Als wir ins Lager zurückgekehrt waren, fand ich im Gebüsch einen

Totenschädel, den ich für die anthropologische Sammlung meines Freundes

Professor Dr. Rudolf Pöch in mein Zelt bringen liess. Ich liess

noch mehrere suchen und hatte bald siebzehn Stück beisammen.

Unter unseren Trägern, namentlich den Kawirondo, entstand aber darob

grosse Aufregung. Mehrere kräftige Kawirondoburschen stellten sich

bei unseren Zelten auf und nahmen den Eingeborenen gegenüber, die uns

die Totenschädel brachten, eine drohende Haltung ein, ja suchten sie

sogar mit Steinwürfen aus unserer Nähe zu vertreiben. Unsere Boys

klärten uns über dies Verhalten, das uns rätselhaft war, bald auf. Bei

den Kawirondo besteht nämlich der Aberglaube, dass jeder, der einen

Totenschädel zu sich nehme, noch am selben Tage sterben müsse. Es würde

sich daher von den Kawirondo auch keiner, und wenn man ihm noch so viel

verspräche, herbeilassen, einen Totenschädel zu tragen. Wir mussten

denn auch tatsächlich die beiden Säcke, in denen die Schädel verpackt

waren, von eingeborenen Bageshu nach Mbale tragen lassen.

[Illustration: _Abbruch des Lagers im Krater_

_Tafel 21_

]

[Illustration: _Abstieg vom Krater_]

[Illustration: _Lobelia Deckeni_

_Tafel 22_

]

[Illustration: _Lobelia Deckeni und Senecio Johnstoni (3700 m)_]

[Illustration: _Lobelia Stuhlmanni. Lager im Urwald_

Nach den Autochromaufnahmen des Verfassers hergestellt

_Tafel 23_

]

[Illustration: _Tätowierte Eingeborene_]

[Illustration: _Bageshufrau mit Kind_

_Tafel 24_

]

[Illustration: _Bananenhain in Bujobo_]

[Illustration: _Sonnenuntergang in der Steppe_

Nach den Autochromaufnahmen des Verfassers hergestellt

_Tafel 25_

]

Bei dieser Gelegenheit erfuhren wir auch noch, dass die Bageshu

Menschenfleisch essen, und zwar nicht nur das eines ermordeten oder im

Kampfe getöteten Feindes, sondern auch die Toten eines befreundeten

Stammes, die ihnen überbracht werden. Nur das Fleisch der eigenen

Angehörigen oder Verwandten sollen sie verschonen. Dies wurde uns von

den Eingeborenen und ihrem Häuptling selbst mitgeteilt und später auch

von Dr. Sells bestätigt.

Der weitere Rückmarsch nach Mbale vollzog sich nun sehr rasch. Noch

am Nachmittag brachen wir das Lager ab und marschierten nach Buhugu,

dessen zwei Rasthäuser wir vor kurzem benützt hatten. Alle Strapazen

und Beschwerden der letzten Tage waren vergessen, und in der langen

Kette der im Gänsemarsch marschierenden Träger herrschte ununterbrochen

Lärmen und Singen. Die Schwarzen, die oben am Elgon so einsilbig und

stumm geworden waren, fühlten wieder die gewohnte Wärme, und ausserdem

waren auch alle Nahrungssorgen geschwunden, da wir von dem Häuptling

reichlich mit Lebensmitteln versehen worden waren. Von Buhugu, wo

wir übernachteten, ging es weiter nach Bujobo, das wir auch schon

bei unserem Hermarsch berührt hatten (Tafel 25). Hier machten sich

bei einbrechender Dunkelheit viele blutsaugende und fiebererregende

Insekten, besonders der Phlebotonus, eine Art Stechmücke, schmerzlich

bemerkbar und gaben uns deutlich zu erkennen, dass das Hochgebirge

schon weit hinter uns liege und wir uns nun wieder der heissen

afrikanischen Ebene näherten.

[1] Siehe Vogelverzeichnis.

[2] Wortlaut des Telegramms Sr. Majestät des Kaisers und Königs Franz

Josef:

Mr. Kmunke, Mbale! His Majesty thanking for expressed sentiments

agrees graciously intended denomination of the summit of Elgon.

Schiessl.

Wortlaut des Telegramms des Gouverneurs Jackson: Approve names

with pleasure. All good wishes for new-year.

Governor Jackson.

_WEIHNACHTEN UND NEUJAHR IN MBALE._

_Unsere Reiseroute verboten und wieder bewilligt / Trägersorgen /

Feiertagsstille / Ein Zeltbrand / Gefrässige Termiten / Ein alter

Afrikaner / Der unbrauchbare Phonograph / Eingeborenentanz / Die

Neujahrsnacht / Kapitän Taughners Strafexpedition / Die Karamojoleute

und ihre Waffen / Ein mutiger Häuptling / Der diebische Diener._

Von Bujobo führt eine schöne, breite Strasse nach Mbale, die nun in

flottem Tempo zurückgelegt wurde. Aus den Ansiedlungen eilten die

Eingeborenen in grossen Mengen herbei und begrüssten uns mit ihrer

gewohnten Lebhaftigkeit. Knapp vor Mbale kam uns ein Renner mit zwei

Telegrammen entgegen, in denen uns der Dank für unsere Depeschen an

Kaiser Franz Josef und an den Gouverneur Harry Jackson ausgesprochen

wurde.

In Mbale angelangt, -- wir hatten den 21. Dezember, -- statteten wir

zunächst Mr. Peryman und Dr. Sells Besuche ab, die sich beide von

ihrem Unwohlsein schon vollständig erholt hatten. Von Mr. Peryman

mussten wir aber die unangenehme Mitteilung entgegennehmen, dass

Provinzkommissär Mr. Watson telegraphisch angeordnet habe, uns die

Erlaubnis zum Betreten der nördlich vom Salisbury-See gelegenen

Naqua- und Toburgebiete zu verwehren. Diese von Europäern bisher noch

nicht besuchten Gegenden seien äusserst unsicher und gefährlich, und

es hätten gerade jetzt zwei englische Strafexpeditionen, von denen

die eine aus dem Süden, die andere aus dem Westen vorwärts rücke,

heftige Kämpfe mit den Eingeborenen östlich von den Naquabergen zu

bestehen. Ausserdem seien auch in das Karamojogebiet einige Tausende,

mit Gewehren bewaffnete Abessynier eingedrungen, die sich plündernd,

mordend und niederbrennend auf einem Raubzuge befänden. Dieses Verbot

setzte uns in grosse Verlegenheit, da es die ganze Fortsetzung unserer

Expedition in Frage stellte. Meine Vorstellungen, dass mir die

Bewilligung zu dieser Reise sowohl vom englischen Kolonialministerium

als auch vom Gouverneur Mr. Jackson erteilt sei und dass mir ausserdem

von der englischen Regierung als Begleitung meiner Karawane 15 Askari

mit einem Sergeanten beigestellt wurden, bewogen aber schliesslich Mr.

Watson, von seinem Verbote unter der Bedingung abzustehen, dass auch

der Distriktkommissär von Nimule, Mr. Bains, keine Einwendungen gegen

unsere Reise erhebe. Da von Mr. Bains diese Bewilligung in einigen

Tagen telegraphisch eintraf, war das Hindernis, das sich so plötzlich

unserer weiteren Reise entgegengestellt hatte, glücklich wieder

beseitigt.

Die Tage, die wir in Mbale zubrachten, hatten wir Arbeit in Hülle und

Fülle. Soweit meine Zeit nicht durch die Verhandlungen mit Mr. Peryman

in Anspruch genommen war, beschäftigte ich mich mit wissenschaftlichen

und photographischen Aufnahmen, Dr. Stigler mit seinen physiologischen

Studien. Auch das Verpacken der bisherigen, schon ziemlich

reichhaltigen Sammlungen, namentlich der botanischen, erforderte viel

Mühe, da in Mbale keine Kisten erhältlich waren und die Gegenstände

daher, sorgsam in Matten gehüllt, und mit Stricken umwunden, nach Jinja

geschickt werden mussten, wo sie erst wiederum in Holzkisten umgepackt

wurden, um für den langen Transport nach Europa geeignet zu sein.

Die grösste Sorge aber bereitete uns, wie schon so oft, die Aufnahme

der Träger. Der Versuch Mr. Perymans, Kawirondoträger aus Mumias

zu bekommen, war vollständig fehlgeschlagen, und unser Heatmann

Abeidi, der es übernommen hatte, während unserer Expedition auf

den Elgon die noch fehlenden Träger zu beschaffen, konnte uns nach

unserer Rückkehr nur eine ganz kleine, völlig unzulängliche Anzahl

vorführen. Ich drängte nun Abeidi, die noch nötigen Träger so schnell

als möglich herbeizuschaffen, und erklärte mich von vornherein mit

allen seinen Forderungen für einverstanden. Dies nützte der schlaue

Araber auch gehörig aus. Für sich selbst verlangte er ein monatliches

Honorar von 150 Rupien sowie die Erlaubnis, ein eigenes Zelt, einen

Koch für seine Person und auch mit mehreren eigenen Trägern einige

Lasten Tabak, Amerikani usw. mitnehmen zu dürfen, welche Dinge er

während des Marsches den Trägern um teures Geld verkaufen wollte. Zur

Anschaffung dieses Warenlagers benötigte er ausserdem einen Vorschuss

von 500 Rupien. In Anbetracht der ausserordentlichen Schwierigkeiten,

die uns auf unserer weiteren Reise bevorstanden, versprach er jedem

Träger statt des sonst in Uganda üblichen Monatslohnes von vier bis

fünf Rupien einen solchen von 10 Rupien. Ausserdem sollte ihnen ein

einmonatliches Gehalt als Vorschuss sofort ausgezahlt und die Träger

auf der Boma, dem Regierungsamtshaus, registriert werden, um so die

Gefahr des Davonlaufens zu vermindern. Trotz dieser hohen Löhne ging

aber die Anwerbung nur sehr langsam vor sich, so dass auf der Boma

täglich nicht mehr als 20 bis 30 Träger registriert werden konnten. Die

Leute wussten eben, was es heisse, eine 60 Pfund schwere Last durch

eine ungemein wasserarme Gegend zu tragen, in der jedes Zurückbleiben

mit der Gefahr verbunden war, von den wilden Naqua- und Toburstämmen

hingeschlachtet zu werden. Von grossem Werte für uns waren die über

Vorschlag Abeidis aus Kilimi bestellten Tragesel, von denen jeder 200

Pfund Mehl auf seinen Rücken erhielt. Im übrigen trachteten wir, uns

jedes halbwegs entbehrlichen Gepäckes zu entledigen und schafften es

gleichzeitig mit den 13 Kollis, die die bisher angelegten Sammlungen

enthielten, über Jinja, Kisumu und Mombassa nach Europa. Andererseits

erhielt unser Gepäck aber wieder einen Zuwachs durch zehn Ringe mit

Eisendraht, der einen sehr wichtigen und beliebten Tauschartikel bei

den Naqua-, Tobur- und Karamojoleuten bildet.

So war mit diesen Arbeiten und Besorgungen der 24. Dezember, der

Weihnachtstag, herangekommen. Es war drückend heiss und derart

schwül, dass jede Arbeitslust gelähmt wurde. Wir gaben uns daher

der Ruhe hin und konnten dies um so eher tun, als es doch der Tag

des Weihnachtsfestes war, ein Tag, an dem, ob wir nun wollen oder

nicht, immer wieder die Erinnerung an frohe Kinderjahre mit ihrer

bangen Erwartung vor der Weihnachtsbescherung und ihrer Freude am

lichterstrahlenden Christbaum lebendig wird. Hier im fernen Lande,

mitten in der afrikanischen Wildnis, wirkte diese Erinnerung noch

viel mächtiger, und mehr denn je weilten heute unsere Gedanken bei

unseren in der Heimat zurückgebliebenen Lieben, die ja in dieser Stunde

ebenso treu an uns denken wie wir an sie. Den Weihnachtsabend selbst

verbrachten wir in dem gemütlichen Heime Dr. Sells, der die wenigen

hier ansässigen Europäer mit ihren Damen zu sich geladen hatte.

Am nächsten Tage, dem 25. Dezember, ruhte hier in Mbale ebenso alle

Arbeit, und waren ebenso alle Kaufläden geschlossen, wie in Europa.

Nur die Post übernahm ausnahmsweise Briefe, weil gerade heute ein

Renner nach Jinja abging. Mittags waren wir abermals bei Dr. Sells

geladen und wir hatten gerade gespeist, als ein Boy herbeigelaufen

kam und mir die Meldung brachte, daß soeben das Zelt des Photographen

Schwarzer abgebrannt sei. Ich war auf das äußerste bestürzt, da Herr

Schwarzer gerade tags vorher das gesammte kartographische Material

von mir zur Numerierung und Verpackung für die Absendung nach Europa

übernommen hatte und ich befürchten mußte, daß es durch den Brand

beschädigt oder gar vernichtet worden sei. Ich lief mit Dr. Stigler

sofort in das Lager, aber schon auf dem Wege dorthin eilte mir

Schwarzer entgegen und gab mir die beruhigende Erklärung, daß nur

das Zelt und die Dunkelkammer verbrannt, aber das ganze Material

gerettet sei. Ueber die Ursache des Brandes konnte niemand eine

Aufklärung geben. Wahrscheinlich warf ein am Zelt vorübergehender

indischer Kaufmann, deren es in Mbale mehrere gibt, eine noch brennende

Zigarette achtlos weg, die dann die Zeltwand in Brand gesetzt haben

dürfte. Deren wasserdichter Stoff war, da schon seit längerer Zeit

kein Regen gefallen war, infolge der enormen Hitze bis in das kleinste

Gewebe ausgetrocknet und brannte daher wie Zunder. Der Schaden wurde

übrigens bald wieder gut gemacht, da mir Dr. Sells sein eigenes Zelt

käuflich überließ und eine neue Dunkelkammer aus schwarzem Tuch von

einem indischen Schneider innerhalb zweier Tage geliefert wurde. So

hatte das Feuer eigentlich nur in meine Geldbörse ein Loch gebrannt.

Verhängnisvoll wäre die Situation geworden, wenn der Brand auch auf

die übrigen Zelte übergegriffen hätte, da eine Nachbeschaffung unserer

Ausrüstung nur von Nairobi aus möglich gewesen wäre, was viele Wochen,

wenn nicht Monate gedauert hätte.

Am nächsten Tage, dem 26. Dezember, an dem gleich wie tags vorher alles

geschlossen war und Feiertagsstille herrschte, brachte mir mein Boy

eine neue Unglücksbotschaft. Er hatte die Kiste, in der die Lobeliaceen

verpackt waren, aufgehoben und dabei die Beobachtung gemacht, daß

sowohl die Säcke wie das Holz von Termiten zerfressen worden waren.

Wir untersuchten sofort die übrigen Sachen, die unter dem sogenannten

Sonnensegel meines Zeltes aufgestapelt waren, und konstatierten hier

die gleiche betrübliche Tatsache: alles, was von Holz oder Stoff und

nicht imprägniert war, so unter anderen vielen Gegenständen unsere

Expeditionsfahne, war vollständig zerfressen. Unsere Zelte standen

schon seit mehreren Tagen auf dem saftigen Grase einer Wiese, in der

auch nicht die geringste Spur von Termiten zu beobachten war. Diese

gefräßigen kleinen Tiere müssen in der Nacht vom 25. auf den 26. mein

Zelt erreicht und dann dort im Zeitraum von wenigen Stunden solche

Verwüstungen angerichtet haben. Wir ermangelten nicht, nun unser ganzes

Gepäck auf untergelegten Steinen zu schichten.

Wir hatten in der Nähe unseres Lagers einen interessanten Nachbarn.

Ein alter, schon ergrauter Australier, Mr. Pattingill, ein früherer

Elefantenjäger, der noch nie in Europa gewesen war, hatte in der Nähe

von uns sein Zelt aufgeschlagen. Er war ein erfahrener Afrikaner und

liebenswürdiger Ratgeber. Da er auch in den Karamojogebieten viel

gejagt hatte und bei dieser Gelegenheit bis gegen die Toburberge

gelangt war, konnte er uns wichtige Auskünfte über die Wasserarmut und

den Mangel an Lebensmitteln in diesen Gegenden geben, und berechnete

mit uns den Bedarf der Karawane an Mehl. Er lagerte schon viele Wochen

in Mbale, um einige Tausend Eingeborene als billige Arbeitskraft --

zu einem Monatslohn von 3–4 Rupien -- für eine grosse Kaffeeplantage

zwischen Jinja und Kampala anzuwerben. Er vermittelte es, dass

wir während unseres Aufenthaltes in Mbale einen Eingeborenentanz

zu sehen bekamen, den Photograph Schwarzer für seine Gesellschaft

kinemathographisch festhielt. Dr. Stigler und ich wollten mit dem

uns von der Akademie der Wissenschaften beigestellten Apparate

eine phonographische Aufnahme machen, bemerkten aber bei diesem

ersten Versuch, dass beim Geschwindigkeitsregulator eine Feder aus

ihrer Befestigung herausgerissen war, so dass der Apparat nicht

funktionierte. Da, wie wir auch erst jetzt zu unserem Leidwesen sahen,

die Beipackung von Reservebestandteilen in Wien vergessen worden war,

schlug dieser erste Versuch gründlich fehl. In den indischen Kaufläden

konnten wir nirgends eine Ersatzfeder auftreiben, und erst später

half uns ein englischer Ingenieur, der vorübergehend in Mbale zu tun

hatte, mit einer Feder aus. Der Tanz wurde in der Weise ausgeführt,

dass Männer und Frauen im Gänsemarsche im Kreise fortwährend stets

nach derselben Richtung hüpfen, während in der Mitte einige Männer die

Trommel schlagen und die Umstehenden unter Gesang gleichmässig in die

Hände klatschen. Die Tanzenden führen während des Hüpfens durch rasche

Bewegungen des Unterleibes und der Hüftgelenke nach dieser lärmenden

eintönigen Musik eine Art Bauchtanz auf. Gewöhnlich beginnen die

Eingeborenen mit diesem Tanze am Abend und setzen ihn dann die ganze

Nacht bis zum nächsten Morgen fort. Wir hörten wiederholt in stillen

Nächten die Trommelschläge von einem Tanzplatz, der oft einige Meilen

von unserem Lager entfernt war.

Unser Vorhaben, gleich nach den Weihnachtsfeiertagen von Mbale

abzumarschieren, mussten wir aufgeben und unsere Abreise auf die

ersten Tage des Jänner verschieben, da wir noch immer zu wenig Träger

hatten. Den Sylvesterabend verbrachten wir in unserem Lager, wo wir

dem scheidenden Jahre ohne Punschbowle Adieu sagten, in herzlichem

Gedenken aber bei unseren Lieben in der Heimat weilten. Obwohl die

Tagestemperatur 38 bis 39 °C. im Schatten betrug, sank sie am Abend

doch bis auf 15° herunter, so dass wir im Freien nur mit dem Ueberrock

sitzen konnten. Der letzte Tag des Jahres brachte uns noch einen

herrlichen Sonnenuntergang, der den vor uns steil aufsteigenden

Kogonchoro in tiefem Purpur erglühen liess. Im ewigen Aetherdome stieg

der Mond wie eine Riesengoldampel auf und umschleierte mit seinem

magischen Lichte das entzückende Landschaftsbild, die Konturen

der im Norden mächtig emporragenden Bergriesen und die vor uns sich

ausbreitende Steppe, ein Bild unendlicher Grösse und zauberhafter

Schönheit. Ich sass vor meinem Zelte und blickte lange nach dem immer

höher steigenden Mond, und mir war es, als ob daheim, viele tausend

Meilen weit, auch jemand hinaufschaue und dort oben sich unsere Blicke

treffen würden.

[Illustration: _Jiwehäuptling_]

[Illustration: _Karamojohäuptling_

_Tafel 26_

]

[Illustration: _Häuptling von Kilimi_

_Tafel 27_

]

Wir nehmen Abschied vom alten Jahr, rufen uns um 12 Uhr nachts „Prosit

Neujahr“ zu und lassen unsere Gedanken in die vor uns liegenden

bisher unerforschten Gebiete schweifen, wo uns viele Gefahren und

Schwierigkeiten erwarten, die wir aber nicht fürchten, auf die

wir gefasst sind. Aber jeder Tag bringt uns Neues, Wissenswertes,

unbekannte Volksstämme mit ihren, von den bisher gesehenen,

abweichenden Wohnhütten, Haartrachten, Schmuckgegenständen,

Beschäftigungen, und unbetretenes Land mit unbekannten grossen Bergen

steigt vor uns auf, und so durchträumen wir die erste Nacht des Jahres

1912.

Der Neujahrstag wurde auch in Mbale mit Arbeitsruhe gefeiert. Gegen

11 Uhr vormittags drangen aber ferne, taktmässige Trommelschläge an

unser Ohr, die immer lauter wurden, und plötzlich wurde hinter dem

Regierungsamtshause eine Menge von Menschen sichtbar, an der Spitze

ein Fahnenträger, Askari mit vollständig zerfetzten Khakianzügen,

Gewehre tragende Eingeborene und Gruppen von prächtig aussehenden

Wilden mit reichem Arm- und Halsschmuck und äusserst merkwürdigen

Haartrachten. Es war die Karawane des Kapitän Taughner, der von

seiner Strafexpedition in die von den Abessyniern unsicher gemachten

Gegenden des nordöstlichen Uganda zurückkehrte. Er war vor sechs

Monaten nach Manimani und in die nördlich davon gelegenen Gebiete

marschiert und hatte mit den Eingeborenen, die mit französischen, aus

Abessynien eingeschmuggelten Gewehren bewaffnet waren, harte Kämpfe

zu bestehen. Mehrere seiner Askari waren dabei getötet oder verwundet

worden, aber die Verluste bei den Wilden waren natürlich ungleich

grösser, da hunderte von ihnen dem Feuer der Repetiergewehre und einer

Maximkanone zum Opfer fielen. Kapitän Taughner begab sich nach Entebbe,

um dem Gouverneur Bericht zu erstatten und die von ihm mitgebrachten

Eingeborenen von dem Jiwestamm vorzuführen, dann wollte er sofort

wieder nach Mbale zurück, um eine neue Expedition in dieselben Gebiete

auszurüsten. Wie ich später erfuhr, hatte er hierbei bezüglich der

Beschaffung von Trägern die gleichen Schwierigkeiten wie wir.

Am Nachmittage hatten wir einige Leute des Karamojo- und Jiwestammes,

die mit Kapitän Taughners Karawane in Mbale angelangt waren, gegen

Zusicherung eines guten Bakschisch in unser Lager kommen lassen, wo

Dr. Stigler an ihnen physiologische Studien und ich photographische

Aufnahmen machte. Ausser dem Häuptling von Jiwe, einem sehr

gesprächigen und freundlichen Menschen, waren einige Karamojomänner

gekommen, alles kräftige und schlank gebaute, muskulöse Gestalten

mit wildem Gesichtsausdruck (Tafel 26). Sie trugen fast gar keine

Kleidung, nur der eine oder andere von ihnen deckte mit einem kleinen

Stück Fell seine Blösse und trug eine dünne Eisenkette um den Leib

geschlungen. Das auffallendste an ihnen ist die Frisur, die sie, mit

Lehm und Fett beschmiert, in zwei charakteristischen Formen tragen.

Die Karamojo hatten vom Hinterhaupt nach abwärts einen grossen,

schildartig geformten, flachen Haarbeutel an ihren Haaren hängen,

der Jiwehäuptling hatte vorne und rückwärts sein Haar kammförmig

frisiert, beziehungsweise diese Formen mit Zuhilfenahme von Lehm und

Fett kunstvoll modelliert. Der Oberkörper, besonders die Arme und

anschliessenden Brustpartien, sind stark tätowiert und zwar ringförmig

um die Arme und die angrenzenden Teile der Brust. Man behauptet,

dass bei diesem Stamme am rechten Oberarm jeder Tätowierungsring das

Zeichen für die Ermordung eines Mannes, auf dem linken Oberarm für

die eines Weibes und am linken Unterarm für ein getötetes Kind sei.

Das kriegerische Aussehen der Karamojo wird noch durch einen langen

elastischen Speer und einen verhältnismässig kleinen Schild gehoben.

Ihr Schmuck besteht aus Eisenringen um den Hals, an den Armen und

Fussgelenken. Einige trugen auch einen eigentümlich geformten eisernen

Fingerring, der einen scharfen sichelartigen Fortsatz zeigte. Angeblich

soll er als Rasiermesser dienen, man sagte uns aber, dass die Karamojo

mit diesem Sichelring ihrem Gegner auch oft in einem unvorbereiteten

Moment den Bauch aufschlitzen.

Der Häuptling von Kilimi, der sich auch unter unseren Besuchern befand,

wies auf seinem rechten Arme nicht weniger als 21 tätowierte Ringe

auf (Tafel 27). Ausserdem waren Hals, Rücken und Gesicht von schweren

Narben zerrissen. Er erzählte über unser Befragen, dass er sich

dieselben bei dem Kampfe mit einem Leoparden geholt, der sein Reittier

angegriffen hatte. Ohne Zaudern war er auf die Bestie gestürzt, fasste

sie mit der einen Hand bei der Gurgel und würgte sie nach Kräften,

während er mit der anderen das Messer zog und darauf losstach. Der

Leopard liess sofort von dem Tier ab, schlug aber dafür die Krallen

seiner Tatzen in das Gesicht und den Nacken des mutigen Mannes, der

es mit dem Messer solange zerfleischte, bis es verendet zu Boden

fiel. Der Häuptling war schwer verwundet, aber er hatte mit kühner

Todesverachtung sein Reittier gerettet. Man muss hierbei bedenken,

dass bei allen wilden Völkern das Haustier einen ausserordentlichen

Wert besitzt. In Karamojo bedeutet der Esel oder die Kuh das Geld,

mit dem sich der Eingeborene Waffen, Hausgeräte und alle sonstigen

Bedarfsmittel einkauft. Für ein krankes Tier sorgt er mit grösserer

Sorgfalt als für sein erkranktes Weib oder Kind. Es ist daher auch zu

verstehen, dass dieser mutige Kilimimann für das bedrohte Reittier, das

ja überhaupt im Werte an höchster Stelle steht, sofort sein Leben in

die Schanze schlug.

Die Karamojostämme leben in fortwährendem Kampfe miteinander. Ein Stamm

sucht den andern zu überfallen und bei dieser Gelegenheit alles zu

rauben und niederzubrennen. Zum Teil sind sie sogar mit aus Abessynien

geschmuggelten Gewehren bewaffnet. Die Strafexpedition Kapitän

Taughners sollte namentlich den Eingeborenen von Dodosi und Dabossa

eine Lektion erteilen. Trotzdem diese sehr streng ausfiel, hunderte von

Wilden erschossen und vierzig Dörfer niedergebrannt wurden, geschah es,

dass nicht mehr als drei Stunden von Kapitän Taughner entfernt weitere

Raubzüge vorkamen.

Am nächsten Morgen kam mein Heatman Abeidi mit der Meldung, dass er

nun sämtliche Träger bis auf 30 beisammen habe. Sie wurden alle auf

der Boma registriert, der englische Stations-Offizier stellte mir

die zugesagten 15 Askari unter einem Sergeant als Kommandanten zur

Verfügung, die ich auch alle gleich antreten liess, um die Träger

besser beaufsichtigt zu haben und ein Durchbrennen zu verhindern. Die

Zahl der Tragesel -- aus Kilimi waren statt der 30 nur 17 gekommen

-- komplettierte ich mit denen, die Kapitän Taughner aus Karamojo

mitgebracht und die er mir käuflich überlassen hatte. Sie mussten 4000

Pfund Mehl für die Eingeborenen, die mich begleiteten (Träger, Diener,

Askari und Heatman) tragen.

Quer durch Uganda · 第 5 / 16 段