Zweites Kapitel

Geist besaß sie ganz entschieden, aber die englische Spinster neigt

ohnedies zur Verdünnung und nie, schien mir, war eine so unbarmherzig

unter die Räder geraten, an keiner hatte sich die klassische Drohung,

von der uns Plato berichtet, so drastisch erfüllt, wie an der Hexe des

florentinischen Tales. Denn nicht nur, heißt es, hätten uns die Götter

dereinst gespalten, daß wir, statt über vier Beine und vier Arme zu

verfügen, auf die Hälfte unseres ursprünglichen Seins angewiesen wurden,

sondern es könne wohl geschehen, daß die also beraubte und reduzierte

Kreatur nicht mehr aus Übermut zwar, aber aus Mangel und Sehnsucht

heraus sich zum Schöpfer erhebe und von neuem die Götter reize. Und

diese in ihrem Zorn würden sie zum zweiten Male spalten, daß sie, zur

Profilgestalt geschwunden und nach Art der Zikaden dahinhüpfend, ihr

dürftiges Dasein verlebe.

Am frühen Nachmittag lenkte sie – die Finger um den Knauf der Peitsche

gekrallt – ihr leeres Gefährt nach der Stadt, und die unleibhafte Figur

mit der schiefen, gewölbten Schulter, dem scheinbar nur profilierten

Kopf, ragte gar spukhaft über das Pferd, das alsbald mit unheimlicher

Willenlosigkeit, ja wie entsetzt, zum Tore hinauslief. Ich folgte zu Fuß

den Weg hinab, den sie voranzog, und ihr nachsehend war ich es

zufrieden, daß sie mich nicht einlud, so wenig lockte mich ihre Nähe.

Aber das gealterte Jahr kehrte schon seine bleichsten, müdesten Tage ans

Licht, und die Dunkelheit überraschte mich oft mitten auf der Straße,

die sich in glatten Schleifen so lange hinzog. Sie war einsam genug. Die

wenigen verstreuten Bauernhäuser kehrten ihre Fenster scheu der Bergwand

zu und tauchten unter, bis es wieder tagte. Aber die dunkle Leere, der

frische Abendwind, die Einsamkeit dieses Tales war so hold; ich dachte

an unsere nordischen Berge; wie schroff und finster sie sich des Nachts

wider den Wanderer zusammenschlossen! Wie beschwichtigend dagegen

umschatteten sie ihn hier! Es lag etwas Schweifendes, weit Umfassendes

in der florentinischen Nacht, das bei Tag verflachte; etwas so

Beseeltes, daß es wie kleine Flügel an meinen Sohlen hing. Oder war es

die Freude, im Dunkeln die Gegend zu durchstreifen und die Welt so ganz

allein für sich zu haben, niemanden, der sie mit einem teilte noch durch

seine Begleitung störte? Es war so neu! Aber die Hexe hatte mir

verraten, wie sicher die Wege hier seien, und mir von der engelsgleichen

Bevölkerung, die hier lebte, erzählt. Vielleicht hätte ich mich auf

einer deutschen Landstraße im Finstern gefürchtet. Wer weiß? ich hatte

es nie erprobt. Es war mir nie gestattet gewesen. Hier aber fühlte man

sich so ungefährdet. Merkwürdig, wie man das fühlt, dachte ich. Denn

nichts lassen sich sehr junge Menschen schneller suggerieren, als den

Glauben an die Ungefährlichkeit aller Dinge: ja in ihrer bereitwilligen

Unerschrockenheit liegt etwas, das sie sozusagen an den Rand der Welt

hinaus verweist, als gehörten sie infolge ihrer Unerfahrenheit nicht

recht in sie hinein.

So kehrte ich jetzt nie mehr vor Abend zurück. Um die Teezeit hatte die

Hexe nicht selten Besuch. Doch als ich da anfangs erschien, hungernd

nach anderen Gesichtern, verhehlte sie mir nicht, daß sie meine

Gegenwart verwünschte. Die Leute, die mich hier trafen, schienen

überrascht, zeigten mir aber ein Entgegenkommen und ein Interesse, das

vielleicht auch Neugierde war. Auch mochte der Kontrast so großer Jugend

sie rühren. Einmal war die schöne Frau Coroughdeen gekommen, die mich zu

sich lud, als wüßte sie schon von mir. Aber ich wagte nicht sie

aufzusuchen, denn die Hexe schien zu glauben, diese Einladung sei nur

als Höflichkeit für sie selber gemeint. So machte ich mich jetzt schon

früh auf den Weg, um ihren Anblick zu fliehen und kam erst am späten

Nachmittag zurück. Ihr Speisesaal hatte vier Fenster, und im Tageslicht

von allen Seiten unerbittlich beleuchtet war sie entsetzlich. Ach! wie

trugen sich ihre trostlosen Umrisse über Treppen und Gänge ein und waren

vom Garten unzertrennlich. Nein; es half nichts bei Tage, von ihr

wegzusehen. Ich gab es auf, legte die Gabel hin und faßte sie ins Auge,

da es doch kein Entrinnen gab. Abends hatte man doch die dunklen Wände

und den Kerzenschein, in dem man – von ihr weg – entgeistert starren

konnte, während man mit ihr sprach. Ja sie liebte das. Ich war noch viel

zu harten Herzens, um zu würdigen, wie bitter sie selbst den

ausgreifenden Bannkreis ihrer Häßlichkeit empfand. Die Eisfelder von

Labrador wehten keine wehere Kälte aus als diese einsame Kreatur, und

ich war zu leichtsinnig, um zu bedenken, wie sehr ich sie durch meine

Abneigung reizte.

Meinen eingegangenen Verpflichtungen kam ich übrigens sehr gewissenhaft

nach und spielte ihr allabendlich auf einem erträglichen Flügel, solange

sie nur wollte. Ich tat es mit Vergnügen, wenn auch denkbar

dilettantisch und zerstreut. Ein richtiger Musiker hätte mich vor

Ungeduld geschüttelt. Die Hexe aber merkte nichts und ich frönte ihr

gegenüber jenem Hochmut, den sich der Deutsche in Dingen der Musik

gestattet. Damals trug ich mich allen Ernstes mit der wilden Idee,

dereinst als geniale Dirigentin die Welt an der Spitze eines Orchesters

zu überraschen. Zwar bereitete ich mich auf diesen glorreichen Moment

nicht anders vor, als daß ich, auf jenes imaginäre Talent mich berufend,

das Klavier geringschätzte! Dafür malte ich mir immer wieder und mit

besonderem Feuer aus, wie ich eines Tages das Publikum in atemlosem

Banne halten und mein Orchester zu fliegend stürmischen, trommelnden

Taten hinreißen würde. Je weniger die Wirklichkeit mich befriedigte, je

mehr Zeit verlor ich mit solch nichtigen Träumen.

Eines Abends auf dem Heimweg phantasierte ich wieder so lebhaft über

dieses Thema, daß ich unwillkürlich den Arm ausstreckte, als hielte er

schon den Stab über das Heer der Musiker geschwungen. Ich ergoß Ströme

tönenden Goldes in eine vor Schweigen knisternde Luft, beschwingte sie,

blies sie bis zur Trunkenheit an. So etwas hatte noch kein Publikum

erlebt. Es fehlte nicht viel, daß es vor Entzücken anfing zu tanzen.

Einige begannen heimlich zu fliegen. Als ich den Taktstock hinlegte,

entstand ein unheimliches Geheul der Begeisterung. Man stürmte das

Podium. Ich sah, ich hörte noch den Jubel der entfesselten Scharen, aber

ich konnte nicht mehr zur Wirklichkeit zurück. Plötzlich sah man mich

schwanken. Ich brach zusammen. Ich war tot.

* * * * *

Ein kalter Wind, der vom Apennin herüberblies, riß mich aus dem

imaginären Konzertsaal ins Freie und zur Ernüchterung zurück. Ich

stolperte mit staubigen Füßen über ein paar Steine: und ich war müde.

Zur Erholung überdachte ich nun, wie gut ich es tags zuvor der Hexe

herausgegeben hatte, als sie mich auszuholen suchte für ihr dummes Buch.

Was schöner sei: eine Symphonie oder ein Quartett, hatte die gelehrte

Heuschrecke mich gefragt; und ich war stolz-ärgerlich um den Flügel

herumgegangen. Was schöner sei: ein Porträt oder eine Landschaft, hatte

ich sie zur Antwort schnippisch gefragt und alsbald wieder zu spielen

angefangen, zum Zeichen, daß ich nicht zu diskutieren wünschte. Denn,

hatte sie keinen Platz für mich in ihrem leeren Wagen, so gedachte auch

ich kein übriges zu tun. Wie sie mich haßte! Aber noch zwölf Tage ...

Inmitten der dunkelnden Leere wurden da in der Ferne Schritte

vernehmbar. Sie belebten irgendwie diese weite Stille. So war man doch

nicht ganz allein. – Ja noch zwölf Tage und die drei Wochen waren

vorüber und unser Pakt gelöst. Welches Glück! Wie bezaubernd war doch

das Leben! Und Hoffnungen und Illusionen beflügelten meinen Gang.

Der Takt der fernen Schritte wurde deutlicher, und unwillkürlich ging

ich auch ein wenig strammer. Man aß sehr pünktlich zu Abend bei der

Hexe. Sie warf sich dann stets in ein schwarzes Damastkleid von sehr

gesuchtem Schnitt und über ihre ungleichmäßige Rückenlinie ergoß eine

Watteaufalte ihren Schwall. Umsonst. – Sie hing ihr wie das gewölbte

Wappen eines stilisierten Drachen an. Und was half sie mit einer Krause

dem kranken Oval des Gesichtes auf? es glich doch höchstens einem

gesottenen, halb ausgelaufenen Ei.

Klapp, trapp, klangen die Schritte jetzt heller zu mir her. Konnten sie

sich denn so schnell genähert haben? Es war wohl der Wind, der sie

herübertrug, wie den Schrei der Lokomotive, der so unterschiedlich, bald

so nahe, bald weit weg zu uns Kindern herüberdrang, während jenes

Sommers im Gebirge, als wir dicht vor unseren Fenstern die Eisenbahn

achtmal des Tages in einen Tunnel eindringen sahen und nie müde wurden,

ihr aufzupassen und auf den grausigen kurzen Pfiff zu warten, mit dem

sie sich jedesmal in die schwarze Wölbung einließ. Es war so lustig

gewesen, und der Pfiff klang oft so anders – oft kläglich wie ein

Hilfeschrei, je nachdem die Luft ihn trug, wie jene Schritte her, wie

die meinigen hin. Die meinigen? – O Gott! an welcher Sturmglocke riß

dieser Gedanke so jäh, welcher Aufruhr erhob sich in meinem Innern – so

neu –, nur Bilder können es sagen – wie ein Orkan, der Staub und Blätter

dahinfegt, so wirbelte er die sorglose Leere meines Innern auf, und

kehrte ein ganz anderes Ich hervor, das ich selbst nicht kannte ...,

denn aus welch verborgener Zelle, o Gott! stammten die Requisiten des

argwöhnischen, uralten und wissenden Weibes, dem tausend Augen im Kopfe

saßen wie einem Tier, und in dem nichts lebendig war und nichts

vorhanden und nichts entfacht als eine wütende und namenlose Furcht,

dessen Sein sich nur mehr auf den Takt jener Schritte bezog und dessen

sonstige Identität erlosch. Nur eine Minute vielleicht und die Schritte

würden mich überholen; dennoch stand ich still, denn die Unhörbarkeit

der meinigen war das einzig Gebotene, nichts andres tat not auf dem

Höllenpfad, auf den ich mich mit einem Male gewiesen sah – fort von der

blumigen Au jugendlicher Weltunkenntnis. So stand ich still. Aber

brannten da meine Augen wie Scheinwerfer in ihren Höhlen, daß sie Dinge

beleuchteten, welche das Dunkel begrub: unkenntliche Holzlatten jenseits

der Straße, zu einem Viereck umrissen, – aufgeschüttetes Laub, fast eine

Hütte. Schnell wie eine Kugel flog ich da über den schmalen Graben zu

ihr hin, und dort zu Boden gestürzt sah ich aufblickend zum ersten Male,

ja wie zum ersten Male, einen mondlosen Himmel, der die Erde in seinem

Schoße zu halten schien, und sah diese Erde als leichten Ball um ihre

eigene Achse im Weltall fliegen. Doch nur einen schwindelnden Augenblick

lang durfte das Bewußtsein rasten, und zugleich mit ihm setzte ein

Innehalten meines Herzens ein, daß es still und schwer wie eine

zersprungene Glocke in mir lastete. Denn alles hat ja ausgesetzt, und es

gab für mich nichts mehr als diesen Himmel über mir und die hastig

schlürfenden Schritte, die jetzt innehielten, als horche hier einer, wo

denn die meinigen blieben; – vorüber alles andere, alle Ketten gelöst,

die mich in diese Welt eingliederten und alle Abkunft von mir genommen.

Nur mein Ich, oder ich weiß nicht welch losgelöster Bestandteil meines

Ichs, schoß da wie eine Schlange zum Himmel auf; und er schien mir mit

einem Male wie beengt von all den Sternen, die so neugierig, fast böse

aus seinen Tiefen stachen. Wie ließe sich’s beschreiben, daß hier ein

Körnchen Staub, ein Atom, das einen Moment lang zu einem Schein von

Leben sich entfachen durfte und wie ein armseliger Leuchtkäfer an den

faulen Balken dieser Hütte hing, die Folgenschwere eigener Geschicke an

diesem unendlichen, still kreisenden Himmel zu messen wagte, als hingen

sie mit seiner Ordnung irgendwie zusammen? Denn nicht anders forderte

ich ihn da heraus, hielt ich ihm vor, daß seine rätselhaften Sterne

nicht aus ihrer Bahn geschleudert, nicht als wilde Fackeln der

göttlichen und unbegreiflichen Harmonie zum Chaos entbrennen durften –

und hielt eiserne Arme emporgerichtet, nicht etwa flehend, sondern mit

jener Intensität ohnegleichen, die einer Beschwörungsformel die

hinreißende Kraft verleiht. Aber sie entrangen sich einem totenstillen

Herzen, dessen Last nicht länger auszuhalten war, und zugleich schienen

die Schritte, von welchen mich keine Entfernung, nur noch die Finsternis

trennte, die Luft bis ans Ende der Erde mit ihrem Gedröhn zu erfüllen. –

Und wie diese Schritte inmitten der Stille zuerst entstanden und dann

vernehmbarer geworden und sich genähert – wie sie innegehalten und dann

sich beschleunigt hatten, so fingen sie jetzt an, vorüber zu gehen, so

entfernten sie sich, so verhallten sie jetzt – so trug sie der Wind noch

einmal deutlicher her.

Ich sah mich verwundert um wie mitten am Tage. Schon begriff ich das

ganze dramatische Aufgebot nicht mehr recht, mit welchem mich die Angst

so wild und unvermittelt gegen diese Hütte geschleudert hatte, noch die

elementare Wucht, mit der sie wie ein Wagnersches Orchester einsetzend

ein Zaubergestrüpp um mich zog, das zugleich mit ihm so spurlos

entschwand. Ja ich schüttelte den Gedanken daran ab, und wollte im

Augenblick den ganzen Vorgang für eingebildet erachten, so stark war die

Reaktion. Über den Graben zurückspringend, ging ich wieder meinen

einsamen Weg. Schon rauschte mir jetzt das Flüßchen zwischen den Bäumen

beschwichtigend entgegen, und von der Anhöhe herab grüßten die ersten

Lichter der kleinen Ortschaft.

Spitzbögen · 第 5 / 22 题