Das ganze Zwiegespräch hatte viel Zeit in Anspruch genommen, da sich

der Häuptling in der Karamojosprache nur mit Saléh verständigen konnte,

dieser dessen Worte meinem Boy in Suaheli übersetzte, bis mir Simon

schliesslich den Inhalt des Gespräches auf Englisch mitteilte. Da wir

nun anscheinend gute Freunde geworden waren, liess ich den Häuptling

ersuchen, er möge mir Milch und Hühner schicken, was er auch zusagte.

Er wünschte hierauf von mir ein Mittel gegen seine schlechten Augen

und hatte ein besonderes Verlangen nach meinen Sonnengläsern, durch

die ich ihn wohl schauen liess, die ich ihm aber nicht geben konnte,

da sie, nachdem mir schon drei Gläser gebrochen waren, meine letzten

waren. Auch mein Khakianzug erregte sein Gefallen, welche Liebe zu

Kleidern wir übrigens auch bei den Eingeborenen, denen wir dann später

begegneten, sehr ausgeprägt vorfanden. Nachdem ich ihm aber auch diesen

nicht gut abtreten konnte, verliess er uns mit seinen Begleitern.

Ich schickte nun sofort meinen Gewehrträger auf einen Hügel, um nach

unserer Karawane Ausschau zu halten. Nach zwei Stunden kam er mit der

Meldung zurück, dass niemand zu sehen sei. Die Situation wurde nun

für uns sehr unangenehm, und ich musste mich darauf gefasst machen,

ohne Nahrung, ohne Zelt und Bett wahrscheinlich auch die Nacht hier

zu verbringen. Am Nachmittag waren zwar einige Eingeborene mit einem

Huhn, Milch und Eiern gekommen, sie erklärten aber, dass ich ihnen

vorher Eisenringe geben müsse. Als ich ihnen sagte, sie würden diese

und noch viele andere schöne Dinge erhalten, sobald meine Karawane

eingetroffen sein werde, meinten sie, sie würden wieder kommen, wenn

diese wirklich hier wäre, und zogen sich unter Mitnahme der gebrachten

Lebensmittel, die wir demnach nur ansehen durften, misstrauisch zurück.

Unter ihnen war auch ein sehr kräftiger, hübscher, energischer Junge,

der mir mehr Vertrauen zuzuwenden schien als die übrigen und mir

mitteilen liess, dass auf dem nördlich von unserem Platze aufsteigenden

Bergrücken eine grosse Karawane gesehen worden sei. Es konnten dies

nur meine Träger sein, und ich liess den Jungen unter Zusicherung

grosser Geschenke bitten, er möge die Karawane aufsuchen und Dr.

Stigler einen Brief übermitteln. Nach langem Hin und Her erklärte sich

der Eingeborene hierzu bereit und übernahm den Brief, in dem ich Dr.

Stigler meine heikle Situation schilderte. Der Bursche machte sich

sofort auf den Weg und hoffte, bis zum aufgehenden Mond wieder zurück

zu sein.

Er hatte sich aber in seiner Annahme verrechnet, denn die Karawane

war viele Stunden weit entfernt. Wie sich später herausstellte, war

sie, irregeführt durch Wildfährten, die sie für die Spuren meines

Maultieres hielt, tief in ein Hochgebirgstal hineingekommen, wo kurze

Rast gehalten wurde. Dr. Stigler ging von dort aus mit seinem Boy zu

einer auf der Höhe gelegenen Eingeborenen-Niederlassung, um nach Wasser

zu fragen und vielleicht Nachricht über meinen Aufenthalt zu bekommen.

Die Karawane, die auf dem Rastplatz kein Wasser hatte, marschierte mit

den übrigen Europäern gegen Norden weiter, in der Hoffnung, Dr. Stigler

einzuholen, und erreichte erst nachts eine Wasserstelle. Dr. Stigler

hatte unterdessen gleichfalls Wasser gefunden, war nun aber auch von

der Karawane getrennt. Wenigstens hatte er aber die Esel mit den

Konservenbüchsen bei sich und hatte auch anordnen können, dass ihm Zelt

und Bett geschickt wurden.

Ich hatte mich inzwischen wohl oder übel in mein Schicksal gefügt und

bereitete mich darauf vor, die Nacht ohne Zelt und Bett, und ohne eine

Nahrung zu mir genommen zu haben, im Freien zuzubringen. Zwischen

den Bäumen liess ich mir mit abgeschlagenen Aesten und Zweigen ein

Verhau errichten, um einigermassen gegen den immer schärfer blasenden

Nordwind geschützt zu sein, und bereitete mir dann innerhalb desselben

aus abgeschnittenem Gras, das ich mit einem Wettermantel zudeckte, ein

primitives Lager. Mein Askari und Saléh hielten abwechselnd Wache. Die

Nacht war hell, und der aufsteigende Vollmond umschleierte mit seinem

Silberlichte das breite Tal und die Konturen der steilen Bergabhänge.

Ich konnte nicht viel schlafen und verbrachte den grössten Teil der

Nacht wachend, denn eine Unmenge von Gedanken über meine Lage --

es war bitter kalt geworden und ich musste mich wiederholt an dem

nahen, hochlodernden Lagerfeuer wärmen -- und die zu gewärtigenden

Möglichkeiten stürmten auf mich ein und liessen mich nicht zur

Ruhe kommen. Ich war inmitten eines feindlich oder mindestens sehr

unfreundlich gesinnten Volksstammes, dem ich mit meinen wenigen

Begleitern und den zwei Gewehren, die ich nebst einer Pistole mithatte,

fast machtlos gegenüberstand. Es schien nicht ausgeschlossen, dass ich

noch eine zweite und dritte Nacht hier auf diese Art würde zubringen

müssen, womit auch die Gefahr einer Erkrankung stieg.

Mit grosser Freude begrüsste ich daher den ersten Schimmer der

Morgendämmerung und schickte alsbald meinen Gewehrträger zum Häuptling,

um mir für zwei Eisenringe, die ein Boy Abeidis zufällig bei sich

hatte, Eier einzutauschen. Er kam auch mit neun Stück Eiern zurück,

die jedoch alle schlecht waren. Der Naquaführer Amaké hatte mich tags

zuvor sofort, als er bemerkte, dass meine Karawane nicht nachfolge,

verlassen, sich zu den Eingeborenen begeben und dürfte sie gegen mich

aufgehetzt haben. Denn ein Eingeborener aus Kamjuru, der sich zuerst

bereit erklärt hatte, mich zur nächsten Wasserstelle zu führen, kam

bald darauf in Begleitung des Naquaführers mit der Erklärung zurück,

dass er nicht mitgehen könne, und Amaké selbst verlangte frech den

Amerikanistoff, den ich ihm versprochen hatte.

Der ganze Vormittag verging, ohne dass wir irgendwelche Nachricht

erhalten hätten, und hunderte Male schweiften unsere Blicke auf die

nördlich gelegenen Abhänge, um den gestern abgeschickten Eingeborenen

mit der so sehnsüchtig erwarteten Antwort Dr. Stiglers zu erspähen.

Gegen Mittag endlich brach ich auf, um den nächsten Wasserplatz

zu erreichen, wo ich meine Karawane anzutreffen hoffte. Nach

dreiundeinhalb Stunden schnellen Marsches kam uns der Tobur-Eingeborene

entgegen mit einem Schreiben Dr. Stiglers, das ich in gespanntester

Erwartung öffnete. Mein Gefährte teilte mir mit, dass er mir einige

Träger mit Zelt, Bett und Konserven in mein Lager schicke, er selbst

mit der wiedergefundenen Karawane auf einem Hochplateau übernachte

und erst am nächsten Morgen folgen könnte, da die Träger durch einen

zwölfstündigen Marsch vollkommen erschöpft seien. Auf diese Nachricht

hin kehrte ich, um die mir entgegengesandten Träger nicht zu verfehlen,

sofort auf meinen alten Lagerplatz zurück, obgleich ich auf dem Wege

schon Spuren meiner Karawane sehen konnte. Es dämmerte bereits, als

mir in der Nähe meines alten Kamps vier Träger meiner Karawane unter

Führung eines Eingeborenen begegneten. Sie waren alle total erschöpft,

denn ihre Marschleistung hatte nicht weniger als sechzehn Stunden

betragen. Bei der Wasserstelle wurde nun rasch abgekocht, ich teilte

die Konserven mit meinen braven Begleitern, und gleich darauf sank

jeder todmüde auf sein Lager zu erquickendem Schlaf hin. Der Askari und

der Gewehrträger hielten abwechselnd wieder die Wache und sorgten auch

für die grossen Feuer, die wir angezündet hatten, um uns, wenn möglich,

unserer Karawane bemerkbar zu machen. Diese selbst unterhielt ebenfalls

grosse Lagerfeuer, die auf einem viele Meilen von uns entfernten, hoch

in den Bergen gelegenen Sattel aufflackerten und von uns deutlich

gesehen werden konnten.

Während dieser zwei Tage, in denen ich von meiner Karawane getrennt

war, musste ich mangels der Apparate mit den kartographischen und

meteorologischen Aufnahmen zum ersten Male auf dem viele Hunderte

Kilometer langen Wege von Jinja bis hierher aussetzen. Es war mir

schon zur täglichen Gewohnheit geworden, morgens vor dem Abmarsch und

abends bei Beginn der Dämmerung meine meteorologischen Aufzeichnungen

zu notieren, die sich auf die Maximum-Minimum-Temperaturen der

letzten 24 Stunden, auf jene des Trockenheits- und Feuchtigkeits- und

Schleuderthermometers, auf den von den Barometern abgelesenen Luftdruck

und schliesslich auf Bewölkung, Windrichtung und etwaige Gewitter

erstreckten. Leider war durch diese Trennung meine zweite astronomische

Uhr, die sich im Koffer befand, stehen geblieben, und es blieb mir für

die genaue Zeitbestimmung bei den astronomischen Beobachtungen nur die

eine, die ich bei mir führte.

Am nächsten Morgen ging ich, nachdem ich mich ordentlich ausgeschlafen

hatte, auf die Vogeljagd. Als ich von ihr gegen 10 Uhr vormittags im

Lager eintraf, war dort bereits die Vorhut der Karawane und mit ihr

auch Dr. Stigler angekommen. Wir begrüssten uns mit grosser Freude,

und nun ging es an ein langes Erzählen der gegenseitigen Erlebnisse.

Wir waren glücklich, dass diese 50stündige Trennung, in der ich, von

einem wilden Volksstamm umschlossen, ohne Nahrung und allen möglichen

Gefahren preisgegeben war, für mich so glücklich abgelaufen war,

und freuten uns innig der Wiedervereinigung. Nach einer Stunde traf

auch der Rest der Karawane ein, und alle, die Träger ebenso wie

unsere europäischen Begleiter, äusserten eine grosse und ehrliche

Freude darüber, mich nach der langen Trennungszeit gesund und munter

wieder angetroffen zu haben. Mit der restlichen Karawane waren auch

die zwei braven Tobur-Eingeborenen gekommen, von denen der eine den

Briefwechsel mit Dr. Stigler besorgt, der andere die Führung der

Karawane zu meinem Lagerplatz übernommen hatte. Ich beschenkte sie

reich mit Perlen, Amerikani, Eisenringen, Medaillons usw. Nun waren wir

ja wieder wohlhabende Leute, was uns auch zugute kam, als bald darauf

ein Häuptling der Toburleute mit vielen seiner Eingeborenen erschien,

die mir gegen unsere Tauschartikel ihre Speere, Messer, Stöcke und

primitiven Schmuckgegenstände gern überliessen (Tafel 65).

[Illustration: _Schmiede und Schmelzofen der Naqua- und

Tobur-Eingeborenen (Uganda)._

_Durchmesser der Hütte 5 m_

_Gezeichnet von R. KMUNKE._]

Der Toburhäuptling bot sich uns auch als Führer an, als wir nachmittags

einen Ausflug in die Berge machten, wo unsere Begleiter bei den

Eingeborenen viele Schmelz- und Schmiedehütten gesehen hatten,

die wir nun einer genauen Besichtigung unterziehen wollten. Nach

einstündigem Marsche gelangten wir zu einer solchen Anlage, von

der leider die Schmelzhütte nicht in Betrieb stand, während in der

Schmiedehütte die Eingeborenen emsig an der Arbeit waren. Die Leute

waren hübsche, schlanke Gestalten mit vielem Schmuck um Hals, Arme und

Füsse und liessen uns bereitwilligst durch die niedere Oeffnung in ihre

grasgedeckte Hütte kriechen, wo wir nun ihrer Arbeit zusehen konnten.

In der Mitte der Hütte stand ein Lehmklotz, auf dem das aus der

Schmelzhütte gewonnene Eisenmaterial glühend gemacht wird. Der Klotz

hat eine muldenförmige Vertiefung, von der nach abwärts ein schmaler

Kanal führt, durch den die aus Tierfellen hergestellte Blasbalganlage

zur Feuerung einmündet. Das Erz wird mit glühenden Kohlen in die

Vertiefung gelegt und dem Feuer durch den Blasbalg soviel Sauerstoff

zugeführt, bis das Eisen rotglühend ist. Dann legt ein Eingeborener

das glühende Eisen mit einer eigens geformten Zange auf einen

nebenstehenden grossen Stein, und ein zweiter gibt nun durch Schläge

mit einem kleineren Stein der glühenden Masse die gewünschte Form

des Speeres, Messers oder sonstigen Gebrauchsartikels. Gleichzeitig

drückt er in das weiche Eisen mit einem Holzstock Rippen und alle

möglichen Verzierungen ein. Die Leute arbeiten bei diesen primitiven

Einrichtungen mit bewundernswerter Geschicklichkeit und sind in ihrer

Art ganz vorzügliche Schmiede.

Auch die Schmelzhütte, die den Hochofen zu ersetzen hat, ist eine ganz

gewöhnliche, mit Steppengras bedeckte Hütte. In ihrer Mitte erhebt sich

ein Lehmklotz von über einem Meter Höhe, in dem eine 60 cm breite und

30 cm tiefe Schmelzgrube ist, von der schräg ein Kanal für die Schlacke

abfällt. Das Eisen wird in der Art gewonnen, dass die Schmelzgrube

mit Schichten glühend gemachter Holzkohle und erbsengrossen Stücken

zerschlagenen Eisenerzes gefüllt und die zum Schmelzen nötige

Temperatur durch ein primitives Gebläse erzeugt wird, mit dem ein durch

den schrägen Ablaufkanal führendes Lehmrohr in Verbindung steht (Tafel

65).

Diese ganze, höchst einfache und doch so kunstvolle Schmiedewerkstätte

eines Naturvolkes erregte in mir derartiges Interesse, dass ich den

Plan fasste, den Aufbau einer solchen Schmiede und die Arbeit in ihr

vom Photographen Schwarzer kinematographisch festhalten zu lassen.

Ich verhandelte mit den Leuten, sie möchten die Hütten bis zur Hälfte

abtragen, um dadurch Licht in das Innere zu bekommen, und wieder

aufbauen, und bot ihnen jeden gewünschten Preis dafür, aber sie waren

nicht zu bewegen, auf meinen Vorschlag einzugehen, und so musste ich

mich mit dem Gesehenen und einer Skizze, die ich von den Arbeitshütten

anfertigte, begnügen. Erst spät abends kamen wir von dem interessanten

Ausflug in unser Lager zurück, wo wir noch lange in der vom Mondlicht

prächtig erhellten Berglandschaft beisammen sassen.

Der nächste Tag galt den geodätischen und kartographischen Aufnahmen,

und zwar beschloss ich, sie von der höchsten Spitze des Toburgebirges

auszuführen. Photograph Schwarzer und einige Träger mit den Apparaten

begleiteten mich. Bis zur Höhe von 1800 m bahnten wir uns durch dichten

Bambuswald mühsam einen Weg, dann wuchs nur mehr niedriges Gestrüpp,

und gegen den Gipfel zu ragten glatte Felsen auf, die die Besteigung

sehr erschwerten (Tafel 53). Mit grosser Mühe kletterten wir auf allen

Vieren durch einen schmalen Felsenriss, durch den sich die Träger mit

ihren Lasten gegenseitig hinaufschoben, und nach einer Stunde waren wir

endlich schweisstriefend auf der Spitze angelangt, deren Höhe ich mit

1931 m mass und die ich nach meiner Frau „Josefaberg“ benannte. Bis

vier Uhr nachmittags arbeitete ich sehr vorsichtig auf der Spitze eines

glattgeschliffenen Granitfelsens, der dem Theodolit nur schwachen Halt

gab. Dann wollte ich noch von einem zweiten, bedeutend tiefer gelegenen

Punkte aus Vermessungen machen, ein von allen Seiten aufsteigendes

Gewitter nötigte uns aber, uns so rasch als möglich talwärts zu

begeben, was, da wir uns in dem Gewirr des Bambuswaldes einigemal

verirrten, uns noch lange in Anspruch nahm, so dass wir erst spät

abends im Lager eintrafen. Dort erwarteten mich zu meiner angenehmen

Ueberraschung drei Häuptlinge benachbarter Eingeborenenstämme, und zwar

die Häuptlinge von Adelang, von Odong und von Lira. Sie hatten Kunde

von unserer Karawane erhalten und staunten nun, wie alle Schwarzen,

uns Europäer neugierig an. Von ihnen erfuhren wir übrigens auch,

dass die Wasserstelle, an der wir unser Lager aufgeschlagen hatten, den

Namen Akur führte (Tafel 54).

[Illustration: _Blick von der Josefinenspitze gegen die Naquaberge_]

[Illustration: _Blick von der Josefinenspitze nach Norden_

_Tafel 53_

]

[Illustration: _Lager in Tobur_]

[Illustration: _Unser Wasser in Adelang_

_Tafel 54_

]

Am nächsten Morgen setzten wir unseren Marsch von diesem Lager, in

dem sich unser Aufenthalt wider unseren Willen ausgedehnt hatte,

wieder fort und marschierten zunächst in westlicher Richtung durch

das weite Buschland. Die schöne Kette der Naqua- und Toburberge blieb

bald hinter uns, aber vor uns erhoben sich noch manche einzelne, ganz

nadelförmige Bergspitzen aus der Ebene, in der viele Fährten auf

einen ziemlichen Wildreichtum schliessen liessen. Wir sahen nebst

tief eingetretenen, aus der Regenzeit stammenden Elefantenspuren auch

viele Elefantengruben, in denen die Eingeborenen diese mächtigen Tiere

fangen. Sie stecken hinter einer Herde das Steppengras in Brand und

jagen sie dann über die grasbedeckten Gruben, in die stets das eine

oder andere Tier stürzt, das dann mit Speeren getötet wird.

Um ½3 Uhr nachmittags kamen wir nach +Adelang+, unsere Karawane etwas

früher als wir, da wir uns bei der Jagd auf Kongoni verspätet hatten.

Mein Zelt wurde unter einem prächtigen grossen Baum aufgeschlagen,

wo sich bald nach unserer Ankunft der Häuptling mit vielen seiner

Eingeborenen einfand, um die übliche Schauri (Besprechung) zu halten.

Mein Boy Simon stellte für ihn eben eine Tasse frisch gekochten Tees

auf den Tisch, schlug dann aber plötzlich mit den Händen um sich und

lief wie rasend davon. Seine Bewegungen wirkten derart komisch, dass

alles zu lachen anfing, und die Heiterkeit wurde noch grösser, als

auch der Heatman Abeidi heftig gegen seinen Kopf schlug und eiligst

die Flucht ergriff. Ich hatte noch immer keine Ahnung von der Ursache

dieser Szene, wurde aber schon im nächsten Augenblicke eines besseren

belehrt. Denn ich fühlte plötzlich einen heftigen Stich und sah nun,

dass wir von einem ganzen Schwarm Bienen überfallen waren, der sich

auf dem Baume über uns befunden hatte und sich, wahrscheinlich durch

den Rauch meiner Zigarre beunruhigt, rächend auf uns stürzte. Ich war

mit vier Stichen verhältnismässig noch glimpflich davongekommen, aber

einige der Eingeborenen wurden arg zerstochen, und Simon hatte die

Unterlippe und Wange faustdick angeschwollen. Das ganze Lager befand

sich auf der Flucht vor diesen kleinen Tierchen, die so unangenehm

werden können. Da erinnerten wir uns plötzlich, als wir ferne von

dem verhängnisvollen Baume standen, dass an mein Zelt noch das

kleine reizende Kongoni angebunden sei, das ich seit vielen Wochen

mit mir führte. Wir liessen ihm stets eine sorgfältige Pflege zuteil

werden; ein Eingeborener trug es während des Marsches in einem Korbe,

und täglich wurde es zweimal mit frischer Milch von unseren Kühen

gefüttert. Um das junge Hartebeest zu retten, musste es schleunigst aus

der Nähe des Schwarmes weggeführt werden, aber trotz des angebotenen

Backschisch fand sich keiner der Träger, die ja fast nackt waren, der

sich dieser Aufgabe unterzogen hätte. Endlich machte sich Photograph

Schwarzer, der ein ausgezeichneter Bienenkenner ist, erbötig, die

Schnur, mit dem das Kongoni ans Zelt angebunden war, durchzuschneiden.

Er stülpte sich einen Schmetterlingsfänger über den Kopf, verband

sich die Hände mit Servietten und ging in dieser Ausrüstung an die

Rettungsarbeit. Das arme Tier hatte schon einen ganz schwarzen Kopf,

so dicht sassen die Bienen auf ihm. Schwarzer vertrieb diese wohl,

indem er sie mit Wasser überschüttete, aber es bestand wenig Hoffnung,

dass das Kongoni mit dem Leben davonkäme, und tatsächlich verendete

es noch am selben Abend. Den übrigen Tieren, die ich mitführte,

den beiden Affen, dem Eingeborenenhund Kumi aus Kuminyanza und der

kleinen Wildkatze hatten die Bienen nicht viel Schaden zugefügt. Da

sie noch immer um den Baum herumschwärmten, liess ich mein Zelt etwas

später von den Askari, die sich ihre Mäntel zum Schutz über den Kopf

zusammengebunden hatten, von diesem gefährlichen Platze einige hundert

Schritte weit wegtragen. Die ganze Affäre hatten wir übrigens mit

unserer Unaufmerksamkeit verschuldet, da wir sonst beim Aufschlagen

unseres Lagers solchen Bienenschwärmen, die wir schon einigemal

angetroffen hatten, stets ausgewichen waren und die Askari nur diesmal

diese Vorsichtsmassregel nicht beachtet hatten, was wir nun am eigenen

Leibe zu spüren bekamen.

Die Hütten von Adelang stehen mitten zwischen grossen glatten

Granitblöcken und sehen recht armselig und verwahrlost aus. Auch

die Gestalten der Eingeborenen machen einen schwächlichen Eindruck

und verraten weitaus weniger Mut und Energie als die der Tobur- und

Naqualeute. Unser Trinkwasser mussten wir uns in Adelang aus einer

kleinen, schmutziggrauen Kotlache holen, in der nebenbei auch die

Haustiere und unsere Esel getränkt wurden und unsere Träger, sobald sie

ihren Durst gelöscht hatten, sich wie gewöhnlich ihre Füsse badeten.

Die Folge war auch, dass unser Tee von diesem Wasser trotz allen

Filterns einen sehr unangenehmen Beigeschmack besass.

Am Morgen nach dem Ueberfall durch den Bienenschwarm bestieg Dr.

Stigler mit seinem Boy einen in der Nähe gelegenen, geologisch sehr

interessanten Berg, der aus dem Buschwerk mit fast ganz glatten Felsen

emporragte. Dr. Stigler nannte ihn nach seinem Chef, dem Vorstand des

Wiener physiologischen Institutes „Exnerstein“. Ich selbst setzte auf

einem diesem Berge gegenüberliegenden Hügel meine kartographischen

Aufnahmen fort, von denen ich um die Mittagstunde in das Lager

zurückkam. Dort erwartete mich der grosse Sultan von Jalé, der sich

mir als Führer bis zu seiner Niederlassung antrug. Ich nahm dieses

Anerbieten natürlich freudigst an, und wir setzten unseren Abmarsch für

den nächsten Morgen fest. Der Häuptling von Adelang, der schon tags

zuvor von mir reich beschenkt worden war, hatte uns zwar mit allen

Mitteln zu bewegen versucht, den Aufenthalt bei ihm zu verlängern, da

er wohl wusste, dass dabei für ihn noch mancherlei abfallen würde. Wir

blieben aber allen seinen Lockungen gegenüber standhaft und liessen uns

auch dadurch nicht zurückhalten, dass er uns erzählte, mehrere seiner

Leute hätten ein paar Stunden von uns entfernt einen grossen Elefanten

gesehen. Es war zwar rührend, dass er also sogar auf unsere Jagdlust

spekulierte, um uns festzuhalten, aber auch dieses letzte Mittel

brachte uns von dem einmal gefassten Entschlusse nicht ab, und dem

Häuptling blieb, da er sich anscheinend unter keinen Umständen von uns

trennen wollte, nichts anderes übrig, als uns bis Jalé zu begleiten.

_BEI DEN ACHOLI._[3]

_An den Ufern des Nam / Afrikanisches Gewitter / Ein unterbliebener

Angriff / Die Kinderhütten der Acholi / Unsinnige Eingeborenenmoden /

Schlanke Taillen / Der medizinsüchtige Häuptling._

Nördlich von Adelang, das wir am nächsten Morgen in Begleitung der

beiden Häuptlinge verliessen, erstreckt sich das weite Gebiet der

Kamjuru[4] oder +Acholi+, das zwischen dem Nil im Westen und den Naqua-

und Toburbergen und den sich an diese anschliessenden Gebirgsstöcken

des Napong und Parabonga im Osten liegt. Diese Bergkette, die sich

gegen Norden noch in vielen kleineren Felsspitzen etwa hundert Meilen

weit fortsetzt, bildet die Grenze zwischen den Acholi und Karamojo. Die

Gegend zeigt fast durchweg Steppencharakter, stellenweise gibt es auch

dichteres Buschland und kleinere, aus der Ebene aufsteigende Berge. Der

Boden ist fruchtbar, und die Niederlassungen werden, je mehr man sich

dem Nil nähert, desto zahlreicher und grösser. Die Humusschicht ist

nicht sehr stark und liegt über Granitfelsen, die oft, namentlich an

den Ufern der Flussläufe, in grossen Flächen nackt zutage treten.

Unser Weg führte uns über Odong durch dichtes Buschland und zwischen

einigen kleineren Erhöhungen hindurch nach vierthalbstündigem Marsche

in das erste Dorf, Jalé, das auf einer Anhöhe um einen hohen alten Baum

angelegt war. Unter diesem schlugen wir unsere Zelte auf einem grossen

sandigen Platze auf, um den herum die Hütten der Eingeborenen standen.

Unsere Träger liessen wir ausserhalb der Niederlassung lagern, um die

dann und wann vorkommenden Plünderungen, auf die ich grosse Strafen

gesetzt hatte, vollständig zu verhindern. Das Dorf, in dessen nächster

Nähe sich das Flussbett des Nam, eines Nebenflusses des Assuariver,

befindet, ist mit einem einige Meter hohen Zaun aus dicken Stämmen und

Aesten umgeben, der einen Schutz gegen die Ueberfälle feindlicher

Stämme oder wilder Raubtiere bilden soll. Die Eingeborenen sind

prächtige grosse Gestalten und unterscheiden sich wohltuend von jenen

in Adelang, bei denen Dr. Stigler einige ganz besonders schwere Fälle

von Lues konstatiert hatte.

Quer durch Uganda · 第 10 / 16 段