gegangen, von denen er zwei Stück zur Strecke brachte; ich tat
nachmittags mit Schwarzer desgleichen und brachte zwei starke
Ugandaböcke mit. Auf der Jagd hatte uns ein fürchterliches Gewitter
überrascht, und es war so finster, dass wir uns blindlings der Führung
eines Eingeborenen überliessen, der auch im Dunkel noch scharf sah
und sich gut orientierte. Eine volle Stunde tappten wir so in der
Finsternis weiter, bis wir zum Namriver kamen, durch den wir von den
Eingeborenen getragen wurden. Ganz durchnässt vom Gewitter kamen wir
im Lager an, in dem wir die Zelte vollständig unter Wasser gesetzt
vorfanden. Das Gewitter dauerte noch in unverminderter Heftigkeit fort,
und alle Augenblicke schlug der Blitz in unserer nächsten Nähe in die
Felsen oder in das Wasser. Wir blieben noch lange beim Abendtisch
zusammen, da wir die Rückkehr der Träger abwarten wollten, die das
geschossene Wild brachten.
Gerade als wir zu Bett gehen wollten -- es war elf Uhr geworden --
brachten uns einige der Eingeborenen die wenig erfreuliche Nachricht,
dass der mit ihnen in stetem Kampfe liegende, weiter nördlich siedelnde
Stamm einen nächtlichen Angriff auf das Dorf plane. Da dieser von
unserer Anwesenheit wusste, hatte er es natürlich in erster Linie auf
die Plünderung unserer Karawane abgesehen, und es erwuchs für uns
wieder, wie erst vor einigen Tagen, die Notwendigkeit, uns zu rüsten.
Wir berieten uns mit dem Askari-Sergeanten, der die Angelegenheit
sehr ernst nahm, verstärkten die Wachtposten und stellten solche auch
ausserhalb des Dorfzaunes auf. Erst dann begaben wir uns zu Bett und
nahmen die geladenen Gewehre mit, um für alle Fälle gerüstet zu sein.
Die Nacht verstrich aber, ohne dass wir aus unserer Ruhe aufgeschreckt
worden wären.
Am nächsten Vormittage besichtigte ich nach Erledigung der
astronomischen Aufnahmen -- die kartographischen mussten wegen des zu
ebenen Terrains und des jeden Ausblick verhindernden Buschlandes in
der Umgebung unterbleiben -- die Dorfhütten, unter denen besonders
Kinderschlafhütten, die ich in Uganda bisher noch nirgends gesehen
hatte, meine Aufmerksamkeit erregten. Sie sind auf neun, ungefähr
anderthalb bis zwei Meter hohen, gegabelten Pfählen errichtet; auf
diesen ruhen horizontal gelegte starke Baumstämme und quer über diesen
ein Holzrost, der die eigentliche Hütte trägt. Sie bieten Raum für
drei bis vier Kinder und besitzen nur eine ganz niedrige, eben für die
Kleinen berechnete Oeffnung. Der Unterteil der Hütte besteht aus Lehm
und ist auf den Rost von Prügelholz gesetzt, und darüber erhebt sich,
spitz wie eine Garbe zulaufend, das aus Gras hergestellte, abhebbare
Dach. Vor dem Eingang ist als Vorraum eine kleine offene Veranda
angebracht, zu der die Knirpse über hohe Holzstufen hinaufklettern
(Siehe Seite 128).
Die Wohnräume der Erwachsenen sind grosse Grashütten, von denen
das Dorf Jalé viele zählte, ausserdem gibt es auch noch genug
Vorratshütten, die, gleichfalls aus Gras geflochten, auf grossen
Steinen errichtet sind und ein leicht abhebbares Grasdach besitzen. In
diesen korbförmigen Behältern werden die Bohnen, das Durramehl und die
sonstigen Lebensmittel aufbewahrt. Die wenigen Kühe, Schafe und Ziegen,
die die Eingeborenen besitzen, werden zur Nachtzeit in kreisförmig
angelegte, von Baumstämmen eingezäunte Plätze getrieben, oft ist auch
in den Wohnhütten selbst mit Stangenholz ein Raum für das Kleinvieh
abgesteckt (Tafel 55–57).
Fast sämtliche häusliche Arbeiten, sowie die Pflege der Kinder besorgen
die reich mit Perlen, Eisenringen und Amuletten geschmückten Weiber,
während die Männer, wenn sie nicht auf die Jagd gehen, sich die Zeit
mit Nichtstun, Schwatzen und Rauchen vertreiben. Gemeinsam ist ihnen
ein starkes Verlangen nach Stoff und Kleidern. Ihr Häuptling hatte
den weiten Weg nach Nimule nicht gescheut, um dort auf irgendeine Art
einen Khakianzug einzutauschen, und dies wirkte auf seine Eingeborenen
geradezu ansteckend. Von allen unseren Tauschartikeln besass für sie
der Baumwollstoff den grössten Wert, und alles, was wir von ihnen
eintauschten, Speere, Schmuckgegenstände oder Nahrungsmittel, musste
mit Amerikani bezahlt werden. Die Haartracht der Männer war von den
Haartrachten, welchen ich früher begegnete, abweichend und höchst
eigenartig. Die Männer drehen sich gegen vorn einen Spitz, den sie mit
einer, mit Perlen geschmückten, kleinen, aus Haaren geflochtenen Kappe
krönen. Eine weitere Eigentümlichkeit, wie wir sie bisher noch nicht
gesehen hatten, besteht darin, dass die Kamjuru ihre Oberarme durch
fest angelegte Eisenringe oder Spiralen abbinden. Dies geschieht schon
in früher Jugend, so dass der Mittel- und Unterarm in den späteren
Jahren unnatürlich anschwillt. Bei vielen bemerkten wir sogar eine
ähnliche, höchst merkwürdige Abbindung der Taille. Die jungen Burschen
binden sich mit einer starken, aus Gras geflochtenen Schnur die Taille
15–30 cm hoch fest ab und tragen diese miederartige Abschnürung
dann jahrelang, meist bis zur Eheschliessung. Die Folge davon ist,
dass das Herz verschoben ist und dass man die Herzschläge schon auf
mehrere Schritte deutlich erkennen kann. Eine weitere Wirkung dieser
unsinnigen Mode ist aber auch, dass jene, die ihr huldigen, sehr häufig
Zirkulationsstörungen und Krankheiten des Herzens aufweisen.
Das Klima der Gegend ist nicht ungesund, die Tagestemperatur betrug
zwar 44 °C, die Nächte waren aber angenehm kühl, und von Moskitos,
Zecken oder gar Glossina palpalis war nichts zu merken.
Bei der Verteilung des Baumwollstoffes an die Eingeborenen war uns
besonders der alte, aber schlaue und bewegliche Häuptling von Adelang,
der uns erst in seinem Gebiete hatte zurückhalten wollen und uns dann
bis hierher nach Jalé begleitete, behilflich gewesen, und es war
dabei auch für ihn wieder ein grösseres Stück Amerikani abgefallen.
Aber er hatte auch noch ganz andere geheime Wünsche und lag mit ihnen
meinem Freunde Dr. Stigler in den Ohren, den er im Besitze so vieler
Medizinen wusste. So wollte er unter anderem ein Pulver, das ihm jene
Treffsicherheit verschaffe, die wir mit unseren Gewehren besitzen.
Er hatte gesehen, wie ich auf 150 Schritte Entfernung mit einer
Mannlicher-Kugel einen grossen Vogel vom Baume herunterschoss, und
meinte, dass dies nur mit besonderer Zauberkraft geschehen könne, die
uns eine Medizin verleihe. Trotz aller Versicherungen Dr. Stiglers,
dass es hierfür keine Medizin gebe, beharrte der Häuptling hartnäckig
auf seiner Bitte und sagte, er sei zwar schon alt und habe bereits zehn
Feinde getötet, aber einen ganz besonders gefährlichen Gegner möchte
er doch noch durch einen sicheren Speerwurf ins Jenseits befördern,
dann würde er erst glücklich sein. Da Dr. Stigler sah, dass der Mann
nicht loszubringen sei, öffnete er seinen Medizinkoffer und gab ihm
mit ernster Miene doppelkohlensaures Natron. Der Häuptling hatte
aber Verdacht, dass es Gift sei, und Dr. Stigler musste erst eine
der Pastillen selbst nehmen, ehe sie der Häuptling befriedigt und
mit vielen Dankesworten annahm. Damit war es aber noch nicht genug,
er hatte noch weitere Schmerzen. Unter den vielen Medizinen, die wir
mitführten, meinte er, sei bestimmt auch eine, die die geschwächte
Manneskraft wieder hebe. Dr. Stigler weigerte sich nun gar nicht lange,
sondern reichte ihm gleich das gewünschte Zaubermittel in Form von
Brompulver, von dem er auch wieder selbst eine Kostprobe machen musste.
Nun erst war der Häuptling zufrieden, und hochbeglückt zog er mit
seinen Begleitern nach Adelang zurück, wo er sich wahrscheinlich sehr
bald vor seinem Gegner oder einem seiner Lieblingsweiber blamiert haben
wird.
Von Jalé ging es nach +Kodongo+, wo wir zu unserem grossen Erstaunen
ein von den Eingeborenen vor kurzem errichtetes Rasthaus antrafen,
das wir als erste Europäer benützten. Auch auf diesen Boden soll
ebensowenig wie in Adelang und Odong bisher ein Europäer seinen Fuss
gesetzt haben, was uns von den ältesten Eingeborenen bestätigt wurde.
[Illustration: _Eingeborene vom Stamme der Acholi oder Kamjuru_
_Tafel 55_
]
[Illustration: _Kamjurufrau mit Kind_
_Tafel 56_
]
[Illustration: _Kinderhütte_]
[Illustration: _Beratungsplatz der Eingeborenen_
_Tafel 57_
]
[3] ch = wie tsch gesprochen.
[4] j = wie dsch gesprochen.
_IN EILMÄRSCHEN VORWÄRTS._
_Im afrikanischen Busch / Häuptlinge mit Tirolerhut und Zylinder
/ Konservenbüchsen und Patronenhülsen als Schmuck / Regenzeit /
Abtragung eines Termitenhaufens / Eine Empfangsfanfare in der
Steppe / Die Residenz des Häuptlings von Oghaba / Heiligtümer
/ Ausgetrocknete Flussläufe / Ein unbotmässiger Häuptling /
Konzertabend in Lenu / Am Assuariver / Telegramme in die Heimat / Im
Gewittersturm._
Das Gebiet, das wir nun durchzogen, war fortgesetzt flaches Buschland.
Von den Naqua- und Toburbergen war längst nichts mehr zu sehen, und
auch die Eingeborenen-Niederlassungen, von denen eine der andern glich,
boten kein besonderes Interesse mehr. Wir beschlossen daher, von jetzt
ab Nimule in Eilmärschen zu erreichen, um uns dadurch vielleicht noch
vor Eintritt der Regenzeit bei Gondokoro möglicherweise einige Tage der
Jagd widmen zu können.
Schon am nächsten Tag marschierten wir fünf Stunden lang auf einem
schmalen, durchnässten und schlüpfrigen Eingeborenenpfad, der manchen
Träger und Tragesel zu Fall kommen liess, bis +Padér+. Wir kamen auf
diesem Wege an drei kleinen Dörfern mit halbverfallenen Hütten und
einem ganz merkwürdigen Aussichtsturm vorüber. Auf ungefähr sechs Meter
hohen Baumstämmen war -- am Rande des Dorfes -- durch quergelegte Aeste
ein gerüstartiger Aufbau errichtet, der den Eingeborenen Ausblick auf
heranschleichende Feinde oder auch auf sich näherndes Wild bot.
Eine Stunde vor Padér kam uns inmitten seines Hofstaates der grosse
Sultan +Leromoi+ von Padér entgegen, der von dem Eintreffen unserer
Expedition erfahren hatte und mich nun mit einem kräftigen Handschlag
und den Worten „Mata, mata!“ begrüsste. Der Sultan, der auf einem Esel
ritt, war ein beleibter Mann mit kleinen, verschmitzten Augen und in
ganz neue Khakidress gekleidet. Ausserdem trug er Wickelgamaschen
und braune Schuhe, und auf dem Kopf sass ihm ein niederer, schwarzer
Filzhut, wie ihn unsere Tiroler Bauern tragen, und der hier in der
afrikanischen Wildnis einen sehr komischen Eindruck machte.
In Padér angelangt, führte uns der Sultan in ein Rasthaus, durch
dessen mangelhaftes Grasdach freilich überall der Regen eindringen
konnte, und liess sich dann, umgeben von seiner grossen Suite, vor
mir auf einem grellrot gepolsterten Fauteuil nieder. Natürlich gab es
die üblichen Geschenke, und der Sultan versprach mir auch auf mein
Ersuchen, Mehl zu bringen, dessen ich notwendig bedurfte, da unser
Vorrat in den an allen Lebensmitteln armen Gegenden bis auf einige
wenige Säcke schon aufgezehrt war. Bald darauf machte uns Leromoi mit
seinen vielen Söhnen und Töchtern bekannt, die alle von schlankem
Wuchs und proportionierten Gesichtszügen waren, aber sehr wenig
Aehnlichkeit mit ihrem aufgeputzten Erzeuger hatten. Die Söhne trugen
die schon erwähnten miederartigen Verschnürungen, die ihre Taille
so einengten, dass sie manche europäische Dame darum hätte beneiden
können, und viele hatten auch den Eisenring, durch den der Oberarm in
so unnatürlicher Weise abgebunden wird. Diese Ringe sollen übrigens
von den Eingeborenen, sobald sie heiraten, wieder abgelegt werden.
Ihre Haartracht wies den uns schon bekannten Spitz nach vorn auf, der
noch eine lange Vogelfeder oder gar eine ausgeschossene, Gott weiss
woher stammende Patronenhülse als Schmuck hatte. Diese Hülsen stehen,
ebenso wie die leeren Konservenbüchsen, bei den Eingeborenen hoch im
Wert, und mein kleiner Boy Amissy und das Küchenpersonal trieben damit
einen schwunghaften Handel. Anfangs hatte ich mich gewundert, wohin
die leeren Konservenbüchsen, wenn ich einmal eine für meine Käfer-
oder Schmetterlingssammlung oder irgendeinen andern Zweck brauchte,
verschwunden seien; es gab aber bald ein Wiedersehen mit ihnen. Denn
weilten wir einmal länger als einen Tag in einer Station, so konnten
wir schon am zweiten die Blechbüchsen oder Teile derselben als Schmuck
bei den Schwarzen erblicken. Der Preis variierte, aber unsern Boys war
es schon öfter gelungen, für eine einzige leere Büchse sogar ein Huhn
einzutauschen.
Nachmittags ging ein überaus heftiger Regen nieder, der den ohnehin
schon aufgeweichten Boden vollends in ein Kotmeer verwandelte, so dass
wir die Wege von den Zelten zum Rasthaus, wo wir unsere Mahlzeiten
einnahmen, dicht mit Steppengras belegen mussten. Seit dem 5. Februar,
an dem wir die Toburberge verlassen hatten und über Jalé, fast parallel
zum Namflusse, hierher marschierten, wo die Seehöhe noch immer 1130 m
beträgt, hatte es nahezu täglich ausgiebige Regenfälle gegeben. Die
Regenzeit beginnt jedoch nur in dieser Gegend in der ersten Hälfte
Februar, während sie weiter nördlich, am Nil, bedeutend später eintritt.
Am Abend führte uns der Häuptling einen Eingeborenentanz vor, von
dem wir jedoch nach dem bisher Gesehenen sehr enttäuscht waren. Die
Eingeborenen, die schwächliche, unscheinbare Gestalten sind, haben
auch wenig Temperament, so dass der Tanz, an dem wir in Mbale grossen
Gefallen hatten, hier von geringem Reiz war.
Unsere Absicht, am nächsten Morgen Padér zu verlassen, wurde durch
einen starken Regen vereitelt, der in der Nacht einsetzte und
ununterbrochen bis Mittag niederströmte. Als er endlich aufhörte,
machten wir alles marschbereit, um nun doch aufzubrechen, aber kaum
waren wir fertig, begann es abermals niederzuströmen, so dass wir den
Abmarsch für diesen Tag endgültig aufgaben. Die wenigen Stunden, die
dann am Nachmittag der Himmel wieder ein Einsehen zeigte, benützte ich
dazu, um einen der vielen, in unserer nächsten Umgebung befindlichen
Termitenhaufen nach dem Längsschnitte abtragen zu lassen, um das Leben
und Treiben der weissen Ameisen photographisch aufzunehmen, sowie eine
Königin mit dem übrigen Volk und das Termitenbrot für das Museum zu
sammeln. Ueber eine Stunde mussten acht kräftige Träger mit Krampen und
Schaufeln an dem fast zu Stein gewordenen Termitenhaufen arbeiten, bis
es gelang, die zu unterst eingebettete Königin zu bekommen.
Schon in der Morgendämmerung des nächsten Tages traten wir den Marsch
nach dem sieben Meilen entfernten +Oghaba+ an. Der Weg führte durch
wasserloses, ziemlich dichtes Buschland mit vielen Flötenakazien,
deren Dornen uns manches Loch in die Khakianzüge rissen. Gleich nach
Padér sahen wir übrigens seit Kumi wieder die ersten Gummibäume.
Fast auf halbem Weg war uns der Häuptling von Oghaba mit grosser
Suite entgegengekommen, und zur Begrüssung blies uns ein in seiner
Begleitung befindlicher Trompeter eine tadellose Empfangsfanfare. Seit
Mbale hatten wir solche Töne nicht mehr gehört, die uns nun mitten in
der Steppe ganz seltsam berührten. Ich vermutete, dass dieser famose
Bläser, der ein schlanker, schneidiger Bursche war und uns dann noch
einige weitere gelungene Proben seiner Kunst gab, ein ehemaliger Askari
sei und bei diesen das Trompetenblasen gelernt hatte, aber es wurde
uns gesagt, dass er sich diese Kunst ganz allein angeeignet und das
Instrument selbst bei einem Marsch nach Nimule von einem Inder gegen
eine Kuh eingetauscht hatte.
Der Häuptling war in einem gut passenden Khakianzug, mit Gamaschen und
Askarischuhen erschienen; zum Unterschied von seinem Kollegen in Padér
trug er aber auf seinem Haupte einen hohen, schmalkrempigen Zylinder,
so dass wir bei allem Respekt vor der schwarzen Majestät ein Lächeln
nicht unterdrücken konnten. Trotzdem er ausserordentlich mächtig
sein soll und ihm Tausende von Eingeborenen unterstehen, machte er
den Eindruck eines ziemlich schwachen und willenlosen Menschen, und
unsere Fragen und Wünsche wurden auch weniger von ihm als von seinem
sogenannten Minister beantwortet.
Seine Residenz, die ich in Oghaba besichtigte, war solider und
reicher angelegt als die bisherigen Häuptlingshütten und auch sehr
rein und nett gehalten. Die Umzäunung, die bisher immer aus wild
durcheinandergelegten Stämmen, Aesten und Wurzeln bestand, war hier aus
geraden, entrindeten, vertikal eingeschlagenen Baumstämmen gebildet,
und an Stelle der sonst üblichen niederen Oeffnung war ein zwei Meter
hoher Eingang, der zwischen je zwei starken, in den Boden gerammten
Stämmen eine aus Gras geflochtene Matte als Abschluss hatte (siehe
Seite 126–127). Im Innern dieser Umzäunung standen zwei grosse,
kreisförmig angelegte Hütten von sechs Meter Durchmesser, von denen
die eine die des Häuptlings, die zweite die seiner Weiber war. Das
Grasdach baute sich, gestützt durch eine Mittelsäule, in Kegelform
auf. Die Häuptlingshütte hatte, was ich bis jetzt noch nirgends
beobachten konnte, einen verandaartigen Vorbau, der konzentrisch um
die Hütte lief und über den sich auch noch das Dach fortsetzte, das
am äusseren Rande dieser Veranda durch kurze Säulen, in Abständen von
etwa einem Meter, gestützt wurde. Hier pflegten während des Tages
die Weiber und Kinder zu sitzen. Das Innere der Hütte, durch deren
Oeffnung man nur in gebückter Stellung gelangen konnte, war ganz
dunkel -- so dass mein Boy die Laterne anzünden musste -- und durch
eine Lehmwand in zwei Teile abgeteilt. Im einen befanden sich einige
Speere, Schilder aus Elefantenhaut, Köcher mit Pfeilen, verschiedene
Schmuckgegenstände, Behälter für das Durramehl und aus Lehm geformte
Wassergefässe, eine aus getrockneten Fellen hergestellte Ruhestätte
und auf einer kleinen kreisförmigen Erhöhung ein Platz für das Feuer,
das während des ganzen Tages unterhalten wird. Da für den Rauch kein
anderer Abzug als der kleine Eingang besteht, wäre ein ständiger
Aufenthalt für uns Europäer und unsere Atmungsorgane unmöglich. Der
zweite Raum ist das Schlafgemach des Sultans und seiner Lieblingsfrau.
Das Bett ist ein ungefähr ein Meter hohes Holzgestell, das mit Gras und
Tierfellen überdeckt ist. Gleich über dem Bett gewährt eine in die Wand
geschlagene kleine runde Oeffnung dem Ruhenden einen Ausblick auf den
Eingang der Hütte (Tafel 66–68).
Ausser diesen beiden Häuptlingshütten standen auch noch rund im Kreise
gebaute Vorratshütten mit ihren abnehmbaren Grasdächern; an den Aesten
eines hohen, blätterlosen Stammes waren die grosse und kleine Trommel
aufgehängt, und schliesslich stand in dieser Häuptlingsniederlassung
auch noch eine Art Heiligtum, das besondere Verehrung genoss. Zwei
zwei Meter hohe Holzstämme waren mit einer Querstange verbunden, an
der Perlenschnüre, aufgefasste Früchte, die Schädel von Gazellen und,
wohl als ganz besonderes Opfer, das Gehörn eines Hartebeestes hingen.
Der Boden, auf dem dieser merkwürdige Altar -- oder wie man es sonst
nennen will -- stand, war mit breiten Steinen belegt und dazwischen
mit Kakteen bepflanzt. Wir sahen dort Weiber knien, die ihren Kopf
wie andächtige Beterinnen zur Erde geneigt hielten. Vor der Hütte des
Häuptlings von Aju sah ich später ein ähnliches Heiligtum, das speziell
der Jagd gewidmet war. Es war aus Stroh geflochten, von der Form
eines kleinen Taubenschlages, auf die Spitze eines ungefähr zwei Meter
hohen Stockes gestellt, von dem ein Grasstrick mit einer Schlinge
herunterhing. Jedesmal, bevor der Häuptling und seine Leute auf die
Jagd zogen, erflehten sie sich hier ihr Jagdglück.
[Illustration: _Anlage des Wohnsitzes der Familie des Acholi-Häuptlings
von Oghaba._
_Maßstab 1 : 75_
Häuptlingshütte]
[Illustration: Grundriss der Häuptlingshütte]
[Illustration:
_Gezeichnet von R. KMUNKE._
Weiberhütte]
[Illustration: Lageplan der Weiberhütte]
[Illustration: _Anlage des Wohnsitzes der Familie des Acholi-Häuptlings
von Oghaba_
_Massstab 1 : 75 cm_
Seite A
Kinder-Schlafhütte
Seite B]
[Illustration: Grundriss der Kinderschlafhütte Seite A]
[Illustration: Grundriss des Beratungsplatzes (siehe Tafel 57)]
[Illustration: Versammlungs- und Beratungsplatz]
[Illustration: Altar]
[Illustration: Jagdheiligtum]
[Illustration: Trommelbaum]
[Illustration: Grosse und kleine Mehlvorratshütte]
[Illustration: Teil der äusseren Umzäunung]
Gegen Abend zeigten sich in unserem Lager zum ersten Male grosse
Skorpione, deren Stiche recht unangenehme Folgen nach sich ziehen. Zwei
von ihnen gab ich für meine Sammlungen in die Spirituskiste.
Am nächsten Morgen verliessen wir Oghaba, und zwar bog sich jetzt
unsere Route, die uns seit Adelang in westlicher Richtung geführt
hatte, gegen Norden und später gegen Nordwest. Ueber Latuong, Gem und
Lokuor, unbedeutende Eingeborenendörfer, erreichten wir das fast ganz
ausgetrocknete Flussbett des Adjam, an dessen rechtem Ufer, nordöstlich
vom Berge Goma, wir in der Höhe von 950 m das Lager aufschlugen. Wir
hatten an diesem Tage einen Gewaltmarsch von 32 km hinter uns, der
eine ganz respektable Leistung darstellt, da für eine derartig grosse
und schwer belastete Karawane schon 25 km sehr viel sind. Wir waren
aber durch den Mangel an Lebensmitteln oder Wassernot schon wiederholt
gezwungen gewesen, über diese Kilometerzahl hinauszugehen, und hatten
es einmal sogar auf 35 km gebracht. In der Nähe des Lagers befand sich
eine kleine Niederlassung, die +Fatjiko+ genannt wurde. Auch deren
älteste Bewohner hatten mit Ausnahme eines englischen Beamten, der zwei
Monate vor uns diese Gegend inspizierte, hier noch keinen Europäer
gesehen. Wir tauschten von den Eingeborenen besonders Mehl ein, da
unser eiserner Vorrat durch die Verlängerung des Aufenthaltes in Padér
aufgebraucht worden war und bisher noch nicht ersetzt werden konnte.
Tags darauf -- am 13. Februar -- passierten wir das 50 Meter breite
und gegen 10 Meter tiefe Flussbett des Adjam, in dem nur da und dort
zwischen den mächtigen, glatt geschliffenen Granitblöcken ein kleiner
Wassertümpel zu sehen war. Am andern Ufer ging es eine mässige Anhöhe
hinan, und schon nach einer Stunde mussten wir wieder das Bett eines
ausgetrockneten Flusses, des Baggariver, durchschreiten. Von hier aus
gelangten wir über Purokema in nordwestlicher Richtung bis +Onghako+,
welches Dorf der ganzen Gegend den Namen gibt. Der Häuptling, der Aruja
hiess und eine recht unscheinbare Gestalt war, beschaffte uns, soweit
es in seinen Kräften stand, Lebensmittel für unsere Träger, die diesmal
über 30 Kilometer zurückgelegt hatten.