treuer Verehrer
_Koberstein_.
Mein Herz ist immer und unwandelbar bei Ihnen und Ihren Lieben.
Lina.
~NS.~ Sollten Sie die Leipziger Allgem. Zeitung nicht lesen, oder
das Blatt vielleicht übersehen haben, so verschaffen Sie sich doch die
Beilage des Stücks vom 9. oder 10. Nvbr. Darin steht ein Artikel aus
Berlin, der eins der unzweideutigsten Zeugnisse davon ablegt, wie viel
wir bereits in der Barbarei vorgeschritten sind. In vollem Ernst heißt
es daselbst: Ihre Genoveva und Ihr Phantasus hätten in Vergessenheit
sinken müssen sammt Allem, was die romantische Schule geschaffen,
von dem Augenblick an, wo die echte vaterländische Poesie eines
Wil. Alexis’ Cabanis aufgetaucht sei, an den sich dann als weitere
Manifestationen dieses echt vaterländischen Geistes der Eckensteher
Nante, Glasbrenners Darstellungen des Berliner Volkslebens und anderes
der Art angeschlossen hätten. Das klingt toll: ich finde darin aber nur
die nothwendigen Consequenzen der Lehren unserer neuen Philosophen.
Köchy, Karl.
Es ist eine poetisch-jugendliche, für aufstrebende Talente
hoffnungsreiche Zeit gewesen, da noch wenig Verkehr von einem
Ort zum andern auf schlechten Straßen existirte; da auch in
größeren Städten Wandertruppen wechselten; da der Mangel an
Manuscripten reisende Unternehmer veranlaßte, sogenannte
„Theater-Dichter“ anzustellen, welche ihr Repertoir mit neuen,
oder umgearbeiteten älteren Stücken versahen, und zugleich den
Platz eines dramaturgischen Berathers ausfüllten. Damals fanden
junge Männer von Geist, Wissen, Erziehung, deren Seele theaterkrank
war, ohne daß sie für ihre Person den Trieb gefühlt hätten selbst
als Darsteller aufzutreten, immer noch, wo sie ihr Haupt auf ein
Weilchen niederlegen mochten, und brauchten darum nicht dem Wesen
und resp. Unwesen der Coulissenwelt mit Haut und Haar zu verfallen.
-- Man denke nur an Zschokke: an Abällino, Zaubrerin Sidonia --
an dessen spätere Werke! Mit Chausseen, guten Postverbindungen,
stehenden Bühnen, Gastrollen, kurz mit Allem was die neuere Zeit an
Verbesserungen und Verschlimmerungen (erstere für’s Leben, letztere
für die Kunst) gefördert, verflachten sich poetische Träume in
reale Prosa. Das haben diejenigen empfunden, deren Sehnsucht sie
um ein halbes Jahrhundert zu spät auf Lessings Spuren trieb. Auch
Köchy hat es in Mainz (siehe den 2. Brief) empfinden und erfahren
müssen. Glücklich genug, daß ihm in Braunschweig eine sichere
Anstellung als Intendanturrath des Hoftheaters zu Theil wurde.
-- Tieck schätzte in ihm den feinen, liebenswerthen Menschen,
den ursprünglichen Poeten; wie seine (Tiecks) Dresdener Gönnerin
und Freundin ~par excellence~ sich in einem französischen
Schreiben an eine in Berlin lebende Jugendgenossin äußerte: „~il
en fait grand cas~.“ Und das mit vollem Rechte. Karl Köchy
ist ein wahrer Dichter; er ist es für Jeden, der ihn und seine
Dichtungen kennt. Daß dieser Kreis nicht größer wurde, mag wohl
an ungünstigen Umständen liegen; doch liegt es auch an und in
_ihm_. Er ließ es von jeher an sich kommen. Er verschmähte in
vornehmer Bequemlichkeit jenes „Klimpern,“ welches heutigen Tages
nicht allein „zum Handwerk“ gehört, sondern leider auch zu der
Kunst.
Eine der lieblichsten Blüthen neuerer Lyrik hat Köchy gespendet in
dem Büchlein: Garten, Flur und Wald (Berlin 1854).