Als ich am nächsten Morgen um 6 Uhr erwachte, war ich sehr überrascht,

dass im Lager noch Totenstille herrschte und mein Boy, trotzdem er in

nächster Nähe zusammen mit dem Koch sein Zelt aufgeschlagen hatte,

erst auf mehrmaliges Pfeifen kam. Er trat zähneklappernd in mein

Zelt und meldete, dass draussen alles weiss und das Wasser in meinem

Leinenwaschbecken zu einem Eisklumpen gefroren sei. Obwohl mein Zelt

ein Doppeldach hatte und über meinem Bette -- diesmal zum Schutze gegen

die Kälte und nicht gegen geflügelte Eindringlinge -- das Moskitonetz

gespannt war, hingen an meinem Barte kleine Eiszapfen, als ob es mitten

im strengsten europäischen Winter wäre. Ich kleidete mich so rasch

als möglich an und trat aus dem Zelte, um mir die Winterlandschaft

zu besichtigen, ehe sie noch vor den Strahlen der Aequatorialsonne

verschwand. Ringsum war alles dicht mit Reif überzogen, das Gras,

das Zeltdach, die Senecien, alles war mit kleinen Eiskristallen

besetzt und glänzte in wunderbarem Weiss. Mein erster Blick galt dem

Maximum-Minimum-Thermometer, das deutlich 10 °C unter Null aufwies.

Auf eine solche Kälte waren wir nicht gefasst gewesen. Gouverneur

Jackson, dieser ausgezeichnete Gelehrte und liebenswürdige Förderer

meiner Expedition, hatte als zweiter Europäer den Elgonkrater bestiegen

und uns viel von diesem mit Schwierigkeiten aller Art verbundenen

Unternehmen erzählt, das 18 seiner Träger das Leben kostete, mit keinem

Wort aber erwähnt, dass er eine derart niedere Temperatur angetroffen

hätte.

Unsere Träger boten einen wahrhaft jammervollen Anblick. Die

Nairobileute hatten zwar jeder von mir eine warme Flanelldecke

erhalten, ausser ihnen waren aber noch ungefähr dreissig

Bergeingeborene bei uns, die statt der ihnen angebotenen Decken lieber

den dafür entfallenden Geldbetrag genommen hatten. Diese armen Teufel,

die nackt waren, froren nun ganz erbärmlich (Tafel 15). Aus einer Menge

hoher Seneciostämme hatten sie sich einen kreisförmigen Schutzwall

gegen den eisigen Wind errichtet und in der Mitte Tag und Nacht ein

grosses Feuer unterhalten, das ihre nackten Körper gegen die enorme,

ungewohnte Kälte schützen sollte. Ueberdies hatte eine grosse Anzahl

von ihnen die Bergkrankheit, und auch Dr. Sells, der sich schon am Tage

vorher nicht wohl fühlte, wies an diesem Morgen alle Merkmale einer

schweren Bergkrankheit auf und war unfähig, mit uns den Aufstieg zur

Südwestspitze zu machen. Wir übrigen Europäer brachen aber nach dem

Frühstück dorthin in Begleitung des Batwahäuptlings und einiger gesund

gebliebener Träger auf, die den Theodolit und die Stative trugen (Tafel

16).

Nach dreistündigem Marsche hatten wir eine Höhe von 4300 m erreicht,

und nach der Meinung des Häuptlings sollte ein leicht zu ersteigender

Felsklotz, der sich nun knapp vor uns erhob, der höchste Punkt des

Elgon sein. Von meinem Platz aus, wo ich den Theodolit aufgestellt

hatte, konnte ich aber konstatieren, dass der Batwamann unrecht

hatte und dass die höchsten Spitzen am gegenüberliegenden Ost-

und Nordostrande zu suchen seien. Fünf Stunden arbeitete ich nun

an meinen Aufnahmen, während Dr. Stigler auf einem in der Nähe

befindlichen Felsen physiologische Messungen an den Europäern und

Eingeborenen vornahm. Die Tagestemperatur betrug zwar 18 °C, aber es

wehte fortwährend ein scharfer, kalter Wind, so dass ich nach der

stundenlangen Arbeit an den Instrumenten grosse Ermüdung verspürte. Den

Aufstieg zu der uns gegenüberliegenden Nordostspitze bestimmten wir für

den nächsten Tag und traten dann den Rückweg ins Lager an.

Dort angekommen, sahen wir sofort nach Dr. Sells, der in recht übler

Verfassung war, weshalb wir seinen Wunsch, dass er am nächsten Tage den

Abstieg antreten wolle, auch gut begreifen konnten. Die Abendmahlzeit

nahmen wir im Zelte des Photographen Schwarzer ein, wo wir dann

noch eine Weile bei unseren Zigarren sassen und der Gesprächsstoff,

beherrscht von den gewaltigen Eindrücken dieses Tages, kein Ende

nehmen wollte. Für die Nacht hatten wir uns diesmal, gewitzigt durch

die Erfahrungen der vorangegangenen, wärmer ausgerüstet und gingen in

den Kleidern zu Bette. Wir hatten nämlich die Beobachtung gemacht,

dass die Kälte namentlich vom Boden aus auf uns eindringe, wogegen die

poröse, wenige Zentimeter dicke Korkmatratze, die in unseren leichten,

zusammenlegbaren Bettgestellen lag, nur sehr unzureichenden Schutz bot

(Tafel 17 und Tafel 18).

Der Abmarsch am nächsten Morgen war für 6 Uhr angesetzt, und wir

liessen uns daher schon um 5 Uhr wecken. Mein Boy trat pünktlich

um diese Stunde halberfroren in mein Zelt, und statt des üblichen

Morgengrusses reichte er mir ein 8 cm dickes Eisstück, das mehr sagte

als die beweglichste Klage über die Kälte. In meinem Thermometer war

die Quecksilbersäule bis tief unter den Zwölfteilstrich zurückgegangen.

Die Temperatur war also gegen den vorangegangenen Morgen noch mehr

gesunken und mochte schätzungsweise 15° unter Null betragen haben.

Genau konnte ich dies nicht konstatieren, da mein für die Tropen

hergestelltes Maximum-Minimum-Thermometer auf derartige Tiefstände

nicht eingerichtet war und nur eine Gradeinteilung bis 12° unter Null

besass. In unserem Lager herrschte heilige Ruhe. Da und dort sah man

einen der schwarzen Träger zähneklappernd mit den Händen herumschlagen,

um sich zu erwärmen, und statt des gewohnten „Jambo, jambo!“ riefen sie

mir „Baridi, baridi!“ (kalt, kalt) zu.

[Illustration: _Blick in den Krater_]

[Illustration: _Westeinstieg in den Krater_

_Tafel 13_

]

[Illustration: _Lager im Elgonkrater_]

[Illustration: _Lager im Elgonkrater_

_Tafel 14_

]

[Illustration: _Das Lager meiner Träger_]

[Illustration: _Blick in den Krater_

_Tafel 15_

]

[Illustration: _Jacksonspitze (4311 m)_]

[Illustration: _Jacksonspitze (4311 m)_

_Tafel 16_

]

[Illustration: _Blick von der Jackson-Spitze in den Krater_]

[Illustration: _Blick gegen die Kaiser-Franz-Josef-Spitze_

_Tafel 17_

]

[Illustration: _Blick auf einen Senecienwald im Krater_]

[Illustration: _Der Krater_

_Tafel 18_

]

[Illustration: _Senecio Johnstoni in der Höhe von 4300 m_]

[Illustration: _Der Verfasser bei der Arbeit mit dem Theodolit auf der

Jacksonspitze_

_Tafel 19_

]

[Illustration: _Kaiser-Franz-Josef-Spitze (4382 m)_]

[Illustration: _Blick von der Kaiser-Franz-Josef-Spitze in den Krater_

_Tafel 20_

]

Nach dem Frühstück wurde sofort aufgebrochen. Der Weg, den wir in

der Richtung nach Nordost einschlugen, führte uns bald in dichtes

Sumpfgras, so dass unsere Maultiere oft bis über den Bauch einbrachen

und sich mit ängstlichem Schnauben aus dem Sumpf herausarbeiten

mussten. Durch ein tiefes Tal hindurch, in dem sich nach Angabe

unseres Führers der Suamfluss sein Bett in nördlicher Richtung sucht,

gelangten wir endlich an den Abhang der Nordostspitze. Der weitere

Marsch wurde nun sehr beschwerlich. Steil bergauf über glatte Felsen,

über die wir auf allen Vieren kriechen mussten, ging es bis zum Fusse

eines ungefähr 150 m hohen Felskolosses, der die höchste Spitze des

nordöstlichen Kraterrandes des Elgon darstellt, 4382 m (Tafel 19). Da

ein kartographisches Arbeiten von dieser Spitze aus unmöglich war,

wählte ich als Standplatz für meine Apparate den etwa 150 m tiefer

liegenden, sich weit nach Westen erstreckenden Kamm, von wo aus sich

ein herrlicher, umfassender Ausblick über den ganzen Krater bot.

Gegen Nordost breitete sich das Wasserbecken des Sugota-Sees aus, im

Norden stieg eine Menge kleiner Bergkegel direkt aus der Ebene empor,

im Nordwest erheben sich die mächtigen Bergrücken des Konkoro (Mont

Debasien) und Tepes, und in weiter blauer Ferne dehnten sich die

Gebirgszüge von Naqua und Tobur, die Ziele unserer Forschungsreise,

von denen uns noch lange Tage mühevollen Wanderns durch Busch und

Steppen trennten. Unser Plan war, diese von Europäern noch nicht

betretenen Gebiete von Mbale aus längs des Ostabhanges des Tepes und

um diesen herum in westlicher Richtung zu erreichen. Der Blick von dem

Elgongipfel zeigte uns aber, dass sich auf dieser Strecke zwischen

Elgon, Konkoro und Tepes Sumpf an Sumpf reihte, deren Durchdringen

für meine Karawane von 200 bis 300 Menschen jetzt, in der Zeit nach

der Regenperiode, als ein Ding der Unmöglichkeit erscheinen musste.

Wir fassten daher schon jetzt beim Anblicke dieser unzähligen

Wasserspiegel, die tief unter uns in der Sonne blitzen, den Entschluss,

die ursprüngliche Route, die uns anfangs nach Osten geführt hätte,

aufzugeben und den Weg westlich vom Konkoro und Tepes zu nehmen.

Während ich an meinen Aufnahmen arbeitete, versuchte Dr. Stigler in

Begleitung seines Boys und eines Trägers von der Nordseite aus eine

Besteigung des vor uns liegenden Felsklotzes. Er stiess aber auf

solche Schwierigkeiten, dass er wohl selbst als geübter und bewährter

Hochtourist sie hätte bewältigen können, nicht aber seine schwarzen

Begleiter. Er versuchte es nun von der Südseite aus, und hier gelang

der kurze Aufstieg, den nun auch Photograph Schwarzer mitmachte, ohne

grosse Anstrengung (Tafel 20).

Um 4 Uhr nachmittags beendete ich meine Arbeiten, verpackte die

Apparate und verliess, durchfroren von dem eiskalten Nordwinde, in

der Höhe von über 4300 Metern, die Spitze. Es war schon halb acht Uhr

abends, als ich im Lager eintraf. Dr. Stigler, Schwarzer und ihre

Träger kamen erst drei Stunden später. Sie waren, ohne im Besitz eines

Lichtes zu sein, von der Dunkelheit überrascht worden und hatten sich

fast schon dazu entschlossen, im Freien zu kampieren, was sie aber

angesichts der Gefahren der furchtbaren Nachtfröste zum Glück doch

noch unterlassen hatten. Bei dem kärglichen Scheine glimmender dürrer

Blätter, die der Führer durch fortwährendes Anblasen in Glut erhielt,

fanden sie ihren Weg weiter und kamen erst spät nachts ins Lager; Dr.

Stigler, der in einen Sumpf geraten, war über und über mit Schmutz

bedeckt.

Eines unserer Reiseziele war nun unter ziemlichen Mühen erreicht

worden, der Elgongipfel erstiegen, der Krater und seine Abhänge

kartographisch aufgenommen und dieser mächtige afrikanische Vulkan am

Aequator in jeder Beziehung erforscht worden. Die Tierwelt ist auf

der Höhe des Elgon nur sehr spärlich vertreten. Hie und da zeigte

sich die Fährte einer Gazelle, einigemal lief uns ein aufgeschreckter

Hase über den Weg, und an geflügelten Wesen waren nur einige graue

kleine Vögel (Cisticola Kmunkei)[1] zu sehen. Unsere steten Begleiter

blieben aber, selbst bis zur höchsten Spitze, die Raben, deren

Krächzen oft der einzige Laut in der Stille der Bergwelt war. Auch für

meine entomologischen Sammlungen bot sich hier nur geringe Ausbeute,

die in einigen Schmetterlingen und schwarzen Käfern bestand. Um so

reichhaltiger ist dafür die Flora dieses Berges. Während in Europa

in der Höhe von 4000 Meter jedes Pflanzenleben schon längst ein Ende

gefunden hat, wachsen im Krater des Elgons Hunderte der schönen

Senecio Johnstoni, die hier mit ihren breit ausladenden, mächtigen

Blätterkronen eine Höhe von sechs Meter erreicht und deren Stammdicke

einen Durchmesser bis 68 cm aufweist. Im unteren Teile sind die

Stämme stark zerrissen und gerillt, im oberen bis zur Abzweigung der

Blätterkronen mit abgestorbenen grauen Blattresten besetzt, während

die frischen Blätter eine graugrüne Farbe haben. Sie unterscheiden

sich merklich von den wenigen, viel kleineren Exemplaren, die wir im

Elgon-Urwald antrafen und deren Blätter von einem viel kräftigeren,

saftigeren Grün sind. Dieser Unterschied dürfte seine Hauptursache in

den grossen Differenzen haben, die auf dem Gipfel des Elgons zwischen

den Tag- und Nachttemperaturen liegen. Fast die ganze Fläche des

ungeheuren Kraters, der 11 km im Durchmesser misst, ist ausserdem,

wie schon erwähnt, von Grasarten bedeckt, von einem gelben, steifen

Büschelgras mit rundem Querschnitt auf den trockenen Stellen, und auf

dem Sumpfboden von grauen, oft bis zu einem Meter hoch wachsenden,

erikaähnlichen Stauden, die sehr dicht stehen und das Gehen ungemein

behindern. Die seltenen Vertreter der Flora der äquatorialen Bergriesen

Afrikas, wie Lobelia Stuhlmanni, Lobelia Deckeni und Senecio

Johnstoni, sind durch die prächtigen Bilder des bekannten Werkes über

die Besteigung des Ruwenzori durch die Expedition des kühnen Forschers,

des Herzogs der Abruzzen, näher bekannt geworden. Mir war es als erstem

Europäer möglich, ausser den Schwarz- auch gute Autochromaufnahmen

dieser herrlichen Pflanzen zu bringen, die für die Wissenschaft so

manches wertvolle Detail festhalten. Waren bisher die Berliner,

Londoner und Pariser Universitäten im Besitze von Bruchstücken dieser

seltenen Vertreter der afrikanischen Flora, so gelang es mir, unter

Beobachtung ausserordentlicher Vorsicht, komplette Exemplare von jeder

dieser Pflanzen aus gewaltiger Höhe in Zentralafrika bis nach Europa

in tadellosem Zustande zu bringen und unserer Wiener sowie der Pester

Universität zum Geschenke machen zu können.

Vor uns war der Elgonkrater von fünf Expeditionen erreicht worden, und

zwar von den Engländern Oberst Macdonald, von dem jetzigen Gouverneur

von Uganda, Harry Jackson, dem Kapitän Ormsby, Cook and Newland und

schliesslich von einer französischen Gesellschaft. Von der Expedition

Ormsbys hatten wir sogar an der Nordostecke des Kraters, bevor der

Einstieg in die Felsen beginnt, noch Ueberreste gefunden, und zwar --

eine leere Whiskyflasche, die am Stamm einer alten Senecio Johnstoni

in Manneshöhe angebunden war und uns so einen handgreiflichen Beweis

dafür bot, dass auch schon in dieses Reich der tiefsten Einsamkeit der

Mensch mit seiner Kultur vorgedrungen war! Die höchste Nordspitze von

4382 m war aber vor uns von Europäern noch nicht erstiegen worden,

und der Moment dieser Erstbesteigung wurde auch -- nach unseren

Vorbereitungen -- genau festgehalten. Ich hatte nämlich in Mbale vor

unserer Abreise veranlasst, dass der Elgon zur Zeit unserer Expedition

dorthin unter steter Beobachtung bleibe, damit in dem Augenblick, da

wir die Spitze erreicht haben würden, für welchen Fall wir vereinbart

hatten, grosse Feuer anzulegen, Huldigungstelegramme an Kaiser Franz

Josef und an Gouverneur Jackson abgesandt werden sollten. Ausserdem

suchten wir sowohl beim Monarchen, als auch beim Gouverneur um die

Bewilligung an, die höchste Spitze Kaiser-Franz-Josefspitze und die

zweithöchste Jacksonspitze zu taufen. Diese Benennungen wurden auch

auf telegraphischem Wege sofort bewilligt.[2]

Am nächsten Morgen, den 16. Dezember, begannen wir den Abstieg vom

Elgon. Es wurde jedoch Mittag, bis wir aufbrechen konnten. Ein grosser

Teil der Träger war infolge der ungewohnten Kälte geradezu erkrankt und

sass ganz apathisch bei den grossen Lagerfeuern, ohne auf die Befehle

des Heatmans zu achten. Wir mussten grösste Nachsicht üben und uns

in Geduld fassen, da die Leute zu allem Ueberflusse auch noch seit

vollen vierundzwanzig Stunden keine Nahrung mehr erhalten hatten. Dr.

Sells, der die Besorgung der Lebensmittel übernommen hatte, vergass,

wahrscheinlich infolge seines üblen Zustandes, rechtzeitig Auftrag

zu geben, dass diese aus dem Tale heraufgeschafft werden sollen.

Stumm und verdrossen machten sich die Träger endlich auf den Weg.

Dr. Stigler erklärte, mit einigen Eingeborenen noch ein paar Stunden

im Krater bleiben zu wollen und erst später nachzukommen, um seine

physiologischen Beobachtungen an den Batwa fortsetzen zu können.

Ich selbst hielt mich auch noch knapp unter den Felsabstürzen des

Kraterrandes auf, wo einige besonders prächtige Exemplare der Lobelia

Deckeni und Senecio Johnstoni standen (Tafel 22). Sie wuchsen auf

schwarzem, stark durchnässtem Humusboden, und das Ausgraben gab viel

Arbeit, da sich die Wurzeln weit verzweigen. Die Lobelia, die in voller

Blüte stand, trägt an dem ca. 2 m hohen zylindrischen Stamm im unteren

Teile grössere violette Blüten in schräg abstehenden Laubblättern,

im oberen Teil spitze, sparrig abstehende, tütchenförmige, gelbgrüne

Deckblätter. Der Stamm ist hohl wie ein Rohr und von einer

schmutziggelben Flüssigkeit erfüllt. Die Wurzel läuft vollständig

horizontal und ist, ebenso wie der Stamm, sehr zerbrechlich, weshalb

die Hacken und Schaufeln mit aller Vorsicht angewendet werden mussten.

Nachdem noch eine Reihe von Chromo- und Schwarzaufnahmen dieser

seltsamen Gebirgspflanze gemacht worden waren, ging es wieder vorwärts.

Da sich die Träger in der Sonne und unter der Last der Gepäckstücke

schon erwärmt hatten, kam bald das alte lärmende Leben in die Karawane,

und wir erreichten rasch den Platz, auf dem wir vor vier Tagen unser

letztes Lager vor der Ankunft im Elgonkrater aufgeschlagen hatten.

Etwas später kam auch Dr. Stigler mit den restlichen Trägern nach.

Dr. Sells, der uns hier erwartete, hatte sich von der Bergkrankheit

noch nicht gänzlich erholt, fühlte sich aber doch schon wohler. Mit

grosser Freude wurde es begrüsst, dass die Lebensmittel und auch der

versprochene Ochse bereits heraufbefördert waren, und nach Aufstellung

der Zelte gingen die Träger sofort an das Abkochen und liessen sich

nach der überstandenen Hungerzeit die reichliche Kost trefflich munden.

Tags darauf entliessen wir den Batwahäuptling und seine Begleiter,

nicht ohne sie vorher beschenkt zu haben, und marschierten rüstig

bis zum Abend. Die Nacht wollten wir im Urwald zubringen (Tafel

23). Wir schlugen zwar unser Lager auf einer Lichtung -- in der

Höhe von 2800 m -- auf, trotzdem mussten aber noch sämtliche Träger

mit Hacken, Krampen und Messern den dichten Unterwuchs und einige

kleinere Bäume beseitigen, um für unsere Zelte einigermassen Platz

zu schaffen. Die Luft war schwer, mit Feuchtigkeit geschwängert und

von dem Fäulnisgeruch vermodernder Urwaldriesen erfüllt, das Bild

dieses Lagerlebens mitten im Urwalde wird uns aber in unvergesslicher

Erinnerung bleiben. Die Eingeborenen lagen an grossen Feuern, die sie

angemacht hatten, und rings um uns und über unseren Köpfen wob sich die

dichte Wirrnis der von Lianen umschlungenen Aeste und Zweige, umgab uns

märchenhaftes, geheimnisvolles Dunkel, das wie drohend den durch unsere

Feuer erhellten Lagerplatz einschloss.

Am nächsten Tage vereinbarte ich mit Dr. Stigler, dass er mit den

Trägern bis zum Kamp Masobu vorausmarschieren und mich dort erwarten

solle, da ich den Aufenthalt im Urwalde nicht vorübergehen lassen

wollte, ohne so viel wie nur möglich für meine botanischen Sammlungen

zu gewinnen. In der Nähe des Lagers liess ich zwei schöne Exemplare der

Lobelia Stuhlmanni ausgraben, die, ebenso wie Lobelia Deckeni und die

Senecio, für die Universitäten in Wien und Budapest bestimmt waren,

und tags darauf hielt ich mich längere Zeit im Bambuswalde, in dem wir

nun wieder angelangt waren, mit botanischen Arbeiten auf, so dass es

bereits Nacht geworden war, als wir in Masobu eintrafen.

Die Lobeliaceen gehören in die Familie der Campanulaceae

(Glockenblumengewächse), die Senecio in die Familie der Compositae

(Korbblütler). Die Lobelia Stuhlmanni kommt im Urwald des Elgon,

und zwar meist auf kleinen Blössen desselben, in Höhen von 2500 bis

3000 Meter vor, die übrigen afrikanischen Bergriesen, als Kenia,

Kilimandjaro und Ruwenzori, zeigen ebenfalls diese prächtige Pflanze,

die auf letzterem sogar bis 4000 Meter Höhe, so weit der Urwald

reicht, vorkommt. Die Lobelia Stuhlmanni wächst wie eine Dracaena,

hat schwertförmige Blätter, von denen die unteren absterben und an

dem ausserordentlich schlanken, wenige Zentimeter im Durchmesser

zählenden holzigen Stamme kleine Erhöhungen zurücklassen. Der Stamm

zeigt eine selten glatte Oberfläche, wächst bis über 6 Meter senkrecht

in die Höhe, und die üppige saftig-grüne Blätterkrone gibt der

Pflanze, die meist in mehreren Exemplaren an einem Platze auftritt,

ein charakteristisches Aussehen. Aus der Mitte der Blätterkrone steigt

ein bis 1 Meter hoher Kolben, der die Blüten trägt, die von kleinen,

grünen Blättern verdeckt sind. Die Farbe der Blüten ist blass-grün und

soll später -- nach Johnston -- rot werden. Die Wurzel der Lobelia

Stuhlmanni ist sehr klein und weit verzweigt. Die bereits beschriebene

Lobelia Deckeni kommt am Elgon nur in der Höhe von 3000–4000 Meter auf

nassen Stellen vor, wo es weder Urwald noch offene Ericaceaen-Wälder

gibt.

Die von mir mitgebrachte Lobelia Stuhlmanni, Lobelia Deckeni und

Senecio Johnstoni wurden unter Leitung unseres hervorragenden

Botanikers Hofrat Professor Dr. Richard Ritter von Wettstein in Wien

präpariert und im botanischen Garten der Wiener Universität zur

Aufstellung gebracht.

Zu meiner unangenehmen Ueberraschung war in Masobu weder ein

Lagerfeuer noch irgend ein Träger zu sehen, der uns gesagt hätte,

wo sich unsere Karawane befand, und es blieb uns nichts anderes

übrig, als in der stockdunklen Nacht weiterzumarschieren. Zum Glück

hatte der Wald schon sein Ende erreicht, und wir stiegen auf einem

schmalen Eingeborenenpfade längs des zu unserer Linken senkrecht

abstürzenden Bergkammes über glatte Felsen abwärts. Nach einstündigem

Marsche erblickten wir in der Ferne Lichter, die nur aus unserem

Lager herrühren konnten, und bald darauf kamen uns auch zwei Träger

mit der Nachricht entgegen, dass Dr. Stigler tief unten am Fusse des

Namugawehill lagere.

Er hatte Dr. Sells, der trachtete, so rasch als möglich aus den Höhen

herunterzukommen, in Masobu, unserem vereinbarten Lagerplatze, nicht

angetroffen, daher den Marsch fortgesetzt, da dort keine Lebensmittel

für die Träger aufzutreiben waren, und angenommen, dass ich vor

Einbruch der Nacht schon nachkommen dürfte. Nach einer weiteren Stunde

beschwerlichen Abstieges über die glatten Felsen, die besonders unseren

Maultieren gefährlich waren, da sie bei dem geringsten Fehltritt in die

Tiefe kollern mussten, erreichten wir endlich das Lager, das inmitten

von Bananenpflanzungen auf einer kleinen Wiese aufgeschlagen wurde.

Am nächsten Morgen suchte ich mit Dr. Stigler die Eingeborenen auf,

die hier in einer ziemlich stark bevölkerten Niederlassung leben. Es

sind grosse, kräftige, aber sehr scheue Menschen, die bei unserer

Annäherung davonliefen und erst durch Geschenke, die wir ihnen

überreichten, zutraulicher wurden. Schliesslich erhielten wir von

ihnen im Tauschwege noch kleine ethnologische Gegenstände (Tafel 65).

Die Kinder und die jüngeren Männer sind splitternackt, die älteren

tragen einen kleinen Lederschurz, während die Weiber bis auf einen

dünnen, aus Gras geflochtenen, zwischen die Beine gezogenen Schutzfleck

auch einhergingen, wie sie Gott erschaffen hat (Tafel 24). In der

Unterlippe haben sie ein Loch, durch das sie von der Innenseite einen

Stein oder ein eigentümlich geformtes Holz stecken. Auch in den

Ohren tragen sie ein rundes, nach aussen vasenförmig ausgehöhltes

und mit Fett gefülltes Stück Holz als Schmuck. Die Hütten dieses

Eingeborenen-Dorfes bestehen aus zwei konzentrisch angelegten, nach

oben zulaufenden Graswänden, in denen zwei Eingänge angebracht sind,

die sich jedoch nicht decken, so dass man nach der ersten Oeffnung

noch ein Stück zwischen den beiden Wänden zur zweiten kriechen muss.

Die Oeffnungen sind nur einen halben Meter hoch, und man muss sich

daher auf allen Vieren vorwärts bewegen, um in das Innere der Hütte

zu gelangen. Der Stamm der Bageshu -- dies der Name der Eingeborenen

-- ist sehr ausgebreitet und bevölkert die Hügel und Schluchten des

südwestlichen Elgon-Abhanges. Er teilt sich in viele Gruppen und

Untergruppen, die je einen Hügel besetzen und jede ihren eigenen

Häuptling haben. Sie sind von einander aber vollständig abgeschlossen,

und keine Gruppe kümmert sich um das Tun und Lassen der anderen. Die

einzige Gemeinschaft besteht darin, dass sie gemeinsam ihr Vieh auf die

höher gelegenen Weiden treiben.

[Illustration: _Grundriss und mit Antilopenschädel geschmückte Spitze

einer Bageshuhütte._]

Quer durch Uganda · 第 4 / 16 段