wo wir übernachteten. Wir waren nun wieder in nächster Nähe des Nils
und mussten unser Lager durch grosse Feuer vor etwaigen Besuchen der
zum Wasser streifenden Elefantenherden schützen. Trotzdem hörten wir
gegen zwei Uhr nachts deutlich das Brechen und Knacken der Aeste, die
die Elefanten auf ihrem Wege abstreiften.
Von Gondokoro trennten uns neun Meilen. Da wir dort noch vormittags
unsere Zelte aufschlagen wollten, verliessen wir Ibrahim zeitlich
morgens. Nach einigen Dörfern, die wir passierten und in denen trotz
der frühen Morgenstunde bei Trommelbegleitung getanzt wurde, führte
das letzte Stück der breiten Strasse von Nimule durch vollständig
ebenes Terrain, so dass wir schon aus weiter Ferne die Blechdächer
der Regierungsgebäude von Gondokoro im Sonnenschein blitzen sahen.
Zu beiden Seiten der Strasse standen viele neugierige Eingeborene,
und unser Einmarsch -- der letzte auf dieser langen, schönen,
unvergesslichen Reise -- vollzog sich in tadelloser militärischer
Ordnung. Wir marschierten zunächst zum kleinen Postgebäude, wo
mich eine Unmenge von Briefen erwartete, und dann weiter zum
Regierungsamtshaus. Die Askari von Gondokoro traten ins Gewehr, und
der Vertreter Mr. Weatherheads -- er selbst war gerade auf einer
Dienstreise -- empfing uns und wies uns den Lagerplatz für die Träger
sowie einen kleinen Steinbau mit zwei Zimmern als Schlafstätte für
uns Europäer an. Das kleine Haus überliess ich dem kranken Schwarzer,
während ich und Storch in unseren Zelten schliefen. Das ganze
Gepäck wurde zwischen den Zelten auf grossen, untergelegten Steinen
aufgestapelt, da es hier sehr viele Termiten gibt und wir nicht zum
zweiten Male mit ihnen böse Erfahrungen machen wollten. Bei uns blieben
nur die Boys und Küchenleute, die Träger erhielten ihr Lager unter
Führung des Heatmans in ziemlicher Entfernung von uns angewiesen. Mr.
Grogan, der gleichzeitig mit uns in Gondokoro ankam, schlug sein Lager
neben mir auf, und wir nahmen unsere Mahlzeiten gemeinschaftlich,
wodurch meine Kost eine ausserordentliche Verbesserung erfuhr, denn Mr.
Grogan hatte einen ganz vorzüglichen Koch. (Tafel 62).
Gondokoro, der nördlichste Ort Ugandas, am rechten Ufer des Nils
gelegen, ist eine kleine, aber wichtige englische Niederlassung, die
aus dem Regierungshaus, dem Wohnhaus des Distrikts-Adjunkten und dem
Postgebäude, alles Parterre-Häuser, die aus Ziegeln gebaut und mit
Gras oder Wellblech abgedeckt sind, aus einigen Askari-Hütten und zwei
indischen Kaufläden besteht. Die Postverbindung wird durch die zweimal
im Monat verkehrenden Nildampfer besorgt. Telegraph gibt es noch
keinen, jedoch ist die Verbindung geplant. Das wenige Stunden südlicher
gelegene Rejaf, am linken Nil-Ufer im Ladogebiet des Sudan, hat
telegraphische Verbindung über Khartum, Nimule besitzt hingegen eine
solche mit Europa über Entebbe und Mombassa.
Es fehlt daher noch die Verbindung Rejaf-Nimule, die demnächst
hergestellt werden soll.
_AUFLÖSUNG DER KARAWANE._
_Abfertigung der Träger / Aufgegebene Jagdpläne und Entschluss zur
Heimreise / Verkauf der Ausrüstungsgegenstände / Unsere Träger in
Salonrock und Schlapphüten / Der Zauber der europäischen Kleider /
Ankunft des Nildampfers und Abfahrt._
In Gondokoro stand mir nun die langwierige Arbeit bevor, die Karawane
aufzulösen. Die Heatmans, Boys, Träger und die beiden einheimischen
Präparatoren mussten abgefertigt und ihr Lohn vom Tage der Aufnahme
bis zu ihrer Ankunft in der Heimat und ausserdem auch der Fahrpreis
bis dorthin genau berechnet werden. Einige ausgewählte Träger, die
Boys, der Koch und die beiden Präparatoren sollten mich noch auf einem
kleinen Jagdausflug in das Gebiet östlich von Gondokoro begleiten,
sowie später in das Reservatgebiet des Sudan, in dem mir durch eine
Spezialerlaubnis die Jagd gestattet wurde, doch machte ich die
Ausführung dieser Pläne vom Befinden Dr. Stiglers abhängig, der dann
in Khartum auf meine Rückkehr aus den Jagdgebieten warten wollte. Ich
schickte noch am selben Tag einen Renner nach Rejaf, dem ich die Post
für Dr. Stigler mitgab und der mir Nachricht über dessen Befinden
bringen sollte. Im Lager waren noch viele Anordnungen zu treffen.
Storch sollte das Gepäck revidieren und alle für meine projektierte
weitere Reise notwendigen Gegenstände von den übrigen trennen.
Ausserdem mussten die Kisten, von denen ein grosser Teil infolge des
Verbrauches während der langen Reise nur mehr halb gefüllt war, für
den Transport nach Khartum wieder vollgepackt werden. Dann begab ich
mich mit den Trägerlisten auf die Boma und nahm mit Unterstützung des
Regierungsbeamten die Abfertigung in Angriff, die fast den ganzen Tag
in Anspruch nahm; als ich ins Lager zurückkehrte, fand ich leider das
Gepäck noch nicht geordnet und musste nun auch diese Arbeit selbst
überwachen.
Abends erhielt ich Nachricht von Dr. Stigler, die so wenig tröstlich
lautete, dass ich mich entschloss, direkt die Heimreise anzutreten.
Ich wurde dazu auch durch die Verschlimmerung im Befinden Schwarzers
genötigt, der mittags wieder einen schweren Malariaanfall gehabt hatte.
Er lag in vollständiger Bewusstlosigkeit, mit verglasten Augen und
hohem Fieber wie leblos in seinem Bette und reagierte auf keine Anrede.
Ich liess sofort den zufällig hier weilenden englischen Arzt holen,
der rasch eine Chinin-Injektion machte. Als Schwarzer bald darauf
aus seiner Bewusstlosigkeit erwachte, klagte er über grosse Schwäche
und starke Rückenschmerzen. Auch seine Puls- und Herztätigkeit war
eine ausserordentlich mangelhafte. Ich hatte grosse Sorge, Schwarzer
hier zu verlieren, der aber dank seiner kräftigen Konstitution doch
die Krankheit überstand. Er klagte bereits die letzten Tage vor
seiner Erkrankung über Appetitlosigkeit, packte aber trotzdem überall
energisch an und war stets ein ebenso passionierter wie vorzüglicher
Jäger, der uns in der letzten Zeit in den wildreichen Gegenden täglich
mit frischem Fleisch versorgte.
Der 7. März verging mit der Auszahlung meiner Leute, wobei mir Mr.
Weatherhead, der inzwischen von seiner Dienstreise zurückgekehrt war,
sehr an die Hand ging und die Träger genau über ihre Rückreise und die
Kosten derselben informierte. Mittags war ich bei ihm zu Gaste geladen,
und er erzählte mir von dem grossen Wildreichtum der nördlichsten,
wenige Stunden von Gondokoro gelegenen Teile Ugandas an Büffeln,
Elefanten, Löwen und Giraffen, so dass sich in mir das Jägerblut
gewaltig regte und ich neue Pläne schmiedete. Da mir Dr. Stigler
geschrieben hatte, ich solle meine Reise wegen seiner Erkrankung ja
nicht abbrechen, so versuchte ich, den Plan in Erwägung zu ziehen, die
östlichen Jagdgebiete gemeinsam mit Mr. Grogan aufzusuchen, der sofort
hierzu bereit gewesen wäre und mir auch einen grossen Käfig für den
Transport eines lebend zu fangenden weissen Nashorns zur Verfügung
gestellt hätte. Aber es wurde aus dem Ausfluge trotzdem nichts. Mit Dr.
Stigler wurde es nicht besser, und bei Schwarzer wiederholten sich am
nächsten Tage die schweren Fieberanfälle, so dass ich nun endgültig auf
jedes Jagdvergnügen verzichtete. Leicht fiel mir zwar dieser Entschluss
nicht, da ich mich ja im Herzen eines idealen Jagdgebietes befand, das
sonst erst nach monatelanger Reise erreicht werden kann, aber ich
tröstete mich damit, dass doch meine ganze Forschungsreise nun ihren
glücklichen und erfolgreichen Abschluss gefunden hatte und dass meine
persönlichen Wünsche unter den eingetretenen misslichen Umständen eben
zurücktreten mussten.
Am 8. März benutzte ich die Zeit, die mir bis zur Ankunft des Dampfers
noch blieb, um meine gesamten Ausrüstungsgegenstände, die mir ja jetzt
entbehrlich geworden waren, zu verkaufen. Ich liess die zwei indischen
Kaufleute Gondokoros in mein Lager kommen, und im Laufe von zwei
Stunden war alles an den Mann gebracht. Mit Ausnahme einiger Tragesel,
die Mr. Grogan übernommen hatte, verkaufte ich, wenn von einem Verkaufe
überhaupt die Rede sein konnte, in dieser kurzen Zeit alles, dessen ich
nicht mehr bedurfte, Zelte, Betten, Konserven und hunderterlei Dinge.
Ich musste natürlich jeden Betrag annehmen, so dass die Preise oft
kaum den zehnten Teil der Anschaffungskosten erreichten. Aber ich war
diesbezüglich auf dem Standpunkt völliger Gleichgültigkeit angelangt
und wollte den Ballast nur rasch losbringen. Es blieb bei mir nichts
zurück als meine Kleiderkoffer, die Kisten mit den wissenschaftlichen
Apparaten, die Apotheke und die Sammlungen, immerhin noch die
stattliche Anzahl von 70 Kisten.
Unsere Träger, die nun sämtlich ausgezahlt waren, schwelgten nach
Empfang des Lohnes und Reisegeldes in allen möglichen Genüssen, und
in erster Linie kam ihre grenzenlose Eitelkeit und ihre Liebe zu
europäischen Kleidern zum Ausdrucke. Unter irgendeinem Beweggrunde
kamen diese grossen schwarzen Kinder, die tags vorher noch ganz nackt
oder mit irgendeinem dürftigen Fetzen bekleidet waren, nun in mein
Lager, um sich in ihren Khakianzügen, in grauen oder schwarzen, von
Europäern abgelegten Salonröcken, mit grossen, lichtgrauen Schlapphüten
und schwarzen oder braunen Schuhen bewundern zu lassen. In den
Kaufläden war den ganzen Tag über enormer Andrang, und die beiden
Inder dürften noch selten so glänzende Geschäfte gemacht haben. Wie
mir Abeidi sagte, haben meine Träger mit geringen Ausnahmen noch am
selben Tage ihr ganzes Geld verausgabt und den letzten Rest entweder
vertrunken oder verspielt. Sie denken nicht daran, dass sie viele
Hunderte Meilen von ihrer Heimat entfernt sind und sich dorthin, aller
Mittel bar, nun wieder mühsam wochen- oder monatelang zurückarbeiten
müssen, denn ihr grösster Stolz ist befriedigt -- sie tragen
europäische Kleider.
Mr. Weatherhead und Mr. Grogan waren noch immer in unserem Lager,
trotzdem es schon 11 Uhr vormittags geworden war. Das Schiff, das um
9 Uhr hätte ankommen sollen, hatte infolge des niederen Wasserstandes
und der durch Sandbänke gefährdeten Fahrt zwischen Rejaf und Gondokoro
grosse Verspätung, so dass sogar noch Zeit blieb, der Einladung Mr.
Weatherheads zu einem Abschiedslunch zu folgen, den wir erst um ½1
Uhr auf den schrillen Pfiff der Dampfpfeife unseres Schiffes hin
abbrechen mussten. Sowie der Dampfer, sich mühsam zwischen den vielen
Papyrusinseln durchwindend, näher gekommen war und schliesslich an
einer solchen, ziemlich weit von unserem Lager entfernt, angelegt
hatte, besorgte Abeidi mit seinen Leuten den Transport der Kisten
an Bord. In langer Linie marschieren die Träger das steile Nilufer
entlang und müssen dann noch eine breite, seichte Wasserstelle
durchwaten, durch die die Insel, an der der Dampfer liegt, vom Ufer
getrennt ist. Photograph Schwarzer wird in der Hängematte auf das
Schiff gebracht, und mich selbst fuhren Mr. Weatherhead und Mr. Grogan
in dem kleinen, weissen Regierungsboot an den Dampfer. Dort begrüsst
mich mit herzlichem Händedruck Dr. Stigler, der leider noch immer die
Augen verbunden hat. Das viele Gepäck, das in grossem Durcheinander
am Ufer aufgestapelt ist, wird nun Stück für Stück abgewogen und
verladen -- die Elefantenzähne, wie überall in Afrika, getrennt von den
übrigen Kisten -- und der Kapitän drängt schon zur Abfahrt, da er die
Verspätung einbringen will. Ich verabschiede mich also herzlichst von
meinen wackeren Begleitern Mr. Weatherhead und Mr. Grogan, die in ihrem
Boot wieder zurückfahren und mir noch lange ihre Grüsse zuwinken, die
Sirene stösst einen schrillen Pfiff aus, und der Dampfer setzt sich
unter lauten „Jambo“-Rufen der Träger, Heatmans und Askari in Bewegung
und gleitet langsam nilabwärts. Nicht ohne tiefe innere Bewegung
blicke ich auf die lange Reihe der Schwarzen, die am Ufer stehen und
die so viele Wochen hindurch meine Begleiter waren. Wer weiss, wie
viele von ihnen wohlbehalten in ihre Heimat wieder zurückgekehrt sind.
Allmählich entschwinden sie, ebenso wie die Häuser von Gondokoro, den
Augen, und in diesen Augenblicken des Abschiedes drängten sich nochmals
all die vielen Bilder und Erlebnisse meiner Reise zu einem einzigen,
überaus mächtigen und bezwingenden Eindruck zusammen, in dem auch, wie
ja bei jedem Abschied, ein gewisses Gefühl der Wehmut nicht fehlte.
[Illustration: _Unser Nildampfer in Bor_]
[Illustration: _Kapitän Fox_
_Tafel 63_
]
_EIN RÜCKBLICK._
_Abschied vom Karawanenleben / Das Vegetationsbild Ostugandas /
Grosser Wildreichtum / Das Paradies am Salisbury-See / Im nördlichen
Uganda / Ein Eldorado für Elefantenjäger / Allgemeines über die
Eingeborenen / Klimatisches / Die Erkrankungsgefahr für den Europäer
/ Chinin-Prophylaxe / Die Notwendigkeit ärztlicher Begleitung /
Behandlung der Eingeborenen / Befriedigende Ergebnisse._
Das Karawanenleben hatte nun sein Ende erreicht; wir marschierten
nicht mehr stundenlang in der afrikanischen Steppe, sondern liessen
uns gemächlich von den Wellen des Nils tragen. Meine Forschungen waren
hiermit beendet, und ich will daher, ehe ich das letzte Stück unserer
Heimreise beschreibe, noch kurz die Beobachtungen festhalten, die wir
in den von uns durchzogenen Teilen Ugandas in bezug auf Vegetation,
Bodenbeschaffenheit, Fauna, Klima, Gesundheitsverhältnisse und über die
Eingeborenen zu machen Gelegenheit hatten.
Das allgemeine Vegetationsbild des östlichen und nördlichen Uganda ist
das der Busch- und Baumsteppe mit vorwiegendem Graswuchs -- Savanne
-- und einer kärglichen Baum- und Strauchflora, der auch die lange,
regenlose Periode nicht verderblich wird, stellenweise das der offenen
Grassteppe, und zwar fast immer der einem Kornfelde gleichenden
Hochgrassteppe. Die am meisten verbreitete Buschsteppe zeigt keinen
schattigen Wald, keine schöne Baumgruppe, keine Quelle oder fliessendes
Wasser; nur schmutziggrün schillernde Tümpel geben dem Reisenden
das oft zu lang entbehrte Nass. Vorherrschend sind die dornigen
Flötenakazien, seltener die Schirmakazie. Die meist harten Gräser haben
eine durchschnittliche Höhe von 2 bis 3 Meter und sollen in der Savanne
von Senaar eine solche von 4 bis 6 Meter erreichen. Nirgends sahen wir
einen geschlossenen, hochstämmigen Wald, mit Ausnahme des Urwaldes auf
den Westabhängen des Mount Elgon in einer Höhe von 2300 bis 3000 Meter
und des Waldes im Naquatale, der nach seiner Formation Terrassenwald
genannt wird.
Der grosse Reichtum der Tierwelt in Uganda ist, wie in ganz Afrika, in
sichtlichem Schwinden begriffen. Nicht nur der Mensch hat teils seines
Vergnügens halber, teils indirekt durch seine Ansiedlungen und die
in die Wildnis vorgeschobenen Verkehrswege die grosse Säugetierwelt
dezimiert, die grössten Verheerungen unter den Antilopen und Büffeln
hat die Rinderpest angerichtet. Am Viktoria-See bieten sich noch
Jagdgelegenheiten auf Nilpferde und Krokodile, in den grossen
Dickichten des östlichen Ufers auch auf Büffel. Von Jinja bis Mbale
sind Gazellen und Antilopen, bei Iganga Büffel, und in der Gegend
von Mbale, namentlich in dem westlich vom Elgon gelegenen Sirocotal,
kommen schon Herden von Elefanten und Giraffen vor. Den englischen
Beamten in Mbale gelingt es alljährlich, einige Stücke davon zur
Strecke zu bringen. Sehr wildreich ist die Ebene, die sich zwischen
Kumi- oder Salisbury-See–Konkoro (Mount Debasien) und Tepes erstreckt.
Ausser den Flusspferden gibt es dort zahlreiche Elefanten, Giraffen,
Büffel, Kudus und anderes Wild, und am Salisbury-See selbst findet der
Ornithologe ein wahres Paradies. Nirgends anderswo konnte ich auch nur
annähernd eine derartige Mannigfaltigkeit der Vogelwelt finden. Am
Nil zeigen sich oft Tausende von Vögeln einer Art beisammen, hier am
Salisbury- oder Kumi-See trifft man aber ungezählte Arten auf einem
verhältnismässig kleinen Raum verteilt. Alle möglichen hochbeinigen,
zierlichen Wasservögel, gross und klein, springen von Blatt zu Blatt
der herrlichen, weissen, gelben und violetten Seerosen, Tauchervögel
erscheinen über der Wasserfläche und verschwinden wieder, die Gras-
und Korallenbaum-Inseln sind von einer langschnäbeligen Eisvogelart
bevölkert, und an den Ufern der grösseren Inseln brütet der so
seltene Balaeniceps rex in seinem blau-grauen Kleid und mit seinem
unverhältnismässig grossen, gelben Schnabel in träumender Ruhe vor sich
hin -- es sind unvergessliche Bilder, die sich uns am Kumi-See in der
Umrahmung einer prächtigen Wasserlandschaft entrollten (Tafel 40).
Im nördlichen Teil der Zentralprovinz erreicht der Wildreichtum seinen
Höhepunkt dort, wo auf der Karte der nur als Sumpf existierende
Kirkpatrick-See eingezeichnet ist. Grosse Rudel Antilopen, Giraffen,
Strausse, Zebras verwandeln hier die endlose Steppe in einen
natürlichen Tierpark, der dicht bevölkert ist, da selten ein
schwarzer Jäger das Wild beunruhigt. Nur dann und wann, namentlich
wenn die schmal bemessenen Durravorräte zur Neige gehen, steigen die
Naqua-Eingeborenen von ihren Bergen herab und gehen mit ihren scharfen
Speeren auf die Jagd. Ueberall sieht man kreuz und quer frische und
alte Elefantenfährten und Losungen, die gewöhnlich zu einem schlammigen
Tümpel mit breiiger, grüner Flüssigkeit führen, dem Rest eines grossen
Swamp, der zur Regenzeit ungeheuere Dimensionen annimmt und dann,
aus der Ferne betrachtet, tatsächlich wie ein See aussehen mag. Im
Acholiland war weniger Wild anzutreffen, es zeigten sich wohl anfangs
Giraffen-, Nashorn- und Elefantenfährten, die aber, je weiter wir
nach Westen kamen, immer seltener wurden. Auch ornithologisch und
entomologisch giebt es hier, ausser bei einigen Wasserplätzen, wenig zu
sammeln.
Reichhaltiger wird die Gegend wieder nördlich von Nimule. Am
Attapiriver streifen viele Büffelherden, und östlich der von
Lokalega nach Gondokoro führenden Karawanenstrasse öffnet sich dem
Elefantenjäger ein wahres Eldorado. Ueberall hinterlassen hier
diese gewaltigen Tiere die Spuren ihrer Vernichtungswut oder ihres
Uebermutes. Fast jeder Baum des dichten Buschlandes zeigt abgerissene
Aeste oder ist vollständig entwurzelt; wir trafen abgeknackte Stämme
in der Dicke von einem halben Meter. Die Herden treten breite Gassen
in das Gras, und die kleinen Durrafelder der Eingeborenen werden zum
grössten Teile immer wieder zusammengetrampelt und vernichtet. Dieser
Wildreichtum erstreckt sich in nördlicher Richtung bis Mongalla im
Sudan und soll am stärksten einige Marschstunden östlich von Gondokoro
sein, wo es neben den Elefanten auch viele Büffelherden, Giraffen,
Löwen, Strausse usw. gibt. Die Erkrankung meiner Begleiter hat mich
verhindert, einen Ausflug in dieses Jagdgebiet, das viel leichter
erreichbar ist als die wildreichen Ugandasteppen, zu unternehmen.
An dieser Stelle seien einige allgemeine Betrachtungen über die äussere
Erscheinung, die Gewohnheiten sowie Handel und Wandel jener Negerstämme
gegeben, mit denen ich auf der Reise von Entebbe nach Jinja, Mbale,
Naqua, Acholi, Nimule in Fühlung trat. Es kommen hierbei folgende
Stämme in Betracht: Die Baganda, Busoga, Bageshu, Bakedi, Teso,
Karamojo-, Naqua-, Tobur-Stämme, Acholi und Madi. Diese Eingeborenen
sind fast durchweg gut gebaute, kräftige Menschen mit tiefbrauner,
beinahe schwarz zu nennender Hautfarbe, stark ausgeprägten Kinnbacken,
breiter Nase und schwarzem, gekräuseltem, ausserordentlich dichtem
und stark entwickeltem Kopfhaare, dem sie oft die abenteuerlichsten
Frisuren geben, nach denen sich gewisse Stämme sofort erkennen lassen.
Die Grösse dieser Neger ist mit Ausnahme der Busoga ziemlich bedeutend,
die der Tesoleute fast riesenhaft zu nennen. In dem bekannten Werke
von Professor Dr. Wilhelm Sievers, „Allgemeine Länderkunde“, wird die
Grösse der afrikanischen Neger mit zirka 165 bis 168 cm angegeben; bei
den Kaffern und den westlichen Sudanstämmen sollen sich solche finden,
die nicht selten 178 bis 186 cm erreichen. Hierzu wäre nun unbedingt
der Tesostamm zu rechnen, bei dem wir eine Durchschnittsgrösse von 180
bis 190 cm feststellen konnten und mehrere Neger gemessen hatten, die
über 2 m Höhe hatten, ja einer sogar 2 m 12 cm. Wir begegneten vor
Kaketta einer Karawane von zirka 200 vollständig nackten Eingeborenen
dieses Stammes, die mit ihren grossen Baumwollballen, die sie nach
Mbale trugen, wie Riesen erschienen und auf uns einen gewaltigen
Eindruck machten.
Die Ausdauer und Widerstandskraft gegen Strapazen, körperliche
Schmerzen und äusserliche Verletzungen sind bei Negern ganz
ausserordentlich, und ich erinnere bei dieser Gelegenheit an den schwer
Operierten von Kuminyanza, an den von einer Giftschlange gebissenen
Träger und an die beträchtlichen Gewaltmärsche von 25 bis 35 km per Tag
in der grössten Tropenhitze, durch wasserlose, dornige Steppen mit bis
zu 30 kg schweren Lasten auf dem Kopfe.
Die Nahrung der Ugandaeingeborenen besteht aus hirseartigen
Körnerfrüchten, wie Panicum (Wimbi), Sorghum (Durra), Mais, im
südlichen Teile, vom Viktoria-See bis Bukedia, in Bananen, die
in reichen Anlagen sehr verbreitet sind. Häufig gebaut wird die
Erdnuss (Arachis hypogäa), teils ihrer essbaren Samen wegen, teils
zur Gewinnung des in den Keimblättern enthaltenen Oeles. Unter den
Getränken ist das Hirse- und Maisbier am weitesten verbreitet, und wo
Bananen gedeihen, machen sich die Neger daraus ein sehr berauschendes
Getränk unter Beigabe von Zuckerrohrsaft. Die Viehzucht treibenden
Völker haben oft Fleischnahrung, sie geniessen das Fleisch häufig roh
oder in Streifen geschnitten und geräuchert. Ein besonders verbreitetes
und wichtiges Haustier ist das Huhn, dessen Eier sie jedoch nur hie
und da essen. Honig wird aus den Bienenstöcken, die in den Bäumen der
Steppen vorkommen, gewonnen.
Was die Kleidung der Eingeborenen betrifft, so ist, abgesehen von den
Häuptlingen und ihren Beratern, das Wort Kleid kaum zu gebrauchen.
Die Eingeborenen haben meistens nur einen kleinen Schurz, und in den
Gebieten, die noch nicht von Engländern verwaltet sind, oft auch diesen
nicht. Bei den Bageshu und Teso waren nur ganz wenige Eingeborene
mit einem Schurz bekleidet, die meisten sind uns vollständig nackt
entgegengetreten und deren Weiber mit einer dünnen Perlen- oder
eisernen Schnur um die Lenden.
Als Schmuck dienen bei den Teso-, Karamojo-, Naqua- und
Tobureingeborenen Eisenringe am Hals, Arm- und Fussgelenk und auch
in den Ohren; durch die Unterlippe ist meist ein Glas-, Stein- oder
Kupferstift, bei den Bageshu ein glattgeschliffener Holzknopf gesteckt.
Besonders auffallend ist der Schmuck bei den Acholi, der stark mit
Eisenringen abgebundene Oberarm, die miederartige Verschnürung in der
Taille und der reiche Ohr- und Kopfschmuck mit der charakteristischen
Frisur. Die Acholi tragen Lendenschurz und lieben reiche Tätowierung.
Stark tätowiert sind auch die Karamojo-, Naqua- und Tobur-Eingeborenen,
insbesondere an den Armen und auf der Brust, die Bageshu-Frauen auf der
Stirne.
Die Hütten der Eingeborenen in den von mir durchwanderten Gebieten
Ugandas hatten im allgemeinen Kegelform mit spitz zulaufendem Dach, das
aus Gras hergestellt ist. Der Eingang ist überall auffallend klein,
und man gelangt nur in kriechender Stellung in das Innere der Hütte.
Abweichend von allen andern sind die Hütten der Bageshu mit ihren
doppelten, im Kreise konzentrisch angelegten Wänden, wobei die Eingänge
nicht in derselben Achse liegen. Während die Hütten der Eingeborenen
vom Tesostamm von aussen nur eine einzige geschwungene Linie zeigen,
haben die der nördlich gelegenen Stämme vertikale Wände mit einem
darauf gesetzten, spitz zulaufenden, übergreifenden Strohdach. Bei
den ersteren ist die Einzäunung durch einen drei bis vier Meter
hohen, undurchdringlichen, lebenden Zaun aus Kakteen hergestellt, bei
letzteren aus Baumstämmen, Wurzeln und Aesten.
An Waffen fand ich nur Speere, Pfeile und Bogen, sowie grosse
und kleine Messer und Hacken, und bei den Karamojo-, Tobur- und
Naqua-Eingeborenen einen eisernen Ring am Finger mit einem scharfen,
sichelförmigen Ansatz.