Viertes Kapitel

Am nächsten Morgen war der Himmel so rein und licht, nach allen

Richtungen sah man nur seine sonnige Bläue, als könne er sich gar keiner

Stürme entsinnen, als schiene er über eine ungetrübte und unsterbliche

Welt, und als seien alle ihre Grausamkeiten, ihre Morde und ihre

Schiffbrüche und ihre zerrissenen Herzen ephemer; so tilgte er sie; so

stellte er leuchtend alles wieder her. Ich bin der Himmel, ich bin blau!

lachte, tröstete er.

Doch ich ging traurig meine Florentinische Straße, die in weiten

Schleifen und so einsam den Hügeln entlang zog. Mir galt sie nichts,

diese Sonne. Den Gram der Jugend lindert sie nicht. Unter ihren

Lockungen verschärft er sich nur, und richtet sich heftiger auf.

Wo nur hatte ich den Mut genommen, erwartungsvoll zu bleiben? Wie war es

meiner Freundin Amarant von Binnenlöhr gegangen, der zum Glück

Berufenen? Aber vielleicht war es so, daß die Menschen wie die Monate

des Jahres gewissen Jahreszeiten unterstehen. Wie auch die jüngsten

Bäume sich im Herbst entlauben müssen, so hatte sich der frostige Tod

über meine Freundin Amarant geworfen und ihrer langen Wimpern nicht

geachtet, sondern sie hingemäht wie einen Greis. Nie war ein Verdacht,

eine Witterung in uns gewesen, sie könnte eine Gezeichnete sein. Dies

war der Fehler. Denn wie Metalle den Blitz anziehen, so streben die

Begebenheiten einzuschlagen, wo kein Argwohn entgegenwirkt ... So war

Amarants Roman unermüdlich ausgesponnen worden, und nicht einen von uns

hatten je diese knospenden Augen, diese frischen Zähne, diese

schimmernde Haut an die Möglichkeit ihres nahen Todes gemahnt.

Hatte ich ihn schon vergessen? – sie war dahin, aber meine Wünsche und

Hoffnungen tangierte dies nicht, und für mich beanspruchte ich nach wie

vor das Glück. Ja, für mich sollte es einherrauschen und überfließen,

war auch Amarant dahin.

Glaubte ich dies wirklich! Ach nein! – Nicht der Vision des

durchsichtigen Baches, noch des Vergißmeinnichtes, das tauumfeuchtet im

Waldesschatten seine blauen Bänke wie holde Schrecken zieht, noch des

mächtigen Gartens, in welchem nur die kleinen edlen Vögel zu finden

sind, weil ihn die Nachtigallen jährlich übervölkern und dessen

reichgekrönte, von Putten so belebte Balustraden, dessen Statuen uns

ergreifen und dessen Rosenbeete, dessen Rosenstauden von den Strahlen

des hohen Springbrunnens weithin verschleiert stehen – nein, nicht von

solchen Bildern war mein Leben überhangen. Weitab von ihnen würde meine

Straße ziehen, leer abbiegen, wo sie sich nur zeigten, mein ganzes Leben

würde werden wie diese Reise: Enttäuschung und Verdruß.

Daß ich San Gervasio um eine Sekunde zu spät erreichte, bestärkte mich

noch in dem Glauben, denn Schlüsse, mörderische wie gute, konnte ich

ziehen wie keine. Der kleine elektrische Zug fuhr gerade davon. Da stand

ich also und sah zu den Türmen und der magischen Kuppel des Domes

hinüber. Hinter mir rollte ein Wagen; ich wich ihm nicht aus. Mein

durchwühltes Herz war in eine wilde Senkung geraten. Doch die Pferde

trabten fröhlich abseits, das flockige Weiß eines seidenen

Sonnenschirmes hob und senkte sich, darunter ein Lachen so abgetönt, so

leicht umflort, so unbeschwert, daß ich den Trübsinn, dem ich noch eben

frönte, weit zurückwies und mich seiner schämte. Denn Frau Coroughdeen

war es, die ihre großen Augen verwundert auf mich richtete und die

Pferde halten ließ. Ihr Wagen war es, in den ich sprang und einen

Augenblick später den Hügel von Fiesole hinauffuhr. Matt wie

angehauchtes Silber rückte die profilierte Stadt von neuem in die Ferne.

Auch in mir war alles licht und blau geworden und konnte sich keiner

Stürme mehr entsinnen, als wäre alle Not und alle Trübsal eintägig. So

tilgte sie ein einziger Freudenstrahl in meinem freudegierigen Gemüt und

stellte alles wieder her. War auch Amarant dahin ...

Spitzbögen · 第 7 / 22 题