IV. Von dem Herrn Obristen Benediktus von Knorpp.

Von den soeben beschriebenen Stunden an flossen natürlich nunmehr alle

die verschiedenen bedenklichen Gerüchte über den Kurator in der einen

entsetzlichen Gewißheit von der grausamen, abscheulichen und verruchten

Apostasie des Mannes zusammen, und mit schauderndem Wohlbehagen sah ihm

die Stadt Kopenhagen in die Fenster. Nun kamen die absonderlichsten

Histörchen zu Haufen hervor wie die Regenwürmer beim Laternenschein, und

hundert Leute, welche den Kurator in ihrem Leben nicht gesehen hatten,

erinnerten sich an Dinge und Worte aus jeder Epoche seines Daseins, die

wohl geeignet waren, die allgemeine christliche Betrübnis zu begründen

und zu steigern. Die Herren Doktores segneten ihren abtrünnigen

Patienten nach jeglicher Krankenvisite; denn wenn auch ihre Kunst sie

dann und wann im Stiche lassen mochte, Jens Pedersen Gedelöcke ging

ihnen nimmer aus, und wie nützlich und annehmlich ein solcher stets

frischer Gesprächsstoff sein mag, das weiß der wohl, so selber eines

solchen in seinem Beruf bedürftig ist. Auch der ehrwürdige Hieronymus

zog nach bestem Vermögen seinen Vorteil aus dem halsstarrigen

rationalistischen Sünder und wußte ihn an jedem Sonntag in seiner

Trinitatiskirche in einer andern und stets feurigeren Beleuchtung als

abschreckend Exempel auf die Kanzel zu bringen, und fand nur einen Dorn

an der Rose, nämlich den frommen Eifer der Kollegen, so den Kuratorem zu

eigenem Gebrauch entlehnten, ohne das ^ius primae possessionis^ im

geringsten zu achten. Was den Famulus David Bleichfeld anbetraf, so

konnte derselbe nicht mehr über die Gasse gehen, ohne daß sich Mann und

Weib an seinen Mantel oder Rockschoß hingen, um ihn mit Fragen,

Kopfschütteln und guten Ratschlägen bis aufs äußerste zu torquieren.

Im Hause selber hockte Frau Mette im Sack und in der Aschen, hielt ihr

Töchterlein zwischen den Knien, genoß wie die Stadt Kopenhagen den

kitzelnden Schauder des unerhörten Zustandes und nahm dazwischen in

zerknirschter Gehobenheit die wunderlichsten Kondolenzbesuche an. Es

kamen Leute aus den höchsten wie aus den niedrigsten Ständen zu ihr:

gottesfürchtige Kammerherrn und Hofdamen vom erleuchteten Hofstaat

Seiner Majestät des Königs Christians des Sechsten; theologisierende

Geheimeräte, mystische Schuster, wohlmeinende Bürgerfrauen, besonders

aber viele Pastorenwitwen mit den gedruckten oder ungedruckten Predigten

ihrer Seligen, also mehr als ein inspiriertes Waschweib. Die hohe und

niedere Geistlichkeit hielt das Haus blockiert, wie der Türk den Russen

Anno Eilf am Pruth; im Schoß der Universität summte und brummte es wie

in einem Bienenkorb, der sich zum Ausschwärmen rüstet, und es war kein

Teetopf, kein Bierkrug und keine Bettgardine, hinter welchen nicht das

^Pro^ und ^Contra^ in Sachen Gedelöcke mit Eifer abgewogen wurde.

Gedelöcke selber verbiß seine leiblichen Schmerzen hinter verriegelter

Tür, ließ sich von seinem getreuen Famulo das Buch Koheleth, welches wir

den »Prediger« Salomonis nennen, vorlesen, schlug noch einen Hauptsturm

der Kopenhagener Prediger ab und machte am ersten Ostertage des durch

ihn so denkwürdigen Jahres 1731 sein Wort wahr, und ging mit dem Gefühl,

als ob ihm ein eiskalter Teller auf den Magen gedrücket werde, hinüber

in eine bessere Welt, um vor einer andern Stelle als dem dänischen

Oberkonsistorio und dem Kopenhagener Polizeimeister und obern und untern

Publiko von seinem Leben, Taten und Meinungen Rechenschaft zu geben. Er

ersoff, verstockt wie Pharao, elendig im Roten Meere seiner Sünden, wie

der Pastor Hieronymus Moekel sagte. Er zeigte, daß er zur richtigen Zeit

seinen Abtritt zu nehmen wußte, wie der Professor Ludwig Holberg mit

einem noch vieles andere sagenden Achselzucken bemerkte. Er schlug sich

dreimal an die Brust und rief: »Ich weiß, daß ein allmächtiger Gott

ist!« und verschied -- wie Monsieur David Bleichfeld später auf dem

Polizeiamt berichtete.

Nun weiß man aus der Geschichte, daß um die Stunde, da der großmächtige,

grausame Tyrann und verruchte Königsmörder Olivier Cromwellius, so sich

auch den Protektor von England heißen ließ, den Atem verhauchte, ein

erschrecklich Unwetter sich erhob, welches viele Fensterscheiben und

Schornsteine zerschlug, auch manchen Baum umwarf und sonst vielerlei

betrübtes Unheil anrichtete: um die neunte Abendstunde des ersten

Ostertages 1731, als der Kurator Gedelöcke seine Rechnung abschloß,

entstand nur ein trockenes Wehen, das kaum den Staub und die Abfälle in

den Gassen von Kopenhagen umherwirbelte, aber späterhin so gut wie das

engelländische Sturmwetter zu den »Zeichen« gerechnet wurde. Es rasselte

der Wind ein wenig an dem Fenster, als klopfe eine Hand an die Scheiben.

»So lasse ich dich dem, welchem du angehören willst, Jens Pedersen

Gedelöcke!« rief der Prediger von der Dreifaltigkeitskirche und

entfernte sich mit seinem Küster Jesse Brägge; das Gesinde stürzte fort,

die Frau verbarg sich mit dem Töchterlein in ihrem Gemache. Niemand

harrte bei dem toten Manne aus, als sein Famulus und sein Kater, welcher

letztere später natürlich ebenfalls zu den »Zeichen« gezählt wurde. Und

als David Bleichfeld eine halbe Stunde nach dem Tode des Patrons in sein

Kämmerlein hinaufstieg, um aus dem verborgensten Schubfach seines

Schreibpultes das an den Herrn Obristen von Knorpp gerichtete Schreiben

des Kurators hervorzunehmen, hielt der Kater die Leichenwache fürs erste

ganz allein.

Mehr instinktartig und mechanisch, als in klarer Überlegung dessen, was

geschehen müßte, richtete der Famulus den letzten Auftrag seines Herrn

aus; aber selbst die Gewißheit, nur der letzten Grille des Verstorbenen

Vorschub zu leisten, würde ihn auf seinem Wege nicht aufgehalten haben.

Er verließ das Haus und trug das versiegelte Papier in beiden Händen vor

sich her durch die finstern Gassen. An einer Ecke traf er auf die

ehrwürdigen Herren von der Trinitatis- und der Frauenkirche, welchen ein

Diener mit der Laterne vorleuchtete. Sie hielten den Verstörten an und

sprachen, indem sie eine längere Zeit hindurch an seiner Seite

schritten, heftig und hitzig auf ihn ein, ohne daß er sie anfangs

verstand. Als er aber allmählich ihre Meinung und die Wege, welche sie

gingen, begriff, da schob er das Schreiben Gedelöckes hastig in die

Brusttasche und knöpfte mit zitternden Fingern jeden Knopf darüber zu;

noch hastiger nahm er sodann seinen Abschied von den zwei Pastören und

beschleunigte seine Schritte dergestalt, daß er fast gänzlich außer Atem

vor der Wohnung des Obristen Benediktus von Knorpp anlangte und vor

übermächtiger Aufregung und Mangel an Luft kaum imstande war, daselbst

Einlaß zu begehren und seinen Namen zu nennen.

Da stand er denn auf dem Hausflur und murmelte: »Ah, so ist es gemeint!

so ist es -- o, ich konnte es mir denken! o, Jens Pedersen Gedelöcke! o,

Herr Kurator! o, mein guter, guter Herr und Patron!« und aus dem obern

Gestock des Hauses drang ein rauher kriegerischer Gesang herab, welcher

sein erschüttert Gemüte auch wenig kräftigte und festigte. Nun führte

ihn eine uralte, hexenartige Dienstmagd die Treppe hinauf; nun trat er

aus der Kühle in die Hitze, nun stand er zwischen gepackten

Soldatenkoffern in einem dichten Nebel von Tabaksqualm, und das Lied von

der Schlacht bei Kiöge paßte fürtrefflich zu dem Manne, so in hohen

schwedischen Stiefeln, mit der Tonpfeife im Munde zwischen dem Fenster

und dem hohen Steinkrug auf dem Tische hin- und herschritt und jedesmal,

wann er die Nase und den Schnauzbart in dem Kruge versenkte, wußte, was

er tat.

»Der Herr Obrister sind heute mittag von Altona angelanget und gehen

übermorgen mit dem Regiment nach Frederikshall,« hatte die

Wirtschafterin auf der Treppe dem Famulo mitgeteilt, und der Herr

Obrister kommandierten sich selber »Halt!« und »Front«, standen

stocksteif vor dem Boten des Kurators Jens Pedersen Gedelöcke und

schnarrten:

»^Bonsoir^, Monsieur Bleichfeld; ist Er's denn, oder ist Er's nicht? Bei

allem, was lebet, wie siehet Er aus, Herr Studio! Ist Ihm der General

Stenbock, der König Karl oder der Teufel selbst begegnet? Was bringet Er

mir von Sich oder Seinem Herrn?«

»Der Herr Kurator lassen sich dem Herrn Obristen allergehorsamst

rekommandieren; -- vor einer Stunde sind Sie sanft entschlafen.«

»Halt!« schrie der Kriegsmann, beide Hände wie Klauen dem

zusammenknickenden Famulus auf die Schulter schlagend, und ihm die

scharfe dünne Habichtnase so nahe als möglich unter die Augen rückend:

»Ruhe im Glied! Was hat Er gesaget, Monsieur?«

Der Famulus wiederholte stotternd seine Nachricht, die hellen Tränen

liefen ihm dabei jetzo über die hagern Backen, und der Kriegsmann ließ

seine Schulterblätter frei, leerte im jähen Schrecken und Schmerz seinen

Krug bis zum Grunde, setzte sich auf den nächsten Holzschemel und

seufzte in tiefster Zerknirschung:

»O David Bleichfeld, das verdirbt mir mehr als diesen Abend! O

Bleichfelde, mit diesem Wort hat Er mir mehr in der Hand zerbrochen, als

diese tönerne Pfeife, und Famule -- holla -- ich kenne den Jens Pedersen

-- und ich glaube Ihm noch nicht, Monsieur David! Er ist geschickt

worden, mich anzulügen zum Willkommen, Kamerade -- sehe Er mir noch mal

in die Augen.«

Noch einmal packte der Kriegsmann den Unglücksboten und sah ihm in das

klägliche Gesicht. Als er ihn aber zum zweiten Male frei ließ, zweifelte

er nicht länger, sondern seufzte:

»O Jens, Jens, du halsstarriger, widerborstiger, närrischer Bursch, so

hast du mir denn den letzten Schabernack gespielt und bist vom Posten

abgezogen, ohne Losung und Rapport zu hinterlassen. O du

fahnenflüchtiger Bösewicht, die Hand hättest du wenigstens mir noch

einmal drücken sollen! Monsieur Bleichfeld, ich sage Ihm, das hat mir

nicht geschwanet, daß ich zu einem solchen Feste aus Holstein einrücken

solle. O Jens, eine solche Freundschaft wie die unsrige ist nie erhöret

worden, und nimmer haben zwo menschliche Kreaturen in solchem Hader,

Ekel und Widerwillen miteinander gelebet, denn wir zwei beide! Monsieur

Bleichfeld, seit wir uns vor unserer Väter Türen zu Helsingör um Ball

und Kreisel die Köpfe blutig schlugen, seit wir in Rosenborg-Have Anno

1695 um die Mamsell Spegelmann einander in die Haare gerieten, sind wir

wie zwo Zwillingsbrüder gewesen und haben kein Jahr verstreichen lassen,

ohne uns gegenseitig aufs Eis zu führen, und nun ist er fortgegangen,

Meister Bleichfeld, und hat seinen alten Kumpan allein im dänischen

Dreck gelassen! Ich habe schon längst in Altona auf seine diesjährige

Schnurre gewartet; aber solches geht doch über allen Spaß, -- ohne ein

Aviso, -- ohne ein Wort zum Abschied --«

»Nicht ohne ein Wort zum Abschied, Herr Obrister!« rief der Famulus, das

Schreiben seines Patrons hervorziehend. »Dieses ist für Euch, Herr von

Knorpp, und mir auf die Seele gebunden. Leset und lasset mich Eurer

Opinion, Eures Rates und Trostes genießen; es ist seine letzte Meinung

also gewesen.«

Mit eilfertiger, ein wenig zitternder Hand hatte der Oberst nach dem

wohlversiegelten Brief gegriffen, ihn mehrfach von jeder Seite beaugt

und endlich erbrochen.

Da saß er am Tisch, die Skriptur auf Armeslänge von sich abhaltend, und

das wechselnde Spiel der Muskeln auf seinem runzligen, zähen,

verwetterten Ledergesicht war wohl eines feinen und gewandten

holländischen Pinsels würdig. Betrübnis, Erstaunen, Zornigkeit und helle

Wut zerrten in solcher blitzesschnellen Folge Stirn und Nase,

Schnauzbart, Kinn, Backen und Mundwinkel durcheinander, daß der

kummerbelastete Famulus ob des mirakulosen Anblicks betroffen Schritt

für Schritt zurücktrat, und zuletzt, als der Kriegsmann mit einem wilden

Fluch und einem donnernden Faustschlag auf den Tisch verkündete, daß

dieses das Tollste und Heilloseste sei, was ihm seit dem Travendahler

Frieden vorgekommen, -- wie von dem Faustschlag selber getroffen

zusammenfuhr und schier in sich selber verschwand.

»Weiß Er, David Bleichfeld, was er mir hier schreibt?« schrie der Obrist

und brüllte, als der Famulus den Kopf schüttelte: »Er wendet sich an

mich und an Ihn, Davide, um sechs ungehobelte Bretter und ein stilles

Loch in der Erde! Er weiß, was für schwarzes Gevögel ihm über dem Kopfe

fliegt und herabstoßen will! Wir beide sollen ihn begraben, Monsieur,

bei Nacht und Nebel, still und fein säuberlich, Monsieur. Er hat uns

seinen armen stinkenden Leichnam vermacht, Meister David Bleichfeld.

Seinem Hausdrachen trauet er nicht über die Gasse und noch viel weniger

bis auf den Kirchhof, und was den ehrwürdigen Herrn Hieronymus Moekel

anbetrifft, so -- -- Himmel und Hölle, bei allen Gruben, an denen ich je

auf einem dänischen ^champ de bataille^ gestanden habe, Jens Pedersen

Gedelöcke, es soll geschehen, wie du es wünschest, und sollte ich das

Haus mit meinen Füsilieren im Sturm nehmen müssen!«

Auch der Famulus las nunmehro das Schreiben des Kurators und rief

sodann: »O Herr Obrister, er hat recht, und Eile tut wahrlich not! Der

Herr Oberprediger von Trinitatis ist freilich schon auf dem Wege, ein

hochehrwürdiges Konsistorium ist bereits zusammenberufen, und was die

Dunkelheit dieser Nacht gebiert, das wird am Morgen gar schön und propre

daliegen --«

»Und übermorgen segeln wir auf alt Norge!« rief der Kriegsmann, den

Dreimaster auf die Perücke stülpend; »Gewehr über! Marsch auf der ganzen

Linie! O Jens, Jens, wie magst du von deiner Wolke herablachen, denn

also hast du mich in deinem ganzen Leben noch nicht zum Narren gehalten;

aber wer zuletzt lacht, -- ach Gott, es ist eine elende, nichtsnutzige

Welt, marsch, Meister David, lasse Er die schwarzen Vögel nur zu Haufen

fliegen; wir holen meinen Regimentsfeldscher Herrn Snorro Skalholt aus

seinem Garnisonsspital; dann können wir ihnen die Volte zu drei

schlagen, und, Monsieur David Bleichfeld, wann Er übermorgen mit mir und

meinem Regiment an Bord des Själland gehen will, so soll Er mir

hochwillkommen sein, und zu überlegen wär's!«

»Jawohl, zu überlegen wär's!« seufzte der Famulus; aber der Gedanke an

das Testament des Kurators Gedelöcke, an die herrliche Bibliothek und

die zweitausend dänischen Reichstaler legte sich ihm wie ein spanischer

Reiter in den Weg; mit einem Ruck der Verzweiflung zog er den Hut in die

Stirn, folgte unsicheren Schrittes dem Kriegsmann, welcher bereits die

Treppe hinunterstapfte, und fand sich zwanzig Minuten später vor dem

Spital der Kopenhagener Garnison unter dem Fenster des isländischen

Doktors, welches der lange Oberst, auf den Zehen stehend mit dem

Stockknopf grad erreichte.

»Wach ist er; aber Danziger Goldwasser ist auch ein liebliches

Getränke,« sprach der Herr von Knorpp. »Da werden wir ihm doch wohl die

Scheibe einschlagen müssen. Hallo, holla, da ist er!«

Auf das wiederholte Gepoch wurde mit einem grimmigen Getöse das Fenster

in der Höhe aufgerissen, und, beleuchtet von einer flackernden Kerze,

schob sich der dickste Kopf der dänischen Monarchie in die Nacht vor.

»Ist das nicht wie ein Nordlicht?« fragte der Oberst, seinen Ellenbogen

dem Begleiter in die Seite stoßend. »Gut Freund, Meister Snorro

Skalholt! Steige Er hernieder, Kamarado, man hat eine Arbeit für Ihn!«

»^Eheu, dux legionarius!^« schnarrte die Erscheinung im Fenster, das

zerwühlte, flachsartige Haar zurechtschüttelnd. »Seid Ihr es, Herr von

Knorpp? Was habet Ihr für Euern Gehorsamsten? Mit oder ohne Messer,

Obrister?«

»Herunter mit dir, Island!« schrie der Kriegsmann. »Das weitere wird man

dir schon auf dem Wege sagen!« Das Fenster schloß sich; der Doktor

Snorro Skalholt trat in die Gasse und erfuhr, um was es sich handle.

Fürderhin lachte er nur von Zeit zu Zeit grimmig in den Bart und rieb

sich die Hände unter dem Mantel. Bereit, auch das Äußerste für ihre

Pflicht zu nehmen, erreichten die drei Verbündeten das Haus des Kurators

Jens Pedersen Gedelöcke.

V. Von dem isländischen Regimentsfeldscherer Herrn Snorro Skalholt und

von Mynheer van der Tromp, weiland zu Leyden.

»Halt!« kommandierte wiederum der Obrist. »In keinem Scharmützel, in

keinem Treffen bin ich mit einem solchen Gefühl im Magen in die

Schlachtlinie gerückt, und Er, Skalholt, lasse Er das abscheuliche

Gegrunz und Gelach; hätt' Er den Gedelöcke gekannt, wie wir, es würde

Ihme auch schwüler ums Herz sein.«

»He, he, he, ich lache nicht über den Herrn Kurator, ^monsieur le

colonel^; mich lächert Mynheer van der Tromp, den wir zu Leyden stahlen

zur Ehre der Wissenschaft. Lasset mich sehen, -- Lemort, Hotton,

Boerhave und ich teilten uns in ihn; -- ja, ja, die drei andern sind als

große ^lumina^, als weltberühmte Lichter ausgegangen, und ich bin ein

armer Feldscher worden; aber was hat der Mensch von aller Gloria, wann

er tot ist? ^Barbati praecedant^, marschiere Er voran, Herr von Knorpp,

doch trete Er leise auf: Mevrouw van der Tromp bot fünfhundert

holländische Dukaten dem, so ihr ihres Eheliebsten Leib retourniere, und

wir loffen schier an der Wand hinauf vor Ärger; denn wir hatten ihn

allbereits verwürfelt und ausgeteilet, jeglichem nach seiner Fortun.«

»Das ist ja eine recht jokose Historia, Meister Snorro,« sprach der

Oberst Benediktus. »Courage, Monsieur Bleichfeld!«

»Eine recht jokose Historia!« murmelte der Famulus und schoß in die

halbgeöffnete Haustür, in welcher niemand ihm und seinen Begleitern

entgegentrat.

»Niemand zu sehen und zu hören?« sagte der Obrister. »Wahrlich, das

siehet öde und kalt aus. O Jens, Jens, du hast uns sonsten hier in

anderer Weise salutieret! Haben sie denn alle Reißaus genommen? Brr, im

Schwedenlager vor Frederikshall, Anno Achtzehn konnt's nicht kühler

sein; -- o Gedelöcke, Gedelöcke, was ist aus deinem lustigen Quartier

geworden!«

Nichts regte sich in dem großen weitläuftigen Hause. Auf einer

Treppenstufe stand eine schwelende Küchenlampe, und dem Famulo schlugen

die Knie aneinander vor innerlichem Frost, als er die Hand nach dieser

Lampe ausstreckte, um den beiden Herren den Weg zu zeigen. Auch in dem

obern Gestock rührte und regte sich nichts, außer den Mäusen hinter dem

Wandgetäfel; die Tür des Sterbezimmers stand gleich der Haustür ein

wenig geöffnet, doch brannte kein Licht in dem Gemache, und die kleine

qualmende Flamme, welche David Bleichfeld auf Armeslänge zitternd

vortrug, schien die Finsternis nur dichter und undurchdringlicher zu

machen.

»Nun, Mann, da wir soweit sind, so rücket weiter,« sagte der Oberst,

doch nicht mit der gewohnten rauhen Kommandostimme. »Die Toten beißen

nicht, und den Lebendigen kann man die Zähne weisen; -- da!«

Der isländische Regimentsdoktor hatte den zaudernden Famulus durch einen

jähen Stoß in das Gemach gedrängt; der Schein der Lampe fiel über das

Bett des Kurators, und aus dem Lehnstuhl neben dem Bette erhob sich

fauchend der Kater Mutz und sah mit grünleuchtenden, wilden Augen auf

die Eintretenden. Unter dem weißen Laken, so man über den Leichnam

geworfen hatte, guckte nur der rote Zipfel der Nachtmütze Gedelöckes

hervor; der Lichtschein tanzte über dem Tische mit den Arzneigläsern,

Schalen und Bechern; auf der spanischen Wand grinsten die bunten

Chinesen wie phantastische Kobolde, und in dem kuriosen Gezweig schienen

die kuriosen Vögel in dämonischer Lustigkeit mit den Flügeln zu

schlagen. Schon aber hatte Herr Snorro Skalholt die Leinwand von dem

Gesicht des Toten gezogen, und während die beiden andern noch in

Betrübnis und Grauen bewegungslos standen, betastete er mit

gierig-kundiger Hand den Leichnam, wandte sich um und sprach:

»Herr Obrister von Knorpp, der Mann spielt Euch sicher keinen Possen

mehr.«

»Ich wüßte nichts, so mir schwerer einginge!« seufzte der Oberst. »O

Jens, Jens, das gehet noch über die Mamsell Spegelmann im Garten zu

Rosenborg, -- ah, bah, hab' ich damals meinen Willen gehabt, so sollst

du jetzo den deinigen haben, Jens Pedersen Gedelöcke! Vorwärts im

Schritt; -- gebet Euer Wort dazu, Ihr Herren!«

»Messieurs sind also fest entschlossen, mit hier vorliegendem Korpus

^per fas et nefas^ denen, so ein mehreres Recht daran haben möchten, die

^elatio^, will sagen, die Leichaustragung vor der Nase hinweg

vorzunehmen?« fragte der Doktor Snorro, sich von der Inspektion des

Leichnams aufrichtend.

»^Per fas et nefas^, es war seine Meinung, und es soll so geschehen!«

rief schluchzend der Famulus, und der Oberst von Knorpp streifte stumm,

mit grimmigem Ernst, die weiten Ärmelaufschläge zurück, zu jedem

Anpacken mit Fäusten und Zähnen bereit.

»So ist mein Avis,« sagte der Regimentsfeldscher, »die Herren halten

allhier gute Wacht mit Ober- und Untergewehr; ich aber bringe vom Spital

die Vespillones, will sagen, meine Bahrträger. Da gehen wir dann mit dem

Herrn Kurator fein still und sittsam die Treppe hinunter, machen an der

Tür dem Haus unser Kompliment, und hab' ich ihn, will sagen, den Herrn

Kuratorem, im Spital, so --«

Der Doktor brach ab und zeigte nur sein Gebiß; der Herr von Knorpp und

Herr David Bleichfeld gaben nickend ihre Beistimmung kund, jedoch mit

der geheimen Reservation einer kleinen Unterschiedlichkeit zwischen den

allerletzten Schicksalen Mynheers van der Tromp und des Kurators Jens

Pedersen Gedelöcke. Auf den Zehen schlich der Isländer aus dem Zimmer;

der Obrister setzte sich zu Häupten des Lagers nieder, und der Famulus

hielt Wacht an der Tür, nachdem er vorher noch eine Wachskerze, die er

auf einem Nebentische fand, angezündet hatte. Schnurrend aber ging der

Kater jetzo, nachdem er sich überzeugt hatte, daß Freunde seines toten

Herren gekommen waren, von einem der beiden Männer zu dem andern und

rieb knisternd sein Fell an ihren Schienbeinen und Waden, bis er

plötzlich ganz ^improviso^ mit einem Satz dem Obristen auf das Knie

sprang und gravitätisch daselbst seinen Posten behauptete. Hätte der

Kurator sich aufrichten und einen Blick in das weite, dunkle Gemach, auf

den rotröckigen Herrn Benedikt von Knorpp, den schwarzen,

bleichgesichtigen, zähneklappernden David Bleichfeld und den Mutz werfen

können, er würde dessen gewiß merkwürdiglich froh geworden sein.

Von Zeit zu Zeit unterbrach ein langes Geseufz, ein dumpferes Knurren

und Brummen des Kriegsmannes die Stille der Nacht. Der Wind zischte vor

den Fenstern, es rieselte der Ruß im Schornstein hernieder, einmal wurde

draußen auf dem Gange eine Tür schnell geöffnet und noch schneller

wieder zugeschlagen.

»Da lob' ich mir jeglichen Posten über jeder Flattermine,« murmelte der

Obrister, und der Famulus lobte noch manche andere Dinge und Zustände,

welche behaglicher waren, als dieses mitternächtliche Harren auf den

isländischen Doktor Snorro Skalholt und seine Bahrträger. Endlich um

zwölf Uhr weniger zehn Minuten legte der Herr von Knorpp die Hand ans

Ohr, und David schlich zum Fenster und flüsterte:

»Da sind sie! der Himmel sei gepriesen!«

»Amen!« sprach der Obrist. Taktmäßige Schritte mehrerer Männer ertönten

in der stillen Gasse und hielten vor dem Hause des weiland Kurators

Gedelöcke an.

»Courage, Famulissime!« flüsterte der Herr von Knorpp. »Jetzo fasset

einmal all Euern dänischen Heldenmut zusammen; denket an den ehrwürdigen

Herrn Hieronymus Moekel und das hochehrwürdige königliche Konsistorium;

nehmt das Licht und haltet es hoch, ich nehme den Kurator! Courage, Jens

Pe -- wollte ich sagen David Bleichfeld! O Jens, Jens Pedersen

Gedelöcke, ich hab' schon manch einen also aufgegriffen vom Feld, aber

keinen mit mehr Ärgernis und Jammer als dich! Komm, Alter, es war doch

ein ander Ding, als wir in Rosenborg-Have uns im Sonnenschein unsere

Meinung und die Mamsell Spegelmann um die Köpfe schlugen!«

Er hatte während dieser Stoßseufzer das Leinentuch fest um den Leichnam

geschlagen und erhob denselben nun mit einem wilden Ruck von dem Pfühle.

Im höchsten Schrecken fuhr David Bleichfeld gegen die Wand, und

zischend, mit emporgesträubtem Pelz, schoß der Kater auf und sah mit

allen Zeichen des Entsetzens von einem hohen Eckschrank seinem toten

Herrn nach.

»Horch, Island auf der Treppen! Hinaus, Monsieur, in des Satans Namen!

-- Leuchtet vor, -- Courage!« rief der Obrist, keuchend unter seiner

absonderlichen Last; der Famulus riß die Tür auf, und der Herr von

Knorpp sprang mit dem Leichnam auf den Korridor hinaus. In demselben

Momento aber wurde auch die Tür der Frau Mette am Ende des Ganges

geöffnet, und eine Magd, ein Teebrett mit Tassen und Töpfen in den

Händen tragend, trat herfür, um einen Augenblick versteinert die

verwunderliche Gruppe anzustarren und mit dem nicht ungerechtfertigten

gellenden Gekreisch: »Er holt ihn! er holt ihn! er hat ihn! Der Teufel!

der böse Feind! der Teufel holt den Herrn! der Teufel holt den Herrn

Kurator!« zu Boden zu stürzen. Auf sie und die Trümmer ihres Porzellans

sank mit eben solchem Geschrei die herzugeeilte trauernde Wittib.

»Da haben wir's, Jens Gedelöcke, da hast du's! drin sind wir! Vorwärts,

Monsieur Bleichfeld. Zehntausend finnische Nordlichter, wird das morgen

einen Lärm geben in der Stadt Kopenhagen! Greift zu, Herr Snorro, und

vorwärts im Galopp!«

»Ja, vorwärts im Galopp, das sagte Hermann Boerhave auch, als wir

Mynheer van der Tromp durch die Hoftür zwängten,« murmelte der Isländer.

»^De drommel^, das war im Jahr Neunundachtzig, Obrister!«

Der Famulus sagte nichts; denn zuletzt trug er doch am schwersten an dem

Gewicht seines guten toten Patrons. Wie Frau und Magd im obern Stockwerk

des Hauses, so schrien nun Knecht und Köchin im Erdgeschoß auf und

stürzten im fernsten Winkel übereinander; aber vor der Tür warteten ein

Gefreiter und vier Füsiliere mit der Spitalbahre: »Viktoria, heran ihr

Leute!« rief der isländische Feldscher. »Packt auf und sehet euch nicht

um; greift aus, Herr von Knorpp, greift aus, Monsieur Bleichfeld, in

meinem Quartier mögen wir das weitere besprechen.«

Schnell nahmen die Träger die Bahre auf, und im eilenden Laufe wurde der

Leib des Kurators Jens Pedersen Gedelöcke durch die Gassen geführet.

Weit ausschreitend, eröffnete der Obriste Herr Benediktus von Knorpp den

Zug, und der Famulus mit dem Isländer beschlossen ihn. Scheu wich zur

Seite, wer dem gespenstischen Wesen begegnete, und mehr als ein guter

Kopenhagener Bürger, an welchem das »Ding« vorübergefahren war, sprach

nachhero mit absonderlicher Inbrunst sein Vaterunser und zog die

Bettdecke hoch über die Nase hinauf. Am andern Morgen in der grauesten

Frühe, vor Eröffnung der Festungstore, rasselte ein Fuhrmannswagen gegen

das Ostertor heran, und ein tief in seinen Mantel gehüllter Mann wies

dem wachthabenden Korporal den Passierzettel vor, worauf die Gitter ohne

Anstand geöffnet wurden, und das Fuhrwerk ohngehindert seinen Weg durch

die Osterbrogade fortsetzen durfte. Am Garnisonskirchhof hielt der Wagen

abermals, drei Männer stiegen herab und trugen mit Hilfe des Fuhrknechts

einen schlecht gezimmerten königlich dänischen Soldatensarg im tiefsten

Schweigen durch den dichten Nebel über den Gottesacker zu einer Grube,

an deren Rand der Totengräber mit seinem Gehilfen bereits wartete.

Im tiefsten Schweigen wurde der Sarg in die Erde hinabgesenkt; wie die

drei Männer mit die Stricke gehalten hatten, so griffen sie auch mit zu

den Schaufeln, und in kürzester Frist war die traurige Arbeit vollendet.

Nachdem sich die Totengräber entfernt hatten, blieben die drei

Leidträger allein an dem neuen Grabe; der Famulus des Herrn Kurators

Jens Pedersen Gedelöcke, David Bleichfeld, schluchzte laut hinter dem

vorgehaltenen Hute; der isländische Doktor Snorro Skalholt murmelte

etwas von Mynheer van der Tromp, und der Obriste Herr Benediktus von

Knorpp drückte mit einem Faustschlag den befiederten Dreimaster tief in

die Stirn und sprach:

»So hast du denn wenigstens ein ehrlich Soldatengrab gekriegt, Jens, und

Gott schenke dir und uns allen eine fröhliche Urständ! Wir haben unser

Bestes getan, Messieurs, und für jetzt das Beste gewonnen; aber --

Bleichfelde, nehme Er Vernunft an; gehe Er morgen mit mir und meinen

Füsilieren nach Norwegen. Bringe Er Seinen eigenen Leichnam in

Sicherheit, Famule; gehe Er mit uns nach Friedrichshall; die Kommodité

soll seit der schwedischen Berennung Anno Achtzehn mächtig zugenommen

haben; ich geb' Ihm meine Parol, auf Fort Güldenlöwe soll Er sitzen wie

in Abrahams Schoß, und wir wollen lachen über das Krächzen und

Flügelschlagen jenseits des Wassers.«

»Seine, meine Bibliotheka!« seufzte der Famulus. »Die zwotausend

Reichstaler lass' ich hinter mir wie einen Sack Nüsse; aber hat er Raum

an Bord für ^Opera omnia^ Lutheri, Melanchthonis, Brentii, Walleri,

Erasmi, Clerici, Calvini, Cocceii, Launoii ...«

»Hör Er auf, hör Er auf!« schrie der Obrist.

»Hat er Platz für des Cornelii a Lapide Bibelkommentare, sechszehn

Folianten? Hat Er --«

Herr Benediktus von Knorpp hielt sich beide Ohren zu, und stiefelte

eilig über die Gräber der Kirchhofspforte zu, und verdrießlich folgte

ihm der isländische Doktor. Der arme Famulus stand allein an dem

traurigen Grabe des Kurators Jens Pedersen Gedelöcke, schlug die Hände

zusammen und rief:

»O mein guter Patron, mein Freund, mein Vater, was werden sie aus mir

machen? Was soll ich ohne Ihn anfangen in dieser ärgerlichen giftigen

Welt? O Herr Kurator, Herr Kurator!« Auf den Zaun des Garnisonfriedhofes

aber legten sich zwei hagere, haarige, knochige Fäuste, eine lange,

schwarze Gestalt hob sich auf den Zehen, und eine spitzige, gerötete

Nase roch in den Nebel hinein.

»Ei, ei! so, so, Monsieur Bleichfeld,« sprach Meister Jesse Brägge, der

Küster der Trinitatiskirche. »Solches wird man freilich ein Begräbnis

Jojakims nennen! ^o profanatio^, was werden wir dazu sagen im

hochwürdigsten Konsistorio! Hat man Ihn, Monsieur? Ei, ei, ei, das war

freilich ein lieblich Werk und wird einen guten Geruch geben.«

VI. Von der Stadt Friedrichshall, der Feste Friedrichstein und dem

dänischen Postschiff.

Im Norwegenschen Amt Smaalehnen, Stift Christiania, an der Mündung des

Tistedal-Elfs in den Idefjord, Swinesund, liegt die Stadt Friedrichshall

und daneben auf einem dreihundertundfünfzig Fuß hohen Felsen die in alle

Zeiten berühmte und berüchtigte Feste Friedrichsstein mit ihren beiden

Forts Oberberg und Güldenlöwe, vor welchem letztern, wie jedermann weiß,

in der Nacht vom elften auf den zwölften Dezember 1718 der tapfere König

Karolus, des Namens der Zwölfte, von einer Falkonetkugel durch den Kopf

getroffen, das Leben ließ, und Schwedens Macht und Herrlichkeit ein jäh

und schrecklich Ende nahm. Wir setzen den Fuß auf diesen hochtragischen

Boden im Herbste des Jahres 1731, als Herr Benediktus von Knorpp

Kommandante auf Friedrichsstein war, und noch sind nicht alle Spuren der

schwedischen Belagerung in der öden, felsigen Umgebung verwischt. In

diesen wenig bevölkerten, rauhen Gegenden hielt es schwer, selbst nur

das Notwendigste wieder aufzurichten, und überall zeigten noch die

Rudera verbrannter oder zerschossener Gehöfte, die zu Laufgräben und

Schanzen aufgewühlte Erde, wie Bellona hier Hof gehalten hatte. Wie

Trauerflor überzog das dunkle Gewölk den Himmel, mit klagendem Getön

fuhr der Wind über Land und Sund: immer noch schwebte über den

schwarzgrünen spiegelnden Wellen, dem düstern regungslosen Felsen und

den Ruinen das Gespenst des gloriosen, wilden, nutzlosen Daseins, das

hier in dieser Einöde, nach so gewaltigem Lärm und Leuchten in der Welt,

in nichts versank; -- noch immer schien die königliche Leiche mit der

blutigen Stirn unter den Mauern von Güldenlöwe zu liegen, und die

frostige, graue Landschaft nur die Trauerdekoration des schwedischen

Niederfalls zu sein.

Auf einer Bastion der Festung, von welcher aus man eine weite Aussicht

über den Swinesund, die Stadt und die Berge hatte, stand an ein

Wallgeschütz gelehnt der Kommandant, und neben ihm sein Regimentsdoktor

Herr Snorro Skalholt der Isländer; während eine Schildwacht, ohngefähr

zwanzig Schritte ab, mit geschulterter Muskete auf und nieder ging.

Beide, der Gouverneur wie der Feldscherer, gähnten sehr, und dann sprach

der Herr von Knorpp:

»Daß man am Abend, wann man die Nachtmütze über die Ohren ziehet, seine

Kinnladen noch beieinander findet, ist doch ein Mirakul, Meister Snorro;

und wann man hier vom Parapet herunterguckt, pfui Teufel, man möchte der

ganzen zahmen, lumpigen, lausigen Welt auf den Kopf speien. Aus Wams und

Hosen möchte man fahren vor Ungeduld! 's war doch eine andere Zeit, als

vor dreizehn Jahren der tolle Karl sein Hauptquartier da drüben zu

Tistedalen hatte.«

»Gebe Er Frieden, Kommandante; was hilft Ihm der Skandal und Lärmen? Die

Jahre ziehen einem jeden zu seiner Zeit die Stiefeln aus,« sagte der

Isländer. »Sollte doch vermeinen, Er hab' der wilden Wirtschaft genug

gehabt in den dreißig Jahren, welche hindurch Er mich hinter sich

fortschleppt! Man wird eben alt und kahl und -- ^plus le singe s'élève,

plus il découvre^ -- Ihr wisset wohl, was. ^Sat, satis!^ was fehlet dem

bescheidenen, friedlichen Sinn und Gemüt allhier auf dieser hochgelobten

königlichen dänischen jungfräulichen Feste Friedrichsstein? Lasse Er mir

und lasse Er ihm selber Ruhe, das Postschiff kommt heut auch von

Christiania, und ich für mein Teil verlange nicht mehr von dem ^theatro

mundi^ zu erfahren, als was es uns in seinem Neuigkeitensacke

mitbringt.«

»Jawohl, das Postschiff, das ist auch solch ein leidig Labsal,« brummte

der Oberst. »Was spinnen und haspeln sie anders, als ihre elende

pragmatische Sanktion! Wann der richtige Tanz darob beginnt, Meister

Snorro, werden wir zwei beide wohl still genug liegen. Na, wie ist's mit

dem Schiffe, Mann?«

Diese letzte Frage galt der Schildwacht, welche salutierend den Kolben

der Muskete auf den Boden stieß und prompt rapportierte:

»Lief vor einer Viertelstunde allbereits in den Fjord!«

»^Bon^,« sagte der Kommandant, »steiget hernieder, Doktor, ich glaub',

wir haben für diesmal genug von diesem angenehmlichen ^point de vue^;

man kennt die Kuriosität zur Genüge. Was gibt es, Korporal?«

Der aus dem Innern der Festung emporsteigende Unteroffizier richtete

sich ordonnanzmäßig und griff an den Hut:

»Hab' dem Herrn Gouverneur zu vermelden, daß von der Stadt ein Subjektum

sich heraufgeschleppt hat, so mit dem Boot von Christiania angelangt

sein will, und am Tor in Ohnmächtigkeit verfallen ist. Sitzet miserabel

jetzt in der Kommandantur, winselt nach dem Herrn Gouverneur, -- halten

zu Gnaden, ein erbarmungswürdig Stück Menschheit, -- nennet sich

Monsieur David Bleichfeld, und --«

Mit offenem Munde blickte der Korporal Peter Pomperson seinem

Vorgesetzten und dem Doktor Skalholt nach.

»Bleichfeld?! Gedelöcke?!« hatte der Oberst geschrien, und schon hallten

seine Schritte in dem nächsten bedeckten Wege, und der Isländer folgte

ihm im Trabe auf den Fersen.

Gegen alle soldatische Würde langten in hastiger Atemlosigkeit die

beiden Herren in der Behausung des Gouverneurs an, und David Bleichfeld,

der Famulus des weiland Kurators Jens Pedersen Gedelöcke, wankte ihnen

entgegen, wahrlich ein Bildnis des Jammers und aller Perdition des

Leibes und der Seele!

In Lappen und Fetzen hing dem Armen sein schwarz Schulmeisterhabit um

die Knochen, im Frost schlugen die Knie aneinander, der bitterste Mangel

starrte aus den geröteten, tief eingesunkenen Augen, und zu einem

grimmen Hohn ward der Versuch der ausgemergelten Kreatur, dem Obristen

und dem Doktor Skalholt entgegenzulächeln. Abermals sank der Exfamulus

David Bleichfeld in Schwachheit zusammen.

»Packt ihn!« rief der Isländer. »Greifet dem Jammer sanfte unter die

Arme, Herr von Knorpp! Ins Bett mit ihm! Den Grütztopf ans Herdfeuer,

^agite, agite^! Das nennet man ^in extremis^ sein! He, he, he, Meister

Bleichfelde, haben sie Euch das Fell über die Ohren gezogen? Habt Ihr

Haare gelassen? Greifet zu, Herr Kommandante, habet Ihr Euch nicht

gleich vorgestellet, daß es also kommen werde? Es ist ein bös Ding, in

der Wespen Nest zu greifen, und es ist doch ein gut Ding um diese

sichere und edle Feste Friedrichsstein. Bringet den Narren zu Bett, Herr

Obrister von Knorpp!«

VII. Von dem Teufel, dem Herrn Polizeimeister und Seiner glorwürdigen

königlichen Majestät, Christiano dem Sechsten.

Erst am folgenden Tage hatte sich der Famulus insoweit erholet, daß er,

durch Kissen unterstützet, aufrecht im Bett sitzen und seine kläglichen

Erlebnisse seit dem zweiten Ostertage dem Gouverneur von Friedrichshall

und dem trefflichen Doktor Snorro Skalholt kommunizieren konnte.

»O meine lieben Herren,« seufzte er, »wie sind die Wasser über meinem

Haupte zusammengegangen, wie haben sie mich geducket in die Tiefe!«

»Und die allmächtige Bibliotheka?« fragte der Kommandant.

»Ist versunken mit allem, was an Fleisch und Philosophie, Mut und

Lebendigkeit an mir war, und ist nichts übrig geblieben, als was

Messieurs vor Ihnen sehen; -- horch, was war das?«

»Der Wind im Schornstein und des Kapitäns Storlands zahmer Bär. Fürchtet

Euch nicht vor Gespenstern; man fordert denenselben schon am Tor die

Parol ab. Referier Er weiter, Famulissime; nehme Er sich aber fortan

Seinen eigenen Weg und Seine Zeit --«

»Und nehme Er noch einen Schluck Schiedam,« fügte der Doktor bei; und

David Bleichfeld ließ das Gesicht in die Hände sinken; befolgte dann

auch des Herrn Skalholt räsonnabeln Rat und erzählte weiter; hatte aber

seinen eigenen Weg doch nicht ganz für sich allein: wie es denn auch von

dem Obristen Benediktus von Knorpp nicht zu verlangen war, daß er

während der lamentabeln Historia stillsitze und sich mit Wort und

Gebärde nicht rege.

»Herr Gouverneur und Herr Doktor,« sprach der Famulus, »es ist wohl das

beste, daß ich dem Faden nach erzähle; mein Gedächtnis ist gar schwach

geworden durch die übermenschliche Trübsal und große Verfolgung; aber so

wird sich wohl eins aus dem andern geben: wo lieget der Kurator Herr

Jens Pedersen Gedelöcke begraben, Herr Obrister?«

»Auf dem Garnisonskirchhof vor dem Ostertor,« antwortete der Gefragte;

aber der Famulus schüttelte sich fast den Kopf ab; der Kommandant fuhr

mit einem sehr bedenklichen Fluch in die Höhe, und der Feldscher rückte

mit Gekrach seinen Stuhl näher an das Bett und horchte mit weit

vorgestrecktem Halse.

»Jawohl auf dem Garnisonskirchhof!« winselte der Famulus. »Ein jeglich

alt Weib hatte den Teufel, so den Herrn Kuratorem fortgeführet, rumoren

hören in der Nacht; ein schweflicht Leuchten war über die Stadt

hingezogen, und das Gewässer im Kallebrostrand wie im Sund hat gesiedet

und gebrodelt wie die Suppe im Hafen. Vom Drei-Kronen-Fort aus hatte man

den Bösen auf einem schwarzen Gaul hoch in der Luft gesehen, und den

Herrn Kuratorem hatte er wie einen Sack vor sich über den Sattelknopf

geworfen, und bis nach Schoonen hinüber konnte man den feurigen

Hufschlag in den Wolken verfolgen. Das war gut, und wenig war dagegen zu

sagen, und ich lag im Fieber in meinem Kämmerlein, und die Wittib mit

dem Kind und alles Gesinde war vom Hause geflohen, ich hatt' es allein

mit dem Mutz, des seligen Herrn Kater. Und das Fieber hatte mich, und

war ich wie der Vogel Strauß, so den Kopf in den Sand stecket, und hatte

eine große Furcht. Das Volk in der Gasse stund zu Haufen, steckte die

Köpfe zusammen, flüsterte und deutete mit den Fingern, und als ihr

Herren vielleicht mit Skagen in Sicht segeltet, da klopften der

geistliche und weltliche Arm ^a tempo^ an meine verriegelte Tür, und der

Herr Polizeimeister kam in Persona, begleitet von Herrn Hieronymus

Moekel und dem Küster Jesse Brägge; da war ich wie der Maulwurf auf dem

Spaten! Sie drangen herein im Namen königlicher Majestät und riefen Wehe

über mich im Namen ^summi episcopi^ und in ihrem eigenen Namen, und Ihn,

Herr Obrister von Knorpp, und Ihn, Herr Snorro, hätten sie gar zu gerne

zurückgehabt; aber ich hab' den Kelch allein saufen müssen bis zur

Hefen. Die halbe Stadt Kopenhagen ist vors Verhör gezogen, und die

geistlichen Herren haben natürlich das letzte und das höchste Wort

gehabt und klar dargetan, daß Jens Pedersen Gedelöcke nicht als ein

gläubiger Christ, sondern als ein ungläubiger Jud gestorben sei, daß ihm

nicht gebühre ein christlich Begräbnis, und also ist das Zeugenverhör

und Gutachten vom hochlöblichen Polizeigericht Königlicher Majestät

untertänigst unterbreitet, und am Dreiundzwanzigsten Maji ist

Königlicher Majestät allergnädigste Resolution dem Herrn Polizeimeister

zugestellet worden.«

»Da haben wir's! Himmel und Hölle, jetzt sehe ich es kommen! O

Gedelöcke, Gedelöcke!« schrie der Obrist.

»O Mynheer van der Tromp, welch ein gutes Los ist Euch zuteil worden!«

sprach grinsend der isländische Doktor. »Weiter, weiter, Monsieur

Bleichfelde, auch ich sehe es kommen, und es brauet dick in der Höhe.

Wäre dem Herrn Ludovico Holbergio nicht der Fuchsschwanz hintenan

gebunden, er könnte ein fein Stücklein darüber in Reime bringen.«

»Und am fünfundzwanzigsten Maji,« fuhr der Famulus fort, »bei

Sonnenaufgang holten sie mich herfür aus dem Loch und stießen mich mit

den Kolben durch die Gassen, und ganz Kopenhagen schwarmete vor, zur

Seiten und hinterher, schrie Zeter und warf nach mir mit Kot und

Steinen. Da hatten nach allergnädigstem hohen königlichen Befehl der

Herr Polizeimeister die Ältesten der jüdischen Nation zu ihme

beschieden, und wurde ihres Volkes eine Menge von denen Polizeibedienten

und Stadtwächtern zusammengeholet aus ihren Häusern, Schulen und

Synagogen, und mußten sie auch die Trauerkutschen zahlen. Deren hielten

eine Menge vor dem Polizeihaus, und als nun das neue Leichgeleit

beieinander war, da zogen sie mich in die erste Kutsch als fürnehmsten

Pullatum oder Leidträger, und der Juden Älteste setzeten sie zu zwei

oder drei in die nachfolgenden Wagen mit Polizeibedienten zur Wacht

untermenget. Dann führete die Miliz mit Ober- und Untergewehr die junge

Judenschaft nach, und mit einer besonderen Wacht kam der Fuhrmann, so

mit uns den Herrn Kuratorem zum Garnisonskirchhof fuhr; der

Scharfrichter zu Pferde und seine Knechte mit dem Schinderkarren

beschlossen den Zug. So zogen wir wieder zum Ostertor hinaus, und als

wir auf dem Kirchhof ankamen, da war der Herr Polizeimeister schon

angelanget, und es marschierte ein Kommando Grenadiers unter einem

Oberoffizier heran. Da wurden drei Kreise um das Grab geschlossen, so

wir unserm Freund und Patron dem Kurator Jens Pedersen Gedelöcke gemacht

hatten; der erste von den Grenadiers, der zweite von den Wächtern mit

ihren Morgensternen, der dritte und Hauptkreis von denen Beamten und

Offizieren. Und wie alles in der Ordnung war, da wurde unter

Trommelschlag das Gewehr präsentiert und vom Polizeimeister

allergnädigste hohe königliche Resolution verlesen, wie daß Jens

Pedersen Gedelöcke, der, obwohl vorhero ein Christ, als ein Jude starb,

nicht würdig und wert sei, auf christlichem Gottesacker zu ruhen unter

denen christlichen Kriegesleuten, und daß er, Jens Pedersen Gedelöcke,

derowegen von den Ältesten der jüdischen Nation sollte wiederum

aufgegraben, nach ihrem eigenen Kirchhof transportieret und daselbsten

von neuem beigesetzt werden; -- mit Hilfe des Scharfrichters und seiner

Knechte, wann sie -- die Juden -- es nicht alleine verrichten könnten

und wollten. Da wurden die Schaufeln dem Rabbiner vor die Füße auf das

Grab geworfen, und wie es geschrieben stand, ist es geschehen, der Sarg

ist aufgewühlet und mit Hammer und Zange eröffnet, und sie haben mich

herzugerissen, den Leichnam zu erkennen, und unter Hohn und Spott,

Lachen und Geschrei, ist der Kurator fortgetragen bis zu dem jüdischen

Leichenwagen, so auf vieles Flehen und Bitten anstatt des

Schinderkarrens zugestanden war. Nun mußte der Rabbi als fürnehmster

Sorgmann hinter dem Wagen gehen, dann trieben sie paarweise das andere

verspottete Volk nach dem Alter, und die Miliz und die Polizeibeamten

schritten zur Seiten, auf daß keiner ausweiche, und die Wächter mit den

Morgensternen beschlossen den Kondukt. So ist mein teurer Herr zum

zweiten Male beigesetzet worden auf dem Judenkirchhof und sein Testament

kassieret. In böser Krankheit hab' ich im Spital gelegen, und als ich

des Bewußtseins wieder mächtig war, haben sie mich mit Schande aus der

Stadt gejaget, und in Christiania hab' ich wieder krank gelegen, und nun

bin ich hier --«

»Heule Er nicht, Bleichfelde,« sprach der Obriste Benediktus von Knorpp,

welchem die Pfeife längst ausgegangen war. »Wir wollen Ihn schon wieder

auf die Beine bringen; was aberst den Jens Pedersen betrifft, so möcht'

ich selbsten grad heraus heulen; denn niemalen sind vier so anständige

und wackere Gesellen, wie er und ich, und Er, Meister David, und Er,

Doktor Snorro, so heillos und miserabel abgetrumpfet und mit der Nasen

in den Sumpf gestoßen worden! O Gedelöcke, Gedelöcke; -- was saget Er,

Snorro?«

Ehe der isländische Doktor seine Opinion kundmachen konnte, wurde die

Tür aufgerissen, und wieder stand der Korporal Peter Pomperson da, griff

an den Hut und rapportierte --

Keltische Knochen/Gedelöcke: Erzählungen · 第 7 / 10 题