Drittes Kapitel

Der Vorgang wurde erst wieder real, als ich etwas später als

allabendlich am Flügel saß. Die Hexe hatte ein Konzert von Mozart auf

das Pult gelegt und hörte stirnrunzelnd, mit drangsalierter,

angestrengter Miene zu. Über die Noten hin sah ich sie nach einer Weile

einen kühn gespitzten Bleistift hervorziehen, um ihre grauen,

abenteuerlichen Hirngespinste über den liebenswürdigsten Genius zu

vermerken. Es war grotesk, zu weit weg jedoch von aller Heiterkeit, um

komisch zu sein. Das Zimmer lag zu ebener Erde und mit einem Male

rauschte ein schwerer Regen darnieder. Konnte es sein, daß man sich hier

auf demselben Planeten befand, auf dem ein Wien und ein Salzburg stand?

Und nicht einmal fern! Zurück über die Alpen nach Rosenheim, oder man

stieg in Franzensfeste um und fuhr durchs Pustertal hin ...

Ich war durch die ausgestandene Emotion noch so stark in Schwingung

begriffen, daß sich mein geistiges Auge unversehens schärfen durfte. Es

sah, erfaßte, erriet, möchte ich fast sagen, zum ersten Male Mozart als

Phänomen, seine Gestalt im Raum, Geste und Wesen, alles in der Bewegung

und im Relief, aber mitten in der Luftschicht damaliger Zeit und alles

mit der Gewalt, der Plötzlichkeit des Erdstoßes. Es war ein Divinieren,

dessen tiefe Schauer mich von allem Nichtigen und aller Unaufmerksamkeit

befreiten. Jeder Takt offenbarte sich mir neu, ich drang verwundert wie

zwischen Säulen in mystische Hallen vor, oft betretene, die ich doch gar

nicht kannte, hinein in eine Welt, in der das Unsichtbare Form und Farbe

gewann, und die in ihrer Entrücktheit so leugbar und doch so vorhanden,

o so viel vorhandener war als die Stunde, die gerade schlug!

Die Hexe merkte keinen Unterschied in meinem Spiel. Sie hatte schon

viele Seiten vollgekritzelt; im Kamin zerfielen die verglühten Scheite

und die Kerzen waren herabgebrannt. Plötzlich hob sich da auch die

Flamme der auf dem Weg ausgestandenen Furcht. Der schon angezweifelte,

schon fast verworfne Vorgang motivierte sich, wurde ernst und

majestätisch, wie der gestirnte Himmel, unter dem er sich begab.

„Denken Sie, ich habe mich heute auf dem Heimweg gefürchtet,“ sagte ich,

als ich den Flügel schloß. Sie hob ihren kleinen Drachenkopf und sah

mich teilnahmlos an. Man konnte sich nicht vergegenwärtigen, daß sie

jemals ein Kind oder jung gewesen war, noch Vater und Mutter besessen

hatte. Der Blick, den sie mir zuwarf, schüchterte mich ein. „Es war

gewiß töricht,“ sagte ich. „Allerdings,“ erwiderte sie kalt. Sie mußte

es wissen; lebte sie doch seit vielen Jahren in dieser Gegend und war

mit ihr verwachsen. Italien, die Renaissance waren für sie das letzte

Wort – Toskana und seine Hügel die Endstation der Schöpfung. Sie

gebärdete sich selbst so gut es ging als Italienerin; nannte ihre

Mädchen Cara, den Gärtner Caro, aß, lebte, wohnte à l’italienne, plagte

ihr Pferd und litt keinen Hund.

Mit jedem Tage haßte ich sie mehr.

„Es ist spät,“ sagte sie.

Wir traten zusammen auf den Vorplatz. Hier blies die Zugluft von allen

Seiten durch die lockeren Flügel der Haustüre herein. Der Regen

prasselte auf das Dach und die Steinfliesen zeigten schon feuchte

Stellen. Ich stieg müde und schweigsam die Treppe hinter der Hexe hinauf

und schützte meine flackernde Kerze.

„Ich traf heute in den Uffizien Frau Coroughdeen,“ sagte ich; „sie

fragte mich, warum ich denn nicht zu ihr kommen wollte.“

„Oh!“ Das ärgert sie! dachte ich froh.

Aber so leicht zog sie den kürzeren nicht.

„Mary Coroughdeen ist eine schöne, eine sehr schöne Frau,“ entschied sie

mit schaler Unparteilichkeit und einem literatenhaften Unterton. „Sie

ist sehr umringt und interessiert sich nicht für junge Mädchen.“

„Ja aber sie war es doch ...“

„Es ist natürlich,“ unterbrach sie mich, während ihre Halskrause ins

Beben geriet, „daß sie Ihnen freundlich begegnete, da Sie unter meinem

Dache sind.“

Wir standen uns jetzt vor meiner Türe gegenüber. Sie hielt ihre Augen

auf mich gerichtet, und wie immer fingen sich ihre Worte in ihren

langen, kränklichen Vorderzähnen.

„Hat Mrs. Coroughdeen einen Tag mit Ihnen ausgemacht?“

„Nein,“ gestand ich.

„Nein! – in der Tat“ – und ihre Krause rührte sich nicht mehr. – „Es

steht ganz bei Ihnen, auf eine so unformulierte Einladung hin die Dame

mit Ihrem Besuch zu überraschen. Ich möchte Sie um so weniger daran

hindern, als ich diejenige bin, welche für Ihre faux pas – oder

eventuellen Zudringlichkeiten – allein verantwortlich gemacht würde.

Denn Sie selbst sind noch zu jung!“

Zornig errötend wollte ich etwas entgegnen, aber so schnell bog sie da

in den Gang ein, der zu ihren Zimmern führte, daß ich nur mehr die

Watteaufalte sah, die sich über den unsicheren, gespenstigen Rücken

wölbte.

Spitzbögen · 第 6 / 22 题