ganz ergebenster
_C. Eduard Albanus_.
Koberstein, A.
Professor am alt-ehrwürdigen Gymnasium zu Schulpforta,
hochbegabter, geistreicher und gründlicher Gelehrter. Sein
Hauptwerk: „Grundriß der deutschen National-Litteratur“
gilt bei allen Kennern für eines der umfassendsten und
wissenschaftlich-bedeutendsten in diesem Fache. Was er als
_Lehrer_ thut, verkünden seine dankbaren Schüler mit lautem
Munde aller Orten. Wir haben aus mehreren Briefen von seiner
Hand gerade diesen ausgewählt, weil er den ganzen Charakter des
vortrefflichen Mannes so schön und vollständig zur Anschauung
bringt.
Seiner Notiz, die Erwähnung des _Cabanis_ von W. Alexis in
einem Zeitungs-Artikel betreffend, möchten wir unsererseits die
Anmerkung beifügen, daß von einer _solchen_ Zusammenstellung
jenes Buches mit dem „Phantasus“ Niemand schmerzlicher betroffen
gewesen sein kann, als Wil. Alexis, Tiecks anhänglicher Schüler und
Verehrer.
_Pforta_, d. 14. Novbr. 1839
_Höchstverehrter Herr Hofrath!_
Mehr als ein Vierteljahr ist seit meiner Abreise von Dresden vergangen,
und noch immer haben Sie kein Wort des Dankes von mir für die überaus
große Güte und Freundlichkeit vernommen, die ich wieder bei Ihnen
gefunden. Schreiben Sie dieß nicht einem Mangel an gutem Willen zu.
Gott weiß, wie mein Herz an Ihnen hängt, und wie kein Tag vergeht,
an dem ich Ihrer nicht in innigster Verehrung und, warum soll ich es
nicht sagen, in kindlicher Liebe gedenke, sei es für mich allein, sei
es im Gespräch mit meiner Frau. Und da hat es mich denn oft gedrängt,
mich gegen Sie auszusprechen und Ihnen für die unvergeßlichen Stunden
zu danken, die Sie gütig genug waren, mir, wie früher so auch diesen
Sommer wieder zu bieten. Allein wie oft müssen wir uns das versagen,
wozu das Herz uns zieht! In den ersten Wochen nach meiner Rückkehr
wartete ich auf das Buch, welches mir mein Freund v. Mühlenfels zur
Übersendung an Sie einzuhändigen versprochen hatte und das er erst
aus England mußte kommen lassen. Dann brach eine solche Fluth von
Amtsgeschäften und Störungen aller Art auf mich ein, daß ich bis vor
wenigen Tagen nur selten Herr einer Stunde gewesen bin. Jetzt aber,
wo ich wenigstens auf eine kurze Zeit freier athmen kann, will ich
auch nicht länger säumen, mich einmal wieder in Gedanken ganz zu Ihnen
zu versetzen und zu thun, als säße ich Ihnen gegenüber und hätte die
Erlaubniß, mich frei gegen Sie auszusprechen. Ich weiß wohl, wie
unendlich gering der Gehalt dessen immer gewesen ist, womit ich Ihre
goldenen Worte einzutauschen gesucht habe; aber ich müßte Sie gar
nicht kennen, wenn ich nicht glauben sollte, daß es Ihnen doch auch
etwas gilt, wenn Sie in ein volles Herz schauen können, das Ihnen so
aufrichtig ergeben ist und das aus Ihren Worten, aus Ihren Schriften
die schönste Nahrung zu ziehen sich nun schon so lange gewöhnt hat.
Gegen keinen Mann, so viele ich deren auch kennen gelernt habe, ist
mein Vertrauen aber je so groß gewesen, gegen keinen habe ich mich so
ganz rückhaltslos über die tiefsten und heiligsten Bedürfnisse meines
Innern, über das, was mich freudig und schmerzlich bewegt, aussprechen
mögen, wie gegen Sie. Leider hat mir die Sprache nie in dem Maße zu
Gebote gestanden, daß ich Ihnen Alles hätte sagen können, was in mir
vorging, wenn ich mich in Ihrer Nähe befand; doch Sie werden es schon
herausgefühlt haben, was ich empfand und sagen wollte.
Den letzten Abend in Dresden brachte ich im Theater zu. Man gab die
Geschwister von Raupach, wie es mir schien viel besser, als es das
unsittliche Stück verdiente. Ich glaubte Sie öfter durch die Gitter
einer kleinen Loge neben dem Theater zu erkennen; nach der Vorstellung
sah ich beim Heraustreten aus dem Hause eine Sänfte dem Schlosse
zu tragen; ich vermuthete Sie darin, eilte nach, um Ihnen nochmals
Lebewohl zu sagen, aber die Träger waren zu schnell, und ich mußte mit
meinem kleinen Begleiter betrübt in den Gasthof wandern. Am nächsten
Morgen kam ich bei Zeiten in Leipzig an; von da ging es langsam mit
einem Lohnkutscher nach Naumburg. Aber noch ehe ich es erreichte,
gleich diesseits Weißenfels, erfaßte uns ein Gewitter und Regen, wie
ich beides noch nie erlebt. Rechts und links sahen wir die Blitze
einschlagen, der Sturm brach die Bäume an der Straße wie kleine Gerten
und das Wasser schoß, wo der Weg sich aus der Tiefe in die Höhe zog,
in Strömen entgegen. Dabei konnte ich mir nicht verbergen, daß die
allergrößte Gewalt des Unwetters über unser Thal eingebrochen sein
müßte: die Sorge um die Meinigen war groß, und Sie können sich denken,
daß der Augenblick des Wiedersehns, der erst spät Abends eintrat, um
so beglückender für mich war, als Frau und Kinder den Nachmittag in
Kösen zugebracht hatten, wo ganz in ihrer Nähe der Blitz ein Haus, in
welchem sich die Badegäste zu versammeln pflegen und worin die Meinigen
leicht hätten sein können, in Brand gesetzt hatte. Zum Glück für meine
Frau hatte sie mich den Tag noch nicht erwartet, sonst würde sie in
Todesangst um mich gewesen sein.
Seitdem hat sich das Leben denn so in gewohnter Weise abgesponnen. Nur
Zweierlei Bedeutendes ist mir in diesen letzten Monaten begegnet. Das
erste war der Besuch des Geh. Rath Heß aus Darmstadt, der über Naumburg
nach Dresden ging, wo er Sie aufgesucht haben wird, die schönsten Grüße
von uns mitbringend, wenn er sein Wort gehalten hat. Er war leider nur
ungefähr eine Stunde in Pforta, aber ich habe hier nicht leicht eine
genußreichere verlebt, so klug, so verständig sprach er und so wurde
es einem ums Herz, als er auf unsre öffentlichen und literarischen
Zustände die Rede lenkte. Es sollte mich recht betrüben, wenn ich
mich in ihm geirrt hätte: in der kurzen Zeit, die er in meinem Hause
verweilte, schien er mir ein Mann zu sein, dessen Gleichen man jetzt
nicht auf allen Wegen findet. Das andre war der Feier zum Andenken der
vor hundert Jahren erfolgten Aufnahme Klopstocks in unsere Schule,
die wir gestern vor acht Tagen begangen haben. Sie erinnern sich, wie
viel ich Ihnen über die Schlaffheit unsrer Jugend, über den gänzlichen
Mangel an Enthusiasmus und Schwung in ihr vorgeklagt habe. Ich glaubte,
daß sich hier eine Gelegenheit darböte, ihr wieder einmal ans Herz zu
klopfen und brachte diese Feier in Anregung, die in der Weise statt
fand, wie Sie es in dem der Mühlenfelsschen Schrift von mir beigegebnen
Programm lesen können. Es war wirklich etwas Erhebendes in dem Ganzen.
Die Primaner hatten sich fast alle in deutschen und lateinischen
Gedichten versucht, wovon die besten zum Vortrage auserlesen wurden,
wobei sich denn wunderlich genug ereignete, daß alle deutschen, zum
Theil recht guten Gedichte, in Formen gekleidet waren, die der selige
Herr sehr verabscheut haben würde: Terzinen, Octaven, assonierende
Trochäen, Sonette &c. Ich hatte das Mögliche aufgeboten, in meiner Rede
Klopstock in seiner Einwirkung auf die Poesie unsers Volkes in der Zeit
von 1748 bis 1773 zu lebendiger Anschauung zu bringen. Sie wissen,
daß ich eben keinen hohen Begriff von seinem absoluten poetischen
Werthe habe; aber ich glaube, daß Sie es beifällig aufnehmen werden,
wenn ich meine Überzeugung dahin ausspreche: er habe zu seiner Zeit
nächst Lessing doch das Meiste gethan, unsre Poesie aus dem Sande
und Schlamm herauszuheben, in welchem sie lange Zeit ein klägliches
Dasein gefristet hatte. Ich habe in dieser Rede wirklich mit Liebe
gearbeitet. Klopstocks Größe erschien mir wahrhaft Ehrfurcht gebietend,
wenn ich den Blick von ihm auf die Geister lenkte, die heutiges Tages
die Meister spielen und den Markt beherrschen. Es schien auch, als
hätte ich nicht ganz umsonst gesprochen. Mittags hatten wir Lehrer
und Beamten der Schule mit einer Anzahl geladener Gäste aus Naumburg
uns zu einem Festmahle vereinigt, bei dem es so froh zuging und ein
so frisches Leben herrschte, wie ich es hier nie erlebt habe. Unter
den vielen Toasts wurde von Mühlenfels, der mir darin zuvorkam, unter
lautem Jubel der Ihrige als des ersten und größten Meisters der
Gegenwart ausgebracht. Ich gedachte dann in wenigen Worten unsers
großen Lessing, gegen den ich, je mehr ich mich mit ihm vertraut mache,
mit um so größerer Ehrfurcht erfüllt werde. Doch genug von diesem
Feste; eine länger ausgesponnene Beschreibung dürfte Sie nur langweilen.
Wir haben vor Kurzem einen uns sehr nahe gehenden Verlust erlitten.
Ein Assessor beim O. L. Gericht in Naumburg, Gottheimer, ein
geistvoller Mann und ausgezeichneter Jurist ist als Rath an’s
Kammergericht versetzt und hat uns vor vierzehn Tagen verlassen; seine
liebenswürdige, für alles Schöne höchst empfängliche Frau folgt ihm
binnen Kurzem. Dieß waren die letzten Jahre hier unsere liebsten und
nächsten Bekannten. Mit ihnen gehen die beiden einzigen Menschen aus
Naumburg fort, die sich frei von den abscheulichen und wüsten Ansichten
zu erhalten suchten, die jetzt immer mehr über Kunst, Litteratur, Leben
und alles, was diesem einen höhern Gehalt verleiht, zur Herrschaft
gelangen. Es ist doch recht traurig, daß man sich immer vereinsamter
fühlen lernt. Was muß ich hier in der sogenannt besten Gesellschaft
alles hören! Ich komme immer mehr zu dem Glauben, daß dem Menschen
nicht fünf, sondern sechs Organe von Gott gegeben sind: das sechste
befähigt uns die Schönheit zu empfinden und in unser Bewußtsein
aufzunehmen. Dieses Organ ist aber bei den meisten Menschen durch
mancherlei künstliche Mittel in unsrer jetzigen Zeit entweder ganz
zerstört oder bis zur Unempfindlichkeit abgestumpft worden, und daher
erkläre ich mir, daß sonst ganz verständige und einsichtsvolle Menschen
von dem wahrhaft Schönen nichts wissen wollen, und für das Unschöne,
Gemeine, Niedrige oder Fratzenhafte schwärmen können. Wenn ich mitunter
Urtheile über unsere Dichter, über Shakspeare, Cervantes und andere
Heroen der Dichtkunst hören muß, die mich zur Verzweiflung an der
ganzen Zeit und an unserm ganzen Volk treiben wollen, so bleibt mir nur
ein Trost und das ist das Bewußtsein, daß Sie uns noch angehören und
nach Gottes gnädiger Fügung uns noch lange angehören sollen. Ich fühle
dann immer das Weh gelindert, das mein Herz zusammenpreßt, und kann
wieder mit unbefangenem Sinne die großen Dichter lesen, an denen ich
bei dieser babylonischen Verwirrung irre werden könnte, fände ich nicht
in Ihren Schriften, Ihren mir unvergeßlichen Worten die Zuversicht, daß
ich mich jenen Meistern unbedingt hingeben darf.
Gestern habe ich eine recht herzliche Freude gehabt, als ich auf einige
Augenblicke den vierten Band von Immermanns Münchhausen in die Hand
bekam. Ich konnte nur ganz flüchtig die Zueignung an Sie durchlaufen,
aber ich fühlte mich durch diese Worte erquickt, da sie Zeugniß von
einem Geiste ablegten, der Sie erkannt hat. Ich werde erst in einigen
Tagen diesen und den dritten Theil des Buchs erhalten, worauf ich
mich nach dem, was mir die ersten geboten und was mir Frau Gottheimer
von diesen beiden letzten gesagt hat, recht herzlich freue. Ich hatte
gehofft, Immermanns Bekanntschaft vor einigen Wochen zu machen, da ihn
einer meiner Collegen, sein alter Bekannter, auf seiner Rückreise nach
Düsseldorf erwartete; aber er ist an uns vorübergereist.
Mit recht großer Sehnsucht sehen wir dem Erscheinen Ihrer neuen,
bereits angekündigten Novellen entgegen. Es ist immer ein Fest in
unserm Hause, wenn der Buchhändler etwas schickt, das von Ihnen kommt.
Sie mögen einsichtsvollere, tiefsinnigere Verehrer Ihrer Schriften
haben, als uns; wärmere und treuere gewiß nicht. Ich werde den schönen
Sommertag nie vergessen, an dem ich 1819 zu Berlin zum ersten Male Ihre
Genoveva las. Es war das erste Buch von Ihnen, das ich kennen lernte,
und die Wirkung, die es in mir hervorbrachte war unbeschreiblich und
entscheidend für mein ganzes inneres Leben. Kurz vorher hatte ich die
Nibelungen auch zum ersten Male gelesen. In ihnen athmete ich eine
neue Welt, die wahre deutsche Natur, insofern sie durch das Gedicht
uns offenbar wird; Ihre Genoveva riß wie einen Schleier von meiner
Seele fort, ich fing an zu begreifen, was mir die Nibelungen, was mir
die deutsche Poesie, sofern sie in unsrer Vorzeit wurzelt, aus ihr
erwachsen ist und in neuerer Zeit wieder Blüthe getrieben hat, werden
könnte und warf mich nun mit dem vollen Feuer der Jugend unserem
dichterischen Alterthum in die Arme. Und das ist mir immer als das
Höchste und Herrlichste an Ihnen, verehrter Mann, erschienen, daß
Sie so durchaus nur _deutscher_ Dichter haben sein wollen und
sind, und daß Sie, was unserm Göthe leider nicht nachgerühmt werden
kann, das Vaterland so warm im Herzen getragen haben. Darum glaube ich
auch fest und inniglich, daß wenn die Stunde unsers Volks noch nicht
geschlagen hat, was Gott verhüte, und wenn es sich der gegenwärtigen
Trübsal und Wirrniß wieder entwindet, in Deutschland die Überzeugung
immer tiefere und breitere Wurzeln schlagen und treiben wird, daß Göthe
und _Sie_ die beiden Gipfel unserer neueren Poesie sind und nicht
Göthe und _Schiller_, dessen jetzige abgöttische Verehrung spätere
Geschlechter mit gesunderem Sinne kaum werden begreifen können.
Doch ich muß schließen und Sie nur bitten, mir nicht zu zürnen, daß ich
schon soviel und ziemlich bunt durcheinander geschrieben habe. Meine
Frau grüßt Sie allerschönstens und empfiehlt sich mit mir der Frau
Gräfin und Ihren Fräulein Töchtern ganz gehorsamst. Sie wird nächstens
auch an Fräulein Dorothea schreiben. Gott erhalte Sie gesund und uns
noch recht, recht lange am Leben. Von ganzem Herzen