I.

_Braunschweig_, d. 15ten Dec. 1827.

_Verehrtester Herr_,

Unsere Correspondenz ist sehr früh und auf lange Zeit unterbrochen

worden; die Geschäfte, die mir mein bürgerliches Amt giebt, und zum

Überfluß Krankheit führten mich bald nachdem ich Ihre gütige Antwort

erhalten hatte, von Literatur und Poesie ab. Vielleicht mußte auch

manches in mir erst zur Auflösung und Entwicklung kommen, damit ich

die Heiterkeit wieder gewönne, ohne die uns die Kunst den Eintritt

in ihr Geheimniß zu versagen scheint. Das, hoffe ich, wird mich

bei Ihnen entschuldigen, wird mich rechtfertigen, als ob ich Ihre

Freundlichkeit nicht in ihrem ganzen Werth empfunden hätte. Ich habe

in diesem Jahre einige neue Theaterstücke, ein Schauspiel und zwei

Lustspiele, ein Paar Novellen u. a. m. geschrieben. So sehr ich mich

dieser Fruchtbarkeit freuen kann, und eine gewisse Munterkeit meiner

Geisteskräfte alles in mir schnell emportreibt, so bin ich doch mit

diesen Arbeiten nichts weniger als zufrieden. Sie erhalten sie wohl

ein ander Mal zur Durchsicht, wenn Sie nicht gleichgültig geworden,

und das Vertrauen zu meinem Talent verloren haben. Ich überweise Ihnen

einstweilen nur die ersten Nummern der Horen, einer Zeitschrift, die

ich von 1828 an redigiren werde. Finden Sie den Geist und das Streben,

die sich in der Vorrede und den wenigen bis jetzt gedruckten und noch

nicht beschlossenen Mittheilungen ankündigen, Ihrer Achtung werth, so

bitte ich Sie recht herzlich, die Unternehmung durch Ihren Ruf und Ihre

große Bekanntschaft zu fördern. Das Schicksal der Zeitschrift hängt von

ihrer ersten Aufnahme ab, und schon muß ich von einem Angriff Müllner’s

hören, der sie in der Geburt sogleich tödten soll. Es wird mir aber

eine Quelle des Muths und der Begeisterung werden, wenn ich die edleren

Männer der Nation mir gewogen weiß, und wenn ich die Überzeugung habe,

daß ich meine Kräfte nicht an einen bloßem Versuch verliere.

Briefe an Ludwig Tieck (2/4) Zweiter Band · 第 218 / 358 题