Die Sachproduktion im Kollektivstaat.
Von den Zweigen der Sachproduktion soll hier nur die Landwirtschaft
besprochen werden, weil in derselben der Kleinbetrieb heute noch
vorwiegt und weil die kollektivistische Organisation der Produktion
gerade auf die Landwirtschaft am meisten umgestaltend wirkt. Es ist
nicht nur die Produktionsweise, welche dabei in Betracht kommt, sondern
auch die örtliche Verteilung der Bevölkerung.
Es ist ein Gebrechen unserer Zeit, daß man, auf den internationalen
Gütertausch rechnend, sich nicht den Kopf darüber zerbricht, ob die
heimische Landwirtschaft soviel Nahrungsmittel zu erzeugen vermag, als
zur Erhaltung der heimischen Bevölkerung notwendig ist. Ein Land, das
der Zufuhren von Nahrungsmitteln aus Rußland und Amerika bedarf, um
seine Bewohner zu ernähren, kann einmal bittere Erfahrungen machen.
Die russische Bevölkerung vermehrt sich in solchem Maße, daß sie bald
auf eine Ausfuhr von Nahrungsmitteln wird verzichten müssen und auch
Nordamerika, dessen Bevölkerung sich in 100 Jahren verfünfzehnfacht
hat, wird in wenigen Dezennien den Export von Nahrungsmitteln
einschränken müssen. Ja, die Nahrungsmittel sind ein so unentbehrliches
Produkt, daß die Länder, welche im Überflusse produzieren, sich bald
dahin einigen werden, sie mit einem Ausfuhrzolle zu belegen.
Bekannt ist, daß die bäuerlichen Arbeiter immer mehr nach den
Städten gravitieren, daß die gewerbliche Bevölkerung sich immer mehr
vermehrt und die bäuerliche abnimmt. Daß das auf die Ausdehnung
der Lebensmittelproduktion von Einfluß sein muß, ist auf der Hand
liegend. Der Kollektivstaat kann diesem Übel abhelfen und meine
organisatorischen Vorschläge sind darauf berechnet.
In der Landwirtschaft macht sich die von mir vorgeschlagene Verteilung
der Bevölkerung, die nur im kollektivistischen Staate durchgeführt
werden kann, nach zwei Richtungen nützlich. Da nämlich, sobald die
Verteilung der Bevölkerung über das Land nach den Bedürfnissen des
öffentlichen Wohles, des Volkswohles, stattfindet, ein viel größerer
Prozentsatz der Bevölkerung in den ackerbautreibenden Landgemeinden
angesiedelt wird, wird den landwirtschaftlichen Flächen beinahe alles
wiedererstattet, was ihnen in der menschlichen Nahrung entzogen wird.
Die der Landwirtschaft wieder zugeführten menschlichen Fäkalien werden
um die Hälfte mehr betragen als heute, wo ein großer Teil durch die
Schwemmkanäle der großen Städte in die Flüsse abgeleitet wird.
Aus der für den Kollektivstaat brauchbaren Verteilung der Bevölkerung
wird aber noch ein anderer ausschlaggebender Vorteil für die
Landwirtschaft entspringen. Nachdem die Industriebevölkerung, die
heute zum überwiegenden Teile in den Städten wohnt, im Kollektivstaate
beinahe ausnahmslos in den Dörfern angesiedelt wird, sind zur Zeit
der Ernte und in anderen Perioden, wo die Landwirtschaft plötzlich
vieler Hände bedarf, viel mehr Arbeitskräfte zur Verfügung, als heute.
Die Industriebevölkerung kann in dringenden Fällen aufgeboten werden,
der landwirtschaftlichen Bevölkerung ihre Unterstützung zu gewähren
und ebenso werden die landwirtschaftlichen Arbeiter im Winter der
Industriebevölkerung zu Hilfe kommen können.
In der Landwirtschaft ist es von der größten Wichtigkeit, daß jede
Arbeit genau zur richtigen Zeit vor sich geht. Man darf nicht zu früh
noch zu spät säen, pflanzen und ernten und oft hängt die Rettung der
Feldfrüchte davon ab, ob eine Arbeit einen Tag früher oder später
vorgenommen wird. In katholischen Ländern machen die vielen Feiertage
und die strenge Beobachtung der Sonntagsruhe oft Schaden, wenn schon
die katholische Geistlichkeit im Interesse der Landwirtschaft manche
Konzession macht.
Der Kollektivismus gestattet in dieser Hinsicht eine größere Anpassung
der Arbeit nach Zeit und Umständen. Wenn in den benachbarten Gemeinden
A, B und C die Höhenlage so verschieden ist, daß die Zeit der Reife
von Gemeinde zu Gemeinde um 3 bis 4 Tage variiert, so ist in Betracht
zu ziehen, ob es sich nicht empfiehlt, die Arbeitskräfte je zweier
Gemeinden mit denen der dritten zu vereinigen, wenn in dieser allein
der günstige Zeitpunkt für die Ernte gekommen ist. Dabei wird man
aber auch die dadurch bedingte Wanderung der Arbeiter als ökonomischen
Verlust in Rechnung zu stellen haben, insofern sie größere Wegestrecken
zur Arbeitsstelle zurücklegen müssen.
Es entsteht die Frage, ob die Staatsverwaltung in der Lage sein
wird, eine intensive, gleichmäßige und rationelle Bearbeitung des
Bodens zu erzielen, wenn das Eigentumsinteresse der Bauern wegfällt,
das umsomehr, nachdem der Großgrundbesitz mit der Ausnützung der
Arbeitskräfte keineswegs die besten Erfahrungen macht, kleinere
Grundbesitzer aber, die nicht der bäuerlichen Bevölkerung angehören, in
der Regel gar keinen Ertrag zu erzielen vermögen, ihre Arbeiter wenig
leisten, viel verzehren und sie auch wohl bestehlen. Der Kollektivismus
ist aber mit solcher Bewirtschaftung nicht zu vergleichen. Ein
Spekulant, der ohne Kenntnis der Landwirtschaft ein Gut erwirbt und
selbst bewirtschaftet, selbst nicht mitarbeitet, die Morgenstunden
verschläft, und in allem von einem Knechte abhängig ist, der umso
besser fährt, je mehr der Eigentümer Schaden leidet, wird natürlich
schlimme Erfahrungen machen und die Arbeitskräfte nicht so ausnützen
können, wie sie im Kollektivstaat ausgenützt werden können und sollen.
Auch wird ein solcher Gutsbesitzer unzufrieden sein, wenn ihm das
Gut keine entsprechende Verzinsung des Kapitals abwirft, das in der
Regel unverhältnismäßig hoch ist, weil unsere Gutspreise viel zu hoch
sind. Solche Güter wechseln auch den Eigentümer sehr oft und auf einen
unkundigen Besitzer kommt zumeist ein anderer, der ebenso wenig von der
Verwaltung versteht.
Die Verwaltung im Kollektivstaat ist eine stabile, es liegen die
Erfahrungen früherer Jahre vor, man weiß, was man den Arbeitern zumuten
kann, der Verwaltungsbeamte und seine Organe müssen schon vom frühen
Morgen Dienst machen, wenn die Arbeiten beginnen und so wird es nicht
fehlen, daß eine richtige Bearbeitung erzielt wird, wobei auch in
Anschlag zu bringen ist, daß zur unrechtmäßigen Zueignung der Früchte
in der zukünftigen Ordnung weder eine Gelegenheit noch eine Versuchung
vorliegt.