VIII. Zum Beschluß:

»Vermelde dem Herrn Gouverneur zu Gnaden, daß wiederum ein Subjektum von

der Stadt heraufgestiegen ist. Kam mit dem Schoner Margareth von

Göthaborg, sitzet mit seinem Sack und mit Zähneklappen auf der Trepp und

nennet sich mit seinen Namen Henrich Israel, weiland der Juden Vorsinger

zu Kopenhagen.«

Dieses Mal tat der Doktor Snorro einen langen Pfiff; der Famulus David

Bleichfeld schnellte gleich einem Lachs aus seinen Kissen auf, und der

Obrist von Knorpp ächzte:

»Herein, herein, ich lasse alles über mich ergehen, und wo man mich in

meinen Sünden vergraben wird, ist mir auch einerlei: Marsch, Korporal,

bringe Er den Juden.«

Der Korporal trat ab, und nach einer Minute vernahm man draußen ein

Zerren und Schlurfen und eine weinerliche Stimme, so sich höchlichst

entschuldigte der großen Störung und Molesten halber; dann wurde die

Türe zum zweiten Male geöffnet, und von der kräftigen Faust Peter

Pompersons vorgestoßen, flog der Meister Henrich Israel in das Gemach:

»Gott Abrahams und Jakobs, welch ein Schicksal!«

Es vermag aber keine Feder das gegenseitige Anstarren zu schildern.

»Seid Ihr es? Seid Ihr's im Fleisch und Gebein, Meister Israel?« rief

der Exfamulus. »Wie sehet Ihr aus? Wer hat denn Euch also mitspielen

können? ^Eheu, eheu^, welch ein Schauspiel, welch eine Wehmut!«

»Meine eigene Mutter möcht' mich wohl nicht wiedererkennen; -- was haben

die Herren nötig, -- feine Seif', Haarband, den Zopf zu wickeln? Tausend

Lieblichkeiten; -- soll ich aufmachen den Kasten? soll ich aufbinden den

Sack?«

»Wer schicket Ihn dergestalt durch das Land?« fragte der Doktor

Skalholt. »Was ist aus seinem Vorsingertum worden? wer hat Ihn also in

den Klauen gehabt?«

Des armen Teufels Standhaftigkeit hielt nicht länger; in lautes Weinen

brach der wandernde Krämer Henrich Israel aus, und mit Händeringen rief

er:

»Bin ich noch länger Vorsinger an der Synagog' zu Kopenhagen, wie ich es

bin gewesen an die zwanzig Jahr? Nein, ich bin es nicht. Der arme Jüd

hungert und friert auf der Landstraß'; sie haben ihn ausgestoßen um den

Kurator Jens Pedersen Gedelöcke; sie haben ihm den Ehrenrock ausgezogen

und ihm den Bettelsack angehängt. Gott meiner Väter, weil er ein

Gelehrter im Tempel war und Bescheid wußt' im Gesetz und reden konnt'

darüber, haben sie ihn gestoßen vom Stuhl und seinem Gesang ein Ende

gemachet --«

»Hoho, ich riech's, ich riech's,« rief der Kommandant, »da haben wir das

Schwanzende! Auf Ihn, Henrich Israel, ist's zu allerletzten ausgegangen,

und weilen er mit dem Kurator den Mosen und die Propheten traktieret und

ihm vorgesungen hat, hat seine Nation Ihm den Greuel in den Schuh

geschoben, und ist über Ihn hergefallen mit den Fingernägeln! Denn

sintemalen nun der Jens begraben lieget auf der Jüden Kirchhof --«

»Lieget er begraben auf der Jüden Kirchhof?« schrie der Meister Israel

im höchsten und kläglichsten Diskant. »Mit nichten lieget er auf der

Jüden Kirchhof! Auf dem freien Felde liegt er, und das Vieh weidet über

seinem Grabe.«

Der Exfamulus hatte seine Bettdecke von sich geschleudert und stand mit

den nackten Füßen auf dem Boden; der Obriste Benediktus von Knorpp hatte

seine tönerne Pfeife an die Wand geworfen und hielt den Exvorsinger an

der Gurgel; der isländische Doktor Snorro Skalholt aber -- griff ruhig

nach dem Krug Schiedammer und sprach mit Gelassenheit:

»^Simplex sigillum veri^, sagte mein Freund, Herr Hermann Boerhavius zu

Leyden; verzähle Er weiter, Monsieur Israel.«

Mit einem tiefen Seufzer hatte der Obrist die Kehle des unglücklichen

Hebräers losgelassen und war kraftlos auf den nächsten Stuhl gefallen;

der Famulus des weiland Kurators Jens Pedersen Gedelöcke hatte die Füße

von den kalten Platten wieder in die Höhe und die Decke über sich

gezogen; der Exvorsinger von Kopenhagen sprach mit Zittern weiter:

»Bin ich nicht gekommen deshalb über Fels und Wasser, durch die Wüste

und den Wald, zu sagen, wie es ausgegangen ist mit dem Herrn Kuratore?

Mein, wie konnten sie ihn lassen liegen unter ihren Vätern, da er doch

nicht ein Jüd war, sondern ein christlicher Mann, wie es keinen bessern

gab im Königreich Dänemark und Norwegen?! Wohl haben sie mich

aufgegriffen, um daß ich den Spott über sie gebracht hätt', und sind

über mir zu Gericht gesessen, weilen mich der Verstorbene für seinen

Freund hielt und mit mir das Gesetz und die Zeremonien beredete. Es war

ein groß Wehklagen und Wimmern in unserm Volk ob der Unreinigkeit, so

auf es geleget war; und alt und jung hat im Sack und in der Asche

gesessen bei Tag und Nacht und zum Herrn geflehet, wie die Väter vordem

fleheten gegen den Antiochus, gegen Assyria und Babylon, gegen den König

aus dem Land Chitim und die Stadt Rom. Und der Gott Abrahams hat den

Jammer angesehen und sein Volk erlöset aus der Schmach um hundert

Dukaten, die hat man erleget an den Konvent, so auch das Seidenhaus

genennet ist. Ist um solche hundert Dukaten eine neue Resolution

ergangen, des Sinnes, daß, weilen auch die Jüden des weiland Kuratoris

Jens Pedersen Gedelöcken Leichnam nicht wollten, sie ihn zum zweiten Mal

wieder aufgraben dörften und zum dritten Mal ihn beisetzen zweihundert

Schritte von ihrem Totenacker auf dem allgemeinen Feld. Haben die

Rabbiner und Ältesten mich herfürgezogen aus dem Winkel und mir die

Schaufeln auf die Schulter geleget und mich hingeführet zu dem Ort der

Unreinigkeit; da hab' ich mit Tränen die steinichte Erd aufgegraben, und

mit Stricken ist der vermoderte Sarg aufgezogen und dann zum dritten Mal

verscharret. Da hat die Stadt wiederum ihr Gaudium gehabt; ich aber bin

mit Tränen hinausgegangen aus der Gemeinde, und sie haben mir

nachgespieen in das Elend. Ich bin ausgestoßen worden aus der

Gemeinschaft meines Volkes; wenn ich läge, wo der Herr Kurator lieget,

so würde es besser um mich bestellet sein.«

»Hat einer hierzu noch irgend etwas zu sagen?« rief der Doktor Snorro

Skalholt, und als niemand den Mund auftat, sprach er selber:

»Wenn ich in Bedacht nehme, wie alt der Mensch werden kann, ohne

aufzuhören, ein Esel zu sein, so möchte ich mir selber zu einem Greuel

werden. Da bin ich jung geworden zu Reikiawik im alten, klugen Island,

und war auch meine Frau Mutter eine merkwürdig gescheite Frau. Da hab'

ich studieret mit dem weltberühmten Boerhavius zu Leyden auf der

glorreichsten Universität, und sie haben mir ins Testimonium

geschrieben, daß es nichts Geringes sei um mein Ingenium, hab' mir auch

sonsten zu Paris, Bologna und in Teutschland mit Finessen, Schlauheit

und guter Kapazität fortgeholfen; bin mit offenem Aug' an die dreißig

Jahr hinter diesem hier gegenwärtigen Herrn Benediktus von Knorpp, ^pro

tempore^ Gouverneur von Friedrichshall, hergezogen, einerlei ob zur

Viktoria oder Retirade. Hab' mir fortgeholfen bis zu dem heutigen Tage,

sintemalen ich mich immer ans Messer gehalten hab' und niemalen an die

Fiduz auf die Menschheit. O Jens Pedersen Gedelöcke, wie hat die

Narrheit dem Snorro Skalholt das Bein gestellet! Pardauz, da stolpert

der Tropf über deinen Leichnam und schlägt hin auf die kluge Nase, daß

es krachet. Ja, der kluge, kluge Snorro Skalholt, dem Mynheer van der

Tromp und ganz Holland nicht zu viel waren, wie hat er sich durch Ihn

und für Ihn übertölpeln lassen, Herr Gedelöcke! O Kommandante, wie sind

sie über uns gekommen, Christen und Juden, der Herr Hieronymus Moekel

wie Meister Jakob Jakobson, der Oberrabbiner! Pfui, Pfui, das ist noch

siebenmal schlimmer denn die Bataille bei Helsingborg, wo wir so wacker

vor dem Stenbock liefen; -- was saget Er jetzo zu diesem stillen Winkel

hinter den Leuten, Obrister von Knorpp? Hat Er Lust, seine fürwitzige

Nase noch einmal hinauszuschieben in die Welt nach solcher Blamage?«

»Tornea und Wardoehuus wären mir lieber!« stöhnte der Gouverneur von

Friedrichshall. »O Jens, Jens, o Jens Pedersen Gedelöcke, du magst wohl

lachen da drüben; aber unsereinem wird's doch schwarz vor den Augen, und

wer nicht rabiat wird, wie der alte Benedikt Knorpp, der setzet sich in

die Jammerecke wie dort der David, oder ziehet mit Winseln durch das

Land, wie der dort mit dem Bettelsack. Holla, an die Gewehre; auf Schloß

Friedrichsstein bin ich Gouverneur, und wer sich hinter mich stellet,

der soll fürs erste fein sicher stehen. O Gedelöcke, Gedelöcke, es war

doch ein lustiger Sommertag in Rosenborg-Have; -- rücke Er an den Tisch,

Monsieur Henrich Israel, stelle Er den Stock hinter den Ofen; -- o Jens

Pedersen Gedelöcke, wer lange lebt, kann vieles erleben; schiebe Er den

Krug herzu, Meister Snorro, die Welt will einmal Fangball spielen, und

wir können's nicht hindern; morgen geb' ich's ihm ^manu propria^

schriftlich, daß er mit meinem abgelegten Pelz nach Seiner Kunst und

Begierde anfangen mag, was Ihm beliebet!«

Hierauf sah der isländische Feldscherer Snorro Skalholt zum ersten Mal

in dieser Historie aus wie ein Mensch; und mit sonderbarer

Vergnüglichkeit schmunzelnd sprach er:

»Kommandante, da hat er doch endlich einmal einen verständigen Einfall!

Hätt's Ihme fast nicht mehr zugetrauet.«

Keltische Knochen/Gedelöcke: Erzählungen · 第 8 / 10 题