10. Lektüre, Unterhaltungslektüre und Lektüre zur fachlichen Ausbildung.

Ein wichtiges Förderungsmittel der Jugend ist die Lektüre, welche

ihr zwar mit Auswahl, aber reichlich zur Verfügung gestellt wird.

Literatur und Bibliothekswesen werden an anderem Orte, VIII, 4,

erörtert werden. Der Staat ist ja auch die großartigste Leihbibliothek,

die man sich denken kann, und jedes Buch der in- und ausländischen

Literatur von einigem Wert ist in einem kollektivistischen Staate

=jedem= zugänglich, nicht bloß in Städten, sondern in jedem Dorfe

und Einödhofe und selbst auf den Alpen. Bücher zirkulieren wie die

Menschen in einem ununterbrochenen Strome. Bloße Unterhaltungslektüre

soll besonders zum Gegenstande des Vorlesens in größeren Versammlungen

junger Leute gemacht und dann eine kritische Besprechung daran

geknüpft werden. Dadurch wird der Vortrag und die Zungenfertigkeit

geübt, Zeit erspart und die weiteste Verbreitung der besten Werke

sichergestellt. Wenn die Unterrichtspersonen, die besonderes Urteil

in der schönen Literatur haben, eine kritische Besprechung einleiten

und die Kunst, mit Verständnis zu lesen, lehren, so wird dieser Genuß

wieder außerordentlich fruchtbringend und förderlich wirken, wie es

keinem Zweifel unterliegt, daß uns die hohe Kultur unsrer Zeit es

möglich macht, durch den Genuß Arbeit zu schaffen und in der Arbeit zu

genießen, so daß das ganze Leben mit Lebensfreuden ausgefüllt werden

kann.

Allein viele jungen Leute werden sich mit Lektüre nicht nur im

gewöhnlichen Wortverstande unterhalten, sondern irgend einen Zweig des

Wissens neben dem allgemeinen Unterrichte zu einem Lieblingsstudium

machen und die Lehrpersonen werden Jedem, der solche Privatstudien

betreibt, die Quellen nachweisen und zugänglich machen, aus welchen

er fortschreitende Belehrung schöpfen kann. Bemerkt man einen Erfolg,

so wird man seinem Wissensdrang immer intensivere Nahrung zuführen,

ihm Sammlungen, Zeichnungen und andere Darstellungen, Instrumente und

Apparate, selbst Chemikalien und andere Stoffe zugänglich machen,

so daß jene, die man zur Aufnahme in die Hochschulen empfiehlt,

schon langjährige Studien betrieben, wissenschaftliche Aufsätze

geliefert, Forschungen verfolgt und für die Zwecke der Hochschulen

Beobachtungen angestellt und Naturprodukte gesammelt und auf diese Art

den Beweis geliefert haben müssen, daß sie unter allen Altersgenossen

die hervorragendste Eignung für die wissenschaftliche oder eine

künstlerische Laufbahn besitzen. Dabei wird man Konzentrierung und

Spezialisierung verlangen und in irgend einem kleinen Zweiglein

des Wissens oder Könnens das Eindringen bis in die tiefsten Falten

des Studiums, die Kenntnis einer Pflanzenfamilie bis in alle ihre

Spielarten, einer Raupe in allen Abarten, ihre Lebensbedingungen,

Anatomie und Physiologie und Umwandlungsbedingungen fordern. Alle

Wanderungen, Reisen und Bemühungen dieser Anwärter auf eine höhere

Laufbahn werden immer ein und demselben Ziele dienstbar zu machen sein;

etwas Neues zu erforschen, etwas neu darzustellen, eine vollständige

Sammlung zustande zu bringen, einen mechanischen Gegenstand von

offenbarer Nützlichkeit zu erfinden, ein neues chemisches Präparat,

eine neue Anwendungsart oder -Form der elektrischen Kräfte zu

entdecken, wird man sich beeilen, ehe man das 18. Lebensjahr vollendet,

um unter der großen Zahl von Berufenen auserwählt zu werden und den

Ruf an die Universität zu erlangen, an welche nicht die Söhne reicher

Bürger, hoher Beamter, des alten Adels oder der Professoren, sondern

nur jene berufen werden, die schon in diesem noch jungen Alter ihren

Beruf erwiesen haben werden.

Der Kollektivismus und die soziale Monarchie · 第 103 / 152 题