Unserm Heatman war es hier gelungen, einen jungen Karamojomann

aufzunehmen, der sich bereit erklärte, in das vor uns liegende

Gebiet vorauszugehen und nach Wasserstellen zu suchen. Als Belohnung

versprach ich ihm am Ende unserer Expedition ausser den Spesen für die

Rückreise auch noch eine Kuh zu geben. Er war ein etwa 20jähriger,

schlank und selten schön gebauter Eingeborener, vollständig nackt,

wie alle anderen, und nach Karamojoart mit einer langen, scharfen

Lanze bewaffnet. Trotzdem er als einer der gefürchtetsten und

unerschrockensten Karamojoleute von ganz besonderem Mute war, von dem

er später anlässlich einer Elefantenjagd einige glänzende Beweise

lieferte, wagte er es dennoch nicht, als wir dann in die Gebiete

der Naqua- und Toburleute kamen, sich über die nächste Sehweite von

der Karawane zu trennen, da er gut wusste, dass er sich dort als

Einzelmarschierender nicht lange seines Lebens freuen würde (Tafel 44).

_AM RANDE DER KULTUR._

_Die letzte Station / Die Praxis Dr. Stiglers / Der misstrauische

Naquahäuptling / Die Ermordung Kirkpatricks / Die zweite missglückte

phonographische Aufnahme / Billige Lebensmittelpreise / Küchensorgen

/ Die Disziplin in der Karawane / Gezwungene Träger._

Wir begaben uns alle am Tage, da unser Lager mit knapper Not von dem

Steppenbrand verschont blieb, frühzeitig zu Bette. Uns hatte die

durchgemachte Aufregung, Dr. Stigler das stundenlange Umherirren in der

Steppe müd gemacht, und ausserdem hiess es am nächsten Morgen schon um

4 Uhr aufstehen, da wir bis +Kaketta+, der letzten Eingeborenenstation

des von den Engländern verwalteten Gebietes, 17 Meilen vor uns hatten.

In glühender Sonnenhitze marschierte die lange Karawane 5½ Stunden, da

wir erst knapp vor dieser Station eine Wasserstelle fanden, an der die

erschöpften Träger kurze Rast hielten. In Kaketta begrüsste uns wieder

der Häuptling, der, ebenso wie seine Leute, gross und prächtig von

Gestalt war. Sie hatten alle den Karamojoschmuck, schwere Eisenringe

um den Hals und in der Unterlippe einen Glas-, Stein- oder Hornstift.

Manche der jüngeren Leute trugen ausserdem noch in der Zungenspitze

Messingringe, die oft einige Perlen aufgefasst hatten, einen ganz

exotischen, sonst nirgends vorgefundenen Schmuck.

Am nächsten Tag besorgte ich meine Aufnahmen, während Dr. Stigler neben

seinen physiologischen Beobachtungen auch als Arzt ausserordentlich

beschäftigt war. In jedem Lager meldeten sich nach unserer Ankunft

viele Eingeborene mit leidenden Füssen, Fieber usw. und baten um

Medizinen, so dass Dr. Stigler sich hier in Afrika einer ausgebreiteten

Praxis erfreute und täglich 20 bis 30, mitunter sogar 40 Patienten zu

behandeln hatte (Tafel 45).

Mit dem Häuptling von Kaketta wollten wir uns hauptsächlich über die

Gebiete, deren Bereisung uns bevorstand, besprechen, konnten aber

leider keinerlei Auskünfte von ihm erhalten. Um so grösser war unsere

Freude und Ueberraschung, als wir erfuhren, dass der gefürchtete

Naqua-Häuptling, angeblich um seinen Bruder zu besuchen, nach Kaketta

gekommen sei. Wir glaubten aber nicht an einen solchen harmlosen

Besuch, sondern nahmen an, dass er von unserem Plane, durch sein

Gebiet zu marschieren, Kenntnis erlangt hatte und nun nach Kaketta

gekommen war, um unsere Absichten auszukundschaften. Für uns war es

von ausserordentlichem Wert, diesen Mann kennen zu lernen und ihn

womöglich zum Freunde zu machen, weshalb ich dem Bagandaagenten, der

noch bei uns weilte, gleich den Auftrag gab, ihn zu mir zu bringen.

Bald darauf erschien er denn auch mit seinem Adjutanten in meinem

Zelt, wo ich ihn mit Tee, Biskuit und Fleisch bewirtete. Er kostete

mit grösster Vorsicht von allem, trank aber schliesslich nur den Tee.

Auch eine Zigarette, die er zuerst von allen Seiten betrachtete und

dann zu rauchen versuchte, legte er gleich nach dem ersten Zuge wieder

weg. Unangenehm berührt war er von dem Anblick der uns begleitenden

Askari, wir beruhigten ihn aber und erklärten ihm, dass wir diese

nur zur Aufrechthaltung der Ordnung unter den Trägern mitgenommen

hätten, und dass wir nicht die geringsten Eroberungsgelüste besässen.

Uebrigens schienen auf ihn sehr günstig die geschossenen Vögel,

die ethnologischen Sammlungen und die photographischen Apparate

einzuwirken, namentlich als wir ihn in die Spiegelreflexkammer

hineinsehen liessen und er darin das Bild seines vor ihm stehenden

Begleiters erblickte.

Abends liess ich ihm zu Ehren ein Feuerwerk abbrennen, als aber die

ersten Raketen zum Nachthimmel emporstiegen, war der Häuptling, der die

ganze Zeit her einen hinterhältigen und verräterischen Eindruck machte,

auf einmal verschwunden, und wir fürchteten schon, dass wir ihn nicht

mehr zu Gesicht bekommen würden. Wäre dies der Fall gewesen, so würden

wir durch sein Land keinesfalls ohne Kampf hindurchgekommen sein. Denn

die Naqualeute sind ein gefürchteter, kriegerischer und grausamer

Stamm, der in fortwährendem Kampf mit den Nachbarstämmen lebt und sich

durch die Niedermetzelung des englischen Majors Kirkpatrick einen

traurigen Ruhm erworben hat. Dieser unternahm im Jahre 1898 mit Oberst

Macdonald, von Osten kommend, eine Expedition in das Mani-Mani-Gebiet.

Von dort rückte Macdonald nach Norden, Kirkpatrick nach Westen zu den

Naqua vor. Dieser wurde vom Häuptling und seinen Leuten scheinbar

freundlich aufgenommen und versuchte mit Eingeborenenführern, begleitet

von fünfzehn Askari, eine Besteigung der Naquaberge. Nichts Böses

ahnend, wurde er während des Marsches auf ein Signal des Häuptlings hin

überfallen und samt seinen Askari durch Lanzenstiche grausam ermordet.

Oberst Macdonald brach, als er diese Mordtat erfuhr, sofort mit grosser

militärischer Bedeckung in das Naquagebiet auf und rächte die Ermordung

Kirkpatricks, indem er nicht weniger als vierzig Eingeborenendörfer

niederbrannte.

Es lag uns also sehr viel daran, mit dem Naquahäuptling auf gutem

Fuss zu stehen, und gleich am nächsten Tage liess ich ihn, der beim

Feuerwerk so ohne jeden Abschied verschwunden war, wieder zu mir

rufen. Er erschien auch thatsächlich und ich beschenkte ihn reichlich

mit Perlen, Amerikani, Eisenringen, Spiegeln, Messern, Medaillons und

allen möglichen Dingen, und brachte ihn dadurch endlich dazu, uns auf

dem Marsche nach Naqua zu begleiten. Für uns war damit viel gewonnen,

da wir nun, nachdem der Häuptling zugleich mit uns marschierte, einen

Angriff der Naqua auf unsere Karawane für unwahrscheinlich halten

konnten.

Nachmittags versuchten wir, ein Gespräch des Naquahäuptlings mit

dem Phonographen aufzunehmen, und veranstalteten vorerst einige

Generalproben. Als wir den Häuptling soweit unterrichtet hatten, dass

wir annehmen konnten, er wisse nun, wie er sich zu benehmen habe,

versagte bei der Aufnahme die in Mbale ersetzte Feder abermals, indem

sie schon nach einigen Umdrehungen der Scheibe brach. Da wir an einen

Ersatz in diesen Gegenden natürlich nicht denken konnten, entschlossen

wir uns, den Apparat, den wir nun monatelang herumgeschleppt hatten,

ohne ihn, gerade in den interessantesten Gegenden, benützen zu können,

nach Europa zu schicken. Wir gaben daher die drei Kisten, in denen

seine Bestandteile verpackt waren und die für uns nun nur mehr unnützen

Ballast bildeten, zu den vier weiteren Kisten der ornithologischen

Sammlungen und liessen sie von Kaketta aus mit Trägern unter Führung

des Bagandaagenten, der uns hier verliess, über Mbale nach Jinja und

von dort über Mombassa nach Wien transportieren.

Unser Aufenthalt in Kaketta hatte sich etwas verlängert, da sich Dr.

Stigler eine mit heftigem Fieber verbundene Halsentzündung zugezogen

hatte, die die misslichen Verhältnisse unseres Lagers verursachten.

Der Platz war nämlich voll Staub, der von heftigen Winden stets

emporgewirbelt wurde. Kaketta liegt sonst in nicht ungesunder,

fruchtbarer und viehreicher Gegend, weshalb auch die Lebensmittel hier

ausserordentlich billig waren. Ein Pfund Mehl kostet hier 1 Cent (1,6

Heller), ein Ei ebensoviel, ein Huhn 2 bis 5 Cents, ein Schaf eine

Rupie (1 Kr. 60 Heller), -- das sind wohl die niedrigsten Preise, die

es in Uganda geben dürfte. Unsere aus Mbale mitgenommenen Vorräte

konnten wir daher reichlich ergänzen und mussten es auch wohl, da wir

für die nächsten Wochen sehr geringe Aussichten hatten, Lebensmittel zu

bekommen.

Bei dieser Gelegenheit scheint es angebracht, einmal Einiges über die

Nahrungs- und Küchensorgen zu erzählen, mit denen wir uns in Afrika

herumzuschlagen hatten. Im allgemeinen hatten wir, von den vorzüglichen

englischen Konserven abgesehen, keine gute Küche, trotzdem uns stets

frisches Fleisch zur Verfügung stand. Es verfolgte uns nämlich ein

ganz besonderes Verhängnis bezüglich der Köche. In Entebbe hatte ich

einen Kreolen aufgenommen, der dort im Hotel beschäftigt war und mir

als sehr guter Koch gepriesen wurde, der nur den einen Fehler habe,

dass er gerne trinke. Nachdem ich wusste, dass ihm auf unserer Reise

die Gelegenheiten zu Trinkexzessen vollständig mangeln würde, nahm

ich den Mann mit, musste ihm aber schon in Jinja den Abschied geben,

da er sich trotzdem auf alle möglichen Arten Whisky zu verschaffen

wusste. Von Jinja bis Mbale hatten wir einen Bagandakoch, der von der

Kochkunst so wenig verstand, dass wir ihn bald wieder heimschicken

mussten. An seine Stelle trat einer, den uns Mr. Peryman verschaffte,

und dieser war entschieden der beste unter unsern Köchen, leider

erkrankte er aber in Kumi so schwer an Magengeschwüren, dass ich ihn

wieder nach Mbale zurückschickte und nun unsern Servierboy zum Koch

machte. Allerdings hatten wir dies täglich zu bereuen, aber nachdem

wir an keinen Ersatz denken konnten, behielt er das vertrauensvolle

Amt während der ganzen weiteren Reise. Mit besonderer Sorgfalt wurde

in unserer Küche das Geschirr und Essbesteck behandelt, das wegen der

Dysenteriegefahr stets mit siedendem Wasser gereinigt werden musste.

Aus demselben Grunde wurde auch der Tee mit schon kochendem Wasser

zubereitet, und es kostete manchen Kibokostreich, bis unsere Leute, die

nicht viel auf Reinlichkeit gaben, diese Anordnungen schliesslich als

selbstverständlich befolgten.

Im Anfang unserer Reise war es überhaupt nötig, mit den Trägern, Boys

und sonstigen Eingeborenen ernst und streng vorzugehen, denn nur auf

diese Weise erreichten wir es, dass schon nach kurzer Zeit die ganze

Karawane auf jeden Wink und Pfiff gehorchte. Die Schwarzen sind gleich

grossen Kindern, lässig bei der Arbeit, voller Uebermut und unfähig,

die ernste Bedeutung eines solchen Unternehmens zu erfassen. Wenn wir

sie auch im ganzen gut behandelten, so musste doch jede Verletzung

der Disziplin sofort bestraft werden, und nur so war es möglich,

eine militärische Zucht und den unbedingt nötigen blinden Gehorsam

einzuführen und aufrechtzuerhalten. Selbst unserm Heatman Abeidi,

einem geschwätzigen Araber, mussten wir schon in den ersten Tagen nach

unserm Abmarsch von Mbale die strenge Seite zeigen, um ihn zu belehren,

dass er mit seinem endlosen Redeschwall wohl den Eingeborenen, nicht

aber uns Europäern imponieren könne. Immerhin war er sonst tüchtig und

brauchbar, aber das Kommando über die ganze Karawane führten natürlich

ausschliesslich ich und Dr. Stigler. Von der Ausdehnung dieser Karawane

kann man sich eine Vorstellung machen, wenn man bedenkt, dass ausser

den 240 Eingeborenen noch 30 schwer bepackte Tragesel, vier Maultiere,

ferner Kühe, Schafe und Ziegen mitgeführt wurden. Zu Beginn eines

Marsches gingen die Träger stets dicht hintereinander, schwatzend,

singend und lärmend, je länger er aber dauerte, desto ruhiger wurde

es und desto länger -- oft bis eine oder anderthalb Meilen -- wurde

auch die Karawane, da zwischen den einzelnen Trägern immer grössere

Zwischenräume entstanden.

Vor unserm Abmarsche von Kaketta verteilte ich die von Wien

mitgenommenen Wassersäcke und belehrte die Leute, dass sie mit dem

mitgeführten Wasserquantum sehr sparsam zu wirtschaften hätten, damit

es auch auf zwei Tage reichen könne. Unser Karamojomann, den wir

vorausgeschickt hatten, sagte uns nämlich, dass er auf dem Wege nach

Naqua nur zwei grössere Wassertümpel aufgefunden habe. Den Trägern

wurde ausserdem noch der Befehl erteilt, dass unter keinen Umständen

jemand zurückbleiben dürfe, da er sonst von den Shensi, den wilden

Eingeborenen, ermordet würde. Die Askari wurden derart verteilt, dass

auf je 15 bis 20 Träger ein Soldat entfiel und der Sergeant am Ende

der Karawane marschierte. Der Führer der Nairobiträger war Sefu, unser

zweiter Heatman, der aus Deutsch-Ostafrika stammte; für die Tragesel

hatten wir 10 Eingeborene mit Chamsini als Heatman.

Da Dr. Stigler, der noch immer fieberkrank war, nicht marschieren

konnte, sondern in einer Hängematte getragen werden musste, brauchten

wir acht Mann hierfür als Träger, die wir in Kaketta vergeblich

aufzunehmen trachteten. Wir griffen daher, im Einverständnis mit

dem Baganda-Agenten und dem Häuptlinge, zur Gewalt. Letzterer liess

am Abend vor unserm Aufbruch zehn kräftige Eingeborene unter irgend

einem Vorwande in unser Lager kommen, wo ihnen erklärt wurde, dass

sie unbedingt mit uns ziehen müssten. Sie weigerten sich energisch

dagegen, wurden aber sofort von den Askari bewacht und am nächsten Tag

gezwungen, mit uns zu marschieren. Der Druck der Verhältnisse hatte uns

leider genötigt, zu dieser äussersten Massregel zu greifen.

[Illustration: _Fischende Träger_]

[Illustration: _Badende Träger_

_Tafel 46_

]

[Illustration: _Die Träger bringen Holz für die Küche_]

[Illustration: _Lager am Kirkpatricksumpf_

_Tafel 47_

]

[Illustration: _Blick gegen die Toburberge_]

[Illustration: _Blick gegen die Naquaberge_

_Tafel 48_

]

[Illustration: _Erlegtes Nashorn_]

[Illustration: _Vegetation im Naquatal_

_Tafel 49_

]

_DURCH DAS UNERFORSCHTE UGANDA._

_Der Marsch durch die Steppe / Die erste Lagerstelle / Ein Eldorado

für Jäger / Am Kirkpatricksumpf / Ein angreifendes Nashorn und sein

Opfer / Am Fuss der Naquaberge / Gewaltmärsche / Zusammengebrochene

Träger._

Am 26. Jänner verliessen wir Kaketta, die nördlichste und letzte

Eingeborenenstation in der von den Engländern verwalteten

Zentralprovinz Ugandas, und nun lag vor uns die wilde, unerforschte,

pfadlose Steppe mit all den Gefahren für jene, die vorhaben, in

sie einzudringen. An der Spitze der Karawane marschierte unser

Karamojoführer Adubungomoi (d. h. der im Kampfe einen getötet hat) mit

dem Naquahäuptling und dessen Begleiter, hinter ihnen folgten ich,

mein Boy und mein Gewehrträger, die beiden jungen Schmetterlingsfänger

Amissi und Paulo, dann kam die lange Reihe der Träger, von denen der

erste unsere Expeditionsfahne trug, und den Schluss bildete Dr. Stigler

in der Hängematte und der Askari-Sergeant. Wir bahnten uns den Weg

durch hohes Steppengras mit immer häufiger werdenden Flötenakazien,

deren lange spitze Nadeln wir oft unangenehm an unseren Körpern

verspürten, und erreichten gegen Mittag einen grossen Wassertümpel,

dessen steil abfallende Ufer vermuten liessen, dass hier zur Regenzeit

ein ziemlich wasserreicher Fluss seine Fluten nilwärts wälze. Da wir

nach Aussage unseres Führers und des Naquahäuptlings die nächste

Wasserstelle vor Einbruch der Nacht nicht mehr erreichen würden,

schlugen wir hier unser Lager auf (Tafel 46).

Nach dem Abkochen entwickelte sich an den Ufern und im Wasser selbst

bald ein lebhaftes Treiben. Die Wasserfläche mit ihren ungezählten

weissen und violetten Seerosen glänzte im goldenen Schimmer der

hochstehenden Sonne und gegen hundert Eingeborene standen bis zur

Brust im Wasser und versuchten unter grossem Geschrei mit irgend einem

Angelstock ihr Petriheil. Auf unserem Abendtisch gab es daher zur

Abwechslung wieder einmal frisch zubereitete Fische von der gleichen

Art wie die im Salisbury-See gefangenen. Auch sonst war die Gegend sehr

wildreich, und mir gelang es, für unsere Küche in kurzer Zeit zwei

Digger und einen Hartebeest zu erlegen. Abends zündeten wir wie immer

grosse Feuer an, um etwaige Leoparden und die heranschleichenden Hyänen

vom Lager fernzuhalten.

Das Ziel unseres nächsttägigen Marsches war der Kirkpatrick-See,

so benannt nach dem unglücklichen, von den Naqualeuten ermordeten

englischen Major. Vier Stunden lang marschieren wir bei 43 Grad C.

durch die fast baumlose Steppe, deren zwei Meter hohes Gras so steif

und hart war, dass es sogar den Steppenbränden Widerstand leistete.

Es sind wohl die Grasspitzen verkohlt, der untere Teil ist aber nur

stark angerusst, so dass während des Marsches das Gesicht und die Hände

ebenso wie unsere Kleider ganz geschwärzt wurden.

Wir nähern uns immer mehr den Naquabergen, an deren Fuss dichtes

Buschland liegt, und unser Führer deutete nach Nordwest auf eine

grüne Insel, die mitten in die gelbe Grassteppe eingebettet und unser

nächster Wasserplatz ist. Bis dorthin ist es noch einige Meilen

weit, aber das Landschaftsbild änderte sich sehr bald wie mit einem

Schlage. Die öde einsame Steppe belebt sich, Zebras und Kongonis werden

sichtbar, auf allen Seiten springen Zwerggazellen auf, und wir stehen

mit einemmale inmitten eines prächtigen Naturwildparkes. Während unsere

Karawane zum Lagerplatz abbiegt, reite ich mit Schwarzer voraus, und

wir birschen beide auf je ein Rudel grosser Antilopen, die allerdings

rasch flüchtig werden, dafür taucht aber weit in der Ferne ein

mächtiger Elefant auf, der in kurzem Trab gegen die Naquaberge zuläuft.

Wir wollten ihm den Weg abschneiden, um ihn einzuholen, aber es gelang

uns nicht, und er verschwand schliesslich im Buschland. Infolge des

Wildreichtums dieser Gegend beschlossen wir, einen Tag hier Rast zu

halten und unsere Karawane reichlich mit Fleisch zu versehen.

Gleich am frühen Morgen birschte ich mit Schwarzer und war eben

im Begriffe, einem Rudel Hartebeeste nachzujagen, als wir in der

Entfernung von einigen Kilometern mehrere Giraffen ihre langen Hälse

in die Höhe strecken sahen. Nun ging es im Trab auf sie los, mitten

durch zwischen Strausse, Kongoni, Antilopen und Gazellen, die vor uns

aufspringen und schnellfüssig im hohen Grase wieder verschwinden, bis

wir auf 500 Schritt an die Giraffen herankommen. In die Herde, die

acht Stück, darunter einen mächtigen, dunkelbraun gefärbten Bullen

zählt, kommt aber plötzlich eine gewisse Unruhe, der Bulle hat mich

eräugt, und nun wird das ganze Rudel hoch und flieht in wiegendem,

immer schneller werdendem Schritt einen kleinen Hügel hinab gegen die

Naquaberge. Schwarzer versuchte, den Giraffen in grossem Bogen den

Weg abzuschneiden und sie gegen mich zu drücken, aber die Mühe war

vergebens, und ich konnte auf dem mehrere Meter hohen Termitenhügel,

den ich erstiegen hatte, nur noch die Flucht der Tiere beobachten.

Nachmittags ging Dr. Stigler auf die Birsch und kehrte mit einem

Warzenschwein heim. In der Nacht darauf wollten die Askari das Gebrüll

von Löwen gehört haben, so dass in diesem Eldorado für Jäger fast jede

Art von Grosswild vertreten erschien. Um so ärmer war es dafür an

Vögeln, und es wurden nur ein Sekretär, ferner ein Hornrabe (Bucorous

abyssinicus) und ein Marabustorch geschossen, der auf einem hohen Baume

stand, dem einzigen, der im Umkreis von vielen Quadratkilometern zu

sehen war. Auch Käfer und Schmetterlinge fanden wir nur sehr wenige.

Wie auf der ganzen Strecke seit Jinja ist auch hier der Boden

vulkanischer Natur, und nur selten zeigen sich Findlinge von Urgestein.

Der Sand ist rotbraun gefärbt, in der Steppe jedoch infolge der vielen

Brände gewöhnlich ganz schwarz. Unser Lager befand sich in der Nähe

eines grossen Wassertümpels mit schmutziggrünem Wasser und dichtem

Schilf. Auf der englischen Generalstabskarte ist in dieser Gegend der

+Kirkpatrick-See+ eingezeichnet, der vom Assuariver durchflossen wird.

Wir sahen aber weder etwas von einem See, der nach der Karte eine

grosse Ausdehnung besitzen musste, noch ein fliessendes Wasser, sondern

nur eine weite baumlose Grassteppe mit einem schilfigen etwa 8 m

breiten Wasserlauf, in welchem das Wasser aber ruhig zu stehen schien.

In der Regenzeit mag sich hier wohl ein viele Kilometer langer und

breiter Swamp ausdehnen, der in der Ferne wie ein See erscheint und

der von den Engländern nach dem unglücklichen Offizier benannt wurde.

Ich nenne ihn in meiner Routenkarte „Kirkpatrick-Swamp“ (Tafel 47–48).

In dem hier aufgeschlagenen Lager mussten wir von den Halsketten

Gebrauch machen, die die Askari für renitente Träger mitgenommen

hatten, da uns am Tage vorher einer der aus Kaketta mitgenommenen

Träger entlaufen war. Jeder dieser Eingeborenen erhielt einen Ring um

den Hals und war mit dem nächsten durch eine entsprechend lange Kette

verbunden, die ihnen genügend Bewegungsfreiheit schuf, jede Möglichkeit

eines Davonlaufens aber nahm. Ausserdem standen sie ununterbrochen

unter der Aufsicht eines Askari.

Beim Morgengrauen des nächsten Tages brachen wir das Lager ab und

setzten unseren Marsch zu den Naquabergen fort. Ein Gefühl gespannter

Erwartung bemächtigte sich unser, und wir waren besonderer Gefahren,

ja auch eines etwaigen Angriffes der Eingeborenen gewärtig, da wir

nun in völlig unbekanntes, von kriegerischen Stämmen bevölkertes

Land eindrangen. In langgezogener Linie bewegte sich die Karawane

gegen Nordwesten durch die Grassteppe mit ihrem von grossen Rissen

und Sprüngen durchzogenen Boden, und erst nach anderthalb Stunden

gelangten wir in offenes Buschland. Ich ritt auf meinem Maultier,

arglos mit Schwarzer plaudernd, als der vor mir gehende Adubungomoi,

der Karamojoführer, plötzlich auf mich losstürzte, mit seinem Speer

nach rechts deutete und „Bwana mkubwa, +pharo, pharo+!“ (Herr, ein

Nashorn), ruft. Ich sprang rasch von meinem Maultiere, ergriff meinen

Mannlicher-Schönau und sah ungefähr 500 bis 600 Schritt in gleicher

Höhe mit mir einen dunkeln Koloss traben. Ich liess die Karawane sofort

halt machen und verfolgte mit Schwarzer, meinem Gewehrträger und dem

Karamojoführer das Nashorn, dem wir bis auf 300 Schritt nahekamen.

Da stellte es sich direkt gegen uns auf. Wir hatten sehr guten Wind,

weshalb es den Lärm, den das hohe Steppengras während des Anbirschens

machte, nur schlecht hörte. Nachdem es uns nicht eräugte, -- Nashörner

sehen bekanntlich sehr schlecht -- trollte es sich wieder fort und wir

folgten weiter im Laufschritt. Dieses Spiel wiederholte sich einige

Male, bis sich das mächtige Tier plötzlich mit dem Vorderkörper und

gesenktem Haupte gegen uns wendete. Diesen Moment benützte ich, um

einen Blattschuss anzubringen, der gut sass, denn das Nashorn drehte

sich am Flecke mit unheimlicher Schnelligkeit und brach dann in

aufrechter Stellung auf allen Vieren zusammen.

Die ganze Jagd spielte sich innerhalb weniger Minuten ab, und wir

hatten gerade noch Zeit gefunden, das erlegte Tier in der Nähe zu

betrachten, als der Gewehrträger gelaufen kam und nach rückwärts

deutend abermals den Ruf „Pharo!“ ausstiess. Wir wandten uns sofort

um und sahen, wie rückwärts, etwa 800 Schritt von uns entfernt,

ein zweites Nashorn in scharfem Trab und mit gesenktem Kopf direkt

gegen die Träger losstürmte. Wir hörten ein Klirren und Krachen der

weggeworfenen Kisten und Koffer, und die Träger stoben in wilder

Flucht auseinander. Tatenlos mussten wir sehen, wie das mächtige Tier

die Kette der Träger durchbrach und immer noch mit gesenktem Haupte

weiterstürmte und schliesslich im hohen Steppengras verschwand. Da

kam schon im Laufschritt ein Askari mit der Meldung, dass ein Mann

schwer verletzt sei, und tatsächlich wurde hinter ihm der grösste und

stärkste der aus Kaketta mitgenommenen Träger blutüberströmt zu uns

gebracht. Er war, wie die andern Träger, auf die Seite gesprungen, vom

Nashorn jedoch zu Boden geworfen worden und hatte dabei eine ungefähr

15 cm lange Rissquetschwunde auf der linken Wange davongetragen. Wir

labten den Verwundeten zuerst mit Tee, und Dr. Stigler packte seinen

Medizinkoffer aus und vernähte und verband seine Wunde (Tafel 49).

Quer durch Uganda · 第 8 / 16 段