So konnten wir schliesslich nach einwöchentlichem Aufenthalte in Kumi

an den Aufbruch denken. Sämtliche Träger wurden wieder registriert, die

Liste der Nairobileute überprüft und am letzten Abend noch die Kisten

umgepackt und zwei Kisten präparierter Vögel, Schmetterlinge und Käfer

über Mbale nach Europa geschickt. Mr. Newman, mit dem wir fast jeden

Abend verbracht hatten, hatte uns bis an die Grenze des englischen

Verwaltungsgebiets, das sich noch einige Meilen nördlich von Kumi

erstreckte, einen ungemein tüchtigen, in englischen Diensten stehenden

Baganda-Agenten mitgegeben, und am Morgen des 13. Jänner traten wir mit

einer 250 Köpfe starken Karawane den Marsch nach dem Norden an.

_AM KUMI- ODER SALISBURY-SEE_

_Ankunft am See / Ein standhafter Patient / Die Ueberfahrt /

Feuerwerk für die Eingeborenen / Etwas über die Tropenhelme / Auf der

Nilpferdjagd / Afrikanische Sonnenuntergänge_

Der Weg von Kumi nach dem Norden zieht sich durch flache Gras- und

Buschsteppen, in denen das Vorkommen der Flötenakazien immer häufiger

wird, und führt nach vier Stunden nach Kuminyanza am südlichen Ufer

des Kumi- oder Salisbury-Sees. Wir schlagen hier unser Kamp auf und

werden von dem Häuptling und vielen seiner Eingeborenen begrüsst, wobei

uns wieder die aus einem Schaf, Hühnern, Eiern und Milch bestehenden

landesüblichen Geschenke überreicht werden. Der Salisbury-See ist

an dieser Stelle einige Kilometer breit, weshalb Abeidi bereits in

den Nachmittagsstunden mit der Einschiffung der Reit- und Tragtiere

begann, die gleichzeitig mit einem Teil unserer Lasten auf je zwei mit

Querhölzern verbundenen Einbäumen an das nördliche Ufer hinübergebracht

wurden. Die Ueberbootung der Karawane hatten wir erst für den nächsten

Morgen angesetzt.

[Illustration: _Eingeborener mit Teratom aus Kumi Nyanza_]

[Illustration: _In Einbäumen über den Salisburysee_

_Tafel 37_

]

[Illustration: _Am Nordufer des Salisburysees_]

[Illustration: _Am Nordufer des Salisburysees_

_Tafel 38_

]

[Illustration: _Älteste Männer aus Magoro_]

[Illustration: _Älteste Frauen aus Magoro_

_Tafel 39_

]

[Illustration: _Nilpferde im Salisburysee_]

[Illustration: _Balaeniceps rex_

_Tafel 40_

]

Unter den Eingeborenen, die sich mit ihrem Häuptling vor meinem Zelte

eingefunden hatten, erregte besonders einer unser Interesse, der ein

Teratom, eine angeborene, walnussgrosse Missbildung an der Unterlippe

hatte (Tafel 37). Da Dr. Stigler meinte, dass die Beseitigung dieser

Missbildung eine interessante Operation wäre, die er gerne ausführen

wolle, liess ich den Eingeborenen -- er hiess Akolimeri -- durch den

Häuptling fragen, ob er sich einer solchen Operation unterziehen würde.

Nach langer Beratung erklärte er sich dazu bereit, und Dr. Stigler

packte nun aus dem Medizinkoffer die nötigen Instrumente aus. Nach

deren gründlichen Desinfizierung begann er mit der ruhigen und sicheren

Hand des Arztes die Missbildung von der inneren Lippenhaut loszulösen,

wobei ich ihm nach bestem Laienkönnen Assistentendienste leistete.

Nicht weniger als anderthalb Stunden sass der Schwarze, ohne

auch nur einmal zu zucken, auf einem kleinen Feldsessel und liess die

sehr schmerzhafte Operation mit der grössten Standhaftigkeit über

sich ergehen. Im Hintergrund standen lautlos der Häuptling und die

Eingeborenen, die mit Staunen dem Verlauf der Operation folgten und

nach deren Beendigung nicht müde wurden, Dr. Stigler ihren Dank und

ihre Bewunderung auszudrücken. Da bei der Lebensweise der Eingeborenen

fast mit Sicherheit anzunehmen war, dass die vernähte Wunde der

Unterlippe verunreinigt und dadurch Blutvergiftung eintreten würde,

suchten wir den Operierten zu bewegen, mit uns zu marschieren, damit

die Möglichkeit geboten sei, den Heilungsprozess zu überwachen und

möglichst bald die Nähte zu entfernen. Es musste ihm aber erst lange

vom Häuptling und von seinen Freunden zugeredet werden, bis er sich

entschloss, wirklich mit uns zu ziehen.

Der Aufenthalt in diesem Lager war durch die ausserordentliche Hitze

und die ungezählten Moskitos, die sich am Abende bemerkbar machten,

alles eher denn angenehm, und wir waren froh, als am nächsten Morgen

schon um 5 Uhr mit der Einbootung der Träger begonnen wurde, die in

Partien von 15 bis 20 Mann in die Einbäume gebracht wurden.

Man fährt zunächst zwischen hohem Schilfgras in ganz seichtem Wasser

und kommt erst nach einiger Zeit in den offenen See, der hier

eine Stunde breit ist. Den grössten Teil des Seespiegels bedecken

ungezählte Wasserpflanzen mit breiten fleischigen Blättern, Gruppen

von Korallenbäumen (Erythrina Tomentosa) ragen wie Inseln aus dem

Wasser empor, und ringsum wimmelt es von prächtigen, in allen möglichen

Farben glänzenden Vögeln, die mit ihren hohen, dünnen Beinen und

langen Schnäbeln graziös von Blatt zu Blatt laufen oder im Wasser

untertauchen, um dort ihre Nahrung zu suchen. Unser Boot gleitet

mit ruhigem Plätschern durch diese im grellen Morgensonnenscheine

liegende, paradiesisch schöne Welt, und wir ziehen es, entzückt von

dieser fesselnden Landschaft, vor, nicht den direkten Weg zum Nordufer

zu wählen, sondern im Zickzack zwischen den grünen Bauminseln und den

prächtigen, gelb und violett blühenden Seerosen, die ganze Beete

bilden, hindurchzurudern. Vornehmlich reizte es mich auch, hier meine

ornithologischen Sammlungen zu bereichern, und es gelang mir, 18 Stück

der hier vorkommenden Vogelarten zu schiessen, die dann später für das

Museum präpariert wurden.

Ungefähr 500 Meter vor der nördlichen Küste gerieten wir wieder in

seichtes Wasser und hohes Sumpfgras, das immer dichter wurde, so

dass in der letzten Strecke ein Durchkommen mit dem Boote unmöglich

hätte erscheinen müssen, wenn nicht ein schmaler Kanal in das Gras

geschnitten gewesen wäre (Tafel 38). Schon aus der Ferne hatten wir

beobachtet, dass uns auf dem Ufer einige hundert Eingeborene, durchwegs

grosse, kräftige, vollständig nackte Gestalten, erwarteten. Eine

Menge von ihnen sprang, als wir in das seichte Wasser eingefahren

waren, in den See und zog unsere Boote durch den letzten sumpfigen

Teil an das Ufer. Wir sprangen ans Land und wurden, wie überall,

von ihrem Häuptling und seinem Gefolge begrüsst. Der von Mr. Newman

vorausgesandte Regierungsagent hatte nämlich meine Karawane schon

angemeldet und alles, was zu unserer Unterstützung dienen konnte,

umsichtig geordnet. Die Eingeborenen liessen es sich nicht nehmen,

sämtliche Lasten bis zum Rasthaus zu tragen, was unseren eigenen

Trägern, die nun frei ihrer Bürde hinter ihnen einhergingen, sehr

behagte. Der Ort, wo sich unser Lagerplatz befand, hiess +Magoro+, und

es stand dort ein luftiges, erst seit kurzem errichtetes Rasthaus, das

wir zum Arbeiten und zur Einnahme der Mahlzeiten benutzten, während wir

die Nächte in unseren daneben aufgeschlagenen Zelten schliefen. Vom

Häuptling erhielt ich eine grosse Anzahl Fische aus dem Salisbury-See,

von denen die schönsten Exemplare für das Wiener Hofmuseum in die

Spiritusbehälter wanderten.

Abends brachte der Häuptling für physiologische Untersuchungen Dr.

Stiglers die ältesten Eingeborenen der Niederlassung in unser Lager,

unter denen namentlich ein abgemagertes Weib mit einer langen Pfeife

und eine andere bis zum Skelett abgezehrte, über und über mit Schmutz

und Schuppenausschlag bedeckte Frau auffielen, die, um nicht vor

Schwäche zusammenzubrechen, von drei Männern gestützt werden musste

(Tafel 39). Die kaum sichtbaren Augen waren, wie das ganze Antlitz

dieser Bedauernswerten, die das Bild eines entsetzlichen Jammers,

aber auch einer abstossenden Unappetitlichkeit bot, voll von Fliegen

besetzt, die trotz alles Abwehrens mit der knochigen Hand immer wieder

zurückkamen. Unter den alten Männern waren viele mit den gewissen

tätowierten ringförmigen Narben an den Armen, so trug einer zwanzig

am rechten, zwölf am linken Oberarm und noch vier Ringe am linken

Unterarm. Als wir ihn fragen liessen, ob er tatsächlich soviele

Männer, Frauen und Kinder ermordet habe, erwiderte er etwas ängstlich,

dass er nur einen Mann und eine Frau getötet habe. Abends liess ich

-- zum erstenmal auf meiner Reise -- die Kisten mit dem Feuerwerk

öffnen und unter einem unbeschreiblichen Freudengeschrei und Jubel der

Eingeborenen und Träger mehrere Sternwerfer, Feuerreigen und Frösche

abbrennen und schliesslich einige Raketen in den dunklen Nachthimmel

emporsteigen.

Unter der Hitze hatten wir gar nicht mehr zu leiden. Die

Tagestemperatur schwankte zwar zwischen 40° und 44 °C, am Abend aber

trat immer eine erfrischende Kühle ein, die den Aufenthalt im Freien

sehr angenehm machte. Im übrigen hatten wir uns durch den monatelangen

Aufenthalt in Afrika wohl schon akklimatisiert. Das einzige Unangenehme

war nur der Tropenhelm, der wegen der Gefahr eines Sonnenstiches

leider den ganzen Tag bis Sonnenuntergang getragen werden musste. Ich

möchte bei dieser Gelegenheit jedem, der eine Reise in Tropengegenden

beabsichtigt, raten, bei Ankauf des Tropenhelmes mit besonderer

Vorsicht vorzugehen. Es gibt sehr leichte Korkhelme, die jedoch keinen

wasserdichten Ueberzug haben, und nach öfterem Nasswerden unbrauchbar

sind; ferner einen schweren, fast unverwüstlichen Helm, der aber

in der grossen Hitze und bei andauernden Märschen sehr lästig und

unangenehm wird, und schliesslich noch eine dritte Qualität, die im

Aussehen der zweiten gleicht, bei gleicher Widerstandsfähigkeit aber

bedeutend leichter ist. Sie ist die einzig richtige, empfehlenswerte

Kopfbedeckung in den Tropen und wird auch fast von allen in Afrika

stationierten englischen Offizieren und Beamten getragen.

Der nächste Tag war zur Gänze der Jagd auf dem Salisbury-See gewidmet,

die zwar in erster Linie den Vögeln galt, aber wir hofften, auch

auf Nilpferde zu stossen, die wir schon in der ersten Nacht am See

laut brüllen gehört hatten (Tafel 40). Auch der Häuptling hatte

uns mitgeteilt, dass namentlich im östlichen Teile des Sees viele

Hippo vorhanden seien, und den Eingeborenen am Seeufer den Auftrag

gegeben, für mich und den Photographen Schwarzer zwei Einbäume

bereitzuhalten. Als wir dorthin gelangten, erwartete uns bereits

eine grosse Zahl Eingeborener. Da das Ufer an dieser Stelle gänzlich

versumpft und verschlammt ist, liessen wir uns zu den Booten tragen,

die dann ein grosses Stück in den See hinausgeschoben wurden, bis

das Wasser so tief war, dass man rudern konnte. Im ersten Einbaum

hatte ich mit einigen Trägern, im zweiten Schwarzer mit der gleichen

Bemannung Platz genommen. Er hatte in seinem Boot ausserdem noch den

Kinoapparat, um die Wasservögel aufzunehmen. Die erste Beute, die

ich mit dem Mannlicher-Schönau erlegte, war ein schöner Balaeniceps

rex, Schuhschnabel, der in 80 m Entfernung am Rande einer der vielen

Grasinseln stand.

Nach einer Stunde, in der noch mancher schöne Vogel sein Leben lassen

musste, fuhren wir in den offenen See hinaus und gewannen den Ausblick

auf ein bezaubernd schönes Bild. Der Bergkoloss des Konkoro (Mount

Debasien) zeigte sich hier von seiner steilen Seite, als ob er direkt

aus dem Wasser emporstiege, in dem sein klares und scharfes Spiegelbild

bis auf den Grund zu reichen schien. Ringsum war der See mit den

schönsten Blüten der Wasserrose bedeckt, die zwischen den grossen

herzförmigen Blättern in Weiss, Lila und Rosa herausleuchteten, und

die bereits hochstehende Sonne tauchte alles in goldigen Schimmer.

Soweit das Auge reichte, herrschte unendliche Ruhe, und in mir stieg

angesichts dieser ganz eigenen, durch den Sonnenreflex und die schwere

Luft gedämpften Farbenpracht lebhaft die Erinnerung an ein ähnliches

Bild auf, das sich mir hoch oben im Norden dargeboten hatte, als ich

mich auf meiner Grönlandexpedition im Schein der Mitternachtssonne

zwischen blaugrünen Eisbarren langsam an eine Bartrobbe anrudern liess.

Wir fuhren ungefähr eine halbe Stunde lang in das offene Wasser hinaus,

als uns ein plötzliches Schnauben und Brüllen auf eine links vor uns

schwimmende Herde von Nilpferden aufmerksam machte, von denen die

Köpfe aber nur wenige Zentimeter über dem Wasser sichtbar waren. Die

Eingeborenen legten sich mit voller Kraft in die Ruder, aber kaum kamen

wir näher, verschwanden die schwarzen Punkte, um erst nach einiger

Zeit in ziemlicher Entfernung wieder aufzutauchen. Dies Versteckspiel

wiederholte sich einige Male, bis es uns endlich gelang, durch ruhiges

und langsames Rudern bis auf 150 Schritte an die Tiere heranzukommen.

Dem Stärksten unter ihnen schiesse ich eine 9½ mm Vollmantelkugel ins

Hinterhaupt und es sinkt sofort unter Wasser. Da es immer mehrere

Stunden dauert, bis ein geschossenes Nilpferd wieder an die Oberfläche

kommt, fuhren wir weiter auf eine neue vor uns auftauchende Herde zu,

von der ich abermals das stärkste Stück mit einem Kopfschuss traf. Nun

zeigten sich auf allen Seiten grössere Herden bis zu 25 Tieren, als wir

plötzlich mehrere Schüsse nacheinander fallen hörten, die Photograph

Schwarzer abgab, den wir inzwischen ganz aus den Augen verloren

hatten. Wir ruderten rasch zu ihm, der schon vier Hippo erlegt hatte

und schliesslich mehrere Schüsse abgeben musste, um die auf sein Boot

zukommenden Tiere abzuwehren. Ich suchte mir aus der grossen Herde

einen besonders starken Bullen aus und traf ihn im Kopf, worauf er sich

blutüberströmt überschlug, so dass der ganze Oberkörper sichtbar wurde.

Das schwerverletzte Tier schwamm erst gegen unser Boot zu, so dass wir

mit aller Kraft zurückrudern mussten, dann tauchte der mächtige Schädel

unter furchtbarem Gebrüll nochmals vor unserem Boot auf, und erst ein

zweiter Kopfschuss brachte das Tier zum Untersinken.

Das Einbringen der geschossenen Tiere überliessen wir den eingeborenen

Ruderern, die genau wussten, wo sie gesunken sind, denn wir hatten

grösste Eile, um vor Einbruch der Nacht die Landungsstelle zu

erreichen, wo wir schon den Häuptling mit den Eingeborenen uns

erwarten sahen. Auf der Rückfahrt nahm Schwarzer, der mit seinem Boote

knapp hinter mir war, die Wasservögel kinematographisch auf, dann

näherten wir uns wieder den Gras- und Bauminseln, indes die Sonne

wie ein dunkelrot glühender Feuerball knapp über dem Horizont stand

und die ganze Wasserlandschaft mit ihrem Purpur übergoss. Das Bild

dieser zwischen einer Dunst- und Wolkenschicht untergehenden Sonne,

das uns schon so oft gefesselt hatte, prägt sich dem Afrikareisenden

unvergesslich ein, es erhöht jenen wundersamen Zauber des Lebens in

äquatorialen Gegenden und erweckt in ihm das fast unwiderstehliche

Verlangen, immer wieder diese Gebiete aufzusuchen.

Die unendliche Ruhe, die über dem See liegt, wird nur hie und da von

dem krächzendem Schrei eines aufgeschreckten Wasservogels und von dem

gleichmässigen Plätschern der ins Wasser tauchenden Ruder unterbrochen.

Als wir aber den seichten Stellen am Ufer nahe kamen, hat diese Stille

ein Ende erreicht, denn eine Schar junger Eingeborener springt uns im

Wasser lustig und lärmend entgegen, um unsere zwei Boote die letzte

sumpfige Strecke zu schieben. Vier kräftige Arme packen mich und

tragen mich durch den Schlamm an das trockene Land. So endete dieser

schöne Ausflug mit reicher ornithologischer Ausbeute und der ersten

Jagdgelegenheit als ein in angenehmer Erinnerung bleibender Rasttag.

Indessen war es schon finstere Nacht geworden, und wir bestiegen unsere

Maultiere. Die Boys leuchteten uns mit den mitgenommenen Laternen den

Weg, und nun ging es im Trab eine volle Stunde lang unserem Lager zu,

während unsere Träger gleichen Schritt hielten, ohne zu ermüden. Auch

sie waren in bester Stimmung, wussten sie doch, dass es am nächsten

Tag viel Hippofleisch geben werde. Ich hatte angeordnet, dass von den

geschossenen Hippo die eine Hälfte den Eingeborenen und die andere den

Trägern gehöre. Ziemlich ermüdet langten wir gegen 9 Uhr in dem von

unseren Lagerfeuern hell erleuchteten Kamp an, wo uns ein gedeckter

Abendtisch erwartete und ich noch lange mit meinem Gefährten Dr.

Stigler über die Eindrücke dieses ereignisreichen Tages plauderte,

der die Erinnerung an mein afrikanisches Leben um ein schönes Stück

bereichert hat.

_EIN STEPPENBRAND_.

_Durch Busch und Steppe / Das Lager in höchster Gefahr / Rechtzeitige

Hilfe / Das Schicksal eines Afrikaforschers / Eingeborenentänze / Ein

neuer Führer._

Am nächsten Tage brachen wir unser Lager ab und setzten unseren Marsch

nach Norden bei tropischer Hitze fort. Die Gegend war nicht mehr so

dicht bevölkert wie bisher und das Wild daher auch nicht mehr so

ausgerottet. Da und dort war eine Gazellen- oder eine Nashornfährte zu

sehen, und im Busch bemerkten wir viele aus der Regenzeit stammende

Elefantenspuren. Die erste Station, die wir passierten, war +Kerimi+,

dann ging es durch das flache Gelände dem sich steil aus der Ebene

erhebenden Tepes zu, der gegen Westen scharf abstürzt und in dem sich

ihm anschließenden Kissim (fälschlich Nopak genannt) sich wieder zu

respektabler Höhe erhebt, und in nördlicher Richtung gegen Kalirimi

oder Gyotum verläuft. Der Weg führte durch dichtes Buschland mit hohem,

dürrem Gras, das nach den häufigen Steppenbränden in wenigen Tagen

stets wieder frisch und grün emporspriesst (Tafel 41–42).

Am zweiten Tage nach dem Abmarsch von Kumi befand sich unser Lager

auf einem freien, graslosen Platze, wo uns ein herkulisch gebauter

alter Karamojohäuptling mit seinen Eingeborenen und vielen Weibern

erwartete. Wir schlugen unsere Zelte unter zwei Bäumen, einige Meter

entfernt vom Steppengras, auf, und ich fand auch bald einen Platz

für die Aufstellung meiner Apparate. Mitten während meiner Arbeiten

-- es war gerade um die Mittagsstunde -- wurde ich durch ein lautes

Knistern auf einen mächtigen Steppenbrand aufmerksam gemacht, der

sich in der Entfernung von einigen hundert Metern weit ausdehnte. Ich

beobachtete eine Zeit lang das Umsichgreifen des Feuers, beruhigte

mich aber bald, da ich bemerkte, dass ein für uns günstiger Wind das

Feuer vom Lager abtrieb. Ich setzte daher meine Arbeiten fort und

warf nach einiger Zeit nur zufällig einen Blick auf unser von meinem

Standplatz einige hundert Schritt weit liegendes Kamp. Einen Moment

lang stand mir das Herz still, denn ich sah nun zu meinem Entsetzen,

daß der Wind umgeschlagen hatte und schon knapp hinter unseren Zelten

das Gras in hellen Flammen stand. Eine hohe, prasselnde Feuersäule

und gewaltige Rauchwolken trieben gegen unser Lager. Ich rannte, was

mich die Füsse nur tragen konnten, zu den Zelten der Askari und liess

gellend meine Signalpfeife ertönen. Sofort war der Sergeant sichtbar,

dem ich, auf das brennende Lager deutend, „Moto, Moto!“ (Feuer, Feuer!)

zuschrie. Er liess einen schrillen Alarmpfiff los, und mit blitzartiger

Geschwindigkeit stürzten sich unsere braven Askari mit einigen Trägern

auf die Zelte, die durch das Umwerfen der Stützsäulen und Loslösen der

Stricke in wenigen Sekunden in sich zusammenbrachen. Einige holten

rasch die wenigen vollen Wasserkübel aus der Küche und begossen die

wie zu Zunder ausgetrockneten Zeltwände, andere peitschten mit Zweigen

das hochaufflammende Steppengras nieder. Alle Mann waren fieberhaft an

der Arbeit, da ja keine Sekunde verloren gehen durfte, und kämpften

im beissenden Qualm und Rauch, in dem man kaum die Augen offen halten

konnte, gegen den Brand an, der mit tausend gierigen, feurigen Händen

und mit unheimlicher Schnelligkeit um sich griff. Jeden Augenblick

sah ich mein Lager, meine Ausrüstung, die Sammlungen, Aufnahmen und

Tagebücher, unser gesammtes Hab und Gut einen Raub der Flammen werden,

und von diesem furchtbaren Unglück wurden wir nur durch das fast auf

die Sekunde rechtzeitige Eingreifen im letzten Augenblick bewahrt.

Hätte ich das Umschlagen des Feuers nur geringe Zeit später bemerkt

oder meinen Arbeitsplatz in weiterer Entfernung vom Lager gewählt

gehabt, so wäre wohl alles dem Untergange geweiht gewesen, meine

Expedition hätte ein unfreiwilliges, vorzeitiges Ende genommen, und die

Früchte monatelanger Arbeit wären in der Wildnis den Flammen zum Opfer

gefallen (Tafel 43).

[Illustration: _Häuptling von Gjotum_

_Tafel 41_

]

[Illustration: _Karamojomänner_]

[Illustration: _Karamojofrauen_

_Tafel 42_

]

[Illustration: _Nach dem Brande_]

[Illustration: _Nach dem Brande_

_Tafel 43_

]

[Illustration: _Häuptling von Naqua_]

[Illustration: _Mein Karamojoführer_

_Tafel 44_

]

[Illustration: _Lager bei Kaketta_]

[Illustration: _Eingeborener von Kaketta_

_Tafel 45_

]

Ich erinnere hier an einen solch traurigen Fall, den der deutsche

Forscher Dr. Berger in seinem ausgezeichneten Werke über den

Afrikareisenden Böhm schildert. Er schreibt darüber: „Alles, was er

auf einer langen, gefahrvollen Reise gesammelt hatte, lag zum Versand

nach der Heimat fertig verpackt. Böhm schrieb nur noch die

Geleitbriefe; da brach durch Unvorsichtigkeit Feuer aus. Die Hütte, in

der alle Schätze lagen, stand im Nu in Flammen, die Spiritusgefässe

explodierten, da gab es keine Rettung mehr. Alles, alles, was er

gesammelt, seine Ausrüstung und, was fast das Schlimmste war, seine

Tagebücher wurden ein Raub der Flammen. Er rettete nur das nackte

Leben. Monatelang hatte er dann nichts von sich hören lassen, dieser

Schlag hatte ihn zu furchtbar getroffen. Er brauchte Zeit, um sich

wieder zu sammeln, wieder Mut und Kraft zu schöpfen, die schwere Arbeit

von neuem zu beginnen. Leider hat er sie nicht mehr lang fortführen

können. Er erlag, wie so viele Pioniere des dunklen Erdteiles, dem

tückischen Klima. Die deutsche Naturwissenschaft hat in ihm ihren

besten Förderer verloren.“

Nur jene, die wissen, welch enorme Summe von Mühe, Arbeit und Ausdauer

die in der Wildnis vollführten Arbeiten und mühevoll zusammengetragenen

Sammlungen in sich bergen, können nachfühlen, was es heisst, all das

plötzlich gefährdet zu sehen oder gar zu verlieren. Ein Zufall hatte

uns vor dem ärgsten Geschick bewahrt, wir standen aber noch viele

Stunden unter dem furchtbaren Eindruck dieser wenigen Minuten höchster

Gefahr und sahen, stumm in uns versunken, wie der schaurige Brand

südlich von unserm Lager weiter in die Steppe trieb und ausser dem

dürren Gras auch hohe Bäume und Büsche ergriff, die dann jedesmal wie

riesige Fackeln emporflammten.

Am Nachmittag veranstaltete der Häuptling uns zu Ehren einen

Eingeborenentanz, an dem sich auch die Weiber mit ihren auf den Rücken

gebundenen Kindern lebhaft beteiligten. Die Musikbegleitung war, so

wie in Mbale, eintöniger Gesang und Händeklatschen. Der Tanz bestand

darin, dass sich die Eingeborenen in fünf bis sechs Reihen aufstellten

und jeder Zweite so hoch wie möglich sprang, indem sie sich mit

gestreckten Beinen alle gleichzeitig vom Boden abstiessen. Die auf den

Rücken der Weiber gebundenen Kinder wurden dabei recht unsanft hin und

her gerüttelt, was aber deren Trägerinnen nicht hinderte, es in den

Sprüngen den Männern gleichzutun.

Spät abends kam Dr. Stigler, der mit seinem Boy Kilimandscharo schon

vormittags aufgebrochen war, um einer Gazelle nachzuspüren, halb

verdurstet und vollständig geschwärzt von dem verkohlten Steppengras,

dessen Russ die Luft erfüllte, im Lager an. Er hatte im hohen Gras, das

die Orientierung sehr erschwerte, die Richtung verloren und war bis an

den Fuss des Tepes gekommen, von wo er erst nach einem vielstündigen

Marsche abends wieder zurückkehrte.

Quer durch Uganda · 第 7 / 16 段