Der nächste Tag brachte uns eine angenehme Begegnung. Gegen die

Mittagstunde trafen wir mehrere Hunderte von Eingeborenen, die

eifrig an dem Bau der Strasse arbeiteten, Schotter herbeiführten,

am Unterbau beschäftigt waren und mit einer grossen Steinwalze die

neue Strasse ebneten. Der Leiter dieser Arbeiten war der englische

Strassen- und Brückeningenieur Fitzgerald von den Public Works, der

uns sehr liebenswürdig begrüsste und in sein provisorisch errichtetes

Rasthaus zum Lunch einlud. Wir hatten zwar vor, an diesem Tage noch

das anderthalb Meilen breite Wasser des Mpologama-River zu durchqueren

und bis Budaka zu gelangen, Mr. Fitzgerald bewog uns aber, gleich hier

unser Lager aufzuschlagen, da es bis zum nächsten Rasthause noch elf

Meilen waren und wir dies vor Anbruch der Nacht, unmöglich erreicht

hätten. Mr. Fitzgerald, der ein sehr angenehmer und weltgewandter

Gesellschafter ist, steht Mitte der Dreissiger Jahre und lebte schon

13 Jahre in Indien und Südafrika, hatte den Burenkrieg mitgemacht

und war seit fünf Jahren in Ostafrika und Uganda mit Strassenbauten

beschäftigt. Die ganze lange Zeit war er niemals in Europa gewesen und

-- fast immer allein mit seinen schwarzen Arbeitern -- weit entfernt

von dem Sitze der englischen Beamten. Er sah ausserordentlich frisch

und gesund aus, trotzdem er einmal an Malaria schwer erkrankt war und

seither wiederholt am Rückfallfieber zu leiden hatte. Auch stellte

sich bei ihm, wie er uns erzählte, eine oft sehr unangenehm werdende

Gedächtnisschwäche ein, die möglicherweise auch in der Einsamkeit, in

der er Jahr für Jahr hinbrachte, begründet sein mochte. Die Gegend ist

hier nicht besonders wildreich, da und dort zeigen sich Gazellen und

Büffeln, am häufigsten sieht man aber Leoparden, die in den letzten

fünf Nächten zweimal dem Lager Mr. Fitzgeralds einen Besuch abgestattet

hatten. Um fünf Uhr nachmittags kam der Häuptling mit seinen

Ministern und grosser Begleitung zu uns und brachte uns einen grossen

Bananenvorrat für die Träger, die auch an diesem Abende bis tief in die

Nacht hinein ihre wilden Tänze aufführten.

Am nächsten Morgen verabschiedeten wir uns von Mr. Fitzgerald, der uns

noch ein kräftiges Frühstück bot, und setzten unseren Marsch fort,

nach dem 6½ Meilen entfernten Mpologama-River, einem breiten, mit

dichtem Papyrus bewachsenem Swamp (Tafel 4). Da er nur eine schmale

Wasserstrasse für den Verkehr mit den Einbäumen offenlässt, und diese

nicht mehr als 20 Eingeborene fassen, dauerte die Ueberbootung unserer

grossen Karawane mehrere Stunden. Nach weiteren drei Meilen erreichten

wir das Terenia Rasthaus, beschlossen jedoch, da wir herrliches

Wetter hatten, in der Nacht bei Mondlicht weiterzumarschieren. Ein

Teil der Träger hatte sich dagegen gesträubt und zwei von ihnen

hatten, trotz der Aufsicht der Askari, die Lasten weggeworfen und

waren durchgebrannt. Ausserdem war einer der Nairobiträger, der etwas

zurückgeblieben war, von den Eingeborenen überfallen und seiner

Kleider sowie seines Messers beraubt worden. Da es inzwischen ein Uhr

nachts geworden war, machten wir Rast und unterhielten gegen etwaige

Leopardenüberfälle grosse Feuer. Wir schliefen in den Kleidern und

brachen schon um fünf Uhr morgens wieder auf. Nach zwei Stunden, die

wir auf leicht ansteigender Strasse durch reiche Baumwollanlagen

marschierten, bot sich uns plötzlich ein prächtiger Ausblick. Der

mächtige Elgon-Vulkan erhob sich mit seinen grünen Vorbergen in

der Morgensonne vor unseren Augen und stieg zu gewaltiger Höhe bis

in die Wolken empor. Nach dem tagelangen Marsch durch Busch- und

Steppengegend, war der Anblick dieser weitausgedehnten Berglandschaft,

die sich nun in solcher Nähe erstreckte, von tiefem Eindruck, und

unsere Blicke wanderten erwartungsvoll die Höhen hinan, die wir in

den nächsten Tagen bezwingen wollten. Da wir noch einen weiten Weg

vor uns hatten, hielten wir nur kurze Rast und erreichten um ½10 Uhr

vormittags Mboa, das auf einer Anhöhe gegenüber dem Kogonchoro (frecher

Weisser), dem grossen Vorberge des Elgon, liegt (Tafel 6). Der Ausblick

weitet sich hier noch mehr, und in der Ferne kann man, wenn auch

in etwas verschwommenen Umrissen, die westlich vom Elgon gelegenen

Bergriesen des Konkoro erkennen. Bis vier Uhr beschäftigte ich mich mit

kartographischen und astronomischen Aufnahmen, dann versuchten wir, die

Träger für einen Abendmarsch bis Mbale zu gewinnen. Die Eingeborenen

von Mboa, die sich uns näherten, sind grosse, starke Gestalten von

wildem Aussehen. Die Männer tragen um die Lenden einen Lederschurz,

die Weiber um die Hüften einen ihre Gestalt einzwängenden Gürtel aus

Baumrinde und einen aus langen Gräsern geflochtenen Schurz, der von dem

gewöhnlich ausserordentlich starken Bauch überhängt ist.

_AM FUSSE DES ELGON._

_Die letzte Telegraphenstation / Im Anblick der Gebirgswelt /

Trägersorgen / Englische Gastfreundschaft / Vorbereitung für die

Elgonbesteigung / Der Abmarsch / Durch die Eingeborenendörfer /

Einheimische Justiz / Der Aufstieg in die Felsen / Im Urwald / Die

letzte Ansiedlung._

Ein dreieinhalbstündiger Marsch brachte uns am nächsten Tage nach

+Mbale+, der am Südabhange des Kogonchoro gelegenen letzten englischen

Station im Nordosten Ugandas. Eine gut gepflegte, von Gummibäumen

beschattete Strasse führt durch die Niederlassungen der Eingeborenen

an indischen Kaufläden und den Hütten der Askari vorbei zum höchsten

Punkte des Ortes, einer grossen Wiese, die uns vom Distriktskommissär

Mr. +Peryman+, der uns entgegengekommen war, als Lagerplatz angewiesen

wurde. Am Ende der Strasse liegt das Regierungsamtshaus (Boma) mit

einer Askariwache und hinter ihm in kreisförmiger Anlage die hübschen,

villenartigen Wohngebäude des Distriktskommissärs, seines Assistenten,

des Arztes Dr. Lionel Sells und des Polizei-Offiziers. Jedes Haus steht

in einer geschmackvollen Gartenanlage, und zwischen ihnen breitet sich

gepflegter Rasen und sogar ein Tennisplatz aus.

Das Klima von Mbale -- in der Eingeborenensprache Karungu genannt

-- ist trotz seiner 3800 Fuss hohen Lage über dem Meeresspiegel

sehr ungesund, und es ist namentlich die Malaria und die Beulenpest

verbreitet, an der in den letzten Wochen nicht weniger als 150, im

Verlaufe eines Jahres aber 3000 Eingeborene gestorben waren. Ich hatte

auch Gelegenheit, das Pestspital in Mbale zu besichtigen, eine einfache

Strohhütte, in deren Nähe die an Pest Verstorbenen in seichte Gruben

eingegraben werden. Nächtlicher Zeit werden sie von Hyänen, deren

Geheul die ganze Nacht hörbar ist, ausgegraben und aufgefressen. Um so

schöner ist aber das Landschaftsbild, das sich von Mbale und namentlich

von unserem Lagerplatze aus bot. Im Norden steigt, knapp hinter dem

Ort, der nach Westen fast senkrecht abfallende Kogonchoro aus der

Ebene auf, links von ihm liegt, seine Spitzen von Wolken gekrönt, der

mächtige Elgon oder Sabey, wie er von den Eingeborenen genannt wird,

und weiter nach Nordwest reiht sich Berg an Berg, denen kleine, bis

Mbale auslaufende Hügel vorgelagert sind, die im leuchtenden Grün ihrer

Bananenpflanzungen ein Bild der reichen Fruchtbarkeit dieses Bodens

geben. Ganz weit, in duftiger Ferne, sieht man den trotzigen Koloss des

3000 Meter hohen Konkoro oder Mont Debasien emporragen.

Die nächsten Tage galten nun der Vorbereitung der Elgon-Besteigung

(Tafel 7). Von Elgon wollten wir wieder nach Mbale zurückkehren,

um über Einladung Dr. Sells und Mr. Perymans das Weihnachtsfest in

ihrem Kreise zuzubringen und ausserdem die bis dorthin angelegten

Sammlungen zu verpacken und nach Europa zu schicken. Die genannten

Beamten überboten sich gegenseitig, uns nach jeder Richtung hin zu

unterstützen und Ratschläge zu erteilen. Die grössten Sorgen machte

uns die Trägerfrage. Alle Träger mit Ausnahme derer aus Nairobi

mussten zurückgeschickt werden, da sie für die weitere Reise und die

zu gewärtigenden Anstrengungen viel zu schwach waren. 60 Träger von

Mboa, 110 von Jinja sowie die sechs Askari und ihr Korporal wurden

in Mbale entlassen. An ihre Stelle sollten 250 starke und erprobte

Kawirondoträger treten, die über Auftrag Mr. Perymans für unsere

Expedition in Mumias angeworben werden sollten. Für die Besteigung des

Elgon genügten uns unsere Suaheliträger, die Boys sowie die Heatmans,

und einige Eingeborenenträger aus dem Elgonlande als Führer, da wir ja

nur das notwendigste Gepäck, Wäsche und warme Kleider, die Apotheke

und die wissenschaftlichen Apparate mitzunehmen gedachten. In Mbale

hatte ich übrigens noch einen energischen und erfahrenen Heatman in

dem Araber Abeidi Abdulla aus Mekka gefunden, der als Elefantenjäger

die durch ihre Wasserarmut und ihren Mangel an Lebensmitteln bekannten

Karamojogebiete gut kennen gelernt hatte, und der mir versprach, bis zu

meiner Rückkehr vom Elgon die noch fehlenden Träger zu beschaffen. Auf

sein Anraten bestellte ich aus Kilimi im südlichen Karamojo dreissig

kräftige Esel, von denen jeder 200 Pfund trug. Dadurch ersparten

wir uns 90 Träger, was uns im weiteren Verlaufe der Expedition sehr

zustatten kam. Denn je tiefer wir in das noch unerschlossene Gebiet von

Uganda vordrangen, desto schwieriger war es, Träger zu finden, die uns

begleitet hätten. Man hatte zu viel von der Gefährlichkeit der Gebiete

gehört, die wir durchqueren wollten, und besass namentlich vor den sehr

feindseligen und hinterlistigen Naqua- und Toburstämmen grosse Angst.

In den vier Tagen unseres Aufenthaltes in Mbale war ich auch viel

mit den kartographischen und astronomischen sowie den täglichen

meteorologischen Aufnahmen beschäftigt, während Dr. Stigler stark

von den erkrankten Trägern in Anspruch genommen war, ausserdem aber

auch seinen rassenphysiologischen Studien oblag. Die Abende waren

wir abwechselnd bei Dr. Sells und Mr. Peryman geladen und genossen

im Innersten Afrikas eine Geselligkeit, die durch die Damen des

Hauses, die jungen und liebenswürdigen Frauen der beiden englischen

Beamten, noch einen besonderen Reiz gewann. Dr. Sells machte sich

erbötig, uns auf den Elgon zu begleiten, und auch Mr. Peryman wollte

sich uns anschliessen und beabsichtigte, mit seiner jungen Frau eine

Inspektionsreise durch die von uns zu passierenden Gebiete bis zur

Ugandagrenze zu unternehmen.

Der Elgonkrater ist von Mbale in fünf Tagereisen zu erreichen und

liegt auf der Wasserscheide des Viktoria- und Rudolf-Sees, ebensoweit

westlich vom Ostafrikanischen Hauptgraben als der Kenia östlich.

Der Elgon oder Sabey ist ein Bau aus vulkanischer Asche und festem

vulkanischen Gestein mit einem mächtigen Urwaldbestand, der sich

auf den Westabhängen in der Höhe von 2300 bis 3000 Meter hinzieht.

Viele Flüsse haben ihren Ursprung auf den Abhängen dieses Bergriesen,

einer -- der Suam -- entspringt im nordöstlichen Teile des Kraters

selbst und hat sein Bett westlich von der höchsten Spitze, Kaiser

Franz Josefspitze, in einer tiefen, wilden Schlucht des nördlichen

Kraterrandes gefunden.

Der Abmarsch von Mbale war auf den 7. Dezember festgesetzt. Leider

konnte Dr. Stigler mit Dr. Sells ihn erst zwei Tage später antreten,

da er sich eine ziemlich schwere Magenindisposition zugezogen hatte,

die sich jedoch infolge der Pflege, die ihm Dr. Sells in seinem

Hause angedeihen liess, bald wieder behob. Ich selbst marschierte

mit Mr. Peryman, dem Photographen, dem Präparator und ungefähr 60

Eingeborenen (30 Träger hatte ich Dr. Stigler zurückgelassen), am

festgesetzten Tage ab, und zwar zunächst bis +Bujobo+, wo wir unser

erstes Nachtlager aufschlugen. Von dort stieg ich am nächsten Morgen

auf schmalem Eingeborenenpfad den steilen vulkanischen Hügel Buwalesi

(1629 m) empor, der ausgezeichnete Punkte für meine kartographischen

Arbeiten bot und von dem aus sich ein herrlicher Ausblick auf die

zwischen dem Elgon und dem Kogonchoro gelegenen Zwischenberge öffnete.

Auffallend war der Reichtum an Schmetterlingen, den ich hier antraf

und von dem bisher sehr wenig zu spüren war. Auf dem ganzen Wege von

Jinja bis Mbale hatten mein zwölfjähriger Mohammedaner Amissi und der

Vogelpräparator Paulo, den ich aus Entebbe mitgenommen hatte, für meine

entomologische Sammlung nicht mehr als 600 Schmetterlinge aufbringen

können (Tafel 8).

Auf dem Wege zum Buwalesi fanden sich noch einige spärliche

Niederlassungen von Eingeborenen, die hier schwächliche, fast ganz

nackte Menschen von mittlerer Grösse sind. Die Männer tragen vorne

einen kleinen Schurz, die Weiber einen Grasgürtel und ausserdem -- eine

ethnologische Merkwürdigkeit, die ich nur im Elgongebiete antraf -- ein

gleichfalls aus Gras geflochtenes Glied, das die verheirateten Frauen

vorne tragen (Tafel 9).

Schon um 5 Uhr morgens verliessen wir am nächsten Tage unseren

Rastplatz und marschierten bis +Buhugo+. Zunächst ging es bergauf

und bergab durch die gewohnten Bananenpflanzungen, bis wir bald in

ein meilenbreites Tal niederstiegen, das vom Siroko durchflossen

ist, einem zur Regenzeit mächtigen Flusse, der aber, als wir ihn

überschritten, nur sehr wenig Wasser führte. Ueber ihn spannt sich eine

noch nicht lange bestehende Brücke, deren Decke aus 3 m langen, mit

Bast zusammengeflochtenen Bambusstämmen gebildet ist. Nun stieg das

Terrain fortwährend, bis wir endlich -- es war gegen 10 Uhr vormittags

-- Buhugo zu Gesicht bekamen. Wir wurden dort vom Häuptling und seinen

Ministern erwartet und mit den üblichen Geschenken -- einem Schaf,

Hühnern, Milch und Eiern -- bedacht. Ueber meinen Wunsch brachte er

mir auch noch Fische, die ich in den blechernen Spiritusbehältern

präparierte und aufbewahrte, und eine Menge ethnologischer Gegenstände.

Am Abend versammelte Mr. Peryman die Häuptlinge und Eingeborenen um

sich und hielt ihnen aufklärende und belehrende Vorträge.

Hier waren wir auch Zeugen der einheimischen Gerichtsbarkeit. Ein

Eingeborener hatte eine Ziege gestohlen und wurde von einem Askari ins

Lager gebracht. Hier legte man ihn auf den Bauch, band ihm die Füsse

und die auf dem Rücken gelegten Hände zusammen und schnallte ihn an

dicke Pfähle, die am Ende der Füsse und zwischen den Oberschenkeln in

den Boden getrieben wurden. Nun hätte ihm eine tüchtige Tracht Prügel

verabreicht werden sollen, aber Mr. Peryman liess des grausamen Spiels

schon ein Ende sein und gab den Schwarzen gegen das Versprechen frei,

nie mehr einen Diebstahl zu begehen. Ob der Pardonierte sich später

dieser Gnade würdig erwiesen hat, ist freilich sehr zu bezweifeln,

denn die Eingeborenen dieser Gegend sind wilde, verwegene Leute und,

wie uns Dr. Sells, der uns mit Dr. Stigler und den übrigen Trägern in

Buhugo eingeholt hatte, mitteilte, war das Gebiet noch vor zwei Jahren

vollkommen unsicher (Tafel 10).

[Illustration: _Eingeborene in Ketten_]

[Illustration: _Blick nach dem Kogonchoro_

_Tafel 7_

]

[Illustration: _Bageshudorf in Bujobo_

_Tafel 8_

]

[Illustration: _Landschaftsbild bei Bujobo_]

[Illustration: _Brücke aus Bambus über den Siroko_

_Tafel 9_

]

[Illustration: _Unser Lager in Buhugu_]

[Illustration: _Blick von Buhugu gegen den Elgon_

_Tafel 10_

]

[Illustration: _Senecio Johnstoni im Urwald des Elgon_]

[Illustration: _Lager, 3390 m hoch_

Nach den Autochromaufnahmen des Verfassers hergestellt

_Tafel 11_

]

[Illustration: _Bergeingeborener vom Stamme Batwa_]

[Illustration: _Aufstieg in den Felsen_

_Tafel 12_

]

Am nächsten Morgen brachen wir zu gewohnt früher Stunde das Lager

ab und langten nach einstündiger Wanderung durch ansteigende

Bananenpflanzungen und an einigen Dörfern vorbei am Fuss des

Namugawehill an, eines Ausläufers des Elgon, der derart steil abstürzt,

dass ein Erklimmen für die Karawane fast unmöglich erschien. In einem

am Berg liegenden Eingeborenendorf machten wir Halt, um uns über

den Aufstieg zu beraten und von den Eingeborenen Auskünfte über die

Richtung einzuholen, in der der steile Abhang am ehesten erklettert

werden könnte. Das Ergebnis war, dass wir beschlossen, den Aufstieg

direkt durch die Felsen zu unternehmen, was allerdings ein heisses

Stück Arbeit war. Die Träger mussten sich mit ihren schweren Lasten

gegenseitig hinaufziehen und aufwärts schieben, die grösste

Schwierigkeit boten aber die Maultiere, die oft über meterhohe

glatte Felsblöcke emporgezogen werden mussten. Ueberdies hatten wir

noch unter der drückenden Hitze -- 38 Grad C. im Schatten -- zu leiden,

so dass es zwei Stunden währte, bis die ganze Karawane die Höhe

erreicht hatte. Oben angelangt stiegen wir nach kurzer Rast den Kamm

entlang bis zu einem Platze, der sich Masobu nennt und in der Höhe von

2285 m am unteren Ende des Elgon-Urwaldes liegt. Mitten zwischen Bäumen

und Gebüschen schlugen wir unsere Zelte auf, so dass unser Lager das

Bild eines malerischen Durcheinanders gab.

Am nächsten Morgen verliess uns Mr. Peryman, der am Fieber erkrankt war

und nach Mbale zurückkehrte. Wir anderen drangen in steilem Terrain

langsam gegen Nordosten vor. Bald nahm uns ein Wald mit enorm hohen,

alten Bäumen und dichtem, stellenweise undurchdringlichem Unterwuchs

auf. Vereinzelt zeigen sich Bambusstauden, sie werden aber immer

zahlreicher und schliessen sich zusammen, und nach einer Stunde stehen

wir mitten in einem ausgesprochenen Bambuswalde, der sich erst nach

einem weiteren einstündigen Marsche und nachdem wir einen kleinen

Bach mit klarem hellen Wasser überschritten hatten, langsam wieder

lichtet und den an seine Stelle tretenden Laubbäumen Platz gibt. Das

Bild wird nun bald ein total verändertes, und über uns wölbt sich in

dunkler Majestät der Urwald. Die Baumbestände werden immer dichter und

enger, Lianen winden sich in unendlichen Verschlingungen von Stamm zu

Stamm, und die buschige Untervegetation ist so hoch, dass sie fast

über unseren Köpfen zusammenschlägt. Die mächtigen Stämme sind von

dickem Moos und anderen Schmarotzerpflanzen bewachsen, und den Boden

überzieht ein grüner Polster von allen möglichen Farren und Kräutern,

in den der Fuss wie in einen Teppich tief einsinkt. Das Vorwärtskommen

ist hier eine schwere Arbeit, es ist ein unaufhörliches Kriechen,

Bücken und Ueberklettern der umgestürzten Baumstämme oder der mächtigen

Wurzeln, die oft und oft den Weg versperren. Dazu steigt das Terrain

unausgesetzt an. Gleich am Beginne des Urwaldes zeigten sich auf

einer kleinen Lichtung einige schlanke schöne Lobeliaceen, die sich

im Glanz des grellen Sonnenlichtes doppelt wirksam von dem violetten

Dämmerlichte abhoben, das ringsum den dichten Urwald füllte (Titelbild

und Tafel 11).

Stundenlang geht es nun Schritt für Schritt langsam vorwärts, und das

tiefe Schweigen versagt sogar auf unsere sonst so sangeslustigen und

lärmenden Träger nicht seine Wirkung, die stumm ihren Weg suchen.

Nur das Knacken und Brechen der Aeste ist zu hören und das zarte

Gezwitscher der kleinen prächtigen Nektarinen, die hier die ganze Fauna

ausmachen, sonst herrscht Totenstille und heiliges Schweigen.

Fünf Stunden lang währte dieser unvergessliche Marsch durch den Urwald,

dann wurde die Walddämmerung heller, der Baumbestand lichtete sich,

wir sind am oberen Ende des Urwaldes angelangt. Noch muss ein kurzer,

steiler Abhang überwunden werden, und wir befinden uns auf einem

terrassenartigen Plateau, auf dem wir, alle stark ermüdet, -- in der

Höhe von 3390 m -- das Lager aufschlagen. Es wurde rasch abgekocht,

und ich fand in der Nähe des Lagers einen günstigen Punkt für meinen

Theodoliten. Ich arbeitete, bis mich -- es war halb sechs Uhr geworden

-- derart fror, dass die Hände den Dienst versagten. Die Temperatur,

die schon mittags nur 10 Grad C. betragen hatte, war auf 4 Grad

gesunken, und am nächsten Morgen zeigte mein Minimum-Thermometer 2

Grad C. unter Null. Nach dem Abendessen begaben wir uns denn auch bald

zu Bette, nicht ohne vorher warme Wäsche angezogen zu haben. Meinen

braven Trägern, die an diesem Tage ganz Ausserordentliches geleistet

hatten, versprach ich als Zubusse zu ihren Mehlrationen einen Ochsen,

dessen Fleisch an sie bei der Rückkehr vom Elgon und sobald das Tier

heraufgetrieben wäre in diesem Kamp verteilt werden sollte (Tafel 11).

Von grossem Interesse war es, von unseren Eingeborenenführern zu

erfahren, dass es auch in dieser Höhe, und zwar nur eine Stunde von

unserem Lager entfernt, noch eine kleine Niederlassung von Eingeborenen

gebe. Ich erteilte den Auftrag, einige von diesen zu uns zu bringen,

und gegen Abend kam tatsächlich der Häuptling mit zweien seiner Leute

in unser Lager. Es waren ungemein scheue, mittelgrosse Menschen, mit

einem hemdartigen Ueberwurf bekleidet, Ohren, Hals und Arme reich mit

Eisenringen beschmückt, die Haare, die in schmalen Strähnen geflochten,

eingefettet und mit roter Erde bestrichen waren, über die Stirne

herabhängend, und in der Hand einen langen Speer, so dass diese Wilden,

die sich Batwa nennen, ein ziemlich kriegerisches Aussehen haben. Ich

beschenkte sie mit Amerikani, Messingdraht und Spiegeln, und namentlich

die letzten machten, nachdem sie darin ihr Ebenbild erblickt hatten,

starken Eindruck auf sie. Meiner Einladung, uns bis zur Spitze des

Elgon zu begleiten, gaben sie erst nach einigem Zögern Folge (Tafel 12).

_AUF DEM ELGON._

_Der Aufstieg zum Krater / Das Lager im Kratergrund /

Kältetemperaturen von 10–14 Grad / Eine Winterlandschaft /

Bergkrankheit / Die Südwest- und Nordostspitze / Auf dem Gipfel /

Fauna und Flora / Die bisherigen Expeditionen / Kaiser-Franz-Josef-

und Jacksonspitze / Der Abstieg / Ein Nachtlager im Urwald /

Die Bergeingeborenen / Der Aberglaube der Kawirondo / Bei den

Anthropophagen / Zurück nach Mbale._

Am nächsten Morgen wollten wir schon um 6 Uhr aufbrechen, der

Abmarsch verzögerte sich aber um drei Stunden, da Dr. Sells, der

uns begleitete, die ersten Anzeichen der Bergkrankheit verspürte.

Es ging nun fortwährend steil bergauf durch freies Terrain, so dass

wir ununterbrochen den Ausblick auf die vor uns sich erhebenden

Elgonspitzen hatten. Die Vegetation wurde immer ärmlicher, nur wenige

Bäume zeigten sich, die mit wirren grauen Bartflechten behangen waren,

und auch Doldenblütler in Mannesgrösse und Gräser wuchsen noch in

dieser Höhe. Die schöne Lobelia Stuhlmanni ist verschwunden -- über

3000 m hinaus gedeiht sie nicht mehr -- dafür ist aber da und dort die

prächtige Lobelia Deckeni und die Senecio Johnstoni vertreten. Langsam

nähern wir uns den steil abfallenden Felswänden einer Scharte, die

in uns die Erinnerung an die schönsten hochalpinen Gegenden Tirols

wachruft, und nach mühsamer Wanderung haben wir endlich die Felsspitze

erreicht. Ein unvergesslicher und unvergleichlich schöner Ausblick

öffnet sich hier. Vor uns liegt der fast kreisrunde +Elgonkrater+,

dessen äusserer Rand von einer beinahe geschlossenen Kette starrer

Felszinken gebildet wird, links von uns stürzen die Felsen nahezu

senkrecht in eine enge Schlucht ab, um sich auf der gegenüberliegenden

Seite ebenso steil, aber noch viel höher zu erheben (Tafel 13).

Vor uns liegt der riesige Krater, dessen Hintergrund von einer

Wolkenmauer verhüllt ist, während die Sonne ihren Purpur in das Innere

desselben streut. Zu Füssen des Berges brandet ein Meer von lichtem

Grün und goldstrahlenden Gipfeln der Berge, im Westen und Norden die

unendliche Steppe mit ihren grossen, silberglänzenden Wassertümpeln,

die noch von der Regenzeit geblieben sind und ein Passieren in dieser

Richtung unmöglich machen. Im Innern der Seele jubelten wir und priesen

uns glücklich, ein so schönes, in jungfräulichem Reiz prangendes Stück

Erde schauen zu können. Der tiefer liegende Kratergrund hat hügelige

Formation und ist auf den trockenen Plätzen stellenweise mit gelbem

Gras, auf den sumpfigen mit niederen Erikastauden bewachsen. In grossen

und kleinen Exemplaren sieht man ringsum die Senecio Johnstoni, die

wie eine Pflanzenform aus einer längst verschwundenen Erdperiode

anmutet. Mit ihren bis an Manneshöhe abgestorbenen und verdorrten

grauen Blättern, die den dicken Stamm umhüllen, haben sie von unserem

Standplatz aus gesehen beinahe etwas von einer menschlichen Gestalt

an sich und geben der ganzen Landschaft ein wunderbar seltsames und

märchenhaftes Aussehen.

In kurzer Rast geben wir uns dem mächtigen Eindruck dieser hart

am Aequator liegenden Bergwelt hin, dann nehmen wir unsern Marsch

wieder auf, und es ging anderthalb Stunden lang über meist sumpfigen

Boden abwärts in den Krater. Nächst einem Quellbache, Suam, in der

Höhe von 3828 m schlugen wir unsere Zelte auf (Tafel 14). Für die

kartographische Aufnahme des Kraters schienen mir zwei hochgelegene

Punkte geeignet, von denen der eine am Südwest-, der andere am

Nordostrande des Kraters lag. Nach Ansicht unseres Batwaführers

war die Südwestspitze die höchste, und wir beschlossen daher, ihr

am nächsten Morgen einen Besuch abzustatten. Das Wetter war sehr

günstig, die kleine Regenperiode lag schon eine Woche hinter uns, und

wir waren während des Aufstieges zum Krater nur wenige Male unter

eine Strichregenwolke gekommen. Am Abend wurde die Kälte schon sehr

empfindlich, und wir schützten uns gegen sie, als wir zu Bette gingen,

mit Sweater, Wollhaube und zwei dicken, warmen Flanelldecken.

Quer durch Uganda · 第 3 / 16 段