir sogar das eben Gesagte als
das _Gesetz des Lebens_ aussprechen.
Erst ein Zurückgehen im Denken hinter die reine Erfahrung läßt Aussagen
machen über den Wert der Welt hinsichtlich ihres innersten Prinzips und
wirklichen Wesens. Der Naive fällt keine solchen Werturteile darüber:
er nimmt vielmehr im Erkenntnisakt die Wirklichkeit hin, wie sie
erscheint, und gelangt so zur Formulierung des Gesetzes des Lebens, in
dem allerdings noch kein utopistischer irdischer Optimismus
ausgesprochen ist, sondern lediglich die Lebensbejahung, die
Notwendigkeit tätiger und freudiger Mitarbeit an allen Problemen der
Vervollkommnung, mit andern Worten die fröhliche Kampfesstimmung des
mutigen Streiters. Denn Kampf ist das Erdenleben. Aber es kann und
soll sein ein freudiger, siegesgewisser Kampf, in dem es Friedenspausen
und Ruhmestage gibt, dann nämlich, wenn jeweils der Lorbeer um die
Schläfen des Siegers sich windet.[1] -- -- --
Wenden wir dann den Blick ab von der Außenwelt und nach innen, so
finden wir in unserm Seelenleben mächtige Auftriebe, Impulse nach der
Höhe, gleichsam als drängte uns etwas über unsere ererbte Organisation
hinaus: es ist ein Streben nach Vervollkommnung, das wir da in unserer
eigenen Tiefe erleben.
Diese Feststellung beruht auf der »_Psychologie der unmittelbaren
Erfahrung_«: der Mensch ist einfach so eingerichtet, daß er in seinen
besseren Individuen dem Willen zur Vollkommenheit nimmer zu entrinnen
vermag. Hier haben wir an einem Punkte das Seelenleben rein erfaßt:
unmittelbar und ohne alle Überlegung steigt in dem Tüchtigen die
Sehnsucht nach höherem Dasein empor bis an die Oberfläche des
Bewußtseins!
Das sind zwei völlig stichhaltige Gründe dafür, daß das
Vervollkommnungsstreben auch _betätigt_ werden muß, und beiden wohnt
eine innerlich ihnen anhaftende Beziehung auf die Allgemeinheit inne.
Ich wiederhole die Gründe und setze die genannte Beziehung hinzu: 1.
_Das Gesetz des Lebens_, das von der Beobachtung des Naturlaufs
unmittelbar abgeleitet wurde, besagt, daß die Hauptrichtung der
Entwicklung auf Steigerung der Organisation geht. Für den Menschen geht
daraus hervor, daß es in der Richtung der Entwicklung liegt, wenn er
seine vornehmsten Eigenschaften weiter entfaltet. Diese aber sind die
spezifisch menschlichen. Daß die Gesamtheit und nicht etwa nur ein
einzelner davon betroffen wird, versteht sich von selbst. 2. Die
Erscheinungen der inneren Wahrnehmung bei höher stehenden Menschen
bestätigen durchaus das, was von derjenigen der Außenwelt abgeleitet
wurde: der Mensch findet in sich einen zwingenden Wunsch nach
Vervollkommnung vor. Das bezieht sich zunächst auf sein Selbst, aber
zugleich auch auf die Gesamtheit und äußert sich in idealen
Bestrebungen der Wissenschaft, Philosophie, Kunst, Religion und
Nächstenliebe, in der Verteidigung des Vaterlands und Mehrung seiner
Macht, in dem Nachjagen nach Ruhm, Ehre und Reichtum. All dem liegt
mehr oder weniger bewußt in erster Linie das Verlangen zugrunde, sich
selber als Persönlichkeit höherer Ordnung, als Vollmenschen auszubilden
und zu betätigen: die Wege der Vollendung des Selbstes und der
Gesamtheit fallen in ihrem Verlaufe zusammen.
_Nach allem_: Es dürstet der Mensch nach Vervollkommnung, und er blickt
hinaus in das Getriebe des Weltgeschehens und liest von der Natur den
gleichen Willen ab.
Was aber bedeutet Vervollkommnung? _Ich definiere: Vervollkommnung ist
weitere Entfaltung der höchsten Eigenschaften._ Denn das gehört zum
Begriff der Vervollkommnung.
Jetzt aber entsteht _das Problem des Weges_: Wie kann am sichersten,
wirksamsten und schnellsten das Vervollkommnungsstreben des Menschen in
die Tat umgesetzt werden?
_Die Analysis der Vervollkommnung ergibt, daß sie in traditionelle und
erblich-organische zerfällt._
Wie die Überschrift aussagt, ist es die Aufgabe dieser Schrift, die
letztere zu behandeln. Nur ein flüchtiger Blick sei daher der
Vollständigkeit halber auf das Wesen der Tradition geworfen.
Durch sein hochentwickeltes Bewußtsein, sowie kraft seiner Fähigkeiten
der Sprache und der Schrift vermag der Mensch die Erfahrungen seines
ganzen Geschlechts aufzubewahren, zu sichten, zu ordnen, zu vermehren
und auf seine Nachkommen übergehen zu lassen. So bildet sich ein in
stetem Fluß und fortdauernder Änderung begriffener Niederschlag der
Erfahrung der gesamten Menschheit. Diesen Niederschlag nennen wir die
_Tradition oder Überlieferung der Menschheit_. Sie umfaßt Sitten und
Gebräuche, die naive Überlieferung des Volkes (folklore), Natur- und
Geisteswissenschaften.
Insbesondere sind es einzelne hervorragende Männer, die von Zeit zu
Zeit entstehen, welche die Tradition sprungweise auf eine höhere Stufe
heben und dadurch die Menschheit veredeln. Solche Männer heißen
_Genien_: sie sind die Lichtbringer und Führer der Menschheit.
Einigermaßen steigert ja auch die Wissenschaft als solche ohne die
direkte Arbeit der Genien die geistigen, sittlichen und körperlichen
Werte der Gesamtheit. Denn sie mehrt unsere Erkenntnis von der
Wirklichkeit; Gewinn aber an Wissen und an Einsicht in die wahren
Vorgänge der Natur gereichen natürlich den Menschen zum sittlichen und
körperlichen Wohle. Das darf man nicht zu gering veranschlagen. Die
Vorteile, die unserer Gesundheit aus der Wissenschaft erwachsen, liegen
allen klar vor Augen. Weniger Verständnis jedoch haben viele dafür, daß
auch die Sittlichkeit durch Wissen gewinnt; deshalb seien zwei
Beispiele dafür angeführt: die humane Gestaltung der Rechtspflege und
Irrenfürsorge ist sicherlich mehr ein Ergebnis wissenschaftlicher
Aufklärung als etwa der kirchlichen Religion.
Freilich scheint es mir, ein noch mehr in die Tiefe dringender Blick zu
sein, wenn man einsieht, daß die genannten Erscheinungen mit dem von
innen heraus wirkenden Vervollkommnungstrieb in Zusammenhang stehen.
Diese Kraft befindet sich natürlich in steter Wechselwirkung mit der
äußeren Erfahrung und offenbart sich an ihr.
Doch kann bei aller Gerechtigkeit gegen die allgemeine
wissenschaftliche Tätigkeit nicht eindringlich genug vor ihrer
Überschätzung gewarnt werden. Es ist unmöglich, hier eine exakte
Rechnung vorzulegen: aber viel ist es jedenfalls nicht, was alle die
Nicht-Genien zusammen der Menschheit an wirklichen und bleibenden
Werten gegeben haben. Sicherlich ruht jeder bedeutende Fortschritt auf
den Schultern der Genien! -- -- --
_Der Gegenstand dieser Abhandlung aber ist die Steigerung der erblichen
Organisation des Menschen, seine generative Höherentwicklung. Es soll
die Richtung der Entwicklung dadurch fortgesetzt werden, daß wir
Menschen mit Hilfe unseres Bewußtseins den Weg zu neuen und höheren
Formen der Kreatur einschlagen, als es deren eine bisher überhaupt auf
der Erde gegeben hat!_
Wie wir sahen, steht diesbezüglich das Gebot der inneren Stimme im
Einklang mit demjenigen, das die Naturbeobachtung ergibt.
Ich wende mich nunmehr zu unserm soeben nochmals klar definierten
Thema.
II. Biologische Grundlegung.
1. Das Material der Artbildung, die spontanen Variationen, und ihre
Erblichkeit.
Das Material der Bildung von Rassen, Varietäten und Arten sind sowohl
in der Natur, als auch bei der künstlichen Züchtung und beim Menschen
die spontanen Variationen. Die Voraussetzung dafür, daß aus ihnen
Dauerformen hervorgehen können, ist ihre Erblichkeit. Dies gilt für
spontane Variationen größeren und kleineren Betrags. Erstere nennt man
nach _de Vries_ Sprungvariationen und Mutationen. Inwiefern sie zur
Artbildung beitragen, bleibe dahingestellt. Letztere sind die spontanen
Variationen im engeren Sinne des Wortes. Auf ihnen beruht sicherlich
der größte Teil der Artbildung. Es verhält sich mit ihnen
folgendermaßen:
Jedes Lebewesen kommt mit gewissen Abweichungen seines Baues von
demjenigen seiner Artgenossen auf die Welt. Dies betrifft nicht nur den
ganzen Organismus, sondern sogar auch seine einzelnen Teile: keine zwei
Blätter an einem Baume sind einander ganz gleich, und so ist es bei
allen Organen.
Diese Grundtatsache bildet den Ausgangspunkt und die Voraussetzung des
_Darwinismus_. Darwin nennt eben jene individuellen Verschiedenheiten
an Pflanzen und Tieren »spontane Variationen«, d. h. von selbst
entstehende Abänderungen. Er untersucht nicht die Ursache ihrer
Entstehung, sondern fängt bei ihnen an. Sie sind erbliche
Eigenschaften, da es sich bei ihnen um Angeborenes und nicht um
Erworbenes handelt.
Es besteht nämlich in der Wissenschaft eine Kontroverse darüber, ob nur
angeborene oder auch erworbene Merkmale erblich seien. Sie ist bis
jetzt dahin entschieden worden, daß erstere es sicher, letztere im
allgemeinen es nicht sind. Jedoch bezieht sich das nur auf Erworbenes
im engeren Sinne des Wortes, z. B. auf Verstümmelungen, Resultate der
Übung und Vernachlässigung von Organen, z. B. der Muskeln usw.
Zweifellos prägen sich aber die Eindrücke des Lebens mehr oder weniger
auch den Keimzellen auf und sind dann erblich, wie alle Veränderungen
an den Keimzellen. Das ist eine Voraussetzung der Variabilität selbst,
die Darwin eben ununtersucht läßt. Darüber haben andere, insbesondere
_Semon_[2] gearbeitet. Darnach können die Reize aus der Außenwelt eine
dauernde Veränderung im Organismus hinterlassen, was Semon
»_Engraphie_« nennt. Die Veränderung selbst ist das »_Engramm_«. Die
Reizwirkungen strahlen nun im ganzen Organismus aus, und zwar nicht nur
im Nervensystem. Denn sie spielen gerade bei Pflanzen eine wichtige
Rolle. Forel sagt: »Auf diesem Wege kann eine, wenn auch kolossal
abgeschwächte Engraphie schließlich auch die Keimzellen treffen.« .....
»Und so läßt sich die Möglichkeit einer kolossal langsamen Vererbung
erworbener Eigenschaften, nach unzähligen [? Verf.] Wiederholungen
durch das mnemische Prinzip erklären, ohne daß die von _Weismann_
betonten Tatsachen ihre Richtigkeit einbüßen. Denn die Einflüsse der
_Kreuzungen_ (Konjunktionen) und der Zuchtwahl wirken natürlich
ungeheuer viel rascher und intensiver verändernd als individuell
vererbte mnemische Engraphien.«[3]
Die engraphische Wirkung braucht aber nicht immer die gleiche
»kolossale« Langsamkeit zu besitzen. Bei Pflanzen geht die Umwandlung
oft recht schnell von statten. Auch bei Tieren und Menschen wird es
sich verschieden verhalten, je nach der Art des Reizes und der
Wichtigkeit der Erfahrung: das Lebendige kann vielleicht in elektiver
Weise reagieren.
2. Überschüssige Fruchtbarkeit.
Ein großer Geburtenüberschuß ist natürlich der Entstehung
verschiedenartiger Variationen günstig.
3. Natürliche Auslese und Kampf ums Dasein.
Unter dem Kampf ums Dasein versteht man die Gesamtheit der Einwirkungen
der Außenwelt, sowohl diejenigen der anorganischen Natur, als auch die
aus der Konkurrenz mit andern Lebewesen entstehenden. Man kann ihn in
den aktiven und passiven Kampf ums Dasein einteilen. Unter ersterem
verstehe ich dann gewalttätige Einwirkungen aller Art, sofern sie
überhaupt Auslesewert (positiven oder negativen) besitzen, also vor
allem den echten Kampf als solchen mit andern Geschöpfen. Unter
letzterem fasse ich die Einflüsse der toten Umgebung und die des mehr
friedlichen Wettbewerbs um die Existenzmittel zusammen.
Darwin nimmt nun an, daß von den spontanen Variationen die einen im
Kampf ums Dasein nützlich, die andern hinderlich seien. Die Träger der
ersteren haben daher mehr Aussicht, in ihm zu siegen, als diejenigen
der letzteren. Jene werden daher im Gegensatz zu diesen bis zum
fortpflanzungsfähigen Alter erhalten bleiben und Nachkommen erzeugen,
somit ihre Eigenart weitergeben, während die andern aussterben. Das ist
die _natürliche Zuchtwahl_ im Kampf ums Dasein. Demnach sind die
Voraussetzungen für die natürliche Zuchtwahl: 1. Der Kampf ums Dasein,
2. Erblichkeit der Merkmale, 3. Variabilität, 4. große Fruchtbarkeit.
Auf die Kritik der Darwinschen Theorie will ich hier nicht näher
eingehen, sondern nur bemerken, daß der Kampf ums Dasein sich als
unzulänglich zur Herbeiführung von Auslese und Reinzucht erwiesen
hat.[4]
Mögen aber die Eindrücke, die das Individuum im Laufe seines Lebens
empfängt, auch in geringem Maße durch Engraphie die Keimzellen
beeinflussen und dadurch erblich werden, mögen andere besondere
Prinzipien eingeführt werden müssen, um die Auslese und Reinzucht in
der Natur zu deuten -- gleichviel: in jedem Fall ist es sicher, daß
durch dauernde Auslese besonderer angeborener Merkmale und die
Reinzucht der sie besitzenden Individuen neue Rassen und Varietäten
sich hervorbringen lassen. Das ist durch die Erfolge der künstlichen
Züchtung bei Tieren und Pflanzen bewiesen. Ferner sind diese
angeborenen Eigenschaften in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle
sicher erblich. Daher bilden sie ein zuverlässiges Material für die
Reinzucht und Bildung von Dauerformen. Darin besteht also ein
bleibendes Verdienst _Darwins_ und seines Mitarbeiters _Wallace_,
gezeigt zu haben, daß die angeborenen spontanen Variationen das
hauptsächlichste, zuverlässigste und daher wertvollste Material für die
Bildung neuer Formen darstellen.
Jedenfalls gilt das für die Tierwelt, während es bei Pflanzen den
Anschein hat, als ob die sogenannte »unmittelbare Bewirkung« durch
Reaktion auf die Umgebung nach dem Prinzip der Engraphie eine
bedeutsame, vielleicht wichtigere Rolle spiele. Damit stimmt es denn
auch überein, daß die Zoologen heute meistens Darwinianer, die
Botaniker vielfach Neu-Lamarckianer, d. h. Anhänger der letztgenannten
Theorie, sind.
4. »Das Prinzip der natürlichen Prädestination.«
Die spontane Variation, die ein Individuum mit auf die Welt bringt,
bedingt in erster Linie seine Eigenart. Das aber ist gleichbedeutend
mit einer Art natürlicher Vorausbestimmung. Im wesentlichen ist es
schon bei der Geburt eines Geschöpfes ausgesprochen, ob es einen
Beitrag zur Veredelung oder Verschlechterung seines Geschlechts
bedeutet.
Das gilt auch für den Menschen: seine Abstammung von einem bestimmten
Elternpaare bedingt seine Tüchtigkeit oder Minderwertigkeit vor allen
nachträglichen Einflüssen, die später auf ihn durch Umgang und
Erziehung einwirken. Wir sehen das tatsächlich auf allen Gebieten,
vornehmlich auf denen der Erziehung, der Rechtspflege, des genialen
Schaffens, der Beibringung neuer Werte in Wissenschaft, Ethik, Kunst
usw., dann aber auch im Alltagsleben: auch hierin offenbaren sich nur
allzu deutlich die besonderen angeborenen Gaben und Mängel der
Einzelnen. Alle, die eine größere Anzahl Untergebener unter sich haben,
werden das bestätigen können, vor allem also Offiziere und Leiter
großer industrieller Betriebe. Selbstverständlich trifft das auch für
die körperlichen Eigenschaften im engeren Sinne ebenso zu, für
Gesundheit und Schönheit. Nichts ist bezüglich ihrer wertvoller für ein
Individuum als die Abstammung von einem kerngesunden Elternpaare. Denn,
wenn nicht sehr ungünstige Umstände später auf es einwirken -- z. B.
mutwillige Untergrabung der Gesundheit --, so wird es dann die größte
Aussicht auf eigene dauernde Gesundheit und Langlebigkeit haben und
selbst nachteiligen Einflüssen gegenüber sich widerstandsfähiger
erweisen als andere. Umgekehrt können auch die besten hygienischen
Maßnahmen schlechte Erbwerte der Gesundheit und Widerstandskraft nur
mangelhaft ausgleichen, gerade wie die Schönheitspflege keine Resultate
zu liefern vermag, die angeborener Schönheit gegenüber in die Wagschale
fallen.
Freilich läßt sich die natürliche Anlage des Menschen modifizieren. So
können ungünstige Umstände die Ausbildung guter Eigenschaften
hintanhalten. Anderseits vermögen eine sorgfältige Erziehung von Jugend
auf und eine geeignete Umgebung einen von Natur Minderwertigen oft so
zu bessern, daß er nicht direkt auf Abwege gerät. Aber _im
wesentlichen_ schlagen die angeborenen Eigenschaften durch. Ebensowenig
kann die beste Erziehung aus einem dummen und unbegabten Menschen einen
Entdecker, Erfinder oder Künstler, aus einem charakterlosen einen
Propheten und Besserer des Menschenlooses machen, als umgekehrt ein
hartes Geschick im allgemeinen den Genius zu unterdrücken oder am
Durchbrechen zu hindern vermag.
So hängt denn auch die Zukunft der Rasse von den Erbwerten der Eltern
ab, da sie mehr oder weniger auf die Kinder übergehen. Wir gelangen
also auch für den Menschen auf Grund des sicher zutreffenden Teiles des
Darwinismus und der Erfahrung innerhalb der Menschheit selbst zur
These, daß jedes Individuum schon bei seiner Geburt die Grundlagen
seines späteren Wertes in sich trägt. Ich nenne das »_Das Prinzip der
natürlichen Prädestination_«.
Es gilt, wie schon bemerkt, hinsichtlich der Haupteigenschaften des
Geistes und Körpers. Beeinflußbarkeit bleibt dennoch bestehen, tritt
aber an Bedeutung sehr in den Hintergrund.
5. Keimauslese.
Um gewissen Schwierigkeiten, in die der Darwinismus gerät, zu begegnen,
hat _Weismann_ die Theorie der Keimauslese aufgestellt, nach der schon
die Keime des Lebens im Organismus einen Kampf zu bestehen haben. Davon
ist jedenfalls so viel richtig, daß nur ein verschwindend kleiner Teil
aller entstehenden Keimzellen zur Hervorbringung neuen Lebens verwertet
wird und die andern wieder untergehen, und daß Ursachen für das
verschiedene Geschick derselben vorhanden sein müssen. Vielleicht sind
es auch hier die kräftigeren Keime, die erhalten bleiben. Im übrigen
besagt Weismanns Theorie anderes als dieses. Doch liegt das außerhalb
des Rahmens dieser Abhandlung.
6. Geschlechtliche Zuchtwahl.
Darwin führte das Prinzip der geschlechtlichen Zuchtwahl ein, um
gewisse Eigentümlichkeiten der männlichen Tiere zu deuten. So sollen
der Gesang und das schöne Gefieder vieler männlicher Vögel durch
Bevorzugung seitens der Weibchen entstanden sein. Dafür spricht der
Umstand, daß beides zur Zeit der Paarung die höchste Entfaltung
erreicht. Ferner sind die Waffen mancher männlichen Tiere wie der
Hirsche vorwiegend zum Kampf um die Weibchen da. Der besser Bewaffnete
siegt und wird dann zur Fortpflanzung zugelassen. Die Schwäche dieser
Theorie ist jedoch handgreiflich, sofern sie die _Entstehung_ der
genannten Eigenschaften erklären soll. Wenn diese aber einmal auf einer
gewissen Ausbildungsstufe vorhanden sind, dann mögen sie gewiß zur
Bevorzugung bei der Gattenwahl beitragen und dadurch erhalten und
weiter entwickelt werden.
Die Auslese findet also nach Darwin teils durch den Kampf ums Dasein,
teils durch die geschlechtliche Zuchtwahl statt.
7. Isolation.
Vielleicht hat geographische Absonderung von dem Standort der
Artgenossen, bezw. beim Menschen von dem gemeinsamen Wohnsitze, in der
Vergangenheit einen beträchtlichen Anteil an der Bildung von Rassen,
Varietäten und Arten genommen. Für den Menschen ist dies besonders
wahrscheinlich, wenn nicht sicher. _Moritz Wagner_ hat die Theorie der
Isolation vertreten. Er sagt u. a.: »Die Bildung einer wirklichen
Varietät, welche Herr Darwin bekanntlich als ›beginnende Art‹
betrachtet, wird der Natur immer nur da gelingen, _wo einzelne
Individuen_ die begrenzenden Schranken ihres Standorts überschreitend
sich von ihren Artgenossen auf Zeit räumlich absondern können.«[5]
»Arten, welche nicht wanderten, sich also nicht veränderten, starben
allmählich aus.«[6]
»Die tätigeren und intelligenteren Menschenpaare isolierten sich ....,
schwächliche und dumme Menschenexemplare gingen damals wohl meist
zugrunde.[7]
»Neue Menschenrassen werden [heute und in Zukunft. Verf.] nicht mehr
entstehen, nur Bastardrassen durch häufige Mischung der jetzt
bestehenden Hauptrassen. Völlige Isolierung einzelner Familien und
Stämme durch eine lange Reihe von Generationen ist bei den jetzigen
Verkehrsverhältnissen nicht mehr möglich. Damit fehlt aber die
Grundbedingung der Rassenbildung.«[8]
Die geographische Absonderung hätte demnach eine doppelte Bedeutung: 1.
Durch sie würde Reinzucht innerhalb einer Sippe durchgeführt werden. 2.
Die veränderten Lebensbedingungen würden die Organisation der
Individuen, die sich ihnen durch die Aufsuchung der neuen Wohnstätten
ausgesetzt haben, modifizieren: »Veränderte Lebensbedingungen,« sagt
Wagner, »geben den Anstoß zu einer Steigerung der individuellen
Variabilität. Isolierung von den Artgenossen beginnt dann den Anfang
einer Rasse.«[9]
8. Zusammenhang vorstehender Grundsätze mit der Fortentwicklung der
Menschheit.
Für den Aufbau meines Plans zur generativen Höherentwicklung des
Menschen ist nun alles, was in den besprochenen Thesen der
Deszendenztheorie zweifelhaft ist, belanglos. Ich bedarf vielmehr nur
der feststehenden von ihnen. Dadurch gewinnen meine Voraussetzungen
Gewißheit.
Die Grundsätze[10] der Bildung einer tüchtigen Rasse, Varietät oder Art
sind demnach:
1. Das Vorhandensein des notwendigen Materials in Gestalt brauchbarer
spontaner Variationen.
2. Die Erblichkeit dieser Variationen.
3. Genügende Fruchtbarkeit.
4. Auslese.
5. Reinzucht.
6. Blutmischung (hierauf wird später bei der Behandlung der
menschlichen Rassenbildung eingegangen werden).
Beim _Menschen_ sind nun, wie sofort ersichtlich, alle diese
Erfordernisse ohne weiteres gegeben mit Ausnahme der Auslese und der
Reinzucht. (Von der Blutmischung sehen wir vorläufig ab, da die Frage
später erledigt wird).
_Das Problem lautet also_: Welche Prinzipien führen Auslese und
Reinzucht herbei? Zunächst unterscheide ich bei dem Angehen dieses
Problems nicht zwischen Menschen und Tieren. Es gibt folgende mögliche
Prinzipien der Auslese und Reinzucht:
1. _Den Kampf ums Dasein._ Er züchtet rein mechanisch von dem
Zeitpunkte an, wo die Eigentümlichkeiten der Einzelindividuen eine so
hohe Ausbildung erlangt haben, daß sie tatsächlich von Vorteil oder
Nachteil im Leben sind. Wahrscheinlich ist dabei die negative Seite die
Hauptleistung des ganzen Kampfes ums Dasein, d. h. die Ausmerzung der
Unfähigen.
2. _Geographische Absonderung._ Dieses Prinzip wurde von Moritz Wagner
eingeführt, um zu deuten, wie die Auslese und Reinzucht zustandekommen
können, ohne allein auf den unzulänglichen Kampf ums Dasein angewiesen
zu sein.
3. _Keimauslese._
4. _Instinkt._ Es ist durchaus denkbar, daß die Individuen, die vermöge
ihrer erblichen Eigenschaften zur Bildung neuer Formen besonders
geeignet sind, den Instinkt besitzen, sich untereinander zu paaren und
Reinzucht durchzuführen. Letzten Endes kommt man keinesfalls um eine
derartige Annahme herum. So haben denn Naturforscher auch in der Tat
von einem »Rasseninstinkt« der Tiere gesprochen.
5. _Geschlechtliche Zuchtwahl_, die solchen Instinkt schon voraussetzt.
Das sind die Mittel, die für die Herbeiführung der Auslese und der
Reinzucht denkbar sind; zugleich machen sie das Strittige im
Darwinismus, bezw. in seiner Fortbildung seitens anderer aus.
Von jenen kommen zwei für die _menschliche_ Rassenzucht nicht in
Betracht, nämlich der Kampf ums Dasein und die Isolation.
_Der Kampf ums Dasein_ tritt als auslesender Faktor im Kulturzustand
immer mehr zurück. Unsere humanen Tendenzen gehen im Einklang mit dem
Sittengesetz dahin, ihn mehr und mehr auszuschalten. Es kann vom
sittlichen Standpunkt aus keine Rede davon sein, etwa absichtlich in
Zukunft die Härte des Kampfes ums Dasein aufrecht erhalten oder gar
wieder vermehren zu wollen. Vielmehr muß jeder humane und sittliche
Mensch sein Zurückgehen im Kulturzustand freudigst begrüßen. Dazu kommt
noch, daß es hier gerade hinsichtlich seiner zu einer _Umwertung der
Werte kommt_: _Unsere_ höchsten Werte sind neben Gesundheit und
Schönheit vor allem die wissenschaftlichen, sittlichen und ästhetischen
sowie ihre Beziehungen zum Leben. Wie schon erwähnt, sind es
insbesondere die Genien, die uns diese vermitteln. Nun sind diese
keineswegs immer -- oder auch nur häufig -- gerade diejenigen Menschen,
die in einem rücksichtslosen Kampf ums Dasein am besten bestehen
würden. Von Körperschwäche will ich ganz absehen. Schon ihre
Charaktereigenschaften hemmen sie in einem solchen Kampfe: gerade weil
sie nicht skrupellose, sondern gewissenhafte, die Kapital- und
Geldwirtschaft aus angeborenem Idealismus hassende und daher wenig von
ihr verstehende Menschen sind, sind sie für den brutalen Daseinskampf
schlechter ausgerüstet. Sie aber zu pflegen als das wertvollste alles
Menschenmaterials ist unsere Hauptaufgabe. Die Genien sind Menschen,
die in eine weit fortgeschrittenere, vollkommenere Umgebung passen, und
die daher der Stufe der Unvollkommenheit, in der sie jeweils leben,
nicht adaptiert sind. Nun ist es aber das Hauptgesetz des Kampfes ums
Dasein, daß diejenigen, die sich nicht der Umgebung anzupassen
vermögen, untergehen. Der Genius jedoch ist deswegen seiner Umgebung
nicht angemessen, weil er vollkommener als sie ist. Die _Schuld_ liegt
also an der Umgebung und nicht an ihm. Durch seine Vollkommenheit
nimmt er die Tradition der Zukunft vorweg, wodurch er gerade seine
Mitmenschen späteren höheren und edleren Formen des Daseins
entgegenführt. Er macht ferner die wissenschaftlichen Entdeckungen, die
in der Technik verwertet die äußeren Grundlagen der Kultur bilden. Er
gibt den Menschen die herrlichen Werke der Kunst, an denen sie sich
erfreuen.
Der Kampf ums Dasein kann demnach als züchtender Faktor von irgendwie
erheblichem Belang im Kulturzustand nicht in Betracht kommen, weil: 1.
er ohnehin abnimmt, 2. Sittengesetz und Humanität uns verpflichten,
dies zu unterstützen, 3. eine Umwertung der Werte stattfindet
dahingehend, daß im Kulturzustand der Völker der Kampf ums Dasein
geradezu negativen Auslesewert erhält.
Freilich ist auch das sinngemäß zu verstehen. Der passive Kampf ums
Dasein scheidet auch innerhalb des Kulturzustandes ununterbrochen
die _Minderwertigsten_ aus, insbesondere die Abkömmlinge von
Alkoholikern, Tuberkulösen, Syphilitischen. Tot-, Fehlgeburten und
Kindersterblichkeit räumen hier mit furchtbarer Strenge auf. Der Kampf
ums Dasein verhindert so das Festwerden von Degenerationsmerkmalen. Er
zeigt sich also auch hier in seiner Wirkung als einen ausmerzenden
Faktor.[11]
Übrigens kam Darwin selber zur Überzeugung des rückläufigen Wegs des
Kampfes ums Dasein bei den Kulturvölkern. Nach _Ploetz_ berichtet
Wallace über des alten Darwin Meinung: »In einer meiner letzten
Unterhaltungen mit Darwin sprach er sich wenig hoffnungsvoll über die
Zukunft der Menschheit aus, und zwar auf Grund der Beobachtung, daß in
unserer modernen Zivilisation eine natürliche Auslese nicht zustande
komme und die Tüchtigsten nicht überlebten. Die Sieger im Kampf um das
Geld sind keineswegs die Besten oder die Klügsten, und bekanntlich
erneuert sich unsere Bevölkerung in jeder Generation in stärkerem Maße
aus den unteren als aus den mittleren und oberen Klassen.«[12]
_Daß Isolation_ ausscheidet, hat schon Wagner selber betont: die
heutigen Verkehrs- und Industrieverhältnisse, die zunehmende
Internationalisierung aller menschlichen Interessen in Wissenschaft,
Ethik, Kunst und Handel machen den Gedanken an Absonderung einfach
absurd. Dazu kommen wieder besondere sittliche Gründe: 1. Die für die
Absonderung behufs Reinzucht zur Bildung einer neuen höheren Rasse in
Betracht kommenden Individuen müßten die edelsten und besten sein:
gerade sie sollen aber zur Hebung der Tradition unter der Masse
bleiben; denn diese braucht das Beispiel und die Lehre der
Vollkommeneren. Diejenigen Menschen, welche bloß die _Fähigkeit_ zum
intellektuell-sittlichen Aufstreben mit auf die Welt bringen, aber des
_Anreizes_ zur _Entfaltung_ dieser Eigenschaften bedürfen, brauchen die
Vollkommensten, die eben solche Anreize geben. 2. Die sich Isolierenden
und ihre Nachkommen würden selbst der Kulturwerte, die in der Tradition
der höheren Völker aufgespeichert sind, verlustig gehen, was allein
schon den Gedanken an solche Absonderung von der übrigen Menschheit zu
einem unsinnigen macht. 3. Die höchste irdische Idee überhaupt ist die
der künftigen Einheit und Verbrüderung der ganzen Menschheit. Das ist
der _Humanitätsgedanke_ oder _die Idee der Menschheit_ schlechthin. Ihr
durch Absonderung entgegenzuarbeiten, würde also der Ethik und der
Vernunft widersprechen. Vielmehr muß es uns auch von ihrem Standpunkt
aus mit aufrichtiger Freude erfüllen, daß wir in der Tat jetzt schon
die Menschheit in Handel, Verkehr, Wissenschaft, ja sogar auch schon in
der Politik auf einander sich nähernden Pfaden dahineilen sehen.
_Ich fasse das zusammen_: Räumliche Absonderung der tüchtigsten
Menschen behufs Reinzucht kann heute aus folgenden Gründen nicht mehr
in Frage kommen: 1. Handel, Verkehr und die Notwendigkeit der Teilnahme
an den Kulturgütern machen es unmöglich. 2. Sittengesetz und
insbesondere der Humanitätsgedanke verbieten es.
_Geschlechtliche Zuchtwahl und Instinkt_, nämlich der für den
geeigneten Gatten, worauf ich später zu sprechen komme, sind aber beim
Menschen völlig gesicherte Mittel zur Herbeiführung von Auslese und
Reinzucht. Ferner unterstehen auch die _Keime_ in gewissem Grade dem
Einfluß des bewußten Willens.
_Kurz_: Diejenigen Prinzipien der Deszendenztheorie, die anfechtbar
sind, scheiden hinsichtlich der menschlichen Rassenzucht entweder aus
oder verlieren hier ihre Ungewißheit und erlangen bezüglich des
menschlichen Problems Zuverlässigkeit.
Es werden also hierbei diejenigen Faktoren verwertet, die entweder
_überhaupt_ feststehen, oder es doch wenigstens _bezüglich des
Menschen_ tun.
_Demnach erhalten wir folgende =Tafel von=_ =Grundsätzen= _für die
menschliche Rassenzucht_:
1. Das gute Material in Gestalt tüchtiger spontaner Variationen.
2. Ihre Erblichkeit.
3. Genügende Fruchtbarkeit.
4. Geschlechtliche Auslese der geeigneten spontanen Variationen.
5. Ihre Reinzucht.
6. Blutmischung.
7. Instinkt.
III. Anwendung der Grundsätze auf die Rassenzucht beim Menschen.
Der folgende Teil der Schrift widmet sich nunmehr der Lösung des
Problems der _Vervollkommnung der erblichen Organisation des Menschen_.
Die Lösung liegt in der Befolgung der Grundsätze der Rassenzucht, die
soeben aufgestellt worden sind. Wir haben diese also jetzt in ihren
_besonderen_ Beziehungen auf den Menschen zu betrachten.
Zunächst sei die _Hauptthese_ ins Gedächtnis zurückgerufen; sie lautet:
_Der Mensch muß nach Vervollkommnung streben, was durch Entfaltung
seiner höchsten Eigenschaften verwirklicht wird. Diese sind
Erkenntnisfähigkeit, Charakter und höhere Gefühle, sowie die dem
Menschen eigentümliche Körperschönheit._
_Diese Eigenschaften stellen also das Zuchtziel dar._
Auch will ich gleich vorausschicken, daß ich _keine Voraussetzungen
hinsichtlich der Güte bestehender Rassen_ für den Zweck der Auffindung
der zu züchtenden Merkmale des Vollkommenheitsideals mache.
Nachträglich wird es bisweilen nötig sein, Hinweise auf Rassen und
Völker zu geben, von denen die ganze _Erfahrung_ in der Geschichte und
der Völkerpsychologie einfach die _Tatsache_ feststellt, daß sie
gewisse höchste menschliche Eigenschaften in vollkommenster Ausbildung
besitzen. Auf die Erleichterung jedoch, von diesen Tatsachen als
Voraussetzungen auszugehen, verzichte ich und suche die Kennzeichen
geistiger und körperlicher menschlicher Vollkommenheit auf _ohne_ die
_Voraussetzung_, daß es noch Höhenunterschiede innerhalb der
Kulturvölker gebe.
1. Das Material.
Das Material bilden diejenigen spontanen Variationen von Männern und
Frauen, welche die besten Merkmale des Geistes und des Körpers tragen.
a) Die geistigen Eigenschaften.
Hier wird zunächst eine terminologische Klarstellung dem Leser für das
leichtere Verständnis alles nachfolgenden erwünscht sein.
1. »Geist«, »geistig« bedeuten gegenüber »Körper«, »körperlich« den
Inbegriff _alles_ Geistigen, Seelischen, Psychischen überhaupt.
2. »Geist«, »geistig« gegenüber dem _Rest_ des Seelischen, Psychischen
bedeuten die _höhere_ geistige Sphäre, das Vernünftige, Logische.
3. Das Geistige überhaupt zerfällt in die Sphären der Erkenntnis, des
Willens und des Gefühls.
4. Innerhalb _jeder_ dieser drei Sphären gibt es eine höhere und eine
niedere Stufe. Die höhere Stufe auf allen drei Sphären heißt Vernunft
(oder Geist im Sinne von No. 2), also Vernunft in der Erkenntnis,
vernünftiger Wille und vernünftiges Gefühl. Damit ist das rein
Logische, Unbedingte gemeint. Die niedere Stufe auf _jeder_ Sphäre
umfaßt demgegenüber das Psychologische. Auf der Erkenntnissphäre
besteht das Psychologische aus Intellekt, Verstand, Überlegung,
Reflexion, Wahrnehmung, Vorstellung. Auf der Willenssphäre besteht es
aus allen Trieben, allem Streben, Wünschen, Sehnen und allem Wollen
überhaupt, sofern sie nicht auf das rein Logische, Allgemeingültige
gehen. Auf der Gefühlssphäre umfaßt die psychologische Stufe die
sinnlichen Gefühle der Lust und Unlust, sowie Lust an mangelhafter
Erkenntnis oder an der Lüge, am mangelhaft Guten oder am Bösen, am
mangelhaft Schönen oder am Häßlichen.
Im nachfolgenden werde ich nun »Geist« im Sinne von No. 1 gebrauchen
und »Vernunft«, »vernünftig« für den Sinn von No. 2. -- -- --
_Die geistigen Merkmale, die der Auslese und Reinzucht unterliegen
sollen, sind: 1. Eine hochentwickelte Fähigkeit der Erkenntnis und des
wahren Urteilens, des Denkens, des Verstandes oder der Intelligenz; 2.
Güte des Charakters, Stärke des Willens, Energie, Entschlossenheit; 3.
ästhetisches Gefühl und Benehmen, künstlerische Gestaltungskraft._
Darin ist das Ideal begriffen. Wir werden später sehen, daß das Ideal
natürlich nicht als unerläßliche Mindestforderung im praktischen Leben
aufrechterhalten werden kann.
Es gibt _besondere Merkmale_ der geistigen Vollkommenheit, die zu
kennen wichtig ist, weil es die Möglichkeit der rechten Gattenwahl
erleichtert. Ich führe sie daher an, jedoch ohne allen Anspruch auf
Vollständigkeit.
Solche »_Kennzeichen der Geistes- und Seelengröße_« sind:
1. =Idealismus.= Die Betätigung von Idealismus ist gleich dem Streben
nach Vollkommenheit. Denn, wer Idealen nachjagt, bekundet dadurch, daß
er -- annähernd -- erreichbare Vollkommenheit voraussetzt, nach der er
strebt. Er ist also in der allgemeinen Grundrichtung seiner Gesinnung
vollkommen. Er bedarf rechter Erkenntnis, um die Ideale zu erfassen,
der Intelligenz für die Kleinarbeit auf dem Wege, der Energie und
Charakterfestigkeit, um unentwegt recht zu wollen und das Gewollte
durchzusetzen. Endlich ist ihm auch Formgebungskraft unerläßlich, wenn
er _bleibende Werte_ für die Menschheit schaffen soll. Denn die Ideale
haften nur dann in den Seelen der Mitmenschen, wenn sie in eine
anschauliche Form gegossen worden sind.