ergänzt, die diese Erweiterung unseres Reiseplanes nötig machte. Einen
Tag unseres Aufenthaltes verwendeten wir zu einem Ausflug nach Kampala,
für den uns Mr. Pordage von der British East Africa Corporation das
Automobil seiner Gesellschaft zur Verfügung stellte. Die gut gepflegte
Strasse führt zunächst durch einen kleinen Wald, in dem das Buschwerk
ausgeschlagen und am Rande der Strasse eine rote Flagge gehisst ist.
Wir befinden uns im Gebiete der Schlafkrankheit, und die rote Flagge
ist das Zeichen für das Verbot des Betretens. Diese fürchterliche,
fast immer tötlich verlaufende Krankheit hat schon Hunderttausenden
von Menschen das Leben gekostet, und es bedarf aller Anstrengungen,
um die Verheerungen, die die Glossina palpalis an den Eingeborenen
anrichtet, einigermassen einzudämmen. So hat die englische Regierung
auf den Inseln und an den Ufern des Viktoria Nyanza zahlreiche Dörfer
verbrannt und deren Bewohner anderswo angesiedelt. Den Hauptaufenthalt
der Fliege bildet das Buschwerk am Uferrand vieler afrikanischer Flüsse
und Seen, gewöhnlich aber nur in der Breite von 100 bis 150 Meter.
Man ist bemüht, die Fliege samt ihrer Brut durch Abbrennen dieser am
Wasserstrand stehenden Büsche zu vernichten, und am Viktoria-See ist
ausserdem das Betreten der Küstenstriche bei einer Strafe bis zu 1000
Rupien verboten. Der Reisende in Uganda darf der Glossina palpalis
wegen sein Lager nie unmittelbar an den Ufern der Gewässer aufschlagen.
Auch bei Einhaltung dieser Vorsichtsmassregel ist die Gefahr einer
Einschleppung noch immer nicht ganz geschwunden, da die eingeborenen
Träger von der Wasserstelle Trink- oder Kochwasser bringen, auch
unbekümmert um die Fliege ein Bad nehmen und dann oft von der Glossina
bis ins Lager verfolgt werden. Der Kapitän des „Clement Hill“ erzählte
mir, dass sogar schon in den Kabinen des Schiffes Exemplare der
Schlafkrankheitsfliege gefunden wurden, trotzdem die Dampfer auf dem
Viktoria Nyanza ihren Kurs weit vom Ufer nehmen und die Landungsstellen
in grossem Umkreise durch die obenerwähnten Vorsichtsmassregeln
gegen den Krankheitserreger geschützt sind. Die Glossina palpalis
ist etwas grösser als unsere Hausfliege, trägt einen lichten Ring um
den dunkelbraun gefärbten Leib und die Flügel meist nach rückwärts
gekreuzt. Sie fliegt nur untertags umher und verkriecht sich bei
eintretender Dunkelheit. Ein Serum gegen ihr Gift zu finden, ist trotz
aller Bemühungen deutscher und englischer Aerzte noch immer nicht
gelungen.
Gegenüber dieser Brutstätte der Schlafkrankheitsfliege zieht sich
längs der andern Seite der Strasse ein Urwaldstreifen hin, in dem eine
Unmenge von Vögeln flattert und zwitschert und viele Affen von Stamm zu
Stamm springen. Der Wald nimmt aber bald ein Ende, und an seine Stelle
treten weit ausgebreitete Sümpfe -- Swamps -- infolge deren auch die
Strasse schlechter und ausgewaschen wird.
Gegen Mittag kamen wir zu den Hügeln der Eingeborenen-Hauptstadt
+Kampala+, in der vor allem der imposante Bau der Missionsstation
mit ihrem gross angelegten Hospital die Aufmerksamkeit auf sich
zieht. Da in Kampala sich kein europäisches Hotel befindet, folgten
wir der liebenswürdigen Einladung des Direktors der afrikanischen
Seidengesellschaft, Herrn Heinrichs, eines Reichsdeutschen, und
nahmen bei ihm unseren Lunch ein. Dann fuhren wir in Rikshas auf den
Namirembe-Bagur, auf dem sich das von Dr. Cook und seinem Neffen
geleitetete Hospital erhebt. Die Riksha ist hier das landesübliche
Gefährte. Drei junge kräftige Eingeborene schieben es im Laufschritt
bergauf, während ein vierter vorn anzieht. Die Fahrt vollzieht sich
unter einem eigentümlichen litaneiartigen Gesange. Der vorne Ziehende
spricht ohne Unterbrechung in singendem Tone einen Schwall von Worten,
die von den drei rückwärts anschiebenden Eingeborenen mit „Jahere“ und
einem eine Quart tieferen „Mha“ begleitet werden. Der Beruf dieser
Rikshazieher ist sehr einträglich; länger als vier bis fünf Jahre
halten ihn aber die jungen Burschen nicht aus, die meisten sterben dann
an einem Lungen- oder Herzleiden.
[Illustration: _Entebbe_]
[Illustration: _Kampalla_
_Tafel 2_
]
[Illustration: _König von Uganda Daudi Chwa_]
[Illustration: _Jinja_
_Tafel 3_
]
[Illustration: _Blick auf den Viktoriasee mit Schlafkrankheitsgebiet_]
[Illustration: _In Einbäumen über den Mpologoma-See_
_Tafel 4_
]
[Illustration: _Riponfälle_
_Tafel 5_
]
Das Hospital, das wir nunmehr besichtigten, weist mustergiltige
Einrichtungen auf, die mancher europäischen Anstalt zum Vorbild
dienen könnten. Es ist nach dem Pavillonsystem erbaut und führt 130
Betten, ausserdem verfügt es über glänzend ausgestattete Laboratorien,
Instrumentenzimmer, Apotheke usw. Von Dr. Cook und seinem
Neffen werden hier jährlich gegen 3000 Patienten behandelt und zirka
1000 Operationen vorgenommen. Dr. Cook überliess meinem Reisebegleiter
Dr. Stigler einen Brillenkasten, so dass er, nachdem ihm ausserdem
auch noch von Dr. Hodges in Entebbe ein Mikroskop zur Verfügung
gestellt worden war, sich über den Verlust seines Koffers wenigstens
einigermassen trösten konnte.
Unser beabsichtigter Besuch beim König von Uganda musste an diesem Tage
unterbleiben, da schon um 6 Uhr nachmittags die Dämmerung einbrach und
wir uns -- mangels jeder Schlafgelegenheit in Kampala -- zur raschen
Rückfahrt entschliessen mussten.
Der nächste Tag war der letzte unseres Aufenthaltes in Entebbe.
Gouverneur Mr. Jackson hatte uns eine Speziallizenz für volle
Jagdfreiheit sowie ein Dokument für die Zollfreiheit unseres Gepäckes
ausgefolgt und auch noch die Beistellung von Askari zugesichert.
30 Träger waren in Kampala angeworben worden und 120 in Jinja, die
letzteren mussten aber von Mbale wieder zurückgeschickt werden, da sie
für den Weitermarsch durch unerforschte Gebiete zu schwach gewesen
wären. Ausserdem hatte ich in Entebbe noch einen Vogelpräparator --
einen Tierpräparator nahm ich schon aus Nairobi mit -- und einen neuen
Heatman aufgenommen, da sich bei dem bisherigen Anzeichen schwerer
Malaria zeigten, endlich noch einen Koch und einige Boys (Diener)
engagiert. Nachmittags verabschiedeten wir uns vom Gouverneur Mr.
Jackson, der uns in jeder Beziehung mit Rat und Tat zur Seite gestanden
war und dem wir daher zu ganz besonderem Danke verpflichtet waren.
Im kleinen Hafen von Entebbe liegt der Regierungsdampfer „Winifred“,
der am nächsten Morgen abfährt, und dort warb ich noch spät abends
einen grossen kräftigen Mugandamann namens +Simon+ als Dolmetsch an.
Er war in der Missionsschule erzogen, der englischen Sprache in Wort
und Schrift mächtig und hat mir späterhin, als ich meinen in Mombassa
engagierten Diener Combo Mohamed in Mbale wegen Diebstahles einsperren
lassen musste, recht gute und treue Dienste geleistet, weshalb ich ihn
auch über seinen Wunsch nach Europa mitnahm.
Die letzte Nacht in Entebbe brachten wir an Bord zu, und am nächsten
Morgen trat der „Winifred“ seine Fahrt nach Jinja an. Wir unterbrachen
sie aber in Kampala, um unseren geplanten und zwei Tage vorher
unterbliebenen Besuch beim König von Uganda zu machen, bei dem uns der
englische Provinzialkommissär bereits angesagt hatte. Zwei Rikshas
brachten uns nach der vom Hafen sieben Meilen entfernten Residenz
Daudi Chwas, der eingeborenen königlichen Hoheit, und dort wurden wir
zunächst vom Prinzen Josef und dem Minister Apollo empfangen. Der
mächtige Minister hielt eben unter Beiziehung des grossen Rates den
Vorsitz in einer Gerichtsverhandlung. Ein Eingeborener hatte seine Frau
ermordet und wurde nach Einvernahme vieler Zeugen zum Tode verurteilt.
Zehn Tage später wurde er in das Innere des Landes abgeführt und dort
das Todesurteil an ihm mit dem Speere vollstreckt.
Nach dieser interessanten Gerichtsverhandlung liessen wir uns von
Apollo und seinen Räten zum Könige führen (Tafel 3). Es ging zunächst
über einige Höfe, die durch hohe Umzäunungen voneinander abgetrennt
sind, an den Hütten der Leibwache vorüber bis zu einem hübschen
Parterrehause, in dem die junge Majestät residierte. Der 18jährige
König Daudi Chwa empfing uns auf das freundlichste, und wir mussten
auf den neben seinem Throne stehenden Fauteuils Platz nehmen. Die
Unterhaltung, die in englischer Sprache geführt wurde, betraf natürlich
in erster Linie unsere Reise. Bevor wir den König verliessen, ersuchten
wir ihn noch, eine photographische Aufnahme von ihm machen zu dürfen,
was er mit besonderem Wohlgefallen gestattete.
Dann ging es in der Riksha wieder zurück nach Kampala und zu unserem
Dampfer. Die im Laufschritt die Wagen ziehenden und schiebenden
Eingeborenen benötigten für den ganzen Weg von 11 Kilometern, der
ohne jede Rast zurückgelegt wurde, nicht mehr als 40 Minuten. An Bord
des „Winifred“ verbrachten wir den Abend noch in Gesellschaft der
kleinen in Kampala ansässigen deutschen Kolonie, und im Morgengrauen
des nächsten Tages führte uns der Dampfer nach +Jinja+, wo wir in der
Mittagsstunde eintrafen.
Jinja, die Hauptstadt der Zentralprovinz Ugandas, ist eine noch kleine
Ansiedlung, hat aber jedenfalls eine grosse Zukunft vor sich (Tafel
3). Sie liegt auf hügeligem Terrain und vermittelt namentlich den
Verkehr aus dem Innern der Zentralprovinz, teils von Mbale im Osten,
teils von Kiogaten im Norden her, wohin auch binnen kurzem die bereits
im Bau begriffene Eisenbahn führen wird. Es besteht auch schon das
Projekt einer Ausnützung der in der Nähe gelegenen Riponfälle zur
Erzeugung elektrischer Kraft, sowie der Anlage von Baumwollspinnereien
und anderer Industrien, so dass die Bedeutung dieses Ortes, in dem
sich heute neben den Eingeborenenhütten nur sehr wenige englische
Regierungsgebäude befinden, binnen kurzem sehr steigen wird.
Unser Dampfer legte an dem weit in den See hineingebauten Hafendamm
an, was uns bei der Ausladung unseres umfangreichen Gepäckes sehr zu
statten kam. Vom Regierungsbeamten, der uns bei der Landung erwartete,
war uns ein vom Hafen einen Kilometer entfernt gelegener Lagerplatz
angewiesen worden, auf dem sich auch eine grössere Hütte befand, die
sonst der Abhaltung von Gerichtsverhandlungen diente. Bei der Ausladung
und Ueberführung des Gepäckes auf den uns zugewiesenen Camp sorgten die
sechs Askari, die uns von hier aus bis Mbale zur Verfügung gestellt
wurden, schon sehr stramm für die Aufrechterhaltung der Ordnung und
Disziplin. Nachdem das ganze Gepäck untergebracht worden war, begannen
die Träger mit dem Aufschlagen der Zelte, die Boys stellten die Betten,
die Wasch- und Badeapparate auf, und nach wenigen Stunden konnten wir
unser erstes afrikanisches Lager beziehen.
Wir waren da angelangt, bis wohin der Reisende noch vor wenigen
Jahren in Mombassa eine grosse Karawane ausrüsten und eine bewaffnete
Eskorte bestellen musste. Dann trat er die Reise zum Viktoria Nyanza
erst recht noch mit dem Bewusstsein an, fast ein halbes Jahr lang
sich den Weg durch die Wildnis bahnen zu müssen, in der sich ihm eine
Fülle von Entbehrungen, Gefahren und Schwierigkeiten entgegenstellte.
Viele zogen aus, um lange vor dem Ziel wieder umkehren zu müssen oder
überhaupt nicht mehr zurückzukommen. Heute gelangt der Afrikareisende
ungefährdet und ohne Strapazen nach Jinja, und erst hier beginnen, wenn
er sich nach dem Norden wenden will, die Schwierigkeiten.
Leider hatten wir -- schon seit Nairobi -- fast täglich ausgiebigen
Regenfall, wodurch nicht nur der Boden vollständig durchweicht,
sondern auch die ohnehin mit Feuchtigkeit vollgesogene Seeluft noch
weniger zuträglich wurde. Dazu hat Jinja ein bekannt schlechtes
Klima, und das ganze Gebiet ringsum längs des Seeufers ist wegen der
Glossina palpalis gesperrt. Unser Lager wurde auch aus diesem Grunde
in ziemlicher Entfernung vom Seeufer aufgeschlagen. Es empfiehlt
sich hier auch stets, niemals alte Lagerplätze aufzusuchen, da diese
gewöhnlich den Sitz der Rückfallfieberzecke (Ornithodorus monbata)
bilden, die auf dem ganzen Wege von Jinja bis Mbale verbreitet ist und
deren Stich in den meisten Fällen tötlich wirkt, zum mindesten aber
schwere Augenentzündungen, Gesichtslähmungen und auch Erblindungen
zur Folge hat. Ausser dem Rückfallfieber und der Schlafkrankheit hat
man hier auch stets mit der Malaria und Dysenterie zu rechnen, und
es ist nötig, sich gegen alle diese Krankheiten mit der grössten
Vorsicht zu schützen. Es ist das Verdienst Dr. Stiglers und seiner mit
pedandischer Strenge vorgeschriebenen Massregeln, dass wir alle trotz
einiger vorübergehender Erkrankungen doch heil und gesund nach Europa
wieder zurückkehren konnten. Gegen die Uebertragung der Malaria durch
den Stich der Anopheles wandten wir, seitdem wir afrikanischen Boden
betreten hatten, das prophylaktische Rezept Professor Dr. Kochs an,
wöchentlich an zwei aufeinanderfolgenden Tagen je ein Gramm Chinin zu
nehmen. Der Gefahr der Dysenterie begegneten wir durch grösste Vorsicht
dem Wasser gegenüber. Unser einziges Getränk war von Jinja an nur
Wasser, oft in den schmutzigsten Farben, aber vor dem Genusse stets
durch Filz gefiltert und abgekocht. Es ist dies eine unerlässliche
Bedingung, die von vielen in Afrika lebenden oder reisenden Europäern
nach einer gewissen Zeit leider nicht mehr strenge eingehalten wird.
Ein sehr grosser Teil der Erkrankungen und Todesfälle an Dysenterie
ist dieser Nachlässigkeit zuzuschreiben. Ebenso wichtig ist auch die
Vorsicht bezüglich der Reinhaltung aller mit Speisen und Getränken in
Berührung kommenden Gefässe, und diese müssen daher immer mit kochendem
Wasser gewaschen werden.
Am Tage nach unserer Ankunft in Jinja versorgten wir uns mit einer
Menge von Tauschartikeln, deren wir für unsere weitere Reise nicht
entbehren konnten, und schufen uns vier Trägerlasten „Amerikani“ --
einen leichten, bei den Eingeborenen sehr beliebten Baumwollstoff --
an, ferner drei Lasten Eingeborenentabak, eine Last weisse und blaue
Perlen (70000 Stück), dann Messer, Spiegel, Eisen- und Messingdraht
und ähnliche Sachen, die die Neger gerne in Tausch nehmen. Ausserdem
ergänzten wir noch unseren in Nairobi angeschafften Vorrat an
Bordeaux-Wein und Champagner, die für den Fall von Erkrankungen
bestimmt waren, und nahmen einige Flaschen Whisky für unseren
abendlichen Tee mit. Spät nachmittags machten wir einen Ausflug zu den
nahegelegenen Riponfalls, die den Abfluss des Viktoriasees bilden und
früher fälschlich als Quelle des Nils gegolten haben (Tafel 5). In
einer Breite von 150 Metern stürzt eine enorme Wassermenge aus einer
Höhe von 10 Metern tosend und brausend über mächtige Felsen und gibt
inmitten der hügeligen Landschaft, des breiten Flussbettes mit seinen
Klippen, kleinen Inseln sowie den vielen Vögeln, den Krokodilen, die
die Flussufer beleben, ein schönes Naturschauspiel, das nicht aus der
Erinnerung schwindet.
Meine Absicht, in Jinja mit den kartographischen Arbeiten zu beginnen,
konnte ich erst am folgenden Tage verwirklichen, an dem mir heller
Sonnenschein auch eine astronomische Längen- und Breitenbestimmung
ermöglichte. Meinen Standort hatte ich in der Nähe eines alten,
dickstämmigen Baumes gewählt, unter dem der frühere, ob seiner
Grausamkeit bekannte Uganda-König Muanga Gericht gehalten hatte. Von
wilden Tieren zerrissen zu werden, Abtrennung der Hände und Füsse waren
gewöhnlich die Strafen für Schuldige und -- wohl auch für manchen
Unschuldigen. So hatten wir in Entebbe einen Eingeborenen gesehen, dem
Hände und Füsse abgehackt worden waren, weil er eine der vielen Frauen
des Königs entehrt haben soll.
In Jinja standen für uns, wie uns der englische Regierungsbeamte gleich
bei unserer Ankunft mitteilte, 150 Träger bereit. Da er uns aber
gleichzeitig auch sagte, wir sollten dieselben so rasch als möglich
von Jinja abmarschieren lassen, da sonst viele wieder davonlaufen
würden und sie auch ausserdem diebisch veranlagt seien, liess ich die
anderthalb Hundert sofort von Dr. Stigler untersuchen. Hierbei stellte
es sich heraus, dass ein grosser Teil dieser ziemlich schwächlichen
Leute, die vom Stamme der Busoga waren, Lues hatte, so dass nur eine
kleine, für uns viel zu geringe Anzahl von Gesunden übrig blieb. Am
nächsten Tage wurde uns daher abermals ein grösserer Trupp gebracht,
aus dem wir die Geeigneten auswählten, und so konnten wir schliesslich
110 Träger unter zwei Heatmans und den Askari mit einem Teil unseres
Gepäckes nach dem von Jinja 28 Meilen weit entfernten Jganga
abmarschieren lassen. In Jinja nahmen wir Abschied von dem Engländer
Donald Angier, einem ausserordentlich liebenswürdigen Gentleman, der
uns von Entebbe bis hierher begleitet hatte und uns in jeder Beziehung
behilflich war.
Tags darauf, es war der 27. November, verliessen auch wir mit den
Nairobiträgern das Lager, das infolge der fortwährenden Regengüssse
vollständig durchnässt und äusserst ungesund war. Bis Mbale trug
uns ein Deutscher, den ich in Kampala kennen gelernt hatte und der
schon viele Jahre in Uganda lebte, seine Begleitung an und war uns
bei Beschaffung der Lebensmittel, der Träger usw. schon in Jinja
recht hilfreich an die Hand gegangen. Beim Abmarsche wäre Dr. Stigler
bald verunglückt. Sein Maultier, das auf dem durchnässten Boden
ausrutschte, warf ihn ab und schlug mit aller Kraft gegen die linke
Hüfte Dr. Stiglers. Der Schlag aber wurde durch dessen breite Geldbörse
abgeschwächt, so dass der Unfall noch recht glimpflich verlief.
_AUFBRUCH DER KARAWANE._
_Auf der Strasse nach Mbale / Mit Frau und Kind auf der
Inspektionsreise / Zwei Elefantenwilderer / In Jganga / Zwischen
Bananen- und Gummiplantagen / Der Strassenbauingenieur /
Leopardenbesuche / Durch den Mpologama-River / Ein Nachtmarsch bei
Mondlicht / Beginn der Berglandschaft._
Von Jinja aus marschierten wir zunächst in nordöstlicher Richtung.
Alles war in bester Stimmung, besonders wir Europäer, da nun nach
den sechs Wochen, die wir von unserer Heimat schon fern waren,
endlich die eigentliche Safari (Reise) in ein Gebiet begann, in dem
es keine Eisenbahn mehr gab, keine europäische Kultur, und in dem
wir vollständig auf uns selbst angewiesen waren (Tafel 6). Der Weg
führte uns auf ansteigendem Terrain durch Bananenanlagen, an vielen
Eingeborenen-Niederlassungen entlang, wo uns Männer und Weiber mit
einem kräftigen „Jambo!“ begrüssten. Unsere wackeren Nairobiträger
waren trotz der an 60 Pfund schweren Lasten auf ihren Köpfen und des
rutschigen, durchweichten Bodens, der ein sicheres Gehen fast zur
Unmöglichkeit machte, bei bester Laune und hörten nicht auf, zu singen
und zu lärmen. Bei Eintritt des Abends erreichten wir die erste Station
mit einem Rasthause. Wir benutzten dies jedoch nicht, sondern schlugen
mitten auf der Strasse unsere eigenen Zelte auf. Schon um 5 Uhr morgens
wurde zum Aufbruch geweckt, aber es währte noch zwei Stunden, bis
sich unsere Karawane in Bewegung setzte, an deren Spitze ich selbst
auf dem Maultiere ritt, das ich um den hohen Preis von 375 Rupien dem
Postmeister in Jinja abgekauft hatte. Das Tier sollte aber dafür nach
der Erklärung seines früheren Besitzers vollständig immun gegen den
Stich der Tsetsefliege sein und war ausserdem auch ungemein stark und
ausdauernd. Hinter mir marschierten vier Träger mit den Instrumenten
für die kartographischen Aufnahmen. Ursprünglich beabsichtigte ich,
schon von Jinja an eine genaue Karte des von unserer Expedition zu
durchziehenden Gebietes anzufertigen, ich konnte diesen Plan aber erst
von Mboa an -- eine Tagesreise von Mbale -- verwirklichen, da bis
dorthin das flache, mit hohem Gras besetzte und keinerlei Höhenpunkte
aufweisende Terrain Aufnahmen mit dem Phototheodoliten sehr schwierig
und zeitraubend gestaltet hätte. Da übrigens von dem Gebiete zwischen
Jinja und Mbale bereits Kartenskizzen vorlagen, hatte ich nicht viel
dabei verloren.
Die breite Strasse bis Mbale zeigt noch grossen Verkehr, und wir
begegneten auf ihr auch dem Provinzialkommissär von Jinja, der mit
Frau und Kind von einer Inspektionsreise zurückkehrte, er selbst auf
dem Zweirade, die Frau und das Baby in einer bequemen Riksha. Bald
darauf trafen wir wieder Europäer, die zwei bekannten Elefantenjäger
Moore und Johnson. Man hatte uns von diesen schon in Jinja erzählt und
uns gesagt, dass wir von ihnen vielleicht Auskünfte über die Gebiete
erhalten könnten, die wir bereisen wollten. Aus dem Gespräch mit ihnen
entnahmen wir aber bald, dass sie nur die Route zwischen dem Mont Elgon
und Mont Debasien kannten, auf der die alte Karawanenstrasse nach
Manimani führt und die für uns von keinem Interesse war. Die beiden
waren übrigens sehr niedergeschlagen, da man ihnen, wie wir später in
Mbale erfuhren, nicht weniger als 70 Paar Elefantenzähne konfisziert
hatte. Sie stammten von weiblichen Elefanten, und den Angaben der
beiden, dass sie das Elfenbein von Eingeborenen eingetauscht hätten,
schenkte man keinen Glauben. Man kannte sie schon zu gut als zwei
verwegene Wilderer, die keinen Augenblick zögern, ganze Herden
weiblicher Tiere zu vernichten, um sich in den Besitz des wertvollen
Elfenbeins zu setzen, das in diesen Gegenden bares Geld ist.
Um zwei Uhr nachmittags erreichten wir mit den ersten Trägern bei
strömendem Regen +Jganga+, und erst um vier Uhr war der Rest der
Karawane hungrig und müde vor unserem Rasthause eingetroffen.
Dieses Rasthaus ist infolge des hier so häufigen Auftretens der
Rückfallfieberzecke mit grosser Vorsicht angelegt. Es erhebt sich auf
Holzsäulen, so dass der Fussboden der Hütte, die einigen Betten bequem
Raum gibt, ungefähr 1 m 20 cm über dem natürlichen Niveau gelegen ist.
Eine horizontale Blechabdachung der Säulen unter den Schwellen, auf
denen die Hütte gebaut ist, macht den Zecken das Eindringen in das
Wohnhaus unmöglich. Unsere Träger quartierten sich in den rings um das
Unterkunftshaus stehenden Strohhütten ein, die übrigens -- auch wegen
der Spirillumzecke -- fast alljährlich niedergebrannt und wieder neu
aufgebaut werden.
[Illustration: _Kigelia aethiopica auf dem Wege nach Mbale_]
[Illustration: _Mbale_
_Tafel 6_
]
+Jganga+ ist eine grössere Eingeborenen-Niederlassung, in der sogar
einige Inder ihre Kaufläden errichtet haben, wo die notwendigsten
Lebensmittel sowie Tabak und billige Baumwollstoffe erhältlich
sind. Unsere Träger -- die in Jinja angeworbenen und hierher
vorausgeschickten Busogaträger hatten uns hier erwartet -- wurden
mit Mehl und Bananen versorgt, und auch wir Europäer liessen unsere
Konservenbüchsen verschlossen, da wir noch genug frische Eier, Hühner,
Milch und Schaffleisch zu kaufen bekamen.
Am nächsten Tag frühmorgens ging der Marsch weiter. Die breite Strasse
führte durch prächtige Bananen- und Gummiplantagen, überall kamen
wir zu Eingeborenendörfern, und die Träger erwiderten mit grosser
Lebhaftigkeit die Jamborufe, mit denen sie von den Eingeborenen
begrüsst wurden. Jinja ist mit Mbale durch eine Telegraphenleitung
verbunden, deren Säulen längs der Strasse in hohem Elefantengras stehen
und wegen der Feuersgefahr aus Eisen hergestellt sind. Hinter Jganga
sahen wir aber auch solche aus ungeschälten Baumstämmen, die den ganzen
Schaft hinauf Zweige vom üppigsten Grün getrieben hatten. Nachmittags
trafen wir in +Bugueri+ ein, wo wir vom Häuptling und seinem Staat
empfangen und mit Milch, Eiern und Hühnern beschenkt wurden. Gegen
Abend wurde abgekocht, und dann führten die Träger ihre Tänze auf,
die von eigenartigen Gesängen und vom Händeklatschen der Nichtsänger
begleitet wurden.