_Leipzig_, Sylvesterabend.
Erlauben Sie, hochgeehrter Herr, daß ich Ihnen, glückwünschend zum
neuen Jahre, meine Freude ausdrücke über das nachsichtige Urtheil,
welches Sie meinem Rokoko haben angedeihen lassen. Möchten Sie ihm
auch zum Geleit auf die Bühne Ihre hilfreiche Hand nicht versagen,
und den von Ihnen weniger günstig angesehenen Monaldeschi an solcher
Hilfe Theil nehmen lassen. Vielleicht gelänge es mir häufiger, mit
dramatischer Arbeit Ihren Beifall zu gewinnen, wenn wir einen großen
Mißstand mit unserm Publicum besiegt hätten. Und der ist nur langsam zu
besiegen: unser Lese-Publikum und unser Schau-Publikum sind himmelweit
von einander verschieden, und das letztere verlangt grobe Striche, um
gereizt zu werden. In den Theaterleitungen ist nicht Fleiß und Energie
genug, um einen Unterschied, der theilweise in der verschiedenen
Form begründet ist und immer bestehen wird, durch scharfe und exacte
Darstellung zu vermitteln und durch ein konsequentes System in der Wahl
auszugleichen. So müssen wir, die wir auf den Brettern Platz greifen
wollen, nach zweifacher Front hin fechten: nach unserm Lesepublicum
mit feinern Interessen, und nach dem Schaupublicum mit stärkeren
Mitteln. Hoffentlich giebt die Übung den Takt, der uns dann vor dem
Schlendrian bewahren möge. Aufgeführt zu werden ist aber allerdings
die unerläßliche Hilfe. Mann sieht erst dann, wo es fehlt. Nach bloßem
Vorlesen hab’ ich Monaldeschi um ein Viertheil gestrichen, und auch
in Rokoko kleine Breiten ausgemerzt, obwohl es bei diesem, welches
sich enger und besser um seinen Mittelpunkt bewegt, viel schwieriger
wird. Ich weiß nicht, zu welchem Resultate Sie bei Ihrer fast gleichen
Vorliebe für Shakespeare und die antike Tragödie gekommen sein mögen
im Betreff des Wunsches nach Einheit in Zeit und Raum. Ich habe in der
Praxis unabweisbar gefunden, daß die Wirkung wie die eines Schusses in
geometrischer Progression steigt, auf je geringeren Raum die Handlung
zusammengedrängt wird, und ich halte es für einen unmittelbaren
Nachtheil, daß gerade die derartige Ausschweifung in Shakespeare
_nachgeahmt_ wird. Dies eben macht meines Erachtens so viele
Talente unpraktisch, das ist in diesem Falle unwirksam. Die antike
Einheit auf Kosten aller Wahrscheinlichkeit hilft uns da freilich auch
nicht viel, aber so viel mir im Augenblicke gegenwärtig, sind die
spanischen Mantel- und Degen-Stücke eine vortreffliche Schule. Ich
weiß nicht, ob Sie diese Rücksicht überhaupt eine pedantische schelten
werden, mir ist sie eine ebenso künstlerisch nothwendige ge -- -- -- --
(Schluß fehlt.)