Elftes Kapitel

Doch ich kam wieder. Im Frühling zog ich wieder die Via Tornabuoni

hinab, sicheren Schrittes auf den Arno los. Als wäre sie mein, diese

Stadt. Blumen gehörten jetzt zu ihrem Bilde. Es war die Mode der weißen

Handschuhe. Diese weißbehandschuhten Hände trugen alle Blumen.

Blumenbüschel schossen an allen Straßenecken auf, und wohlfeil war die

Anemone; und die gelben Sonnenkelche, die Narzissen, die hochgehißten,

fast wilden Sträuße der Mimosen. Mein waren auch die Düfte dieser Stadt,

die über die Brücke hinschlugen, ihre erste Hitze und ihr erstes Grün.

Jedoch mein Reiseziel war Rom. Und erfahrener kam ich wieder als im

vergangenen Jahr. Ich hatte alles mitgenommen dieses Mal. Am blauen

Seidenbande, im rosa Seidensäckchen eingenäht baumelten deutsche Zechini

mir vom Halse, die mir den Himmel öffnen sollten über Rom. Ich griff

nach ihnen: sie waren immer da. Auch der Gürtel mit der hohen Schließe,

immer aufs engste zugeschnallt, war eine Garantie. Und wieder einmal

fand ich das Leben eine schöne und merkwürdige Erfindung, unerschöpflich

an Genüssen. Denn die Wunder Gottes waren nicht allein. Die Menschen

hatten ihnen die Wunder ihrer Architektur und ihrer Musik, die Wunder

solcher Städte zugesellt: diesen Turm der Signoria zum Beispiel in

seiner direkten Beziehung zu den Wolken. O wie er sich reckte! wie er

aufflog zu ihnen.

Der Dom warf sich auf gleich einem Berg. Er warf Schatten gleich einem

Berg. Enge Gassen liefen auf ihn zu. Plätze gaben seinen himmellangen

Seitenwänden das Geleit; Straßen folgten ihnen von fern. In der

Buntheit, in der fließenden Glätte seines Gesteines pochte Gesang. Was

funkelte da in der Bläue des Tages über die Dächer der Stadt? der Hügel

Fiesoles, vielgekrönt, reich an Erinnerungen.

Marys Haus war geschlossen, aber sie und ihr sommerlicher Bruder

erwarteten mich in Rom; morgen, alle una mit dem direttissimo ... Alle

Hotels waren überfüllt. Man hatte mir eine Pension sehr angelegentlich

empfohlen, die mir außerordentlich mißfiel; in einem modernen Viertel

gelegen mit feudalen Mietsparteien in den unteren Etagen, von welchen

sie ihren Leumund bezog, vier Treppen hoch, die immer steiler und kahler

wurden.

Wer aber beschreibt den Speisesaal?

Fünfundvierzig – ich hatte sie gezählt – fünfundvierzig alte

Engländerinnen, alte Fräuleins, alte gezierte Schachteln sammelten sich

hier um die Essenszeit mit fürchterlicher Pünktlichkeit zu Hauf, nahmen

vor kleinen Tischen Platz und boten einen empörenden Anblick. Denn alte

Frauen sind wie Topfpflanzen aufzustellen, ja, und auch zu hegen, aber

sie gehören nicht in Sträuße wie die Zentifolie. Und nicht nur mit ihren

fünfundvierzig Teekännchen, die Damen waren auch samt und sonders mit

den Photographien der Primavera und des Konzertes von Giorgione

vermählt. Der melancholische Mönch, ohnehin das Symbol aller Verzichte,

mußte daran glauben.

O diese bornierten Stirnen, so untergeordnet und so ladylike, diese

zufriedenen Ohrmuscheln, diese phantasielosen Fingerknöchel, die

Monotonie dieser Münder, die alle dasselbe aßen, alle ohne Variante

dasselbe sagten; England, mochte es über den ganzen Erdball siegen,

England war blamiert mit ihnen! Mein Gegenüber war von einer so

housekeeperhaften Manierlichkeit, sie war so schrecklich fein, daß ich

jetzt beide Ellbogen aufstützte, um weiter zu essen – als die

sechsundvierzigste Engländerin in Begleitung eines Reverend unter die

Türe trat. Mit ihrem vornübergeneigten Kopf, der breiten und mächtigen

Nase, der braungelben Färbung, der langen und ungefähren Gestalt, trat

sie wie der aufrechte Genius der Sardine einher.

„Wer ist das?“ fragte ich unwillkürlich.

Meine Tischgenossin hätte meinen Ausruf lieber ignoriert, aber dann

siegte der Wunsch, mich zu belehren: „First cousin to Lord Sullivan“

beschied sie kurz. Hatte ich denn schon einen Lord oder die erste

Cousine eines Lords getroffen? Geschah es nicht zum ersten Male, he? War

ich denn von good family? Schwerlich. Sie richtete ihre Jammerbüste auf.

„Armer Lord Sullivan,“ bemerkte ich. Der Reverend trug einen Band Ruskin

unter dem Arm, er scheute sich nicht, Hahn in diesem Schauerkorb zu sein

und nahm gegenüber the Honourable Sardine Platz. Unter ihrem Vorantritt

verfügte man sich dann in den Salon. Es tagte noch. Ich floh ins Freie,

der Via Tornabuoni zu. Dort konnte man hübsche, junge, leichtsinnige

Kokotten sehen, das Hütchen lustig hinausgeschoben oder kecker noch

hereingesetzt. Und harmloser, unschuldiger muteten sie an, als die

geschützte Kohorte der Pension Malocchio. (Schon, o schon nannte ich sie

so.) Und sie taugte nichts, die miese, zufällige Jungfräulichkeit der

gealterten Schar dort oben, eine gezogene Niete nur, unheilig auch sie.

Süß aber war die Vergessenheit dieses Abends. Ich ging in einer

Rosenwolke. Der Frühling hatte einen wilden Tag gehabt. An wie viel

Hängen brach er heute aus! Den kühlsten Gründen nicht mehr neu. Zwischen

schweren Blättern drückten sich die Blumen vor. Jetzt ging er zur Ruh.

Es stand ihm eine aufgeregte Nacht bevor. Der Mond war voll. Schon

steigerte sich das Gebüsch. Ich sah ihm an, wie es sich bereitete. Vor

dem Hôtel de Ville machte eine offene Droschke halt: schmale Schuhe, die

schnell Fuß auf der Erde faßten, eine rasche Gestalt: „Wahrhaftig Sie

sind es!“ rief die Dame.

Es war die eine Hälfte jenes Hochzeitspaares, das zu Mary Coroughdeen

gekommen und dann nach Neapel gefahren war. Der Mann befand sich jetzt

in England infolge eines Trauerfalles, und sie wartete in Florenz auf

seine Wiederkehr. So kam ich ihr wie gerufen.

„Aber ich fahre morgen nach Rom.“

„Das dürfen Sie nicht! Sie dürfen mich nicht so verlassen. Warten Sie

nur noch drei Tage und ich komme mit Ihnen.“

„Meine Pension“, sagte ich, „ist wirklich zu greulich.“ – „Neben mir

wird morgen ein Zimmer frei,“ rief Eleonor. Sie lief in die Halle. Ich

wollte ihr folgen. Da war sie zurück. „Es ist schon reserviert!“ rief

sie mir zu und zog mich wieder ins Freie.

Es paßte mir nicht recht; ich wollte doch nach Rom, aber sie war so

willensstark. Arm in Arm streunten wir nun durch die Straßen, und ich

erzählte ihr alles. Ich trug den vorfrüh gekauften Hut. Wir lachten, und

ich aß noch einmal zur Nacht. Ich skizzierte ihr die Schreckensschar und

den Reverend in ihrer Mitte. Eleonor sagte: „Wir haben in Venedig eine

Wohnung gemietet, an der Giudecca, und Sie müssen uns dort besuchen.“

„Schön, schön“, sagte ich. Quer über den Platz kam ein Bekannter auf uns

zu, und ich nahm eine Einladung für den nächsten Abend von ihm an.

Die Steintreppen zu meiner Pension jedoch nahmen wieder einmal kein

Ende. Aber morgen hatte mich ja das Stift gesehen. Auf immerdar!

Spitzbögen · 第 15 / 22 题