_Laußke_ bei Bautzen, 4. Juli 1821.
Schon längst, mein geliebter Freund, hätte ich Ihnen sagen sollen, wie
sehr Ihre reiche Sendung mich erfreut, und mit wie innigem Danke die
Freude mich erfüllt hat. Wir haben hier, wie am Strande des Meers,
abwechselnd Ebbe und Flut gehabt, ich meine bald tiefe Einsamkeit,
bald rauschende Geselligkeit. Daß ich während dieser nicht schrieb,
bedarf bei Ihnen, der Sie mich freundlich erkannten, wohl kaum einer
Entschuldigung; wohl aber würde sie mein Schweigen während _jener_
bedürfen, wenn die Dauer derselben länger, und die zwei theuern Gaben
von Ihnen mir zur Hand gewesen wären, die ich noch nicht gebunden
vor mir habe, und über die ich Ihnen doch gern ein Wort, als den
eigentlichen Dank, sagen wollte. Indeß gehn wir morgen auf 8 Tage zu
der Fürstin Hohenzollern nach Hohlstein, und ich muß Ihnen durchaus
zuvor dies Wörtchen des Danks zufliegen laßen. Daß Sie die herrlichen
Gedichte und die Schriften unseres Kleist sogar mit einigen Zeilen
begleiteten, setzte Ihrer Freundlichkeit in meinen Augen die Krone
auf. Ich habe durch die eben nach Löbichau reisende Herzogin von
Sagan in voriger Woche selbst an Tiedge geschrieben, um Ihre Aufträge
auszurichten und ihm die Übergabe des Exemplars von Kleist an Frau v.
der Recke anzuempfehlen. Was ich, vorkostend, von der Fortsetzung der
Vorrede zu Kleists Schriften gelesen, hat mich sehr durchdrungen, ich
rechne darunter auch die Mittheilung aus Solgers Briefe. Erst kürzlich
hatte ich den Kohlhaas gelesen und mehrere Bemerkungen gemacht, die ich
in Ihrer Beurtheilung der Kleistischen Erzählungen bestätigt fand. So
wenig das Publicum sich in die Sammlung bereits zerstreut erschienener
Novellen nach dem wahren Gesichtspunkt findet, weil es ja immer und
immer den Zweck augenblicklicher Ergötzung festhält und mit dieser
den Begriff ephemerer Dauer verbindet; so wenig, ahndet mir, wird es
Ihre Gedichtesammlung wahrhaft verstehn und es würde sie vielleicht
zu tadeln wagen, wenn Sie ihm überhaupt nicht zu unerreichbar am
Dichterhimmel ständen. O es hat Sie, es hat Göthe ja nie verstanden,
es müßte sonst anders beschaffen seyn, indeß es wäre Thorheit sich
darüber zu wundern und Thorheit zu denken, daß Sie es anders erwarten.
Wer hinanblickt, für den sind Sie da; und es blicken ja noch manche
aufwärts, -- nur bei stiller Sternennacht, einsam und doch nicht!
Unzähligemal denke ich daran, wie Sie Sich bei dem ungünstigsten aller
Sommer befinden mögen, und theils sorge ich mich darum, theils ist es
mir leid, daß meine liebe Vaterstadt Ihnen einen solchen unbehaglichen
Zustand nicht erspart. Mit mir, mein theurer Freund, werden Sie recht
zufrieden seyn müßen: denn ich schrieb die ganze Zeit gar nicht, aber
wäre es nicht beßer gewesen, da man den Sommer nicht loben konnte? Doch
diesmal sollen Selbst Sie entschuldigt seyn, nicht vor uns, sondern vor
Apoll und der Muse, wenn Sie nicht schreiben; denn so lange wir Dichter
noch Menschen sind, behaupte ich, auch der größte mußte das Joch dieses
Unwetters fühlen. Von unserem bösen holden Freunde erhielt ich --
gerade an seinem Geburtstag -- den ersten Brief seit 2 Monaten! Das
Blatt schien mir durch den Siegel (Spiegel?) der Freundschaft selbst,
zu meiner Besänftigung, bestellt zu seyn, und ich brauchte nicht Milch
statt Blut in den Adern zu haben, um ihm gleich auf der Stelle mit
frohem Herzen zu verzeihn. Im August kehrt er wieder und so ist es nun
wohl zu knapp, um die Flügel meiner Sehnsucht zuvor zu lösen. Meine
Novelle ist noch nicht da! Sie glauben aber gar nicht, was ich für
Angst habe; sie wird Ihnen gedruckt weniger gefallen, und da tröste ich
mich wieder wie ein Thörichter mit der Hoffnung, sie schon in einer
zweiten verbesserten Auflage vor mir und Ihnen zu sehn. Das Blatt ist
voll und ich habe noch so viel Grüße auszutheilen, aufzutragen, --
alles in dieser herzlichen Umarmung!
_Loeben_.