Ihr

_Loeben_.

Löwe, Ludwig.

Weshalb mag Tieck dies unbedeutende Blättchen sorgsam aufbewahrt

haben? Enthält es denn etwas weiter, als gewisse höfliche

Versicherungen eines auf Gastrollen gehenden Schauspielers, der

sich anmeldet, und um freundlichen Empfang bittet.

O doch! Es redet ja von _Liebich_, von dem Schauspieler

und Schauspieldirektor, für welchen Tieck enthusiasmirt war;

als dessen würdigsten Zögling er Ludwig Löwe betrachtete. Auch

diesem hatte er aus der Zeit seines Prager Aufenthaltes ein

liebevolles Gedächtniß bewahrt, und Löwe hatte, da er (1821) die

erste Kunstreise unternahm, solch’ nachsichtiges Wohlwollen zu

aufrichtiger Anerkennung gesteigert. Wer die Schauspielkunst liebt,

ihre Wichtigkeit für höhere poetische Zwecke erkennt und unbefangen

würdiget; wer alt genug ist, um _Ludwig Löwe_ jung gesehen und

gehört zu haben, -- der wird gern zugestehen, daß es wohl selten

einen jugendlichen Verkörperer dichterischen Lebens auf der Bühne

Deutschlands gegeben, welchem das oft verschwendete Epitheton:

„hinreißend“ mehr gebührte, als ihm. Tieck bestätigte das;

erblickte in Jenem einen Freund aus alter, besserer Theaterzeit,

dessen Zeilen ihm wie ein Gruß der Vergangenheit klangen.

_Deshalb_ hat er sie in seine Briefsammlung aufgenommen.

Deshalb auch drucken wir sie ab, damit der Name des Künstlers

in Ehren erwähnt sei, der oft und voll Begeisterung deutschen

Landsleuten Lessing, Goethe, Schiller, Kleist, Oehlenschläger,

Calderon und Shakspeare zur klarsten Anschauung gebracht.

_Wien_, d. 11ten Mai 1836.

_Hochgeehrter Herr Hofrath!_

Ihre gütigen Zeilen, welche ich durch Fräulein Bauer erhielt, haben

mich unendlich glücklich gemacht, und ich bringe Ihnen meinen innigsten

herzlichsten Dank dafür. Es war mir eine große Freude durch jenes

liebe Blatt die Überzeugung zu erhalten, daß Sie sich meiner noch aus

jener Zeit erinnern, in der ich als Anfänger den Unterricht meines

unvergeßlichen Liebich’s genoß. -- Ist als Schauspieler etwas aus

mir geworden, so danke ich es nur diesem vortrefflichen Manne, der

auch noch bey Ihnen in ehrenvollem Andenken ist. Mich führt in diesem

Sommer nach Leipzig eine Einladung auf Gastrollen, vielleicht werde

ich bey meiner Rückreise über Dresden auch auf Ihrem Theater mein

Glück versuchen; die Freundlichkeit des Herrn Emil Devrient forderte

mich dazu auf, und ich ergriff gerne die Gelegenheit, um einige Zeit

in Ihrer Nähe verweilen zu können, und Ihnen, Hochverehrter Herr

Hofrath! meine Verehrung und Bewunderung persönlich darzubringen, die

mich stets für Sie durchglüht hat. -- In der Hoffnung, daß ich bey der

Aufwartung, die ich Ihnen bald zu machen gedenke, als eine Erscheinung

aus längstvergangner Zeit, -- nicht unangenehm sein werde, schließe ich

diese Zeilen, und verharre mit der größten Hochachtung und Verehrung

als Ihr

ergebenster

_Ludwig Löwe_,

K. K. Hofschauspieler.

Ludwig, Otto.

Daß der Dichter so bedeutsamer dramatischer und epischer Werke

als: der Erbförster -- Die Makkabäer -- Zwischen Himmel und Erde

-- Thüringer Naturen &c. sich zuerst an _Tieck_ gewendet und

Ursache gefunden hat, ihm zu sagen, was er ihm in diesem Schreiben

so schön sagt, kann als schlagende Erwiderung gegen den ungerechten

Vorwurf gelten, der sich öfters erhob: der alte Meister habe junge

Gesellen zurückstoßend empfangen und von der neuen Zeit sich

hochmüthig abgewendet. Es bewährt sich auch hier, was Alle die ihm

näher gestanden aus Erfahrung wissen, daß er jedwedem Vertrauen

liebevoll entgegen kam, und sich an jeglichem Talente väterlich

erfreute.

Am dreißigsten August 1844.

_Hochgeehrtester Herr geheimer Hofrath!_

Ihr gütiges Urtheil über meinen Engel von Augsburg und Hanns Frei hat

mir Muth und Kraft gegeben. Den Tadel, den Sie darin aussprachen, hatt’

ich erwartet, grade so, wie Sie ihn aussprachen, nur nicht so mild, und

so konnt’ ich mich doppelt über ihn freuen, da er mich Vertrauen zu

der Richtigkeit meines Gefühles gewinnen lehrte. Wie dank’ ich Ihnen

den Tadel! Was ich nicht recht gemacht habe, wollt’ ich ja wißen,

deßhalb wandte ich mich an Sie. Ich weiß nur zu gut, wie schwer es ist,

das Tüchtige in einer Kunst zu leisten; ich weiß, wie wenig ich noch

leisten kann, aber ich will ja eben lernen, Tüchtiges zu leisten. Daß

ich dies aber für erreichbar halten dürfe, den Glauben hat mir Ihre

Meinung von meinem Talente gegeben, an dem ich bis zur Muthlosigkeit

zweifelte. So hab’ ich bei Ihnen gefunden, was ich bei Ihnen suchte und

was nur Sie mir geben konnten, Belehrung und Ermuthigung in solchem

Grade. Ihr Brief ist mir ein Talisman, zu dem ich mich flüchte; sobald

Eitelkeit zur Überhebung mich kitzelt oder Zweifel niederzieh’n will

zur Muthlosigkeit. Dazu Ihre freundliche Erlaubniß, komme ich nach

Berlin, Sie sehen zu dürfen, die einem sehnlichen Wunsche von mir

entgegen kommt, der wenig jünger ist, als ich selbst. Und für Alles das

weiß ich Ihnen nicht anders zu danken, als dadurch, daß ich selbst Ihr

Werk in mir nach Kräften zu fördern suche.

Wie soll ich’s nun entschuldigen, daß ich Ihnen eine neue Anmuthung

mache, indem ich beifolgende Novelle Ihnen zusende? Was nicht zu

entschuldigen ist, soll man nicht entschuldigen wollen. Ich will dies

Ihrer eigenen Güte überlaßen, zu der ich mehr Vertrauen habe als zu

meiner Kunst.

Ich weiß, daß ich zuviel verlange; ist es Ihnen bei Ihrer Überhäufung

mit Geschäften zu beschwerlich, so senden Sie mir sie ungelesen

zurück. Sie ist aus der Anekdote von dem reichen jungen Voigtländer

Leinwandhändler entstanden, den die Wirthstochter, in dem Gemache,

durch welches er in das seine geführt wird, scheintodt aufgebahrt zur

Leidenschaft und zu dem unnatürlichen Vergehen verlockt, zufolge deßen

er, wie er nach Jahren hier wieder einkehrt, die Begrabengeglaubte als

Mutter wiederfindet, die den Vater ihres Kindes nicht zu nennen weiß.

Ich habe sie mehren Buchhändlern, ohne Honorar zu verlangen, angeboten,

aber vergeblich. Und doch, mein’ ich, wird jährlich so manches noch

Unvollkommnere gedruckt.

Briefe an Ludwig Tieck (2/4) Zweiter Band · 第 291 / 358 题