Mein Zimmer trug die Nummer 19. Es war häßlich, sah auf einen unwirschen
Hof hinaus und lag abgetrennt am äußersten Ende eines langen Ganges.
Häßlich, rot, grob, breitschrötig und cholerisch war auch die Magd, die
mir das heiße Wasser und das Frühstück brachte. Aber schon um neun Uhr
wollte Eleonor mich holen, um nach Santa Maria Novella zu gehen.
Ostersonntag! und ein lichter Himmel über dem düsteren Hof. Mir gleich
endgültig aus den Augen, so daß ich nicht umhin konnte, ein wenig hin
und her zu summen. Nur so eine kleine Barkarole, von der schönen Luft,
die hereinwehte, getragen und wie von Märzbechern eingeläutet. Es war
noch früh, aber ich störte niemanden. Das Zimmer hatte keine Nachbartür.
Die Fülle der Glocken über alle Dächer hin! Mein Herz war leicht. Jetzt
nur noch das seidene Säckchen über den Kopf gezogen, und ich stand
bereit. Nachts pflegte ich es unter das Kissen zu legen und nun hätte
ich es schier vergessen. Aber dort lag es nicht mehr. Wie zerstreut ich
doch heute war. Ich hatte es ja auf das Tablett gelegt. Aber das hatte
man schon abgetragen. Ich läutete. Niemand erschien. Ich läutete in
rascher Folge wieder, und verdrossen kam die Magd herein. Ich schickte
sie nach der Küche, nach dem Tablett zu schauen. Sie ging. Zitternd
stand ich vor dem Spiegel und starrte mich mit blutlosen Lippen selber
an, riß das Kleid von neuem auf, aber das blaue Band hing mir nicht an;
griff mich ab, die Stätte war leer. Die Person kam wieder: „Non c’è“,
sagte sie. „Si c’è“, rief ich in heller Verzweiflung. Ihr rotes Gesicht
wurde noch dunkler. Sie trat in den Gang hinaus und kam mit einem Manne
wieder, Hausdiener oder Portier, jedenfalls ihr geschworener Freund.
„Non c’è“, bekräftigte er. „Non è vero“, sagte ich. Da traten beide
näher. Die Worte „gettarla fuor dalla finestra“ drangen an mein Ohr und
ließen mich blitzartig die Situation übersehen, so daß ich mich wohl
hütete, von dem Fenster wegzurücken, vor dem ich stand, denn wir waren
ohne Zeugen. Warfen sie mich in ihrer Wut hinab, so konnten sie
beteuern, ich hätte mich selbst hinuntergestürzt. Der Gedanke an den
Freispruch, der ihnen zuteil würde, entwickelte in mir den Furor eines
Löwen. „Ich gehe jetzt auf eine Stunde fort“, sagte ich, als hätte ich
freie Bahn. „Mittlerweile suchen Sie gefälligst das ganze Zimmer durch,
dann wird der Sack sicherlich zum Vorschein kommen.“ Mit diesen Worten
wandte ich mich der Türe zu, allein die zwei blieben drohend vor mir
aufgepflanzt und ließen mich nicht durch. Was wollten sie? „Man kommt“,
sagte ich triumphierend. Eleonor trat ins Zimmer. Meine beiden Schergen
verließen es alsbald.
„Was ist?“ rief sie und fing mich auf. Denn die zurückgedrängte Angst
machte sich wie ein giftiger Nebel über mich her, jetzt, da Eleonor mir
zur Seite stand. Sie duldete nicht, daß ich dies Haus noch einmal
betrat; lieber sollte mein Koffer zurückbleiben, die Handtasche trugen
wir gemeinsam durch den leeren Gang. Niemand zeigte sich. Wir gingen die
Stiegen hinab, warteten auf einen Wagen und fuhren ins Hôtel de Ville.
Ein reizendes und neu tapeziertes Zimmer wartete da meiner, allein mir
blieben siebenundvierzig Lire, und ich fuhr mir ans Herz, als hätte es
einen Sprung.
O Kirche von Santa Maria Novella! Welch verwirrtes und bebendes Gemüt
entließen an diesem Ostermorgen deine heiligen Pforten! Aber war mir
nicht von neuem der Weg nach Rom verschüttet, wenn der Sack verloren
blieb? Was flogen die Vögel so hoch?
Und warum erspähte Eleonor den Schutzmann, der gelangweilt auf dem
Platze stand! Was radebrechte sie da mit ihm? War es nicht verfrüht, ihn
heranzuziehen? Er mußte ein Neuling sein, denn seine Bereitschaft war
nicht gering. „Chè,“ sagte er, „kriegen wir, kriegen wir,“ und machte
sich voll Eifer auf den Weg.
Eleonor war guter Dinge. Sie hatte einen Brief, der ihr die Rückkehr
ihres Mannes anzeigte. „Ich habe das bestimmte Vorgefühl, daß Sie heute
abend wieder im Besitz Ihres Sackes sind“, so sagte sie. „Wie sind denn
im allgemeinen Ihre Vorgefühle?“ „Immer richtig! Man kann immer darauf
gehen.“ Doch ich atmete wie ein Asthmatiker. „O Sie sind langweilig“,
rief sie aus, „wo wollen wir essen?“ Im Hotel wartete schon der
Polizist, zwar ohne Sack, aber mit zufriedener Miene. Die Magd befände
sich hinter Schloß und Riegel. Indes stelle sich die Pension auf ihre
Seite und verweigere die Herausgabe des Koffers. Die Magd leugnete
nämlich. Daher die Repressalie. Dann ging er.
Ein Abendfähnchen war alles, was mir blieb, außer dem Kleid, das ich
trug. Es dunkelte. Mir schauderte vor dem Anblick meines Fensters, es
war hochgelegen, wie das von heute morgen. Ich zündete alle Lichter an.
Auch über dem großen Spiegel war ein Kontakt. Er warf mein Bild zurück.
Und wieder starrte ich mich selber an, als könnte ich nur mir selbst
meine Bedrücktheit anvertrauen. Ich stand mit siebenundvierzig Lire und
ohne Koffer da. Dies waren die Tatsachen; mochte Eleonor sich mit noch
so guten Vorgefühlen tragen.
Der Mond war heute voll. Welch Geraune wohl und welch ein Rausch in den
Cascinen. O daß in den Tiefen des Gezweiges vielleicht sich regte der
Rhapsode unserer Ekstasen! Vielleicht entströmte ihm das erste Gold
erträumten Grams, und schlugen Bangigkeit und Wonne der Verliebtheit in
seiner Kehle an. Leid und Verliebtheit der Nachtigallen nur? O nein, der
Götter und der Menschenherzen.
Langsam fing ich an, mich für den Abend umzukleiden. Meine
emporgerichteten Arme, im Raume gesehen mit den hellbeschienenen Händen
in der Luft, bannten meinen Blick wie Bruchteile einer Statue und
anderer Wesenheiten teilhaft als nur des Ichs. Solche Gedanken entsandte
der Spiegel als letzte Labsal, letzte Stärkung dieses Tages ...
„Wann zeigst du dich in deinem Glanze?“ lachte Eleonor herüber. Als
Antwort ein wilder Schrei. Was hatte ich gesehen? Was zeigte sich mir
da? Sie stürzte herein, wähnend, meine Kleider steckten in Brand. Ich
hatte sie noch nicht angelegt. Was nun auch sie erblickte, war ein
Gegenstand in meiner rechten Hand: ein blaues Band an einem Ende
losgerissen, von dem ein schweres Säckchen herunterhing. Es war mitsamt
dem Bande bis zum Gürtel hinabgerutscht, hinter der hohen, nach innen
ausgebuchteten Schnalle platt gedrückt. Und das Mädchen im Gefängnis.
„Fliehen Sie, fliehen Sie!“ war Eleonors Schreckensruf, und sie verließ
das Zimmer. Zitternd und ungefähr zog ich mich an und lief aus dem
Hause.