der Eingeborenen schwankten zwischen sechs und acht. Auf alle Fälle
trachteten wir, so rasch als möglich vorwärts zu kommen, und erreichten
am nächsten Tag das Flussbett des Agueriver, eines Nebenflusses des
grossen Assuariver. In seinem Bette floss Wasser -- es war das erste
fliessende Wasser, das wir seit dem Verlassen des Elgongebirges
antrafen. Nach weiterem dreieinhalbstündigem Marsche kamen wir zu
einem grösseren Dorfe, das, am Fusse eines hohen Felshügels inmitten
zwischen vielen Burassuspalmen liegend, einen ungemein malerischen
Anblick bot. Die Niederlassung heisst +Falabek+. Wir wollten hier
nur eine kurze Mittagsrast halten, ein heftiges Gewitter, das gleich
nach unserer Ankunft niederging, zog jedoch den Aufenthalt in dieser
Station etwas in die Länge. Trotzdem erreichten wir aber noch vor
Einbruch der Nacht +Lenu+, wo uns der Häuptling Labongo, ein noch
ganz junger Eingeborener, erwartete. Er hatte das Häuptlingsamt
plötzlich übernehmen müssen, da sein Vater wegen seiner Kampflust von
den Engländern nach Nimule gebracht wurde, wo er gegenwärtig eine
mehrjährige Strafe absitzt und Gelegenheit hat, darüber nachzudenken,
dass man einige Tagereisen von Nimule, dem Sitz eines mächtigen
Gouvernementsbeamten, nicht ungestraft den Wilden spielen darf. Den
wahren Grund der Kerkerstrafe verschwieg man aber uns gegenüber und
sagte, dass der Häuptling deswegen eingesperrt wurde, weil er die von
den Engländern verlangten Steuern nicht pünktlich abgeliefert hatte.
Wie ich später vom Distriktskommissär Mr. Bains in Nimule erfuhr,
waren die Eingeborenen dieser Gegend überhaupt noch nicht so weit
unterworfen, dass ihnen eine Abgabe hätte auferlegt werden können.
Unser Kamp hatte hier eine prachtvolle Umrahmung, er lag wie in einem
Felsenzirkus, und rings um unsere Zelte stiegen kleine Felsmassive
auf. In der Ferne sah man besonders die hinter Nimule im Ladogebiete
sich erhebenden Nyiriberge, die uns deutliche Wegweiser für unseren
Weitermarsch waren. Von den Eingeborenen erwarb ich eine grosse Menge
Waffen, Schmuck und andere Gegenstände für meine ethnologischen
Sammlungen. Am späten Nachmittag bereiteten uns vier Eingeborene eine
besondere Ueberraschung, indem sie bei den Klängen einer Art Zither
einen dreistimmigen, sehr melodischen Gesang anstimmten. Er gefiel uns
so gut und brachte in unser Lagerleben ein so hübsches, ungewohntes
Intermezzo, dass wir die Sänger einluden, uns am Abend die Tafelmusik
zu besorgen. Sie liessen sich nicht zweimal bitten und konnten kaum
den Augenblick erwarten, wieder ihre Stimmen ertönen zu lassen. Es
war eine stockdunkle Nacht, in der ich zur Erhöhung der Stimmung ein
Feuerwerk abbrennen liess, und die Eingeborenen gaben uns bis tief in
die Nacht hinein ihre schönsten Lieder zum Besten. Sie liessen sich in
ihrem Eifer nicht einmal dadurch stören, dass ich ihnen Tee und Kuchen
bot, und es war schon Mitternacht, als ich ihnen mit Rücksicht auf
unsere Ermüdung Einhalt tat. Sie hätten uns, wie sie sagten, die ganze
Nacht hindurch vorsingen wollen. Sehr bedauerte ich an diesem Abend,
dass unser Phonograph, den ich in Kaketta bekanntlich zurückschicken
musste, so versagt hatte. Dieser Eingeborenengesang mit seinen kräftig
einsetzenden und langsam in Pianissimo übergehenden Stimmen, mit seiner
ungemein reinen Harmonie hätte es verdient, festgehalten zu werden.
Am nächsten Morgen begleitete uns der junge Labongo mit seiner Frau und
seinem Söhnchen, einem netten, aufgeweckten Jungen, der in Amerikani
gekleidet war und eine kleine schottische Mütze trug, bis zur nächsten
Lagerstelle. Wir marschierten den ganzen Vormittag in tropischer Hitze,
immer gegen Nordwesten, kamen durch ein grosses Dorf namens +Tuanliédj+
und durchquerten nicht weniger als drei Flussbette, die des Pekun,
Adire und Limur, die aber sämtlich auch nicht einen Tropfen Wasser
zeigten. Um 12 Uhr machten wir nach einem sechsstündigen Marsche Halt,
die erschöpften Träger warfen ihre Lasten ab und begannen sofort im
Sande nach Wasser zu graben. Ihre Mühe wurde auch bald belohnt, und sie
stiessen auf den gewünschten, verhältnismässig kühlen Trunk.
Mit der Tête brach ich schon nach einstündiger Rast auf, um unser
heutiges Ziel, +Aju+, zu erreichen. Die Träger weigerten sich anfangs,
weiterzumarschieren, und waren dazu erst nach langer Schauri und
nachdem ich ihnen versprochen hatte, in Aju einen Ochsen schlachten
zu lassen, zu bewegen. In Aju kam mir sofort der Häuptling entgegen,
dem ich Auftrag gab, soviel als möglich Mehl zu beschaffen. Eine
grosse Schar Kinder und Weiber, die mit ihm erschienen waren, erfreute
ich mit einigen tausend Perlen, wofür sie sich dann mit ihren dicken
Bäuchen in Reih und Glied aufstellten und photographieren liessen.
Die Zeit, bis meine Träger nachkamen, benützte ich zu einem Besuche
der Eingeborenen-Niederlassung, die dieselbe Anlage aufwies wie
die bisherigen. Hier traf ich das bereits erwähnte Jagdheiligtum,
ausserdem auch auf einem freien Platze des Dorfes eine aus Stangenholz
hergestellte Holzbrücke, auf der sich die Eingeborenen zusammenhocken,
wenn sie grossen Rat halten (Tafel 57).
Von Aju bis Nimule waren es nur mehr zwei Tagereisen, und wir hatten
schon in unserer letzten Station zwei Renner dorthin mit einem
Telegramm abgeschickt, das unsere Angehörigen in der Heimat schon drei
Tage vor unserer Ankunft in Nimule von der glücklich durchgeführten
Durchquerung Ugandas benachrichtigen sollte (Tafel 59).
Am nächsten Tage erreichten wir nach fünfstündigem Marsche, der uns
durch schönes, zum Teil bewaldetes Hügelland, an dem Eingeborenendorf
Abuku vorbei und quer durch das ausgetrocknete Flussbett des Wororivers
führte, das breite Flussbett des mächtigen +Assuariver+. Wir
durchwateten das kaum einen halben Meter tiefe fliessende Wasser, in
dem die meisten unserer Träger rasch ein erquickendes Bad nahmen, und
kamen mittags in die Station +Lokai+. Dort befindet sich ein grosses
Rasthaus und wurden gerade mehrere Regierungsgebäude aufgeführt, da die
Absicht besteht, die Station Nimule aus ihrer gegenwärtigen, ungesunden
Lage auf dieses hochgelegene Plateau zu versetzen. Kaum waren die
Zelte aufgeschlagen und der Koch soweit fertig, dass wir zu Tisch gehen
konnten, als ein fürchterliches Gewitter mit wolkenbruchartigen Güssen
losbrach, das fast eine Stunde währte und unsere Zelte auf eine harte
Probe stellte. Der Sturm verfing sich in dem Sonnensegel und riss die
Zelte fast um, da ausserdem die Pflöcke im sandigen Boden nur locker
sassen. Es bedurfte aller Anstrengungen, um die Zelte von diesem
wütenden Gewittersturme nicht forttragen zu lassen. Acht bis zehn
Mann hielten aussen das Zelt, während innen die Zeltstange mit aller
Kraft festgehalten werden musste. In dem Kampf gegen die entfesselten
Naturkräfte hatten unsere Schutzhütten auf diesem kleinen Hochplateau
knapp vor dem Ende unserer Expedition noch eine ausgiebige Probe ihrer
Widerstandsfähigkeit zu bestehen, und sie bestanden sie glänzend. Denn
als sich das Gewitter mit dumpfem Grollen verzogen hatte, war wohl
alles durchnässt, aber unsere Zelte waren festgeblieben, und nur bei
einem war durch zu starkes Anziehen der Stricke der Saum der Leinwand
abgetrennt, welcher Schaden in Nimule rasch wieder behoben werden
konnte. Die Luft war nun gereinigt und erquickend, und der kleine
Ausflug, den ich nach dem Gewitter mit Dr. Stigler zum Assuariver
machte, um dort Vögel zu jagen, war äusserst genussvoll. Da aber ein
zweites Gewitter am Himmel stand, kehrten wir nach reichlicher Ausbeute
rasch wieder ins Lager zurück. Dort erwarteten uns die vor drei Tagen
nach Nimule vorausgeschickten Renner, und wir konnten diesen Abend
mit dem guten Bewusstsein zu Bette gehen, dass unsere Angehörigen,
denen unser Telegramm frohe Botschaft gebracht hatte, nun über unser
Schicksal nicht mehr beunruhigt zu sein brauchten.
_IN NIMULE._
_Die ersten Zeichen der Kultur / Der Einmarsch in Nimule / Waghalsige
Goldsucher / In ständigem Kampf mit den Eingeborenen / Ein Brief
Slatin Paschas / Die Erkrankung meiner Begleiter._
Die kurze Strecke, die uns noch von Nimule trennte, ward am nächsten
Tage, dem 18. Februar, bald zurückgelegt. Von unserem Lager schritten
wir gegen Westen bergab, durchquerten das versumpfte Flussbett eines
Nebenflusses des Assuariver und befanden uns dann auf einer breiten,
schönen Strasse, der ersten, die wir nach langer Zeit wieder betraten.
Nach dreieinhalb Stunden erreichten wir eine kleine Anhöhe, von der
aus wir blechgedeckte Häuser, eine Kasernenanlage mit ihren vielen
regelmässig errichteten Strohhütten und knapp dahinter das breite,
silberne Band des an den Nyiribergen vorüberströmenden heiligen Nils
sahen, den wir bei den Riponfalls verlassen hatten und der uns nun hier
nach einem Hunderte von Kilometern langen Laufe wieder entgegenglänzte.
Wir genossen eine Weile den Anblick auf Nimule in dem Gefühl, nach
langem Aufenthalte in der afrikanischen Steppe nun wieder die ersten
Zeichen der Kultur zu sehen; es gab wieder aus Stein errichtete
Gebäude, grosse Wohn- und Amtshäuser für die englischen Beamten,
Läden indischer Kaufleute -- kurz, wir näherten uns der breiten
Karawanenroute, die in Gondokoro von Khartum aus mit bequemen Dampfern
zu erreichen ist, und von dort bis Nimule und auf dem Nil über Wadelai
und den Albert-See bis Butiaba führt, von wo sich wieder eine gepflegte
Karawanenstrasse nach Kampala und Entebbe, unserem Ausgangspunkte,
erstreckt. Wir hatten freilich nicht diese bequeme, weit im Bogen
führende Route gewählt, die so mancher in der Riksha zurücklegt,
sondern waren durch das pfadlose nördliche Uganda marschiert, da wir
unbekanntes Land sehen und unseren Fuss auf bisher von Europäern
unbetretene Gebiete setzen wollten.
Auf der Anhöhe, die uns den Ausblick auf Nimule und den Nil eröffnete,
wurde Halt gemacht. Die Askari, deren abgetragene Khakianzüge fast
nur mehr aus Hadern bestanden, legten die in Reserve gehaltenen
funkelnagelneuen Uniformen an, die Träger wurden in geschlossene Reihen
gestellt, und nun konnten wir unter Vorantritt von uns Europäern den
Einmarsch in Nimule halten. Distriktskommissär Mr. Bains erwartete uns
schon ausserhalb Nimule auf der Strasse, beglückwünschte uns herzlichst
zu unserer Ankunft und teilte uns mit, wo sich unser Lagerplatz
befinde. Mich und Dr. Stigler lud er ausserdem zum Lunch ein. Nach
diesem kurzen Aufenthalte marschierten wir unter dem übermütigen
Gejohle unserer Träger, die sich vor Freude nicht mehr halten konnten,
an den vielen herbeigeeilten Eingeborenen vom Stamme Madi vorüber,
durch die lange Gasse der Kaufläden die Anhöhe hinan, auf der sich das
Rasthaus befand.
Hier erwartete uns eine kleine Karawane, deren Führer ein Engländer
und ein alter, an Abenteuer und Strapazen gewohnter Deutscher waren,
die uns um Nachrichten über die von uns berührten Gegenden baten.
Sie hatten die Absicht, den Oberlauf des Assuariver und dessen
Nebenflüsse auf das Vorhandensein von Gold, des vielbegehrten
Metalls, zu untersuchen und hatten aus denselben Beweggründen
auch schon jahrelang, aber fast stets mit negativem Erfolg, das
Kongogebiet durchstreift, von dem sie erst vor kurzer Zeit nach recht
schlimmen Erfahrungen zurückgekommen waren. Der Engländer war dort
von Eingeborenen überfallen und seiner ganzen Ausrüstung beraubt
worden. Ihm selbst wurde, während er 24 Stunden lang an einen Baum
gebunden war, das Todesurteil gesprochen, und er hatte es nur seiner
englischen Nationalität zu danken, dass man ihm schliesslich doch
noch das nackte Leben schenkte. Die Leute verfügten über sehr wenig
Barmittel und hatten auch nur eine kleine Karawane von ungefähr 60
Mann zusammengestellt, mit der sie wahrscheinlich nicht weit in das
Innere eingedrungen sein werden. Sie verabschiedeten sich noch am
selben Nachmittag von uns, um eine Aussprache ihrer Träger mit den
unseren zu verhindern, da sie wohl mit Recht befürchten mussten, dass
eine Schilderung all der Gefahren und Anstrengungen, die wir
durchgemacht hatten, ihre Träger zum Durchbrennen veranlassen könnte.
Wir wünschten ihnen besten Erfolg und konnten bei dem Gedanken, dass
diese verwegenen Goldsucher ihren Wagemut vielleicht mit dem Leben zu
büssen haben würden, ein gewisses Gefühl der Wehmut schwer unterdrücken.
[Illustration: _Ein Leprakranker_]
[Illustration: _Durch den Agueriver_
_Tafel 58_
]
[Illustration: _Die Karawane marschiert durch den Assuariver_
_Tafel 59_
]
[Illustration: _Lager in Nimule am Nil_]
[Illustration: _Regierungshaus in Nimule_
_Tafel 60_
]
Hierauf begaben wir uns zu Mr. Bains, dessen Wohnhaus auf einer
hübschen Anhöhe ausserhalb Nimule steht. Durch eine Allee von
Krotonölbäumen gelangte man über mehrere Stufen auf eine, die
inneren Wohnräume einsäumende Terrasse und von dieser in ein grosses
Speisezimmer, dessen Fussboden verschwenderisch mit Löwen- und
Leopardenfellen bedeckt war. Mr. Bains, ein junger, schlanker,
energischer Engländer, durch und durch Gentleman, war von seltener
Liebenswürdigkeit, und seine Gastfreundschaft wird uns unvergesslich
bleiben. Zum erstenmal seit vielen Wochen sassen wir nun wieder in
einem europäischen Zimmer, und unserem in der letzten Zeit sehr
wenig verwöhnten Gaumen behagten die Leckerbissen, mit denen uns Mr.
Bains bewirtete, ausserordentlich. Wir berichteten ihm ausführlich
über die Ergebnisse unserer Reise, über all die Schwierigkeiten und
Gefahren, von denen sie begleitet war, und am allermeisten mussten
wir ihm von den Naqua- und Toburstämmen erzählen, für die er ganz
besonderes Interesse zeigte. Mr. Bains hat selbst schon viele
Kämpfe mit den Eingeborenen mitgemacht. Erst im Mai des vorigen
Jahres hatte er nördlich von Jalé, wo wir am 8. Februar unser Lager
aufgeschlagen hatten, mit 50 Askari und 200 bewaffneten Acholi gegen
die dortigen aufständischen Eingeborenen gekämpft, wobei seine Truppe
fast aufgerieben wurde und 80 seiner Leute fielen. Diese grosse
Verlustziffer war in der Kampfesweise der Eingeborenen begründet.
Sie waren zwar nur mit Speeren und ganz wenigen, aus Abessynien
eingeschmuggelten Gewehren bewaffnet, mit denen sie überdies noch sehr
schlecht schossen, liessen aber die Soldaten ganz nahe herankommen,
um sie dann um so sicherer mit ihren Speeren töten zu können. Die
Askari von Nimule waren fast ständig unterwegs, um gegen aufständische
Stämme zu kämpfen. Gerade während unseres Aufenthaltes in Nimule gab
es blutige Kämpfe in den Nangiyabergen bei Rjoma, nahe von Dschudi
Dschudi, wohin von drei Seiten englische Truppen aufgeboten waren, um
die räuberischen und alles plündernden Eingeborenen zu unterwerfen.
Von Nimule selbst, sowie von Mongalla im Sudan waren zwei Expeditionen
nach dem Kampfplatz ausgezogen, und vom Süden aus war bereits Kapitän
Taughner, den wir im Dezember in Mbale getroffen hatten, mit einer
dritten Truppe unterwegs. Zurzeit war Nimule fast gänzlich von Truppen
entblösst, denn auch in den Lamogibergen, ungefähr 40 Meilen südlich
von Nimule, befand sich ein Aufstandsgebiet. Die Eingeborenen, die mit
Gewehren bewaffnet waren, hatten sich dort reichlich mit Lebensmitteln
und Wasser versorgt und in die Felsenhöhlen der Berge zurückgezogen,
aus denen sie in vollständig gedeckter Stellung auf jeden sichtbar
werdenden Askari schossen. Die Engländer entschlossen sich nun, alle
Berge zu blockieren und den Feind durch Aushungern zur Uebergabe zu
zwingen, was jedenfalls noch eine Weile dauern und manches Opfer an
Menschenleben kosten dürfte.
Nach mehreren Stunden des anregendsten Gespräches mit Mr. Bains kehrten
wir in unser Lager zurück, wo wir eine ausgiebige Post aus Europa
vorfanden und diesen ereignisreichen Tag, der uns nach langer Wanderung
durch Steppe und Busch wieder in die erste europäische Siedlung
gebracht hatte, mit der Lektüre der Unmenge von Briefen und Zeitungen
aus unserer Heimat abschlossen (Tafel 60).
In der reichen Korrespondenz befand sich auch ein Begrüssungsschreiben
unseres ausgezeichneten Landsmannes, des Generalinspektors im Sudan,
Baron Rudolf Slatin. Ich hatte ihn um die Erlaubnis ersucht, für das
Museum ein weisses Nashorn und ein Elen schiessen und ausserdem für
die kaiserliche Menagerie in Schönbrunn ein junges weisses Nashorn
fangen zu dürfen, und daraufhin war folgende Antwort Slatin Paschas
eingetroffen:
„Sehr geehrter Herr! Glückliche Ankunft am Nil. Sie können ein weisses
Rhino schiessen und auch versuchen, eine junge Elenantilope und ein
junges weisses Rhino zu fangen, jedoch unter der Bedingung, die Mütter
dieser Tiere nicht zu töten, sondern nur zu vertreiben. Hoffend, dass
Sie eine den Umständen angemessene, angenehme Reise hatten und ich Sie
bald hier begrüssen kann, bin ich, geehrter Herr, mit bestem Gruss Ihr
ergebener R. Slatin.
Bitte, benachrichtigen Sie Major C. R. Owen, Gouverneur der Mongalla
Province, von Ihrer Ankunft, der angewiesen ist, Ihnen die nötige
Jagderlaubnis zu erteilen.“
Unsere ursprüngliche Absicht war, in Nimule nur zwei, drei Tage zu
verbleiben, die vollständig genügt hätten, um unsere ermüdeten Träger
neue Kräfte schöpfen zu lassen. Leider waren aber die Kisten, die wir
in Kumi aus Mangel an Trägern über den Kiogasee und Nil vorausgeschickt
hatten, noch immer nicht hier, trotzdem sie fahrplanmässig schon längst
hätten eintreffen sollen, und so mussten wir den nächsten Dampfer,
der in Nimule nur jeden Sonntag ankommt, abwarten. Da sich hierdurch
unser Aufenthalt notgedrungen auf eine volle Woche ausdehnte -- der Tag
unserer Ankunft in Nimule war nämlich ein Sonntag, -- hatte ich Mr.
Bains ersucht, Eingeborene nach Elefanten und Büffeln auszuschicken,
um so diese Woche nicht in blossem Müssigsein verstreichen zu lassen.
Schon am nächsten Tage machte mir Mr. Bains die Mitteilung, dass in
nordöstlicher Richtung, zwischen dem Assuariver und dem Attapiriver
viele Büffel- und Elefantenspuren gesehen wurden, so dass ich hoffen
konnte, von meinem Jagdausflug nicht ohne Beute zurückzukommen. Nur
musste ich ihn noch um einen Tag verschieben, da Dr. Stigler und
Schwarzer erkrankt waren. Sie hatten von den Krotonölnüssen über
zwanzig Stück gegessen, was Brechreiz und einen furchtbaren Durchfall
zur Folge hatte, der die beiden sonst kräftigen Männer auf das
Krankenlager warf. Auch Präparator Storch ging es nicht zum Besten.
Er hatte schon im Naquagebiet, als die Strapazen sich steigerten, an
Anfällen seiner alten Malaria zu leiden gehabt, die ihn vollständig
arbeitsunfähig machten, und brach nun in Nimule mit ausserordentlich
hohem Fieber ganz zusammen. Ich war der einzige, der bisher von jeder
Krankheit verschont geblieben war, und konnte also den täglichen
Einladungen des liebenswürdigen Mr. Bains auch Folge leisten, der sich
in Aufmerksamkeiten mir gegenüber überbot. Er schenkte mir Speer,
Schild und Kopfschutz des Häuptlings von Guru Guru, der vor einigen
Tagen in den Lamogibergen von einem englischen Offizier, Mr. Moore,
erschossen worden war. Ich versuchte, mich bescheiden zu revanchieren,
indem ich ihm meine zerlegbare Tischlampe zum Geschenk machte. Es war
mir nämlich aufgefallen, dass in dem sonst so komfortablen Hause Mr.
Bains nur kleine Kerzenlampen brannten, und er sagte mir, dass ihm
seine einzige Lampe zu seinem grossen Leidwesen vom Boy zerschlagen
worden war. Mein Geschenk war ihm also sehr willkommen. Ich hatte
diese äusserst praktisch konstruierte und sehr wenig Raum einnehmende
Lampe auf der Reise nur selten benützt, da wir uns in Jinja und Mbale
fünf gewöhnliche sogenannte Safarilampen, zu drei Rupien das Stück,
angeschafft hatten, die fast unzerbrechlich sind, genügend Licht geben
und, was auf einer so anstrengenden Reise die Hauptsache ist, fast
keiner Pflegung bedurften.
_ELEFANTENJAGD._
_Im Jagdgebiet / Die erste Elefantenherde / Am Attapiriver /
Tragische Jagdgeschichten / Unsere Expeditionstrommel / Ein
anhänglicher Schwarzer / Unser Heatman als Elefantenwilderer._
Bis zur Ankunft unseres Gepäckes aus Kumi blieben uns noch vier
Tage für unseren Jagdausflug, den wir um so lieber unternahmen, als
ein längerer Aufenthalt in Nimule wegen der heftig auftretenden
Malariafälle sehr ungesund ist. Meine wissenschaftlichen Aufnahmen
hatte ich mit der Ankunft in Nimule eingestellt, und so nahmen wir für
unsern Ausflug, von dem wir Samstag abends wieder zurück sein wollten,
nur das notwendigste mit. Ausser Dr. Stigler und Schwarzer, die sich
von ihrem Brechdurchfall wieder ganz erholt hatten, begleiteten mich
einige Träger, darunter auch Adabungomoi, und mehrere Tragesel, die mit
den Lebensmitteln beladen waren. Unsere Führer waren zwei Eingeborene,
die von Mr. Bains vor einigen Tagen in die Jagdgegend geschickt worden
waren. Am frühen Morgen verliessen wir Nimule und marschierten zuerst
in nördlicher Richtung durch schönes Hügelland, in dem sich vor uns das
herrliche Panorama der Nillandschaft mit dem langgezogenen Gebirgsstock
der hochaufsteigenden Nyiriberge entrollte. Nach vier Stunden kamen
wir an den unteren Lauf des Assuariver, dessen fast hundert Meter
breites Flussbett wir durchwaten mussten. Am andern Ufer, wo mächtige
Wurstbäume standen, wie wir sie zwischen Mbale und Kumi gesehen hatten,
rieten uns unsere Führer, Rast zu halten, da wir den Attapiriver,
der nach der Karte höchstens noch drei Stunden entfernt war, vor
Sonnenuntergang nicht mehr erreichen würden. Wir beschlossen aber,
weiter zu marschieren und gingen in glühender Sonnenhitze ungefähr
eine Stunde, als sich plötzlich unter den Eingeborenen grosse Erregung
zeigte. Es war ein Geräusch wie das Trompeten von Elefanten vernehmbar.
Es wurde sofort Halt gemacht, und wir Europäer folgten nun mit den
Führern, dem Karamojomann und den Boys, die unsere Gewehre trugen,
der Richtung, aus der wir das Geräusch hörten. Bald fanden wir Fährten
der Elefanten, die auf eine ziemlich grosse Herde deuteten. Die
Verfolgung führte uns in dichtes Buschland, da und dort bezeichnete
auch ein abgebrochener Ast die Marschrichtung der Elefanten. Von diesen
selbst war aber nichts zu sehen, trotzdem der Karamojomann auch von
einem hohen Baume aus Ausblick hielt. So ging es ungefähr eine halbe
Stunde in dem ziemlich flachen Terrain weiter, da sprang Adabungomoi
plötzlich zu mir und deutete mit dem Speer auf eine graue Masse, die
einem Felsblock nicht unähnlich war. Wir schauten durch unsere Gläser
und erkannten einige Elefanten, die dicht aneinander gedrängt unter
hohen Bäumen standen. Nun gingen wir vorsichtig vorwärts und kamen
bis auf hundert Schritte heran. Vorn rechts sahen wir fünf mächtige
Tiere, etwas weiter rückwärts bedeutend mehr, von denen besonders eines
durch seine Grösse und seine langen, schmalen Zähne auffiel. Neben ihm
stand ein ausgewachsenes Junges, das ruhig mit seinem Rüssel spielte,
aber noch immer war kein Bulle wahrzunehmen. Ich hatte zwar auch die
Erlaubnis, Weibchen zu schiessen, und ein Junges möglicherweise lebend
zu fangen, dies war aber hier bei der grossen Stärke der Herde ganz
ausgeschlossen, da sich die anderen Tiere des Jungen, dem die Mutter
weggeschossen wäre, sofort angenommen hätten.
Wir traten etwas seitwärts, um den bisher durch den Busch verwehrten
freien Ausblick zu gewinnen, und sahen nun die ganze mächtige Herde
vor uns. Das wachhabende Tier hob ununterbrochen den Rüssel auf und
ab, machte sich mit den gewaltigen Ohrlappen Wind und brütete stumpf
vor sich hin, ohne Ahnung, dass ihm sein grösster Feind mit der
todbringenden Kugel so nahe war. Wir standen unter ausgezeichnetem
Wind, so dass wir den prächtigen Anblick auf die Herde ungestört
geniessen konnten. Die weiter rückwärts stehenden oder liegenden
Elefanten spielten, bewarfen sich mit Staub, den sie durch den Rüssel
bliesen, dann und wann stiess einer einen durchdringenden Trompetenton
aus. Ich suchte indessen nach einem Bullen und wollte womöglich den
stärksten schiessen. Die dünnen Stosszähne der meisten liessen aber auf
Weibchen schliessen, nur der wachhabende Elefant hätte ein Bulle sein
können, und sowohl mein Boy, der schon mehrere Jagdsafari mitgemacht
hatte, als auch der Karamojomann waren derselben Ansicht. Ich
entschloss mich daher, diesen zu schiessen, wohl wissend, dass, wenn
er nicht gut getroffen wäre, die ganze Herde, die meist aus Weibchen
mit Jungen bestand, auf uns losstürmen und alles unter sich zertreten
konnte. Ich gab noch rasch meinen Begleitern den Auftrag, im Falle
eines Angriffes auf die vordersten zu schiessen, dann legte ich meinen
Mannlicher 9,5 mm an die Backe und zielte, da die erste Aufregung
schon gewichen war, ruhig und sicher zwischen Ohr und Auge. Ein Knall,
und wie vom Blitz erschlagen sank das mächtige Tier, mitten durch das
Gehirn getroffen, zu Boden. Gleichzeitig erschütterte ein furchtbares
Trompeten die Luft, die ganze Herde lief wirr und ratlos durcheinander
und wirbelte eine hohe Staubwolke auf. Zuerst schien es, als ob sie
die Richtung gegen uns nehmen wollte, da fingen aber unsere Führer und
mein Boy mit voller Lungenkraft zu schreien an, worauf die Tiere in
entgegengesetzter Richtung, grosse Staubwolken hinter sich lassend,
davonliefen.