Am nächsten Morgen war der Himmel so rein und licht, nach allen
Richtungen sah man nur seine sonnige Bläue, als könne er sich gar keiner
Stürme entsinnen, als schiene er über eine ungetrübte und unsterbliche
Welt, und als seien alle ihre Grausamkeiten, ihre Morde und ihre
Schiffbrüche und ihre zerrissenen Herzen ephemer; so tilgte er sie; so
stellte er leuchtend alles wieder her. Ich bin der Himmel, ich bin blau!
lachte, tröstete er.
Doch ich ging traurig meine Florentinische Straße, die in weiten
Schleifen und so einsam den Hügeln entlang zog. Mir galt sie nichts,
diese Sonne. Den Gram der Jugend lindert sie nicht. Unter ihren
Lockungen verschärft er sich nur, und richtet sich heftiger auf.
Wo nur hatte ich den Mut genommen, erwartungsvoll zu bleiben? Wie war es
meiner Freundin Amarant von Binnenlöhr gegangen, der zum Glück
Berufenen? Aber vielleicht war es so, daß die Menschen wie die Monate
des Jahres gewissen Jahreszeiten unterstehen. Wie auch die jüngsten
Bäume sich im Herbst entlauben müssen, so hatte sich der frostige Tod
über meine Freundin Amarant geworfen und ihrer langen Wimpern nicht
geachtet, sondern sie hingemäht wie einen Greis. Nie war ein Verdacht,
eine Witterung in uns gewesen, sie könnte eine Gezeichnete sein. Dies
war der Fehler. Denn wie Metalle den Blitz anziehen, so streben die
Begebenheiten einzuschlagen, wo kein Argwohn entgegenwirkt ... So war
Amarants Roman unermüdlich ausgesponnen worden, und nicht einen von uns
hatten je diese knospenden Augen, diese frischen Zähne, diese
schimmernde Haut an die Möglichkeit ihres nahen Todes gemahnt.
Hatte ich ihn schon vergessen? – sie war dahin, aber meine Wünsche und
Hoffnungen tangierte dies nicht, und für mich beanspruchte ich nach wie
vor das Glück. Ja, für mich sollte es einherrauschen und überfließen,
war auch Amarant dahin.
Glaubte ich dies wirklich! Ach nein! – Nicht der Vision des
durchsichtigen Baches, noch des Vergißmeinnichtes, das tauumfeuchtet im
Waldesschatten seine blauen Bänke wie holde Schrecken zieht, noch des
mächtigen Gartens, in welchem nur die kleinen edlen Vögel zu finden
sind, weil ihn die Nachtigallen jährlich übervölkern und dessen
reichgekrönte, von Putten so belebte Balustraden, dessen Statuen uns
ergreifen und dessen Rosenbeete, dessen Rosenstauden von den Strahlen
des hohen Springbrunnens weithin verschleiert stehen – nein, nicht von
solchen Bildern war mein Leben überhangen. Weitab von ihnen würde meine
Straße ziehen, leer abbiegen, wo sie sich nur zeigten, mein ganzes Leben
würde werden wie diese Reise: Enttäuschung und Verdruß.
Daß ich San Gervasio um eine Sekunde zu spät erreichte, bestärkte mich
noch in dem Glauben, denn Schlüsse, mörderische wie gute, konnte ich
ziehen wie keine. Der kleine elektrische Zug fuhr gerade davon. Da stand
ich also und sah zu den Türmen und der magischen Kuppel des Domes
hinüber. Hinter mir rollte ein Wagen; ich wich ihm nicht aus. Mein
durchwühltes Herz war in eine wilde Senkung geraten. Doch die Pferde
trabten fröhlich abseits, das flockige Weiß eines seidenen
Sonnenschirmes hob und senkte sich, darunter ein Lachen so abgetönt, so
leicht umflort, so unbeschwert, daß ich den Trübsinn, dem ich noch eben
frönte, weit zurückwies und mich seiner schämte. Denn Frau Coroughdeen
war es, die ihre großen Augen verwundert auf mich richtete und die
Pferde halten ließ. Ihr Wagen war es, in den ich sprang und einen
Augenblick später den Hügel von Fiesole hinauffuhr. Matt wie
angehauchtes Silber rückte die profilierte Stadt von neuem in die Ferne.
Auch in mir war alles licht und blau geworden und konnte sich keiner
Stürme mehr entsinnen, als wäre alle Not und alle Trübsal eintägig. So
tilgte sie ein einziger Freudenstrahl in meinem freudegierigen Gemüt und
stellte alles wieder her. War auch Amarant dahin ...