VII.

_Escheberg_, 23. Juli 1822.

Mein geliebter Freund! Ich glaube, die schöne innere Zuversicht Ihrer

vielfachen Gegenwärtigkeit unter uns macht mich so faul und nachläßig

gegen Sie, und so bilde ich mir denn steif und fest ein, daß meinem

Schweigen die nämliche Liebe und Hinneigung zu Ihnen zum Grunde liegt,

die mich manchmal, obwohl immer mit einiger, vielleicht lächerlicher,

aber doch auch hübscher, und inniglicher Schüchternheit gepaart,

zum Schreiben trieb und nun auch jezt längst dazu angespornt haben

sollte. Unser Freund hat Ihnen seine Blätter zufliegen laßen, dies

war ein zureichender Grund, bei meinem Briefphlegma zu verharren; Sie

wißen nun, wie es ihm im Sande der Mark, wie es mir in seinen schönen

Wäldern erging und ich habe nur hinzuzusetzen, daß mich das Leben hier

immer herrlicher umfängt, je älter ich darin werde. Der Wechsel von

stiller und lauter Lust thut mir hier so wohl, so ganz in der Mitte

prächtiger Wälder, hoher mannichfacher Abhänge zu wohnen, ohne sich

im freien Athemzug gehindert zu fühlen, thut gar zu wohl. Escheberg

würde Sie sehr anziehen, nur, mein theuerer Freund, müßten wir in der

großen Wetterküche durchaus die Regensuppe oder vielmehr Kalte Schaale

verbitten, denn hat es gegoßen, dann ist das schöne Escheberg nichts

für Sie. Aber wie lange haben wir uns doch der Trockenheit erfreut!

dies setze ich ausdrücklich hinzu, denn wenn unser Freund meine Zeilen

überläse, ich würde selbst in eine Wetterküche kommen, daß ich ein

Wetterfähnchen nach Ihnen hin auf das Escheberger Haus gepflanzt

habe. Nein, mein herrlicher Freund, jede Freude, jede Mittheilung von

ächter Schönheit, deren wir hier genießen, ist zugleich eine Fahne,

die wir grüßend nach Ihnen zuschwenken, womit wir Sie einladen, „in

allen guten Stunden“ -- und derer giebt es hier so viele, so unendlich

viele! unter uns zu seyn. Denken Sie Sich, daß wir gestern Abend

ein Stückchen Sommernachtstraum, die rührenden Liebesirrsale des

Pyramus und der Thisbe, aufgeführt haben. Unser Freund war der Herzog

Theseus, Fräulein von Calenberg -- die schon manchmal unsern lieben

Meister Ludwig mit uns leben ließ -- die Hyppolita, ich machte den

Prolog (von einem ellenlangen Zeddel ablesend) und kroch, brüllte,

und fraß den Mantel als Löwe, wofür mir das gebührende Lob wurde, gut

gebrüllt zu haben. Wir waren alle recht lustig und das Misglückende

selbst war ein neckendes Geistchen des Spiels. -- In Cassel hat mich

die Bekanntschaft von Wilhelm Grimm besonders erfreut, Sie glauben

leicht, daß auch da vielfach von Ihnen die Rede war, obwohl Cassel der

eigentliche Dichterthron Arnims ist. -- Ruhl, den ich übrigens sehr

liebgewonnen habe, und der gewiß sehr hoffnungsvoll ist, (man darf

nur sein Skizzentagebuch aus Italien durchblättern) liest täglich in

der Dolores, wie in Capiteln der poetischen Bibel. Ich habe es nicht

gewagt, ihm zu sagen, daß ich von der ganzen Dolores nur erst ein Paar

Seiten kenne; mir jedoch auch ernstlich vorgenommen, sie denn doch hier

auf ihrem _klassischen_ Boden zu lesen. Neulich machte ich mich

über die vier Rheinfahrts-Erzählungen Arnims, (die Isabella von Ägypten

&c.) und obwohl ich mich alles dessen erinnern mußte, was Sie so oft

geäußert haben, so fand ich mich doch wieder geneigt, mich von manchem

anziehen zu laßen, und eine reiche innere Poesie nicht verkennen zu

mögen, die um so mehr durch den Misbrauch derselben im Wahn, die Fülle

an sich sei das Gesuchte, das Alleinige in der Production, beleidigt.

Wie schön ist der ganze Anfang des glücklichen Färbers, und wie hat

er ihn durch die Einmischung des ganz Fremdartigen, das er auf das

Typische der Geschichte pfropft, verwüstet!

Doch was soll dies Geschwätz vor Ihnen, mein meisterlicher Freund! wir

können es alle gar nicht erwarten, Ihre _Reisenden_ im Wendtischen

Phöbuswagen 1823 ankommen zu sehn. Wendt hat von mir eine Reihe

„Junggesellenlieder“ erhalten, die, wenn sie noch Platz fanden, Ihnen

wie ich glaube gefallen werden. Zweie darunter (es sind ihrer neun)

kennen Sie aus unseren schönen, ach ich weiß nicht warum im Beginnen

besonders schönen, Abenden. Ist Schütz noch unter Ihnen anwesend, so

erinnern Sie ihn doch ja, nebst meinem Gruß, mir wegen des in seinen

Händen gebliebenen Gedichts von mir recht bald Auskunft zu geben.

Der lieben _Feindin_, der theuern Dorothee, ihrer Mutter und

Schwester, meine freundlichsten, meine herzlichsten Grüße. Sie können

uns nicht vergeßen, wir fühlen es aus uns selbst heraus. Unser Gott mit

Ihnen, mein lieber Freund! es ist gar nicht zusammenzufaßen, wieviel

ich Ihnen danke, und wie schön es ist, daß ich Sie gefunden habe.

Briefe an Ludwig Tieck (2/4) Zweiter Band · 第 290 / 358 题