Als Kampfschutzmittel hatten die Bageshu und Acholi ausserordentlich

grosse Schilde aus Elefantenhaut, die Karamojo-, Naqua- und

Tobur-Eingeborenen kleine, aus Giraffenhaut hergestellte Schilde, die

gewöhnlich mit einem Bund Straussenfedern geziert sind.

Von Geräten der Neger, die friedlichen Zwecken dienen, wären die

Musikinstrumente zu nennen, alle möglichen Arten grosser und kleiner

Trommeln und Saiteninstrumente von verschiedener Form.

Was den Glauben an ein höchstes Wesen betrifft, so soll er bei den

meisten Negerstämmen vorhanden sein, einen Fetischdienst konnte ich

jedoch nur in Acholi finden.

Als Geld diente während der Reise die englisch-indische Rupie, soweit

das Gebiet von England verwaltet wird. In den unerforschten Gegenden

brauchte ich bei dem Naqua- und Toburstamm hauptsächlich Eisendraht, im

Acholiland Amerikani (Baumwollstoff), die vielen übrigen Tauschartikel,

wie Perlen, Messer, Spiegel usw., hatten nur untergeordneten Wert.

Von den Kupferkreuzen, die am Kongo, und den Kaurimuscheln, welche im

Nigergebiet als Geld verbreitet sind, war in Uganda nichts zu merken,

ich konnte aber mehrere ethnographische Gegenstände, wie Kopf- und

Stirnschmuck, Lendenschnüre usw., die mit Kaurimuscheln besetzt waren,

sammeln.

Das Klima war in den von uns durchzogenen Gebieten das

äquatorial-tropische, und nach meinen meteorologischen Messungen hatten

wir eine Tagestemperatur bis zu 44 und 45 °C, während die Nächte sehr

angenehm, ja häufig sogar kühl waren. Eine Ausnahme machte der Elgon,

auf dem wir in unserem Lager im Krater, 3830 m hoch, Kältegrade bis zu

−10 und −12 °C verzeichneten.[5]

Die Erkrankungsgefahr ist in Uganda, namentlich in dessen südlichem

Teil, für den Europäer eine eminent grosse, und die Glossina

palpalis, die Anopheles, die Rückfallfieberzecke (+Ornithodorus

monbata+), die Dysenterie- und Pestbazillen sind fürchterliche und

tückische Feinde. Nördlich von Mbale wird die Gegend gesünder, und

man ist hauptsächlich nur mehr von der Malaria bedroht, gegen die

wir uns durch geeignete Präventivmittel nach den Ratschlägen meines

Freundes, des Forschungsreisenden Professor Dr. Rudolf Pöch, und durch

pedantische Vorsicht zu schützen wussten. Bei dieser Gelegenheit

möchte ich jeden Afrikareisenden auf die peinliche Einhaltung der

Chinin-Prophylaxe aufmerksam machen. Es ist schon unmittelbar vor dem

Betreten des afrikanischen Bodens und dann in jeder Woche an zwei

aufeinanderfolgenden Tagen je ein Gramm Chinin +in fünf Portionen zu

0,2 g+ zu nehmen. Diese Prophylaxe ist aber auch noch sechs Wochen

nach dem Verlassen des letzten Platzes, auf dem die Möglichkeit des

Vorhandenseins der Anopheles bestand, geduldig fortzusetzen.

Für eine längere Expedition in afrikanische Gebiete ist die Mitnahme

eines Arztes eine unerlässliche Notwendigkeit. Auf unserer Fahrt nach

Mombassa lernten wir einen deutschen Prinzen kennen, einen kräftigen,

gesunden, jungen Mann, der mit zwei Begleitern einen Jagdausflug nach

Deutsch-Ostafrika unternahm. Wie wir später erfuhren, sind sämtliche

Herren, die keinen Arzt bei sich hatten, sondern auf die Ratschläge

ihres Jagdleiters angewiesen waren, schwer an Malaria erkrankt, und

einer von ihnen musste sogar mit Schwarzwasserfieber vorzeitig nach

Europa zurückkehren. Ich selbst war während der langen Reise nicht ein

einziges Mal erkrankt und verdanke dies in erster Linie der Beobachtung

grösster Diät und peinlichst genauer Einhaltung der prophylaktischen

und sonstigen Vorsichtsmassregeln, die ich im Einverständnis mit Dr.

Stigler als richtig erkannte. Dr. Stigler wurde von den Trägern, von

denen viele während der Reise erkrankten, stark in Anspruch genommen,

und ich habe es jedenfalls auch ihm zu verdanken, dass wir trotz der

ausserordentlichen Strapazen und der vielen Gewaltmärsche keinen

einzigen Mann unserer grossen Karawane verloren haben. Dazu mag wohl

auch die strenge militärische Zucht und Disziplin beigetragen haben,

die wir durch Energie und richtige Behandlung der Eingeborenen bald

eingeführt hatten und während der ganzen Expedition auch aufrecht zu

halten wussten. Der Schwarze muss mit Güte behandelt werden, sobald

er sich den Anordnungen fügt und seiner Arbeit ordentlich nachgeht;

mit eiserner Strenge aber, wenn er lässig oder ungehorsam wird, und

namentlich zu Beginn, wo er noch nirgends fest anpacken will und den

Gehorsam noch nicht gewohnt ist. Nur so ist es möglich, eine Karawane

von zwei- bis dreihundert Eingeborenen auf monatelangen Märschen durch

unbekannte, unwirtliche Gegenden im Zaume zu halten.

Der Abschied von unserem Karawanenleben war demnach auch von

keiner schmerzlichen Erinnerung getrübt. Im Gegenteil, wir waren

hochbefriedigt von dem Erfolge und den Ergebnissen unserer

Forschungsreise, von der wir viel wissenschaftliches Material

mitbrachten und auf der wir die uns gestellte Aufgabe, die Durchquerung

Ugandas auf noch unbetretenen, unerforschten Gebieten zu unternehmen,

trotz aller Mühsale und Gefahren glücklich gelöst hatten. Die

Monate, die wir in der gewaltigen Wildnis Afrikas zugebracht hatten,

erschlossen uns eine neue Welt, von der wir das Wissen mit nach Europa

trugen, und in all den durchlebten Stunden majestätischer Grösse,

unendlicher Einsamkeit und zaubervoller Schönheit lernten wir aufs neue

und eindringlichste wieder die Sprache der ewigen Gottheit erkennen,

wie sie in allen mächtigen Erscheinungen der Natur zu uns dringt, um

uns unsere eigene Kleinheit und Bescheidenheit fühlen zu lassen.

[5] Siehe meteorologische Tabelle auf S. 181.

_AUF DEM NIL._

_Unser Dampfer / Das „Walzertanzen“ / Kurven und Sandbänke / In

Mongalla / Zerstörte Telegraphenlinien / Eine Strafexpedition gegen

den Berristamm / Ein märchenhaftes Jagderlebnis / Eintönige Fahrt /

Aufgefahren / Weltabgeschiedene Ingenieure / Ein Papyrusbrand._

Der Nildampfer „Amara“, der nun bis auf weiteres unser Heim bildet, ist

kein Riesenschiff mit allen Bequemlichkeiten eines modernen Hotels, wie

sie auf den grossen Ozeandampfern geboten werden, sondern ein Schiff

von bescheidenen Dimensionen, das sich langsam und bedächtig durch die

Wellen schaufelt. Es besitzt in der ersten Etage neun Kabinen erster

und vier Kabinen zweiter Klasse, eine Badekabine und einen kleinen

Speiseraum, in dem die Erste-Klasse-Passagiere und der Kapitän gerade

knapp Platz finden. Das Oberdeck enthält noch einen kleinen gedeckten

Aufbau, der mit engmaschigen Drahtnetzen gegen die Moskitos umspannt

ist und als Schlafraum für die Passagiere erster Klasse dient, die in

diesem luftigen und kühlen Zimmer sehr angenehm übernachten können.

Die dritte Klasse befindet sich mit den Räumen für das Gepäck und

den Tiertransport auf zwei ganz flach gebauten und mit einer Etage

versehenen Begleitschiffen, die zu beiden Seiten mit dem Dampfer

verbunden sind. Diese Seitenschiffe bilden aber auch gleichzeitig die

Puffer des Dampfers, der in dem schmalen, aus dem Papyrus gestochenen

und gebaggerten Nilbett von der Strömung oder infolge der Sandbänke oft

recht unsanft an die Ufer geworfen wird. Diesen Stoss fängt nun das

leicht gebaute Seitenschiff auf, und der Dampfer muss dann eine Drehung

um das aufgefahrene Seitenschiff vollführen, um wieder in freies

Wasser zu gelangen. Der Kapitän nennt diese etwas merkwürdige Art der

Fortbewegung das „Walzertanzen“ des Schiffes. Aber man gewöhnt sich

während der endlos scheinenden Fahrt an diese Extratouren und beachtet

es schliesslich gar nicht mehr, wenn das Schiff tanzlustig wird. Es

ist dies übrigens noch lange nicht das schlimmste, denn es kommt auch

vor, dass eines der Begleitschiffe oder der Dampfer selbst auf eine der

vielen Sandbänke mit solcher Kraft auffährt, dass das geschickteste

Manövrieren mit Steuer und Schaufelrad nichts nützt. Das Schiff sitzt

fest und muss oft einige Tage warten, bis ein anderer Dampfer zu Hilfe

kommt und es aus seiner üblen Lage befreit.

Nachdem wir nachmittags mit ganz kurzem Aufenthalte +Lado+ berührt

hatten, kamen wir abends in +Mongalla+ an. Mongalla ist eine grosse,

sehr wichtige, in den südlichen Sudan vorgeschobene Militärstation

mit vielen Kasernen, Geschäftsläden und mehreren Regierungsbauten.

Unser Dampfer blieb hier über Nacht verankert, da bei dem seichten

Wasserstand des Nils eine Fahrt in der Dunkelheit nicht ratsam

erschien. Ich besuchte noch abends den Gouverneur von Mongalla, Major

Owen Bey, an den ich Empfehlungsbriefe hatte, und wurde von ihm, der

mich schon erwartet hatte, auf das liebenswürdigste aufgenommen.

Er wollte mir Ratschläge für meine Jagd im Reservatgebiet erteilen

und nahm mit Bedauern zur Kenntnis, dass ich von der mir erteilten

Erlaubnis infolge der Erkrankung meiner Gefährten keinen Gebrauch

machen konnte. Am nächsten Morgen nahm unser Dampfer viele Kisten und

Vorräte ein, was mir die Möglichkeit gab, nochmals an Land zu gehen und

Mongalla etwas näher zu besichtigen. Es macht einen stark militärischen

Eindruck und besitzt Kasernen für 400 Soldaten, sowie grosse Magazine

für deren Ausrüstung. Im Telegraphenamt, in dem ich eine Depesche in

die Heimat abschickte, teilte man mir mit, dass die Telegraphenleitung

zwischen Mongalla und Bor schon seit einer Woche nicht funktioniere, da

die Telegraphenstangen von Elefantenherden auf weite Strecken zerstört

und teilweise sogar ausgerissen wurden. Solche Beschädigungen sind hier

keine Seltenheit, namentlich in der regenlosen Zeit, wo viele Herden

aus dem Innern nachts zur Tränke an den Nil ziehen und dabei alles,

was ihnen im Wege steht, umknicken und zertreten. Der Telegraph läuft

gegenwärtig längs dem Nil durch den Sudan bis nach Rejaf, so dass das

neun Tagereisen weiter südlich gelegene Nimule keine Verbindung mit dem

Norden hat. Von dort führt die Leitung nach dem Süden bis Kampala und

Entebbe und dann nach Osten bis Mombassa. Von Mombassa aus stellen

Kabeltelegramme, die über Bombay laufen, die Verbindung mit Europa

her. Die Depeschen, die wir in Nimule aufgaben, hatten also eine ganz

hübsche Rundreise durch drei Erdteile gemacht.

Gegen Mittag ging unser Schiff wieder unter Dampf. Trotz des Luftzuges,

den die ziemlich schnelle Fahrt stromabwärts erzeugte, war es drückend

heiss, das Thermometer zeigte noch um 8 Uhr abends 36 Grad C, und in

den Kabinen konnte man überhaupt nicht verweilen. In +Scheik Tombé+

wurde Holz eingenommen, was einen mehrstündigen Aufenthalt verursachte.

Ich benützte ihn zu einem kleinen Spaziergang in der Nähe der Station,

da ich mir Bewegung machen wollte, für die das kleine Schiff nur ganz

unzureichenden Spielraum gewährte. Da diesmal eine helle Mondnacht

war, entschloss sich der Kapitän zur Weiterfahrt, musste aber auf

telegraphische Weisung der Regierung anderthalb Stunden stromaufwärts

zurückfahren, um einen erkrankten Offizier aufzunehmen. Dann ging

es die ganze Nacht und den ganzen nächsten Vormittag weiter, man

konnte aber nicht sagen ununterbrochen, denn trotz aller Vorsicht

des Steuermanns blieben wir einigemal, bald mit kurzen, bald aber

auch mit recht langen Aufenthalten auf Sandbänken sitzen und mussten

uns erst wieder flott machen. Um zwei Uhr nachmittags erreichten wir

+Bor+, gleichfalls eine grössere Militärstation mit vielen regelmässig

angeordneten Unterkunftshütten für die Soldaten.

Nachdem wir angelegt hatten, erhielten wir den Besuch des Kapitäns Fox,

eines schneidigen und eleganten englischen Offiziers, der erst tags

vorher mit einer Abteilung aus dem Innern zurückgekehrt und gerade

daran war, mit 20 berittenen Soldaten nach Osten zu dem aufständischen

Berristamm abzumarschieren, wo auf englischer Seite 500 Askari, eine

Kompagnie Berittener und zwei Maximkanonen im Feuer standen (Tafel 62

und 63). Der Kampfplatz war 150 Meilen von Bor entfernt, und da der Weg

dorthin nur zwei Wasserstellen besass, beabsichtigte Kapitän Fox, auf

seinen Kamelen und den ausgesucht kräftigen Maultieren einen Gewaltritt

zu unternehmen, um schon in zwei Tagen am Ziel zu sein. Wir wurden

von ihm eingeladen, uns den Abmarsch anzusehen. Seine kleine Truppe,

auffallend grosse und kräftige Sudanesen von energischem Aussehen,

stand unter einigen Palmen bereit, die Reittiere waren bepackt, man

hatte nur noch auf ihn gewartet. Ein kurzer Kommandoruf, mit einem

Sprung sass alles im Sattel, und die kleine Schar stampfte im Galopp

gegen Osten, wo bald nur noch eine Staubwolke ihren Weg verriet.

Kapitän Fox hatte mir auch eines seiner Jagderlebnisse erzählt,

das fast märchenhaft klingt und als einzig dastehend im ganzen

Sudan bekannt ist. Er hatte vor nicht langer Zeit ein Breitmaul --

sogenanntes weisses Nashorn -- geschossen, ohne es aber auffinden

zu können. Bald darauf hatte er das seltene Jagdglück, ein zweites

solches Nashorn aufzuspüren, schoss es schwer krank, konnte trotz

alles eifrigen Suchens jedoch auch dieses nicht finden. Später aber

wurden von seinen Leuten, weit entfernt von den zwei Schussstellen,

beide Tiere verendet -- kreuzweise übereinanderliegend -- aufgefunden!

Von diesen zwei, auf einem Fleck verendeten Nashörnern, die weit

voneinander getrennt waren, als sie die Kugel empfingen, und sich

erst im Tode gefunden hatten, soll auch eine photographische

Ansichtskarten-Aufnahme bestehen.

Nach zweistündigem Aufenthalte setzte unser Dampfer seine Fahrt wieder

fort in der offenen, schmalen, durch unabsehbare Papyrusstauden

führenden Wasserstrasse, in der nur selten ein Vogel auffliegt oder der

Schädel eines Nilpferdes sichtbar wird, das für einige Sekunden aus

dem Wasser auftaucht. Wir fahren wieder die ganze Nacht und halten am

Morgen bei +Kanisa+, einem grossen Dorf, wo unter gräßlichem Lärm Holz

eingenommen wird, das einzige Feuerungsmaterial, das für die Maschine

hier zu haben ist. Dann zieht sich der Nil in vielen Schlangenlinien,

und unser Schiff tanzt bei jeder Kurve wacker und pflichtgemäss

seinen Walzer. Die Fahrt wird langweilig und interesselos, und ihre

Eintönigkeit wird nur durch das erste Schiff unterbrochen, dem

wir begegnen. Es ist mit allem Komfort ausgerüstet und von zwei

Sportsleuten gemietet, die von einigen Stationen kurze Jagdausflüge in

das Innere zu machen beabsichtigen.

Am nächsten Tag erweitert sich der Nil fast zu einem See, und vor

uns, an dem in der Ferne liegenden sandigen Ufer, erblicken wir die

blechgedeckten Rohziegelbauten der Station Schambeh im Reservatgebiet.

Bevor wir aber anlegten, wurde unsere Geduld noch auf eine harte Probe

gestellt, denn wir fuhren mit Volldampf auf eine Sandbank auf, die in

der Mitte des seeartigen Stromes lag, und sassen so fest, dass alles

Manövrieren und Drehen nichts nützte. Erst als die ganze Besatzung

und die Eingeborenen der dritten Klasse ins Wasser stiegen, um die

Seitenschiffe zu schieben und zu ziehen und ausserdem noch mittels

des weit vom Dampfer ausgeworfenen Ankers nachgeholfen wurde, gelang

es nach anderthalbstündiger Arbeit, das Schiff in tieferes Wasser zu

bringen. Der Nil ist hier ausserordentlich fischreich, und es wurden

auch sofort zwei Leute, wie bisher immer, mit grossen Netzen auf

den Fischfang geschickt, um frischen Vorrat für die Schiffsküche zu

bekommen. Einige interessante Exemplare der Beute überliess mir der

Kapitän für meine Fischsammlung.

Nun folgte eine 300 Meilen lange Fahrt ohne Aufenthalt, eintönig,

immerfort durch die Papyrusstauden schaufelnd und walzertanzend.

Am nächsten Tage begegneten wir einem grossen Baggerschiff, das

unter Leitung zweier englischer Ingenieure durch die Papyruswirrnis

einen neuen Kanal zu stechen hat, der viele Krümmungen des jetzigen

Wasserweges abschneiden und damit eine wesentliche Verkürzung der

Strecke herbeiführen wird. Unser Schiff brachte diesen beiden Männern,

die hier in vollkommener Abgeschiedenheit von der Welt und ohne

irgendwelche Abwechslung oder Anregung nur auf ihr Ziel losarbeiteten,

Briefe und Zeitungen und fuhr nach kurzem Aufenthalte wieder weiter.

Abends waren wir aus unmittelbarer Nähe Zeugen eines Papyrusbrandes,

der einen grandiosen Anblick bot. Wo der Brand schon gewütet hatte und

zum Stillstand gekommen war, erhob sich auf sumpfartigem Grunde ein

endloses Durcheinander von den verkohlten Ueberresten der Stauden und

ineinander verschlungenen Wurzeln, an dem man die Undurchdringlichkeit

dieser Dickichte, wenn sie noch nicht vom Feuer verzehrt waren, wohl

begriff.

Auch am nächsten Tage trafen wir wieder ein grosses Baggerschiff,

das in voller Arbeit war und dem wir die Post abgaben. Der nächste

kurze Aufenthalt war in +Tonga+, wo wir gerade knapp Zeit hatten,

unsere Landsleute an der dortigen österreichischen Missionsstation zu

begrüssen. Das Schiff fuhr nun mit 11 Meilen Geschwindigkeit, und das

steigende Tempo, in Verbindung mit einer leichten Nordbrise machte

den Aufenthalt auf dem Deck trotz einer Schattentemperatur von 38 °C

recht angenehm. Photograph Schwarzer hatte sich seit Gondokoro ziemlich

erholt, mit Dr. Stigler stand es aber nicht viel besser; er war noch

immer mit verbundenen Augen in die dunkle Kabine gebannt, da ihm auch

schon der geringste Schein des Sonnenlichtes Schmerzen verursachte.

Das Auffahren auf Sandbänke und das Walzertanzen des Schiffes hatten

nun aufgehört, denn wir fuhren schon in acht Meter tiefem Wasser. In

Tonga hatte auch das trostlos eintönige Bild der weiten Papyrusflächen

endlich seine Grenze gefunden, an ihre Stelle war hügeliges Terrain

mit grösseren Baumgruppen und vielen Dörfern getreten. Es waren die

Siedelungen der Schilluks, schön gebauter, kräftiger Eingeborener von

energischem Wesen. An den Haltestellen boten sie den Reisenden ihre

Lanzen mit langer, breiter Schneide, auch geschmackvoll gearbeitete

Fisch- und Hornspeere gegen gute Bezahlung zum Kaufe an. Unser

Ugandageld, die Rupien und Cents, wurde aber zurückgewiesen, und wir

mussten uns schon an die ägyptische Währung der Piaster und Sovereigns

gewöhnen.

Der Nil erhält nun durch den Zufluss des Bahr el Ghasal und des Sobat

eine grosse Breite, wir kamen an +Taufikia+ und +Malakal+ vorüber und

trafen dort zwei Regierungsdampfer und das grosse Transportschiff

„Egypt“, das mit Steinen und Kohlen stromaufwärts zog. Längs des Ufers

sah man gepflegte Strassenanlagen mit Alleen, und das Wasser belebte

sich mit vielen Nilpferden und Krokodilen, die an den sandigen Ufern

ihren Schlaf hielten. In Renk, wohin wir nach Kodok, dem ehemaligen

französischen +Faschoda+, +Melut+ und +Kaga+ gelangten, mussten wir das

Segelboot eines jungen deutschen Jägers, der infolge des andauernden

Nordwindes nicht stromabwärts konnte, mit nach Khartum nehmen. Dr.

Müller -- so hiess er -- hatte aus Gesundheitsrücksichten afrikanisches

Klima aufgesucht, in Khartum für 30 Pfund monatlich einen kleinen,

hübsch ausgestatteten Segler mit der dazugehörigen Bemannung gechartert

und machte nun, trotzdem er in seinem Leben noch niemals gejagt hatte,

nilaufwärts Jagdausflüge. Er hatte eine für einen Anfänger ganz

respektable Anzahl von Gazellen, Krokodilen und Flusspferden und sogar

einen Löwen zur Strecke gebracht.

Bei Goz fuhren wir unter der grossen Eisenbahnbrücke der Linie

Senaar-El Obeid (Kordofan) durch, mussten aber einige Stunden warten,

da die Drehbrücke erst um sieben Uhr morgens die Durchfahrt freigab. Je

mehr wir uns Khartum näherten, desto bevölkerter wurden die schönen,

grünen Gelände des Nils, es reihte sich Dorf an Dorf, und dazwischen

weideten grosse Viehherden. Eineinhalb Tagereisen vor Khartum gab es

noch den letzten grossen Aufenthalt, da wir die Passagiere und das

Gepäck eines schon seit 24 Stunden auf einer Sandbank festsitzenden

Schiffes aufnahmen, während zur Flottmachung selbst ein Hilfsdampfer

aus Khartum auf dem Wege war (Tafel 64).

[Illustration: _Wasserschöpfer am Nil_]

[Illustration: _Gouverneurpalais in Khartum_

_Tafel 64_

]

_IN KHARTUM UND KAIRO._

_Wieder von Komfort umgeben / Bei Slatin Pascha / Ein Ausflug nach

Omdurman / In Kairo / Genesung Dr. Stiglers / Abschied von Afrika._

In Khartum trafen wir infolge der grossen Verspätung unseres Dampfers

am 17. März erst spät abends ein, weshalb es uns unmöglich war, unser

umfangreiches Gepäck an Land zu schaffen und wir nur mit unseren

Kleiderkoffern ins „Grand Hotel“ übersiedelten, ein erstklassiges,

von einem tüchtigen Reichsdeutschen mit grosser Umsicht geleitetes

Etablissement. Wir sahen uns nun wieder von dem Luxus eines modernen,

mit allem Komfort versehenen Hotels umgeben, und der schöne,

elegante Speisesaal, die kleinen, blumengeschmückten und elektrisch

beleuchteten Tische bilden einen solchen Kontrast zu unserer bisherigen

Lebensführung, dass wir ganz vergessen, immer noch einige Tausend

Kilometer von der Heimat entfernt zu sein.

Am nächsten Morgen suchte ich mit Dr. Stigler, dessen Augen noch immer

verbunden bleiben mussten, den Leiter des Hospitals auf, der leider

erklärte, dass er in Anwendung des Augenspiegels nur wenig Praxis habe.

Das Ergebnis der Untersuchung, die er trotzdem vornahm, war alles eher

denn günstig, und ich verliess mit meinem Freunde in recht gedrückter

Stimmung das Spital. Wir studierten sofort die Fahrpläne wegen einer

möglichst raschen Verbindung nach Kairo, damit Dr. Stigler dort endlich

in die Behandlung eines erfahrenen Augenarztes kommen konnte. Durch

den Direktor unseres Hotels erfuhren wir, dass noch am selben Tage ein

Expresszug nach Port Sudan mit direktem Schiffsanschluss nach Suez

abgehe, auf welchem Wege man am raschesten nach Kairo gelangt. Dr.

Stigler packte in grösster Eile die notwendigsten Koffer und fuhr um

2 Uhr nachmittags, begleitet von seinem Boy Kilimandscharo, nach Port

Sudan ab.

Eine Stunde später machte ich meinen Besuch beim Generalinspektor Baron

Slatin Pascha, der mich sofort nach meiner Ankunft in Khartum zu sich

geladen hatte. Dieser bewunderungswürdige Gentleman, den ich schon von

Wien aus kannte, empfing mich mit ausgesuchter Liebenswürdigkeit. In

seinem entzückenden, mitten in einem Palmengarten liegenden Heim muss

sich jeder, der die Ehre hat, von unserem berühmten Landsmann empfangen

zu werden, auf das angenehmste berührt fühlen von der freundlichen

und dabei bescheidenen Art, die diesen mutigen, von aller Welt

hochverehrten Mann auszeichnet. Die Stunden, die ich dort verbrachte,

verflossen rasch in angeregtestem Gespräch, und jeder von mir auch nur

halbwegs angedeutete Wunsch wurde von Baron Slatin sofort aufgegriffen

und erfüllt. Am nächsten Tage hatte ich bei einem grossen Diner, zu

dem er mich lud, Gelegenheit, mit den ersten Persönlichkeiten Khartums

bekannt zu werden, und am Abend darauf füllte das gastfreundliche Haus

des Barons eine Gesellschaft distinguierter österreichischer Gäste.

Einige Vertreter unseres Hochadels waren von einem erfolgreichen

Jagdausflug am oberen Nil zurückgekehrt und als Freunde bei Slatin

Pascha eingekehrt.

Quer durch Uganda · 第 15 / 16 段