Haut abgenommen hatten, wurde in scharfem Tempo weitermarschiert, denn
der Weg bis zur nächsten Wasserstelle war noch sehr weit. Stundenlang
ging es durch immer dichter werdendes Buschland, und die Wassersäcke
waren infolge der grossen Hitze schon stark entleert. Die grösste
Sorge bereiteten uns die Träger, die trotz der schweren Lasten
ihre vier, fünf Stunden leicht zurücklegten, aber ausserordentlich
ermüdeten, wenn der Marsch doppelt so lang währte und durch wasserlose,
unbeschattete Gegenden führte. Der grösste Teil der Karawane war weit
hinter uns, und mit uns folgten nur einige wenige, besonders starke
und vielleicht auch besonders ehrgeizige Eingeborene. Wir Europäer
waren nicht weniger ermüdet, durften dies aber, um den Eingeborenen
kein schlechtes Beispiel zu geben, nicht zeigen. Denn an eine längere
Rast konnten wir nicht denken. Indess gelangten wir endlich an den
Fuss der Naquaberge und fast plötzlich umfing uns statt des bisherigen
eintönigen Buschlandes eine reiche, tropische Vegetation. Mächtige
alte Bäume gewährten kühlen Schatten, und wir standen am Eingang eines
schmalen, von West nach Ost sich tief in die Naquaberge erstreckenden
Tales, in dem wir auf einer alten Elefantenfährte unseren Weg suchten.
Mühsam zwängten wir uns Mann für Mann durch das Urwaldgestrüpp, als
plötzlich rechts von uns ein Krachen und Brechen und gleichzeitig
der Ruf „Tembo“ (Elefant) ertönte. Wir erwarteten mit schussbereiten
Gewehren den Durchbruch der Tiere, sie zeigten sich aber nicht, und
wir drangen immer tiefer in die üppige Vegetation ein, in der sich
besonders die schönen Burassuspalmen mehrten (Tafel 50). Nach einer
Stunde schloss sich vor uns die Bergkette gegen eine sattelartige
Vertiefung, von der herab ein glattgeschliffenes Granitfelsmassiv bis
ins Tal reichte. Mehrere Felsenlöcher, die sich in terrassenförmigen
Abstufungen vorfanden, waren mit Regenwasser gefüllt -- unsere ersehnte
Wasserstelle. Elefanten-, Gazellen- und Hyänenspuren bezeichneten den
Weg dorthin, und das Wasser war auch stark von den Tieren verunreinigt,
aber trotzdem bedeutete es für uns einen köstlichen, langentbehrten
Genuss. Ich bestimmte den unteren Wassertümpel für uns Europäer
und stellte ihn unter Bewachung eines Askari, den oberen für die
Träger. Diese Scheidung war nötig, da die Eingeborenen die schlechte
Eigenschaft haben, die Wasserstellen, sowie sie ihren Durst gelöscht
haben, sofort durch Baden und noch Aergeres zu verunreinigen. Die
Maultiere und Esel wurden aus den Stoffeimern getränkt, da für sie
ein Trinken an Ort und Stelle infolge der glatten Felsen zu grosse
Absturzgefahr mit sich gebracht hätte. War es doch meinem Freunde Dr.
Stigler passiert, dass er, als er zum Bergsattel aufstieg, um Umschau
nach einem geeigneten Lagerplatz zu halten, ausglitt und mit Kleidern,
Schuhen und Tropenhelm in einen Wassertümpel abrutschte, wo er zu
einem unfreiwilligen Bade kam.
Inzwischen hatte ich selbst am Fusse eines steilen Felsabsturzes in
nächster Nähe der Wasserstelle einen Platz gefunden, der für das
Aufstellen unserer Zelte geeignet erschien. Es stellte sich aber nun
heraus, dass von den Trägern erst eine ganz kleine Schar angelangt
und von den Zelten, Betten und Sesseln noch keine Spur zu finden
war. Trotzdem es bereits dämmerte, vermissten wir noch über die
Hälfte unserer Leute. Wir sandten fünfzehn Träger mit Wassersäcken
zurück, um den zurückgebliebenen und halbverschmachteten Eingeborenen
behilflich zu sein. Auf zwei Stunden Weg war unsere Marschlinie mit
zusammengebrochenen Trägern besetzt, und einzelne unserer Eingeborenen
gingen zweimal, ja dreimal zurück, um die Liegengebliebenen aufzulesen
und deren Lasten zu tragen. Einer der Ermatteten war überhaupt unfähig,
noch weiter zu gehen und musste von vier Mann getragen werden, und so
wurde es acht Uhr abends, bis sich die ganze Karawane wieder vollzählig
versammelt hatte. Wir mussten noch froh sein, dass der Gewaltmarsch
dieses Tages keine schlimmeren Folgen aufwies. Seit halb fünf Uhr
morgens waren wir auf den Beinen gewesen und hatten -- nach Abzug der
wenigen kurzen Rasten -- einen ungefähr zwölfstündigen Marsch hinter
uns, der bei glühender Sonnenhitze und sparsamstem Wasserverbrauch
durch meterhohes, steifes Steppengras zurückgelegt worden war. Wer
unter ähnlichen schwierigen Verhältnissen Steppenreisen in der heissen
Glut der Aequatorialsonne gemacht hat, dürfte diese Leistung zu
schätzen wissen. Dass wir mit unserer langen Karawane schliesslich
doch dies Gebiet glücklich durchquert hatten, verdankten wir zum
grossen Teil der Energie unserer Askari, ebenso aber auch der strammen
Disziplin, die wir den Eingeborenenträgern bereits beigebracht hatten.
Beide Umstände trugen dazu bei, dass wir ohne jeglichen Verlust von
Menschenleben -- den wir nach den von Gouverneur Jackson gemachten
Erfahrungen schon bei der Elgonbesteigung gefürchtet hatten --
durchgekommen waren.
_EIN GEPLANTER UEBERFALL._
_Vollmondnacht / Die unsichtbaren Eingeborenen / Verräterische
Lichter / Von den Wilden eingeschlossen / In voller Kampfbereitschaft
/ Spannungsvolle Stunden / Abzug der Eingeborenen._
Nachdem rasch abgekocht worden war, trat in unserem Lager vollständige
Stille ein. Kein Gesang oder sonstiger Lärm drang zu uns, erquickender
Schlaf hatte sich auf die Müden und Ermatteten gesenkt. Die Lagerfeuer
waren erloschen, und nur die wenigen, von den Askari unterhaltenen
Wachfeuer loderten noch gegen das sternenbesäte Firmament empor, das
vom aufsteigenden Vollmond hell beleuchtet war.
Wir Europäer sassen noch am Abendtisch und sprachen über den
ereignisreichen Tag, der uns unser Ziel doch erreichen hatte lassen.
Wir wunderten uns, dass von den berüchtigten Naquaeingeborenen, die uns
von allen als kriegerisch, hinterlistig und verräterisch geschildert
wurden, nirgends etwas zu sehen war, trotzdem wir mitten in ihre
Gebiete eingedrungen waren. Schon beim Einmarsch in das schmale Tal
hatten wir genau die Bergabhänge abgesucht, jedoch weder eine Hütte
noch einen Eingeborenen erblicken können. Kurz vor unserer Ankunft
in Kaketta hatten sie die Kumamas -- die Bewohner der Teso-Provinz
-- kriegerisch überfallen, ihre Niederlassungen geplündert und die
Weiber weggeführt. Zudem hiess es von ihnen, dass sie keinen Fremden
in ihren Gebieten dulden -- trotz alledem waren wir unangefochten bis
hierher gelangt. Wir führten dies in erster Linie darauf zurück, dass
uns ihr Häuptling, den wir nicht aus dem Auge liessen, gewissermassen
als Geisel begleitete. Wir fragten ihn, ob wir mit ihm am nächsten
Morgen seine in den Bergen gelegenen Niederlassungen besuchen könnten,
er antwortete aber, dass dies nicht möglich sei, da die Hütten viele
Stunden vom Lager entfernt liegen. Jedenfalls wollte er es verhindern,
dass wir seine Leute, deren Sitten und Gebräuche kennen lernen sollten
(Tafel 51).
[Illustration: _Lager im Naquatal_]
[Illustration: _Unser Wasserplatz in Naqua_
_Tafel 50_
]
[Illustration: _Lagerplatz im Naquatal_]
[Illustration: _Naqua-Eingeborene_
_Tafel 51_
]
Nach neun Uhr -- wir waren eben im Begriffe, zu Bette zu gehen und
unseren müden Gliedern die wohlverdiente Ruhe zu gönnen -- bemerkte Dr.
Stigler, der ein ausserordentlich scharfes Auge besitzt, auf der uns
gegenüberliegenden Berglehne plötzlich mehrere winzig kleine Lichter
(glimmende Holzstücke) aufblitzen, die bald verschwanden, nach kurzer
Weile aber wieder sichtbar wurden. Wir beobachteten eine Zeit hindurch
die Bewegung dieser Lichtpunkte und konnten uns nicht erklären, woher
plötzlich die Menschen gekommen seien, die dort oben mit Lichtern
herumwanderten. Rings um uns herrschte Totenstille, und unser Lager war
von dem Silberlichte des Vollmondes übergossen, an dem nur dann und
wann dünne durchsichtige Wolkenstreifen vorüberzogen. Alles schlief,
bis auf die zwei diensthabenden Askari, die ruhig hinter unseren Zelten
standen.
Je länger wir die dunklen Bergabhänge beobachteten, desto deutlicher
konnten wir das Aufflackern der Lichter verfolgen. Die Sache schien
uns immer weniger geheuer, und wir weckten unseren Heatman Abeidi
und fragten ihn, was dies eigentlich zu bedeuten habe. Abeidi wollte
anfangs unsere Bedenken zerstreuen und meinte, es wären honigsammelnde
Eingeborene, die diese Arbeit gewöhnlich zur Nachtzeit verrichten. Als
wir aber auch auf den hinter uns liegenden Bergabhang blickten und
dort ebenfalls Lichter blitzen sahen, die sich nun auf allen Hängen
rings um uns rasch mehrten, wurde Abeidi anderer Meinung und erklärte,
dies habe nichts anderes zu bedeuten, als dass wir von den Wilden
eingeschlossen seien und jedenfalls einen Ueberfall zu gewärtigen
hätten! Nun hiess es, sich rasch auf einen solchen vorzubereiten und
Gegenmassregeln zu treffen. Wir liessen den Sergeant wecken und legten
ihm die Situation klar, und auch dieser hegte nicht den geringsten
Zweifel darüber, dass uns die Naquaeingeborenen in der Nacht angreifen
würden. Er liess sofort alle Askari antreten und die Gewehre laden,
was auch wir Europäer taten. Wir suchten nun die Abhänge ringsum genau
mit den Gläsern ab und konnten konstatieren, dass sie vollständig von
den Wilden besetzt waren; auch auf der knapp hinter unseren Zelten
aufsteigenden Felswand leuchteten die verräterischen Lichter auf, und
sie bewegten sich alle in der Richtung gegen unser Lager, so dass wir
sogar schon die einzelnen schwarzen Gestalten wahrnehmen konnten, die
bereits in Schussweite waren. Unverkennbar waren wir nun ringsum von
den Naqualeuten eingeschlossen, und dass diese nicht in guter Absicht
erschienen waren, musste uns klar sein.
Unsere Situation war sehr unangenehm und gefährlich, denn unser
Lagerplatz war klein und das Tal überaus eng, so dass wir im Falle
eines Angriffes auch noch befürchten mussten, uns gegenseitig
anzuschiessen. Ausserdem hatten wir im ganzen nur 21 Repetiergewehre
zur Verfügung, wogegen wir uns darauf gefasst machen mussten, mit
ungezählten Giftpfeilen und Speeren überschüttet zu werden. Ein
weiterer Nachteil gegenüber den Wilden erwuchs uns endlich auch daraus,
dass diese durch die Dunkelheit geschützt waren und von den überhöhten
Berghängen ihre Geschosse in die Tiefe schicken konnten, während
wir, auf einem kleinen Platz zusammengedrängt, in jeder Bewegung vom
Mondlicht beleuchtet waren, so dass wir äusserst gute Zielpunkte
abgaben.
Es folgten nun einige Stunden der grössten Spannung. Wir standen
alle schussbereit, entschlossen, unser Leben so teuer als möglich zu
verkaufen und uns bis zum äussersten gegen den tückischen Angriff der
Wilden zu wehren. Jeden Augenblick erwarteten wir, dass der erste Pfeil
durch das Dunkel schwirren werde, worauf wir sofort das Feuer eröffnet
hätten. Aber wir warteten vergebens, denn unsere Feinde schienen nun
anderen Sinnes geworden zu sein. Die grosse Karawane mit den vielen
Kisten, den Eseln, Maultieren und anderen Haustieren wäre ihnen gewiss
eine willkommene Beute gewesen, aber jedenfalls hatten sie genau unsere
Bewegungen verfolgt und beobachtet, dass wir nicht zu überraschen
seien und alle Vorbereitungen gegen einen etwaigen Angriff getroffen
hatten. Dies mochte sie wohl in erster Linie bewogen haben, von einem
solchen abzustehen und ihn vielleicht für eine bessere Gelegenheit
aufzuschieben. Je später es wurde, desto spärlicher wurden die Lichter,
bis allmählich eines nach dem andern verschwunden war und wir -- es
war inzwischen halb zwei Uhr nachts geworden -- mit geladenen Gewehren
endlich zu Bette gehen konnten, nicht ohne vorher noch die Zahl der
Wachtposten zu erhöhen und den Auftrag zu geben, uns sofort zu wecken,
sobald irgendeine verdächtige Bewegung wahrzunehmen sei, die auf eine
Annäherung der Eingeborenen schliessen lasse. Unsere Nachtruhe wurde
aber nicht gestört, und wir waren bald in tiefen Schlummer gesunken,
der die Anstrengungen und Aufregungen dieses Tages als willkommenes
Ende abschloss.
_IN DEN NAQUABERGEN ABGEIRRT._
_Ein Schlangenbiss / Besuch der Eingeborenen / Die Furcht vor
den Naqua / Aufbruch in die Berge / Von meiner Karawane abgeirrt
/ Rencontre mit den Eingeborenen / In heikler Situation / Eine
schlaflose Nacht / Unterbrechung der wissenschaftlichen Arbeiten /
Eintreffen meiner Karawane / Die Schmiedehütten der Toburleute /
Anna- und Josefaberg / Besuch dreier Häuptlinge / In Adelang / Von
wilden Bienen überfallen._
Später als gewöhnlich erwachten wir am nächsten Morgen, erquickt von
dem Schlaf, der uns so notgetan, und frohen Mutes in der Ueberzeugung,
dass wir die Gefahr des nächtlichen Angriffes durch unsere Wachsamkeit
und entschlossenen Vorbereitungen abgewendet hatten. Narima Lengomoi
(der Tapfere, der viele ermordet hat), so hiess unser Naquahäuptling,
verliess schon um 7 Uhr das Lager, um sich zu seinen Leuten zu begeben,
und versprach uns, am nächsten Tage einige Eingeborene, auch Weiber,
sowie ethnologische Gegenstände mitzubringen.
Jetzt, da wir nicht mehr ermüdet waren und die helle Morgensonne alles
bestrahlte, konnten wir uns der ausserordentlich schönen Lage unseres
Kamps erst so recht erfreuen. Das lange, schmale Tal, zu dessen beiden
Seiten steile Bergwände emporstiegen, war von einer Menge mächtiger,
schlanker Burassuspalmen mit ihren grossen, runden, gelben Früchten
bewachsen, und an den herabhängenden Wedeln schaukelten sich viele
langschwänzige, buntfarbige Vögel. Der Unterwuchs, aus dem viele alte
Bäume emporragten, war ungemein dicht und erinnerte an die Vegetation
des Urwaldes.
Nachmittags, während ich mit kartographischen Aufnahmen beschäftigt
war, bestieg Dr. Stigler mit seinem Sais (Eseltreiber) und seinem Boy
Kilimandscharo eine der höchsten Bergspitzen im Naquagebirge, die wir
nach seiner Mutter „Annaberg“ benannten. Er kam erst spät abends ins
Lager zurück, leider mit einem Schwerverletzten. Sein Eseltreiber war
beim Abstieg von der Spitze auf eine Giftschlange getreten, die sich
um seinen Fuss ringelte und ihn in die Wade biss. Dr. Stigler machte
sofort an der Stelle des Bisses einen Schnitt, führte die Abbindung
durch und gab um die Wunde herum 15 Injektionen von Kaliumpermanganat.
Im Lager erhielt der Kranke einige Schalen heissen Tees mit viel
Kognak und, nachdem seine Wunde gründlich gewaschen worden war, einen
neuen Verband. Zufälligerweise hatte uns Dr. Stigler gerade am selben
Tage über die Behandlung von Schlangenbissen belehrt, da wir schon
mehrmals Giftschlangen, und zwar Puffottern, angetroffen hatten, und
die Oertlichkeit, in der unsere Zelte lagen -- neben einer Felswand
zwischen dichtem Gestrüpp --, einen beliebten Aufenthaltsort dieser
Tiere bildet. Wir erhielten jeder zur Mitführung im Rucksack ausser
flüssigem hypermangansauren Kali eine Injektionsspritze und einen
Kautschukschlauch zum Abbinden der Blutgefässe. Wie sehr sich diese
Vorsichtsmassregeln bewährten, hat gerade der Fall mit dem Eseltreiber
Dr. Stiglers gezeigt.
Da wir unbedingt die Naqua-Eingeborenen kennen lernen wollten,
hielten wir auch am nächsten Tage Rast, an dem nun tatsächlich der
Häuptling mit einigen seiner Eingeborenen in unser Lager kam. Es waren
ganz nackte, grosse, kräftige Gestalten mit der Karamojo-Haartracht
und von sehr scheuem Benehmen. An Schmuck trugen sie viel weniger
als die Wilden, die wir bisher kennen gelernt hatten, nur der eine
oder andere den Unterlippenstift und den gewissen Ring mit dem
bogenartigen Auslauf, wie wir ihn schon bei den Karamojo gesehen
hatten. Der Häuptling beschenkte mich mit seinem Speer, einem
Schild aus Giraffenhaut und einem alten Elefantenzahn, und auch die
Eingeborenen hatten Speere, Schilde und kleinere Elefantenzähne für
mich mitgebracht, wofür sie Eisenringe haben wollten. Sie sind, so
wie auch die Toburleute, mit der Behandlung des Eisens sehr vertraut
und schmieden sich selbst ihre mit langen Hülsen versehenen, überaus
scharfen Speere. Wie hoch sie diese Waffe einschätzen, zeigte sich bei
den nun folgenden Tauschgeschäften. Unter zehn Eisenringen war kein
Speer zu haben. Ich legte ihnen Amerikani, Perlen, Spiegel, Messer,
Fischangeln, Münzen, Tabak und noch viele andere Tauschartikel vor;
von all dem wollten sie aber nichts wissen und hatten nur Verlangen
nach dem Eisendraht. Kaum waren wir mit dem Tausch fertig, wollten
sie auch sofort wieder abziehen, und ich konnte sie durch Vermittlung
des Häuptlings nur mit Mühe solange zurückbehalten, bis wir sie
photographisch aufgenommen hatten. Den Häuptling befragten wir, warum
Major Kirkpatrick mit seinen Soldaten ermordet worden sei, worauf er
verlegen zur Antwort gab, dass der Ueberfall eigentlich mehr den Askari
gegolten habe, die von den Naqualeuten gehasst wurden. Wir gaben ihm
dann einen Brief, in dem wir ihm bestätigten, dass er uns begleitet
hatte und wir durch seine Anordnungen vor Ueberfällen bewahrt wurden,
und nahmen ihm das Versprechen ab, dass er uns einen seiner Leute als
Führer durch das Toburgebiet mitgebe. Sodann verabschiedeten wir uns
von ihm, nachdem wir ihn noch reichlich beschenkt und bewirtet hatten,
und er verliess mit den bereits ungeduldig gewordenen Eingeborenen
rasch unser Lager.
Unser Karamojoführer Adubungomoi hatte vor den Naqualeuten einen
derartigen Respekt, dass er sich allein kaum einen Schritt vom
Lager zu entfernen wagte. Ich schickte ihn vormittags aus, mit dem
Auftrage, nach Wild zu suchen, da wir für unsere Küche frisches
Fleisch benötigten, aber er bestand darauf, von zwei Askari begleitet
zu werden, und ging auch dann nur eine halbe Stunde weit fort. Er
behauptete, dass ihn die Eingeborenen sofort ermorden würden, wenn sie
ihn irgendwo allein anträfen. Dieselbe Furcht zeigten auch die Träger,
die sich sonst fast von jedem Lager aus grössere Ausflüge erlaubten,
hier aber den Umkreis des Lagerplatzes nicht zu verlassen wagten.
Gewitzigt durch die Aufregungen der ersten Nacht, in der uns die
Wilden rings eingeschlossen hatten, umgaben wir übrigens unsere Zelte
mit einem Verhau aus dornigen Aesten, um so den ersten Anprall eines
nächtlichen Angriffes zum mindesten abzuschwächen.
Am nächsten Morgen brachen wir unser Lager -- das landschaftlich
schönste seit den Rastplätzen auf dem Elgon -- ab, um zu der nächsten
Wasserstelle weiter zu marschieren, die nach Aussage unseres Führers
in den Toburbergen lag. Ich ging mit dem Naquaführer, meinem Boy
und Gewehrträger sowie einem Askari voraus, während die Karawane
langsam hinter uns herzog. Nach einer Stunde war das schmale Tal zu
Ende, und wir hatten den südlichen Rand der Abhänge des Naquagebirges
erreicht. Wir rasteten, bis wir die ersten Gestalten der lasttragenden
Eingeborenen hinter uns auftauchen sahen, und marschierten dann
längs des Südrandes des Gebirgszuges mehrere Stunden durch Buschland
und pfadlose Steppen mit 2 m hohem Gras, bis wir schliesslich am
Eingang eines ziemlich breiten Tales standen, in dem sich, wie unser
Naquaführer sagte, ein Wasserloch befinden sollte. Hier warteten wir
wieder, um die Verbindung mit der Karawane nicht zu verlieren, sahen
auch bald hinter uns die Kette der Träger auftauchen und setzten dann
den Marsch fort. Nicht lange hierauf liess die Gegend auf die Nähe
von Niederlassungen schliessen, da wir einige Durrafelder und Hütten
antrafen, in denen Mehl aufbewahrt wurde. Während des Marsches erlegte
ich einige Vögel, nicht ahnend, dass Schüsse in dieser Gegend ein sehr
unangenehmes und unerwünschtes Echo haben, weil sie den Eingeborenen
die Anwesenheit von Fremden verrieten. Mein Boy machte mich denn auch
sehr bald darauf aufmerksam, dass sich an den Abhängen zu beiden Seiten
des Tales viele Wilde zeigten, die, von dem Knall meiner Schüsse
aufgeschreckt, ihre Dörfer verlassen hatten und wahrscheinlich meinten,
es dringe eine englische Expedition vor, um ihr Land zu besetzen. Denn
es war bis hierher die Kunde verbreitet, dass im Nordosten von Naqua
und Tobur viele Hunderte von Eingeborenen im Kampfe mit englischen
Strafexpeditionen ihr Leben gelassen hatten und viele Niederlassungen
von den Engländern in Brand gesteckt worden waren.
Ich beobachtete mit grossem Interesse die Bewegungen der Eingeborenen,
die bald die Flucht ergriffen, und machte mir keine weiteren Sorgen,
da ich ja die Karawane hinter mir wähnte. Wie gefährlich aber die
Situation für mich war, erkannte ich erst, als wir gegen 1 Uhr
nachmittags bei der Wasserstelle, einem kleinen, tiefen Loch mit
schmutzigem, vollständig verunreinigtem Wasser anlangten, dort Rast
machten und auf unsere Karawane warteten. Die hinter uns marschierende
Trägerlinie, mit der wir die Verbindung den ganzen Weg hindurch
aufrecht erhalten hatten, tauchte wohl auch nach kurzer Weile auf,
sie entpuppte sich aber, als sie näher kam, nicht als unsere Karawane
oder deren Vorhut, sondern als eine kleine Schar der Trägerboys. Manche
unserer Träger sowie die Askari hatten nämlich für einen geringfügigen
Lohn junge Burschen im Alter von zehn bis siebzehn Jahren aufgenommen,
die ihnen die Trägerzelte, die Kochtöpfe und Wolldecken zu tragen
hatten. Da ich immer an der Spitze der Karawane, diese Boys jedoch ganz
rückwärts marschierten, waren sie mir bisher fast unbekannt geblieben,
und ich hatte sie jetzt auf den Plätzen, wo ich auf die Karawane
wartete, jedesmal, wenn sie mit ihren Lasten aus dem hohen Steppengras
auftauchten, für meine eigenen Träger gehalten, so dass ich glaubte,
nun ruhig weitermarschieren zu dürfen. Durch dieses Missverständnis
war ich nun von meiner Karawane getrennt, die, wie sich dann später
herausgestellt hat, nicht unserer ausgetretenen Spur, sondern unter
der Führung Abeidis Kongonifährten folgte, die er für die Spur meines
Maultieres hielt. Infolgedessen bog sie viel früher in die Berge ab
als wir und gelangte in ein Tal, das durch eine hohe Bergkette von dem
unseren getrennt war.
[Illustration: _Toburfrau_]
[Illustration: _Junge Toburmänner_
_Tafel 52_
]
Vorläufig war nun nicht viel zu tun, um diesen Irrtum wieder
gutzumachen. Ich ruhte von dem Marsche aus und überlegte, wie ich am
besten wieder zu meiner Karawane kommen könnte, als mich mein Boy
Simon plötzlich aufmerksam machte -- ich lag ausgestreckt im Grase
--, dass wir von Eingeborenen eingeschlossen seien. Diesmal waren sie
aber nicht, so wie in unserem letzten Lager, in weiter Entfernung,
sondern standen, nachdem sie sich lautlos angeschlichen hatten, bloss
einige Schritte weit, wie mit einemmale aus dem Boden gewachsen, vor
uns. Es waren zehn grosse, junge, kräftige, wild blickende Gestalten,
von einem alten Häuptling geführt, jeder hielt einen Speer in der
Linken und schwang ausserdem noch einen zweiten in der Rechten. Durch
Saléh, meinen Gewehrträger, der die Sprache der Eingeborenen kannte,
erfuhren wir schliesslich, dass der Häuptling frage, ob ich kämpfen
wolle. Meine harmlosen Schüsse hatten also die Eingeborenen derart
erregt, dass sie meinten, sie gälten ihnen und nicht den Vögeln.
Der Askari und Saléh hatten ihre Gewehre schussbereit gehalten, was
ich aber sofort einstellte, da ich sah, dass hinter den Büschen sich
noch eine grosse Anzahl mit Speeren bewaffneter Eingeborener versteckt
hielt und wir demnach einer gewaltigen Uebermacht gegenüberstanden. Ich
hielt es daher für das Klügere, mich in Verhandlungen einzulassen, und
liess dem Häuptling sagen, dass wir nicht die mindesten feindlichen
Absichten hätten, dass die Schüsse den Vögeln gegolten hatten, von
denen ich ihm zehn Stück vorzeigen konnte, und dass ich ihn, sobald
meine grosse Karawane angelangt sei, reich beschenken werde. Auf das
hin sprach er mit den Eingeborenen, die ihre zum Kampf erhobenen Speere
sinken liessen, kam auf mich zu und reichte mir die Hand, die ich ihm
freundschaftlichst drückte (Tafel 52).