Geist besaß sie ganz entschieden, aber die englische Spinster neigt
ohnedies zur Verdünnung und nie, schien mir, war eine so unbarmherzig
unter die Räder geraten, an keiner hatte sich die klassische Drohung,
von der uns Plato berichtet, so drastisch erfüllt, wie an der Hexe des
florentinischen Tales. Denn nicht nur, heißt es, hätten uns die Götter
dereinst gespalten, daß wir, statt über vier Beine und vier Arme zu
verfügen, auf die Hälfte unseres ursprünglichen Seins angewiesen wurden,
sondern es könne wohl geschehen, daß die also beraubte und reduzierte
Kreatur nicht mehr aus Übermut zwar, aber aus Mangel und Sehnsucht
heraus sich zum Schöpfer erhebe und von neuem die Götter reize. Und
diese in ihrem Zorn würden sie zum zweiten Male spalten, daß sie, zur
Profilgestalt geschwunden und nach Art der Zikaden dahinhüpfend, ihr
dürftiges Dasein verlebe.
Am frühen Nachmittag lenkte sie – die Finger um den Knauf der Peitsche
gekrallt – ihr leeres Gefährt nach der Stadt, und die unleibhafte Figur
mit der schiefen, gewölbten Schulter, dem scheinbar nur profilierten
Kopf, ragte gar spukhaft über das Pferd, das alsbald mit unheimlicher
Willenlosigkeit, ja wie entsetzt, zum Tore hinauslief. Ich folgte zu Fuß
den Weg hinab, den sie voranzog, und ihr nachsehend war ich es
zufrieden, daß sie mich nicht einlud, so wenig lockte mich ihre Nähe.
Aber das gealterte Jahr kehrte schon seine bleichsten, müdesten Tage ans
Licht, und die Dunkelheit überraschte mich oft mitten auf der Straße,
die sich in glatten Schleifen so lange hinzog. Sie war einsam genug. Die
wenigen verstreuten Bauernhäuser kehrten ihre Fenster scheu der Bergwand
zu und tauchten unter, bis es wieder tagte. Aber die dunkle Leere, der
frische Abendwind, die Einsamkeit dieses Tales war so hold; ich dachte
an unsere nordischen Berge; wie schroff und finster sie sich des Nachts
wider den Wanderer zusammenschlossen! Wie beschwichtigend dagegen
umschatteten sie ihn hier! Es lag etwas Schweifendes, weit Umfassendes
in der florentinischen Nacht, das bei Tag verflachte; etwas so
Beseeltes, daß es wie kleine Flügel an meinen Sohlen hing. Oder war es
die Freude, im Dunkeln die Gegend zu durchstreifen und die Welt so ganz
allein für sich zu haben, niemanden, der sie mit einem teilte noch durch
seine Begleitung störte? Es war so neu! Aber die Hexe hatte mir
verraten, wie sicher die Wege hier seien, und mir von der engelsgleichen
Bevölkerung, die hier lebte, erzählt. Vielleicht hätte ich mich auf
einer deutschen Landstraße im Finstern gefürchtet. Wer weiß? ich hatte
es nie erprobt. Es war mir nie gestattet gewesen. Hier aber fühlte man
sich so ungefährdet. Merkwürdig, wie man das fühlt, dachte ich. Denn
nichts lassen sich sehr junge Menschen schneller suggerieren, als den
Glauben an die Ungefährlichkeit aller Dinge: ja in ihrer bereitwilligen
Unerschrockenheit liegt etwas, das sie sozusagen an den Rand der Welt
hinaus verweist, als gehörten sie infolge ihrer Unerfahrenheit nicht
recht in sie hinein.
So kehrte ich jetzt nie mehr vor Abend zurück. Um die Teezeit hatte die
Hexe nicht selten Besuch. Doch als ich da anfangs erschien, hungernd
nach anderen Gesichtern, verhehlte sie mir nicht, daß sie meine
Gegenwart verwünschte. Die Leute, die mich hier trafen, schienen
überrascht, zeigten mir aber ein Entgegenkommen und ein Interesse, das
vielleicht auch Neugierde war. Auch mochte der Kontrast so großer Jugend
sie rühren. Einmal war die schöne Frau Coroughdeen gekommen, die mich zu
sich lud, als wüßte sie schon von mir. Aber ich wagte nicht sie
aufzusuchen, denn die Hexe schien zu glauben, diese Einladung sei nur
als Höflichkeit für sie selber gemeint. So machte ich mich jetzt schon
früh auf den Weg, um ihren Anblick zu fliehen und kam erst am späten
Nachmittag zurück. Ihr Speisesaal hatte vier Fenster, und im Tageslicht
von allen Seiten unerbittlich beleuchtet war sie entsetzlich. Ach! wie
trugen sich ihre trostlosen Umrisse über Treppen und Gänge ein und waren
vom Garten unzertrennlich. Nein; es half nichts bei Tage, von ihr
wegzusehen. Ich gab es auf, legte die Gabel hin und faßte sie ins Auge,
da es doch kein Entrinnen gab. Abends hatte man doch die dunklen Wände
und den Kerzenschein, in dem man – von ihr weg – entgeistert starren
konnte, während man mit ihr sprach. Ja sie liebte das. Ich war noch viel
zu harten Herzens, um zu würdigen, wie bitter sie selbst den
ausgreifenden Bannkreis ihrer Häßlichkeit empfand. Die Eisfelder von
Labrador wehten keine wehere Kälte aus als diese einsame Kreatur, und
ich war zu leichtsinnig, um zu bedenken, wie sehr ich sie durch meine
Abneigung reizte.
Meinen eingegangenen Verpflichtungen kam ich übrigens sehr gewissenhaft
nach und spielte ihr allabendlich auf einem erträglichen Flügel, solange
sie nur wollte. Ich tat es mit Vergnügen, wenn auch denkbar
dilettantisch und zerstreut. Ein richtiger Musiker hätte mich vor
Ungeduld geschüttelt. Die Hexe aber merkte nichts und ich frönte ihr
gegenüber jenem Hochmut, den sich der Deutsche in Dingen der Musik
gestattet. Damals trug ich mich allen Ernstes mit der wilden Idee,
dereinst als geniale Dirigentin die Welt an der Spitze eines Orchesters
zu überraschen. Zwar bereitete ich mich auf diesen glorreichen Moment
nicht anders vor, als daß ich, auf jenes imaginäre Talent mich berufend,
das Klavier geringschätzte! Dafür malte ich mir immer wieder und mit
besonderem Feuer aus, wie ich eines Tages das Publikum in atemlosem
Banne halten und mein Orchester zu fliegend stürmischen, trommelnden
Taten hinreißen würde. Je weniger die Wirklichkeit mich befriedigte, je
mehr Zeit verlor ich mit solch nichtigen Träumen.
Eines Abends auf dem Heimweg phantasierte ich wieder so lebhaft über
dieses Thema, daß ich unwillkürlich den Arm ausstreckte, als hielte er
schon den Stab über das Heer der Musiker geschwungen. Ich ergoß Ströme
tönenden Goldes in eine vor Schweigen knisternde Luft, beschwingte sie,
blies sie bis zur Trunkenheit an. So etwas hatte noch kein Publikum
erlebt. Es fehlte nicht viel, daß es vor Entzücken anfing zu tanzen.
Einige begannen heimlich zu fliegen. Als ich den Taktstock hinlegte,
entstand ein unheimliches Geheul der Begeisterung. Man stürmte das
Podium. Ich sah, ich hörte noch den Jubel der entfesselten Scharen, aber
ich konnte nicht mehr zur Wirklichkeit zurück. Plötzlich sah man mich
schwanken. Ich brach zusammen. Ich war tot.
* * * * *
Ein kalter Wind, der vom Apennin herüberblies, riß mich aus dem
imaginären Konzertsaal ins Freie und zur Ernüchterung zurück. Ich
stolperte mit staubigen Füßen über ein paar Steine: und ich war müde.
Zur Erholung überdachte ich nun, wie gut ich es tags zuvor der Hexe
herausgegeben hatte, als sie mich auszuholen suchte für ihr dummes Buch.
Was schöner sei: eine Symphonie oder ein Quartett, hatte die gelehrte
Heuschrecke mich gefragt; und ich war stolz-ärgerlich um den Flügel
herumgegangen. Was schöner sei: ein Porträt oder eine Landschaft, hatte
ich sie zur Antwort schnippisch gefragt und alsbald wieder zu spielen
angefangen, zum Zeichen, daß ich nicht zu diskutieren wünschte. Denn,
hatte sie keinen Platz für mich in ihrem leeren Wagen, so gedachte auch
ich kein übriges zu tun. Wie sie mich haßte! Aber noch zwölf Tage ...
Inmitten der dunkelnden Leere wurden da in der Ferne Schritte
vernehmbar. Sie belebten irgendwie diese weite Stille. So war man doch
nicht ganz allein. – Ja noch zwölf Tage und die drei Wochen waren
vorüber und unser Pakt gelöst. Welches Glück! Wie bezaubernd war doch
das Leben! Und Hoffnungen und Illusionen beflügelten meinen Gang.
Der Takt der fernen Schritte wurde deutlicher, und unwillkürlich ging
ich auch ein wenig strammer. Man aß sehr pünktlich zu Abend bei der
Hexe. Sie warf sich dann stets in ein schwarzes Damastkleid von sehr
gesuchtem Schnitt und über ihre ungleichmäßige Rückenlinie ergoß eine
Watteaufalte ihren Schwall. Umsonst. – Sie hing ihr wie das gewölbte
Wappen eines stilisierten Drachen an. Und was half sie mit einer Krause
dem kranken Oval des Gesichtes auf? es glich doch höchstens einem
gesottenen, halb ausgelaufenen Ei.
Klapp, trapp, klangen die Schritte jetzt heller zu mir her. Konnten sie
sich denn so schnell genähert haben? Es war wohl der Wind, der sie
herübertrug, wie den Schrei der Lokomotive, der so unterschiedlich, bald
so nahe, bald weit weg zu uns Kindern herüberdrang, während jenes
Sommers im Gebirge, als wir dicht vor unseren Fenstern die Eisenbahn
achtmal des Tages in einen Tunnel eindringen sahen und nie müde wurden,
ihr aufzupassen und auf den grausigen kurzen Pfiff zu warten, mit dem
sie sich jedesmal in die schwarze Wölbung einließ. Es war so lustig
gewesen, und der Pfiff klang oft so anders – oft kläglich wie ein
Hilfeschrei, je nachdem die Luft ihn trug, wie jene Schritte her, wie
die meinigen hin. Die meinigen? – O Gott! an welcher Sturmglocke riß
dieser Gedanke so jäh, welcher Aufruhr erhob sich in meinem Innern – so
neu –, nur Bilder können es sagen – wie ein Orkan, der Staub und Blätter
dahinfegt, so wirbelte er die sorglose Leere meines Innern auf, und
kehrte ein ganz anderes Ich hervor, das ich selbst nicht kannte ...,
denn aus welch verborgener Zelle, o Gott! stammten die Requisiten des
argwöhnischen, uralten und wissenden Weibes, dem tausend Augen im Kopfe
saßen wie einem Tier, und in dem nichts lebendig war und nichts
vorhanden und nichts entfacht als eine wütende und namenlose Furcht,
dessen Sein sich nur mehr auf den Takt jener Schritte bezog und dessen
sonstige Identität erlosch. Nur eine Minute vielleicht und die Schritte
würden mich überholen; dennoch stand ich still, denn die Unhörbarkeit
der meinigen war das einzig Gebotene, nichts andres tat not auf dem
Höllenpfad, auf den ich mich mit einem Male gewiesen sah – fort von der
blumigen Au jugendlicher Weltunkenntnis. So stand ich still. Aber
brannten da meine Augen wie Scheinwerfer in ihren Höhlen, daß sie Dinge
beleuchteten, welche das Dunkel begrub: unkenntliche Holzlatten jenseits
der Straße, zu einem Viereck umrissen, – aufgeschüttetes Laub, fast eine
Hütte. Schnell wie eine Kugel flog ich da über den schmalen Graben zu
ihr hin, und dort zu Boden gestürzt sah ich aufblickend zum ersten Male,
ja wie zum ersten Male, einen mondlosen Himmel, der die Erde in seinem
Schoße zu halten schien, und sah diese Erde als leichten Ball um ihre
eigene Achse im Weltall fliegen. Doch nur einen schwindelnden Augenblick
lang durfte das Bewußtsein rasten, und zugleich mit ihm setzte ein
Innehalten meines Herzens ein, daß es still und schwer wie eine
zersprungene Glocke in mir lastete. Denn alles hat ja ausgesetzt, und es
gab für mich nichts mehr als diesen Himmel über mir und die hastig
schlürfenden Schritte, die jetzt innehielten, als horche hier einer, wo
denn die meinigen blieben; – vorüber alles andere, alle Ketten gelöst,
die mich in diese Welt eingliederten und alle Abkunft von mir genommen.
Nur mein Ich, oder ich weiß nicht welch losgelöster Bestandteil meines
Ichs, schoß da wie eine Schlange zum Himmel auf; und er schien mir mit
einem Male wie beengt von all den Sternen, die so neugierig, fast böse
aus seinen Tiefen stachen. Wie ließe sich’s beschreiben, daß hier ein
Körnchen Staub, ein Atom, das einen Moment lang zu einem Schein von
Leben sich entfachen durfte und wie ein armseliger Leuchtkäfer an den
faulen Balken dieser Hütte hing, die Folgenschwere eigener Geschicke an
diesem unendlichen, still kreisenden Himmel zu messen wagte, als hingen
sie mit seiner Ordnung irgendwie zusammen? Denn nicht anders forderte
ich ihn da heraus, hielt ich ihm vor, daß seine rätselhaften Sterne
nicht aus ihrer Bahn geschleudert, nicht als wilde Fackeln der
göttlichen und unbegreiflichen Harmonie zum Chaos entbrennen durften –
und hielt eiserne Arme emporgerichtet, nicht etwa flehend, sondern mit
jener Intensität ohnegleichen, die einer Beschwörungsformel die
hinreißende Kraft verleiht. Aber sie entrangen sich einem totenstillen
Herzen, dessen Last nicht länger auszuhalten war, und zugleich schienen
die Schritte, von welchen mich keine Entfernung, nur noch die Finsternis
trennte, die Luft bis ans Ende der Erde mit ihrem Gedröhn zu erfüllen. –
Und wie diese Schritte inmitten der Stille zuerst entstanden und dann
vernehmbarer geworden und sich genähert – wie sie innegehalten und dann
sich beschleunigt hatten, so fingen sie jetzt an, vorüber zu gehen, so
entfernten sie sich, so verhallten sie jetzt – so trug sie der Wind noch
einmal deutlicher her.
Ich sah mich verwundert um wie mitten am Tage. Schon begriff ich das
ganze dramatische Aufgebot nicht mehr recht, mit welchem mich die Angst
so wild und unvermittelt gegen diese Hütte geschleudert hatte, noch die
elementare Wucht, mit der sie wie ein Wagnersches Orchester einsetzend
ein Zaubergestrüpp um mich zog, das zugleich mit ihm so spurlos
entschwand. Ja ich schüttelte den Gedanken daran ab, und wollte im
Augenblick den ganzen Vorgang für eingebildet erachten, so stark war die
Reaktion. Über den Graben zurückspringend, ging ich wieder meinen
einsamen Weg. Schon rauschte mir jetzt das Flüßchen zwischen den Bäumen
beschwichtigend entgegen, und von der Anhöhe herab grüßten die ersten
Lichter der kleinen Ortschaft.