II.

_Leipzig_, 9. Novbr. 1842.

Ihr Erkranken, hochgeehrter Herr, hat uns in große Bestürzung und

Besorgniß versetzt. Möchten Sie diese Zeilen zunächst als einen

Ausdruck herzlicher Theilnahme und herzlicher Wünsche für Ihr Wohl

ansehn, und die literarische Behelligung, welche folgt, nur als

untergeordnete Veranlassung betrachten.

Hoffentlich ist Ihnen letztere doch von einigem Interesse, auch wenn

Sie meine damit zusammenhängende Bitte abweisen müßten.

Ich habe nämlich vor, aus der eleganten Zeitung, die ich von Neujahr

wieder übernehme, ein Journal zu machen, welches sich entschieden von

der herrschenden Phraseologie abwenden, und sich der Förderung einer

von politischen Sympathieen unabhängigen schönwissenschaftlichen

Production widmen soll. Die Tagesmaaßstäbe, die Einmischung aller

möglichen vorübergehenden Ansprüche an literarische Schöpfung richten

uns die schöpferische Literatur zu Grunde.

Dagegen will ich nicht nur kritisch ankämpfen -- denn mit Theorie

dringt man im jetzigen Lärmen aller ersinnlichen Theorien nicht durch

-- sondern ich will durch die That die Aufmerksamkeit der Nation wieder

zu sammeln suchen. Das heißt: ich will nur von zweifellosen und sich

zweifellos ankündigenden Talenten Erzählungen und Beiträge aufnehmen,

und solcherweise einen abgeschlossenen Mittelpunkt bilden. Die Noth ist

einleuchtend, und die freilich geringe Zahl unzweifelhafter Talente

unterstützt mich.

Es würde uns übel anstehn, wenn wir Ihre Hilfe nicht in Anspruch

nähmen. Möchten Sie Willens und im Stande sein, mir einen Beitrag zu

gewähren. Je bedrohter Ihre körperliche Existenz zu sein scheint,

desto wünschenswerther wird es uns, daß Sie zum Beispiele Ihr Leben

ausführlich beschrieben. Einzelne Abschnitte daraus, Berliner Jugend,

Jena, Reisen, wären uns, wenn auch nur skizzirt, ein Schatz, und was

Sie davon in dem Journale veröffentlichen, thäte dem gesammelten Buche

keinen Eintrag, wäre aber dem Zwecke des Journals, der Ihnen sicherlich

genehm ist, eine unschätzbare Lebenskraft.

Seien Sie, ich bitte sehr, von der Freundlichkeit, dies wohlwollend

in’s Auge zu fassen.

Durch Ihre Theilnahme an „Rokoko“ aufgemuntert, werde ich mir erlauben,

Ihnen den nächster Tage zur Versendung fertigen Roman von mir „Gräfin

Chateaubriant“ zu überreichen. Vielleicht lesen Sie ihn, und vielleicht

gefällt Ihnen Einiges von diesem aus dem Torso eines Stücks (Drama’s)

ausgearbeiteten Romans. Die fünf Bücher darin waren die fünf Akte; ich

wollte, es wäre eine Art „griechischen Kaiser’s“ daraus geworden.

Rokoko hat in Stuttgart, Cassel, (dort am Meisten) Mannheim gutes

Glück gemacht, und jedesmal bei der ersten Aufführung zu ungetheiltem

Beifalle überwältigt. Hinterher zeigt sich unser Publicum immer in

seiner Eigenschaft wunderlichen Tugendverlangnisses, und beschwert

sich, daß lauter „Hallunke“ (Mannheimsch) drinn seien. Ich habe

Lust, für die Berliner Aufführung dem Chevalier (der Liebhaber)

als Repräsentanten besserer Jugend noch einige Äußerungen der

Uneigennützigkeit anzuheften, weil dies dem Stück unbeschadet geschehen

kann, und dem Geschwätze einen Vorwand nimmt. Gestrichen hatte ich zu

Ihrer Unzufriedenheit und zu meiner Qual, weil unsere Schauspieler zu

langsam sprechen; in Berlin kann ich vielleicht die Striche aufheben,

aber leider zögert Herr v. Küstner auf unbegreifliche Weise mit der

Inscenesetzung. Ihnen von Herzen Gesundheit wünschend empfehle ich mich

Ihrem Wohlwollen als Ihr ergebenster

_Laube_.

Briefe an Ludwig Tieck (2/4) Zweiter Band · 第 244 / 358 题