Zu guter Letzt musste ich in Mbale noch meinen Diener Combo Mohamed,

den ich schon seit Mombassa mitführte, verhaften lassen, da ich ihn in

flagranti dabei erwischte, wie er mir Geld stahl. Bei der Auszahlung

der Träger, wobei ich ihn ungesehen beobachtete, füllte er ungeniert

die Taschen seiner Khakihose. Ich überraschte ihn hierbei, und als er

seinen Sack entleerte, fand ich nicht weniger als 136 funkelnagelneue

Zentstücke, die er verschwinden lassen hatte. Kaum war Combo verhaftet

und auf die Boma gebracht worden, begannen die Träger und übrigen Boys,

bei denen er sich grossen Respekt zu verschaffen gewusst hatte, zu

beichten, und verrieten, dass er auch gesehen wurde, wie er Papiergeld

wechseln liess, und dass er schon einmal auf einer Expedition nach dem

Kongo wegen Diebstahls eine grössere Strafe hatte abbüssen müssen.

Combo hatte mir von dieser Expedition ebensowenig mitgeteilt wie davon,

dass er bei Professor Koch anlässlich dessen Schlafkrankheitsstudien am

Viktoria-See monatelang als Boy gedient hatte. Er hatte mir in Mombassa

nur ein Zeugnis des deutschen Forschungsreisenden Geh. R. Stuhlmann

vorgewiesen, bei dem er zwei Jahre war und wo er auch die deutsche

Sprache erlernte. Diese Sprachenkenntnisse meines Dieners gereichten

mir aber eher zum Nachteil, da ich dadurch weniger Gelegenheit hatte,

Suaheli zu sprechen, das ich mir durch meine Studien in Wien schon

ziemlich angeeignet hatte. Im übrigen wäre Combo ein schlauer, flinker

und sehr brauchbarer Diener gewesen, wenn er ausser seiner diebischen

Veranlagung nicht noch einige andere Fehler gehabt hätte -- er war

ein leidenschaftlicher Trinker, Spieler und Verehrer des weiblichen

Geschlechtes, hätte also ganz gut nach Europa gepasst, wo er ja genug

gleich Veranlagte gefunden hätte. In Nairobi kaufte ich ihm einen

Khakianzug, Hemden, Fez und braune Schnürschuhe, aber schon in Entebbe

lief er barfuss herum, da er alles verklopft hatte, um sich dafür

Eingeborenenbier zu kaufen. Nun musste er wieder einmal Busse tun. Nach

einstündigem Verhör wurde er zu drei Monaten Gefängnis verurteilt,

und schon am nächsten Tage sahen wir ihn, die Kette um den Hals, mit

anderen Gefangenen schwere Wasserkrüge tragen.

Die Möglichkeit, an Stelle Combos in Mbale einen anderen Boy

aufzutreiben, war ganz ausgeschlossen, und so musste ich den einzigen

englisch sprechenden Eingeborenen meiner Karawane, den Dolmetsch Simon,

der auf der englischen Missionsstation in Kampala erzogen worden war,

zu meinem Boy machen. Er erwies sich in der Folge als tüchtig und

ehrlich, so dass ich ihm später auch die Verfügung über die Geldkiste

anvertrauen konnte. Er führte genau Buch, und seine Abrechnungen

stimmten jedesmal bis auf den letzten Zent.

Am 3. Jänner erklärte ich meinem Heatman, dass unter jeder Bedingung am

nächsten Morgen abmarschiert werde, auch wenn noch einige Träger fehlen

sollten. Für diesen Fall hatte uns Mr. Peryman zugesagt, die Lasten,

die wir zurücklassen mussten, innerhalb weniger Tage mit eigens hierzu

aufgenommenen Trägern nach Kumi, der letzten englischen Station zu

schicken. Trotzdem sagte Abeidi, dass wir erst nachmittags aufbrechen

könnten, da er noch seine eigenen Träger und Einkäufe besorgen müsse,

für die er übrigens einen weiteren Vorschuss von 300 Rupien benötigte.

Ich war damit einverstanden und drängte ihn zur Eile, da nicht nur

die Gefahr des Durchbrennens der aufgenommenen Träger mit jedem Tage

grösser wurde, sondern auch deren Erkrankungen immer mehr zunahmen, was

Dr. Stigler am meisten zu fühlen bekam. Dabei hatten wir aber schon

knapp nach unserer Rückkehr vom Elgon einige schwächliche und kranke

Eingeborene ausbezahlt und in ihre Heimat geschickt.

_VON MBALE NACH KUMI._

_Aufbruch der Karawane / Die Askari / Auf der Strasse nach Kumi / Im

Hause des Distriktkommissärs / Ein moderner Raub der Sabinerinnen

/ Ehetragödie eines Eingeborenen / Die Busoga und die Teso / Die

Dorfanlagen der Eingeborenen / Friedhöfe in Wohnhütten / Auf

exponiertem Posten / Tiere für Schönbrunn / Elefantengeschichten /

Der unersättliche Heatman._

Am 4. Jänner hatte unser Aufenthalt in Mbale, der länger währte, als

wir beabsichtigt hatten, sein Ende erreicht. Die bisher angelegten

Sammlungen wurden auf die Boma, das Amtshaus, gebracht, da Mr. Peryman

so liebenswürdig war, deren Weitertransport nach Jinja zu besorgen.

Ausserdem hatten wir bei ihm noch zwanzig Lasten zurückgelassen,

für die wir keine Träger auftreiben konnten. Der Abschied von Mr.

Peryman und den englischen Regierungsbeamten, die uns alle die besten

Glückwünsche mit auf den Weg gaben, war ein ungemein herzlicher. Von

Dr. Sells, unserem Begleiter auf den Elgon, hatten wir uns schon früher

verabschiedet, da er sich drei Tage vorher nach dem Sirokoflusse

begeben hatte, um dort die Verbreitung der Glossina palpalis zu

studieren.

Um 3 Uhr nachmittags setzte sich der Zug endlich in Bewegung: ausser

uns Europäern 218 Eingeborenenträger und die 15 Askari mit einem

Sergeanten, einem prächtigen Sudanesen, und einem Korporal, dann noch

die Tragesel und vier Maultiere, also eine Karawane von stattlicher

Länge. Die Askari waren entsprechend verteilt, um die Ordnung

aufrecht zu halten, in der Nacht hatten sie die unter dem Vordach

unserer Zelte aufgestapelten Kisten und Koffer zu bewachen. Bei den

späteren Gewaltmärschen durch unerforschtes Gebiet haben sie uns ganz

ausgezeichnete Dienste erwiesen, da tatsächlich viele Leute infolge des

Wassermangels zusammenbrachen und nur durch die Hilfe der Askari, die

sie oft spät abends noch in den Kamp brachten, nicht zurückblieben. Sie

trugen Khakianzug und Fez, und waren ausser mit dem Seitengewehr auch

noch mit einem Repetiergewehr und der entsprechenden Munition bewaffnet.

Schon zwei Stunden nach Mbale -- bei einbrechender Dämmerung --

schlugen wir an der Strasse unser Lager auf, da wir den nächsten

Kamp vor Beginn der Nacht unmöglich erreicht hätten. Wir waren froh,

von Mbale überhaupt weggekommen zu sein, da dort die Träger zu viel

Gelegenheit hatten, sich zu betrinken oder krank zu melden. Trotzdem

war die Entfernung noch nicht gross genug, denn ich musste am nächsten

Morgen, als ich die Leute antreten liess, vier Träger vermissen, denen

der Abschied von Mbale wahrscheinlich so schwer geworden war, dass sie

wieder dorthin zurück durchbrannten.

Die Strasse, auf der wir nach dem 35 Meilen entfernten Kumi

marschierten, war breit und gepflegt, vor einem Jahre gebaut, und

führte durch schönes Buschland und Plantagenanlagen. Zur Rechten

hatten wir noch immer das prächtige Bild des Elgonmassivs und des im

Hintergrunde aufsteigenden Konkoro (Mount Debasien), und in nächster

Nähe erheben sich oft mächtige, in das vulkanische Terrain eingestreute

Findlinge und grosse Granitblöcke, die das Landschaftsbild sehr beleben

(Tafel 28). Auf der Strasse begegnete uns hie und da ein Ochsengespann,

hoch mit Baumwolle beladen, die bis Kumi von den Eingeborenen geerntet

wird, aber wir wussten, dass die Bequemlichkeit dieser Strasse, die

ebenso gepflegt war wie die von Kampala nach Norden führende, nur

wenige Tagereisen währte, und dass dann jene Gebiete beginnen würden,

in die die Kultur noch nicht eingedrungen war.

Nach vierstündigem Marsche kamen wir zu den Rasthäusern von +Bukedia+,

deren Benützung wir aber den Trägern überliessen, während wir selbst

unsere Zelte aufschlugen. Der Häuptling der Niederlassung erwartete uns

mit seinen Ministern und vielen Eingeborenen und brachte uns ein Schaf,

Milch und Eier. Tags darauf legten wir durch ziemlich ebenes Land mit

weitausgedehnten Baumwollpflanzungen die restlichen 12 Meilen nach Kumi

zurück. Kumi liegt auf einem Plateau, etwas erhöht über die flache,

steppenartige Umgebung, wodurch sich die Bergmassen des Konkoro,

Tepes, Kissim und der in weiter Ferne liegenden mächtigen Naquaberge

besonders schön zeigten. Im Norden läuft ein schmaler Silberstreifen

von Ost nach West, der Spiegel des Salisbury- oder Kumi-Sees. Der Ort

hat einige indische Kaufläden, deren Besitzer sich hauptsächlich mit

Baumwollhandel befassen, und ist seit anderthalb Jahren der Sitz eines

englischen Distriktkommissärs, des liebenswürdigen und energischen

Mr. Newman, des einzigen Europäers in einem Bezirke von ungefähr 4000

Quadratmeilen mit über 200000 Einwohnern.

Wir wurden gleich bei unserer Ankunft in Kumi von Mr. Newman begrüsst

und auf unseren Kampplatz geführt, auf dem sich ausser einigen

Strohhütten noch zwei einfache Rasthäuser befanden, von denen das eine

für uns bestimmt war. Im zweiten wohnte ein englischer Tierarzt, der im

Auftrage der Regierung die Gegend bereiste, um die Eingeborenen über

die Maul- und Klauenseuche aufzuklären, an der hunderttausende Stück

Vieh zugrunde gehen. Eine kleine, etwas abseits stehende Hütte diente

uns als Küche und als Wohnraum für die Boys.

Abends war ich mit Dr. Stigler bei Mr. Newman geladen, der ein

einfaches Haus mit Lehmwänden und Lehmboden bewohnt. Der Boden ist

mit Matten und Tierfellen, die Wände mit verschiedenen Jagdtrophäen,

Speeren und Schildern bedeckt, und die Einrichtung beschränkt sich auf

das Allernotwendigste. Das Luxuriöseste ist eine luftige, strohgedeckte

Terrasse vor dem Hause. In diesem primitiven Heime residiert ein ebenso

anspruchsloser, wie energischer und kluger Mann, der, kaum dreissig

Jahre alt, auf diesem weit in die afrikanische Steppe vorgeschobenen

Posten über Hunderttausende von Menschen zu herrschen und zu richten

hat, eine gewiss schwere Aufgabe, wenn man dabei bedenkt, dass die

Verpflegung hier eine sehr mangelhafte und das Klima ungesund und sehr

heiss ist. Schon während des Marsches von Mbale konstatierten wir ein

stetes Steigen der Temperatur bis zu 40 °C im Schatten, hier konnten

wir schon ein Maximum von 44½ °C verzeichnen. Allerdings ist die

Nachttemperatur, wie fast überall in Afrika, sehr angenehm. Hier in

Kumi betrug sie 26 °C.

[Illustration: _Findling bei Bukedia_]

[Illustration: _Landschaft bei Kumi_

_Tafel 28_

]

[Illustration: _Schöne aus Kumi_]

[Illustration: _Mit dem Kiboko bestrafte Eingeborene_

_Tafel 29_

]

[Illustration: _Eingeborene aus Kumi vom Tesostamm_]

[Illustration: _Eingeborene von Kumi_

_Tafel 30_

]

[Illustration: _Eingeborene vom Tesostamm (Kuketta)_]

[Illustration: _Teso, Frau und Mann (Kumi)_

_Tafel 31_

]

[Illustration: _Vorratskörbe_]

[Illustration: _Frauen vom Stamme Teso_

_Tafel 32_

]

[Illustration: _Ein Teso-Riese_]

[Illustration: _Junge Gazellen_

_Tafel 33_

]

[Illustration: _Eingeborenenkral in Kumi_]

[Illustration: _Grundriss einer Niederlassung_

_Tafel 34_

]

[Illustration: _Kaktushecke mit Eingang in das Dorf_]

[Illustration: _Hütte im Bau_

_Tafel 35_

]

[Illustration: _Konstruktion des Daches_]

[Illustration: _Malerei der Eingeborenen_

_Tafel 36_

]

Nach dem Souper überraschte uns Mr. Newman mit einem ganz besonderen

Genuss -- einem Glas Pilsener Bier -- in 20 °C warmem Wasser gekühlt

-- und erzählte uns viel Interessantes über Land und Leute, besonders

von den häufigen Kämpfen zwischen den Baganda- und Busogaleuten, deren

Ursache an den Raub der Sabinerinnen erinnert. Die Bagandaweiber

sind nämlich weniger fruchtbar als die Weiber der Busoga, und die

Baganda nützen ihre Siege über die Busoga gewöhnlich dahin aus, um

ihnen ihre Weiber zu rauben. Im allgemeinen werden die Weiber bei den

Eingeborenen wenig geachtet und sind hauptsächlich dazu da, um sich um

Haus und Kinder zu kümmern, während der Mann die Zeit mit Nichtstun

verbringt. Sucht er sich einmal ausnahmsweise einen Verdienst, wie

durch die Teilnahme an einer Karawane, so tröstet sich die Frau sehr

leicht über den Verlust und findet bald in einem andern Mann Ersatz.

So klagte uns in Kumi einer unserer Träger sein Leid und bat uns,

ihm zu seinem treulos gewordenen Weibe zu verhelfen. Er hatte ein

Busogaweib zu sich genommen, da er sich von ihr Kinder erhoffte, wurde

aber ein Jahr nach seiner Verheiratung von Kapitän Taughner für die

Strafexpedition nach Karamojo angeworben und fand, als er sechs Monate

später nach Mbale zurückkam, sein Weibchen ausgeflogen. Er brachte

schliesslich in Erfahrung, dass die Ungetreue mit einem indischen

Händler nach Kumi gezogen war, und dies bewog ihn, sich von Abeidi

für meine Karawane anwerben zu lassen, da er die Hoffnung hegte, in

dieser Gegend sein Weib, zum mindesten aber seine Heiratsausstattung,

die die Durchgebrannte hatte mitgehen lassen, zurückzubekommen. Saléh

-- so hiess der doppeltbetrogene Ehemann -- hatte nämlich in die Ehe

einen Kochtopf, einen Teller und eine Flanelldecke mitgebracht, und

an diesen Dingen schien sein Herz viel mehr zu hängen als an seinem

Weibe. Bei der Gerichtsverhandlung, die Mr. Newman anordnete, spielte

er zwar zuerst den Gekränkten und wollte auf der Vorführung seiner Frau

bestehen, als er aber hörte, dass sich diese nach mohamedanischem Ritus

nochmals verheiratet hatte, verzichtete er schnell gefasst auf sie,

wollte aber unbedingt seinen Kochtopf mit Teller und die Flanelldecke

haben. Schliesslich kam ein Ausgleich auf Teilung dieser kostbaren

Ausstattung zustande, und der gute Saléh marschierte vergnügt mit mir

weiter.

Die Busogaleute waren uns schon in Jinja als äusserst unverlässliche,

verlogene und diebisch veranlagte Menschen geschildert worden, und Mr.

Newman erzählte uns, dass er Fälle kenne, in denen die Busoga indische

Kaufläden bei Nacht auf sehr schlaue, allerdings beschwerliche Weise

ausgeraubt hatten, indem sie unter der Erde ganze Gänge gruben, um dann

von unten in den geschlossenen Geschäftsraum eindringen zu können.

Obwohl sie ein schwächliches Aussehen haben, halten diese Leute grosse

Strapazen aus, tragen die schwersten Lasten und leisten als Renner

geradezu Unglaubliches. Mr. Newman sandte häufig einen Renner mit

Telegrammen oder wichtigen Dienststücken von Kumi nach Mbale -- 35

Meilen -- und gewöhnlich war dann dieser schon am nächsten Abend wieder

zurück. Wir hatten selbst in unserer Karawane einen Busogaträger,

der während der ganzen Reise bis Nimule einen 70 Pfund schweren

Medizinkoffer auf dem Kopf trug und dabei Gewaltmärsche von 25 bis 30

km mitmachte (Tafel 29–33).

Die Eingeborenen von Kumi, die Teso, nähren sich hauptsächlich von

Bananen, Erdnüssen, Durra und auch von Eiern und Milch, doch sollen

die beiden letzteren Lebensmittel den Weibern verboten sein. Von den

Männern muss in diesen von den Engländern verwalteten Gebieten, die

ostwärts vom Nil bis Mbale reichen, jeder, sobald er das 18. Lebensjahr

erreicht hat, 4 Rupien -- in den nördlichen Gegenden 3 Rupien -- als

jährliche Abgabe entrichten. Diese verhältnismässig hohe Steuer bringen

die Eingeborenen nur schwer auf, und die Zahlungsunfähigen müssen sich

jährlich einen Monat lang zu Regierungsarbeiten verwenden lassen. Die

Männer schliessen schon im Alter von 18 bis 20 Jahren Ehen, und mehrere

Familien vereinigen sich dann zu einer Gemeinde. Diese Niederlassungen

sind sehr symmetrisch im Kreise angelegt, ausserordentlich rein

gehalten, und von einer bis vier Meter hohen, undurchdringlichen

Kaktushecke eingezäunt. Die runden, spitz zulaufenden und mit langem

Gras gedeckten Hütten sind sehr nahe diesem Kaktuszaun gelegen und

haben einen Durchmesser von 6–7 Meter. Im Innern stützen ein oder zwei

Holzstämme den ganzen Aufbau, der in seinem unteren Teil innen mit

Lehm verstrichen ist. Vor dem niederen Eingang, durch den man nur in

kriechender Stellung gelangen kann, wird zur Nachtzeit eine starke, als

Tor dienende Grasmatte vorgeschoben, die oft noch mit darangelehnten

grossen Steinen befestigt wird. Irgendeine Art von Schloss oder Riegel

war bei den Eingeborenen hier ebensowenig wie auf meiner ganzen Reise

zu finden. Konzentrisch mit dieser äusseren Einzäunung des Dorfes

befindet sich im Innern eine etwas niedrigere Kaktushecke, die den

Raum für die Kühe, Schafe und anderen Haustiere umschliesst. Ausserdem

sind noch zwei einander gegenüberliegende gedeckte Hütten an dieser

Hecke errichtet, die als Ställe für die Muttertiere dienen. Rings um

die innere Hecke stehen auf Steinen oder Holzklötzen birnförmige, aus

Gras und Zweigen geflochtene, grosse Fruchtkörbe für die Erdnüsse,

das Durramehl usw. Zwischen ihnen und den Wohnhütten bleibt noch ein

breiter Raum frei, auf dem sich die Weiber ihr Mehl mahlen, die Kinder

spielen und sich das ganze dörfliche Leben abspielt (Tafel 34–36).

Die innere Einrichtung der Hütten ist natürlich eine sehr primitive.

Als Lager dienen getrocknete Tierhäute, die entweder auf dem Boden

oder einer etwas überhöhten Holzbrücke liegen, einige Tonkrüge und

flaschenartige Kürbisschalen sind die Trinkgefässe. In einer Hütte fand

ich an der inneren Lehmwand ganz merkwürdige Zeichnungen, die ich als

Aeusserungen des Kunstsinnes der Eingeborenen photographisch festhielt.

Zu dem niedrigen Haupteingang eines solchen Eingeborenendorfes, der aus

Baumstämmen angelegt ist und einem nur in gebückter Haltung Eintritt

gewährt, führt der Weg zwischen parallel laufenden Kaktushecken.

Gegenüber dem Haupteingang, auf der anderen Seite der Umzäunung,

die das Dorf nicht nur gegen den Einbruch wilder Raubtiere, sondern

auch gegen Ueberfälle feindlicher Eingeborenen schützen soll, liegt

ein zweiter höherer und für das Vieh bestimmter Eingang, der in

gleicherweise wie jener der Hütten durch eine Grasmatte verschliessbar

ist. Ihre Toten begraben die Teso in den Wohnhütten, was wahrscheinlich

in irgend einem Aberglauben seinen Grund haben dürfte. Die Männer wie

die Frauen sind starke, hochgewachsene, breitschultrige Leute, so dass

die mittlere Grösse der Männer nicht weniger als 1,90 m beträgt, wir

massen aber auch viele mit 2,05 m und einen sogar mit 2,12 m. Nur die

Watussi im Ruandagebiet in Deutsch-Ostafrika dürften ihnen an Grösse

gleich kommen. Adolf Friedrich Herzog zu Mecklenburg schreibt in seinem

Werke: „Ins Innerste Afrika“, dass die Grössenmessungen bis 2,20 m

ergeben haben, dass die Watussi ebenfalls sehr kräftig gebaut sind,

dabei schlanke Taillen, zarte Handgelenke und überaus fein geformte

Hände haben. Ihre Haut zeigt einen bronzefarbenen Ton, der an den

Norden Afrikas erinnert. Charakteristisch ist der Kopf der Watussi,

die hohe Stirne, das edle Oval des Gesichtes und die schmale Nase. Die

Tesoleute haben hingegen mit ihren ausserordentlich kräftig gebauten

Schultern, Hüften und Schenkeln, ihren derben, knochigen Händen,

den breiten, runden Köpfen ein riesenhaftes Aussehen. Sie haben die

vorstehenden Backenknochen, die breitgedrückte Nase, die wulstigen

Lippen und eine auffallend dunkle, schwarzbraune Hautfarbe.

Auf diesem exponierten Posten hatte Mr. Newman, der vor vier Jahren

nach Afrika gekommen und vor seiner Kommandierung nach Kumi in Mbale

als Regierungsbeamter tätig gewesen war, lange Zeit viele Kämpfe mit

den Eingeborenen zu bestehen und war dabei oft durch die Ueberzahl der

Wilden und deren hinterlistige Kampfesweise in grosse Lebensgefahr

geraten. Oft waren die Eingeborenen zu vielen Hunderten in gedeckten

Stellungen und schleuderten ihre Giftpfeile gegen ihn ab. Auch Mr.

Newman bestätigte uns, dass die Bageshu am Fusse des Elgon noch ein

anthropophager Stamm seien, aber sie selbst glauben, dass auch wir

Weisse die Schwarzen auffressen. Dieser Glaube hatte damals bei

einem Bageshuträger, den wir auf den Elgon mitgenommen hatten, sehr

drastischen Ausdruck gefunden. Er wollte sich trotz aller Geschenke von

Dr. Stigler zu physiologischen Zwecken nicht untersuchen lassen, und es

dauerte lange, bis er schliesslich durch unsere Aufklärungen von der

Furcht befreit wurde, dass ihm die Kawirondoträger den Hals abschneiden

und wir Europäer ihn in schmackhafter Zubereitung verspeisen würden.

Schon von Mbale aus hatte ich Mr. Newman ersucht, für mich lebende

Tiere einfangen zu lassen, die ich der kaiserlichen Menagerie in

Schönbrunn widmen wollte, und er teilte mir auch mit, dass der

Häuptling für mich ein Straussenpaar, eine Zwerggazelle und einige

Wildkatzen, sowie eine fast einjährige Elenantilope bereit halte. Ich

sandte sofort einen Renner nach Mbale, um den Transport beim Wiener

Obersthofmeisteramte telegraphisch anzumelden, und ausserdem auch

Gouverneur Jackson in einem Telegramm um freie Ausfuhr ersuchen zu

lassen, da der Ausfuhrzoll in Uganda für ein Straussenpaar die enorme

Summe von 3000 Rupien (4800 Kr.) betragen hätte. Als einige Tage

später die Bewilligung des Gouverneurs in Anbetracht des Umstandes,

dass die Tiere für Schönbrunn bestimmt waren, eingelaufen war, hatte

ich inzwischen auch noch einen ungefähr sechsmonatlichen Wasserbock

und vier kleinere Gazellen erhalten. Ausserdem hatte ich von Mbale aus

neben zwei zutraulichen Meerkatzen auch einen prächtigen Elgon-Adler

mitgeführt, welch letzteren ich dem Transporte hinzugab, so dass

zusammen zehn wertvolle Tiere nach Schönbrunn abgeschafft werden

konnten. Den schwierigen Transport über die 200 km lange Strecke bis

Jinja übernahm die Firma Allidina Wisram, der grösste indische Kaufmann

in Uganda, der auch hier in Kumi einen Laden besass. Für die Gazellen,

die getragen werden mussten, wurden Körbe geflochten, und überdies

wurde noch ein Häuptling aufgenommen, der die Träger zu überwachen

hatte. Von Jinja aus wurden die Tiere zu Schiff nach Kisumu gebracht,

um von dort aus die 940 km lange Fahrt auf der Ugandabahn bis Mombassa

zu machen. Dort blieben sie bis April und wurden dann nach Triest

eingeschifft. Leider gingen auf dem langen Transport sechs Stück

zugrunde, so dass nur die beiden Strausse, die Elenantilope und der

Adler in Schönbrunn ankamen.

Die Gegend um Kumi ist nicht besonders wildreich, am meisten sind

noch die Elefanten vertreten, auf die die Eingeborenen auch oft

Jagd machen. Sie werden entweder durch einen Lanzenstich ins Herz

erlegt, oder es schleicht sich ein Mann an den schlafenden Elefanten

heran und haut ihm mit einem grossen, sichelartig gebogenen Messer

die Sehnen des Vorderbeines durch. Die Spur wird dann verfolgt, bis

man das zusammengebrochene Tier findet. Diese Art des Jagens ist

begreiflicherweise sehr gefährlich, und es finden dabei oft mehrere

Eingeborene ihren Tod. Elefantenweibchen und -männchen sind ungemein

anhänglich, und Mr. Newman erzählte uns zwei Jagderlebnisse, die eine

rührende Illustration zu dieser Anhänglichkeit bilden. Das eine Mal

war er -- im Jahre 1908 -- drei Meilen weit von Mbale mit Kapitän

Ormsby auf der Elefantenjagd und schoss einen Bullen, der von zwei

Weibchen begleitet war. Trotz allen Lärmes waren diese von dem toten

Elefanten nicht zu vertreiben, und sie verliessen ihn erst, als das

Steppengras in weitem Umkreise angezündet und sie durch die Hitze und

den Rauch verjagt wurden. Das andere Mal verletzte Mr. Newman einen

Bullen schwer, aber nicht tötlich, woraufhin ihn zwei Weibchen in die

Mitte nahmen und fortführten, so dass er erst zwei Meilen vom Anschusse

entfernt zusammengebrochen aufgefunden werden konnte.

Die ersten zwei Tage unseres Aufenthalts in Kumi hatte ich zu

kartographischen Aufnahmen und Ortsbestimmungen, Dr. Stigler zu

physiologischen Beobachtungen benützt, und wir hatten gehofft, nach

Beendigung der Arbeiten, also nach längstens drei- bis viertägigem

Aufenthalte, diese letzte englische Station verlassen zu können.

Aber schon wieder machten uns die Trägersorgen einen Strich durch

die Rechnung. Auf kurze Strecken hätten wir genug Träger erhalten,

aber für die Weiterreise bis Nimule, also weit über das englische

Verwaltungsgebiet hinaus, wollte sich niemand anwerben lassen. Die in

Mbale zurückgelassenen Lasten waren erst mit grosser Verspätung in

Kumi eingetroffen, und wir entschlossen uns nun, da keine neuen Träger

zu bekommen waren, hier sämtliche Lasten zu revidieren und nur das

Allernotwendigste mitzunehmen. Auf diese Art war es möglich, sechzehn

Kisten auszuscheiden, die wir auf dem weiten Umwege über den Kiogasee

nilabwärts nach Nimule vorausschickten. Zu dem kam noch, dass der

unersättliche Heatman Abeidi, der schon mehr Vorschuss hatte als das

ganze Honorar ausmachte, einen weiteren Vorschuss verlangte, um eine

Schuld bei Allidina Wisram tilgen zu können. Mir blieb nichts anderes

übrig, als sein Ansuchen zu bewilligen und ihn loszukaufen, da er sonst

hier festgehalten worden und meine alte Trägergarde, die ihm besonders

ergeben war, durchgebrannt wäre.

Quer durch Uganda · 第 6 / 16 段