In einem ziemlich großen, dunkelgrün ausgeschlagenen Gemach stand das
Bett des Kurators, zu Häupten vor allem bösen Zugwind durch eine
spanische Wand geschirmet, auf welcher allerlei chinesisches Volk Tee
trank, auch in Gartenhäusern sich erlustierte oder mit großen
Sonnenschirmen spazieren ging. Von dem Kurator selber erblickte man
wenig mehr, als die mächtige Zipfelmütze, das rote, indische Tuch, mit
welchem die Stirn umwunden war, und die blaue Nase, welche eine nicht
geringe Ähnlichkeit mit der einer dänischen Bulldogge hatte, deren
Konterfei dem Bett gegenüber an der Wand zu sehen war. Beim Eintritt der
Gattin, des geistlichen Herrn und der beiden Ärzte erhob sich die Nase
um ein weniges; der Famulus schob dem Kranken noch ein Kissen unter den
Kopf, worauf die hohe Nachtmütze mit recht freundlichem Nicken den
Besuch begrüßte, und der Kurator sprach:
»Ei guten Tag Messieurs; ich gratuliere mir zu dieser schönen
Gesellschaft. Davide, setze Er Stühle; ^mon coeur^, frage, womit wir
aufwarten können; ein Gläschen spanischen Weines wird eine
Annehmlichkeit um diese Zeit des Tages sein, wie ich selber eine häufige
Erfahrung davon habe.«
Der Doktor Primus räusperte sich mit einem würdigen Lächeln, und der
Doktor Sekundus klärte seine Kehle auf dieselbe Weise, allein Herr
Hieronymus sprach mit abwehrender Handbewegung:
»Wir danken dem Herrn Kuratori, doch gelüstet unserer Zunge nicht nach
irdischem Wohlschmack. Diese zwo Herren führt ihr leiblicher und mich
mein geistlicher Beruf hieher.«
»Ei, ei,« sagte Jens Pedersen Gedelöcke. »Ehrwürden verpflichtet mich
immer mehr; doch -- was saget ^mon coeur^, meine Eheliebste? Welch einen
Beruf wendet sie für?«
»O Jens!« rief die Frau Mette, »du weißt, daß es immerdar nur meine
Liebe und meine Sorge für dein irdisch und ewig Heil ist, welche mich
bei dir festhält!«
»Ei, ei, ei!« wiederholte der Kurator und setzte hinzu: »Davide, was
stehet Er und gaffet! Sein Gesicht wird dummer von Tag zu Tage; -- lasse
er den Hispanischen bringen, die Herren Doktores werden mir nicht den
Trost in meinem Jammer versagen.«
»Man muß denen Patienten ihren Willen lassen, Herr Hieronymus,« sprach
der Doktor Sekundus mit einem freundlichen Lächeln zum Pastor der
Trinitatiskirche, und der Doktor Primus sah dem Famulo mit einem
beifälligen Kopfneigen bis zur Türe nach. Dann, als der Wein gekommen
war, ein jeglicher, -- selbst der Pfarrherr -- sein Spitzglas auf dem
Knie hielt, und David Bleichfeld wiederum das Zimmer verlassen hatte,
erhob sich der Kurator Gedelöcke auf den linken Ellenbogen, blickte im
Kreise umher und verglich im Innersten die drei schwarzen Herren und die
in ein trübes Grau gekleidete Gattin mit drei Raben und einer ältlichen
Mantelkrähe, und sich selber in seinem Leiden mit einem podagristischen
Mops, welcher sich bewußt war, was er im Leben genoß, und deshalb die
Kondolenzvisite mit Geduld und Humor annehmen konnte. Mit großer Gewalt,
Beredsamkeit und Salbung rückte Ehrn Hieronymus Moekel von der
Trinitatiskirche dem wunderlichen Heiligen auf den Leib, und die Frau
Mette begleitete jeglichen Angriff mit leisem Gewimmer und lautem
Beifall; die beiden Ärzte aber hielten sich mehr passiv und an den
Spanischen, bis sich der Kampf auf ein Terrain wälzte, das weniger
Gelegenheit gab, sich zu kompromittieren. Was den Famulus David
Bleichfeld anbetraf, so stund derselbe draußen vor der Türe, hatte seine
lange dürre Gestalt rechtwinklig eingeklappt und wechselte mit dem Auge
und dem Ohr vor dem Schlüsselloch und begleitete das Spiel im Innern des
Gemaches außerhalb desselben mit den verwunderlichsten Grimassen, Gesten
und den allerkuriosesten Paraphrasen, Noten und Zitaten. Da er ein recht
gelehrter Mensch war und seinen Herrn liebte, so wollen wir uns mit dem
begnügen, was er aus der Unterhaltung der andern abzog; sintemalen es
auch wohl nicht lohnen würde, ein jedes Wort der Konversation dem
eiligen, atemlosen Publiko von neuem vor die Nase zu rücken.
»Philister über dir, Simson!« murmelte der Horcher an der Wand. »Heißa,
jetzt haben sie ihn zwischen den Kneifzangen, wie den Stürzebecher auf
dem Markt zu Hamburg. Horch, da ist der Pfarrherr schon auf dem Wege gen
Damaskon, und das Gleichnis vom schnaubenden Saulo passet wie die Faust
aufs Auge. Drauf, ^pro libertate christiana^, gebt es ihm, Herr
Kuratore. Ha, ha, an den Tod gläubet Ihr, sintemalen er alle Eure
Vorfahren verschlucket hat? Ein hohes Konsistorium hätte es Euch nicht
zugetraut, aber ein alter Heide und Ägyptier bleibt Ihr doch und nehmet
Eure Gerippe auf Eure Gastmähler nur deshalb mit, um bei ihrem Anblick
desto vergnügter das Leben zu genießen! Noch ein Gläschen Alikante, Herr
Doktor Primus? Ist es keine ^ratio theologica^, daß man die, so in der
christlichen Kirche christlich gelebet, auch in der Versammlung der
Kirchen, welche der Tempel ist, ehrlich begrabe? O Gedelöcke, Gedelöcke,
du willst nicht durch die Gewölbe und Steinplatten verdampfen und
jeglicher frommen Nase zum Ärgernis und Leibesschaden werden?! O
Gedelöcke, welch ein heidnischer Jud bist du, da es dir einerlei ist, ob
die Auferweckung der Auferstehung vorgehe: ist es dir nicht bekannt, daß
geschrieben stehet: ^resuscitatio est causa resurrectionis?^ -- Also um
9976 Meilen ist das Firmament jüngsthin eingesunken, Herr Doktor
Sekundus? -- Das ist freilich ein erfreulich Zeichen des kommenden
Jüngsten Gerichtes; aber Er ist doch ein heimlicher Jude, Herr Jens
Pedersen Gedelöcke, und wird dahin fahren, wohin Ihn der Herr Hieronymus
von der Dreifaltigkeit dirigieret. O, ruchlose Seele, ist die Hölle
nicht so heiß, wie man sie machet? Gedelöcke, Gedelöcke, wie hast du den
rechten Weg verfehlet mit deinem metaphorischen Feuer; -- wo Rauch ist,
Apokalypse, vierzehntes Kapitel am zehnten und elften Vers -- da ist
auch Flamme -- Lukas im sechzehnten Stück, Vers vierundzwanzig! Was
soll's nunmehro mit unserm Meister Henrich Israel? O ha, anjetzo fangen
wir an und ziehen erst die rechten Register. O Gedelöcke, o Herr
Kuratore, jetzt geht's mit Ihme um die Ecke und kopfüber in den Pfuhl
der Verdammnis; einen guten Stilum magst du schreiben, mit dem Mund
magst du spitz und scharf auf den rechten Fleck zufahren; aber besser
wär's dir doch gewesen, so du nicht der Gelehrten, Weltweisen und
verführerischen Rabbinen Schriften studieret hättest, sondern bei der
lautern Milch des Evangelii geblieben wärest! Das ist keine Sache für
einen gläubigen Christen, daß er seinen Braten immerdar beim jüdischen
Schlachter einkaufe; wer aber das Schwein und alles, was von ihm kommet,
verachtet, der mag sich wahren, daß er nicht selber --«
Der Famulus schnellte im jachen Schreck zurück und in die Höhe; im
Gemache seines Herrn hatte sich urplötzlich ein gewaltiger Tumult
erhoben. Stühle wurden mit Gepolter zurückgeschoben; die Glocke des
Kurators läutete gellend Sturm; die Stimme der Madame mischte sich
schneidend in das dumpfe Gebrumm der Mediziner und den rollenden
geistlichen Donner: Gedelöckes Stimme aber klang klar gleich einem
Trompetenstoß durch die Schlacht:
»Davide! Davide! wo steckt Er? Davide, eile Er herbei; komme Er seinem
geschlagenen Herrn zu Hilfe, Davide, Davide!«
Mit einem Sprunge stand der Gerufene im Krankenzimmer.
»Drauf, Davide,« schrie der Kurator. »Führe Er die Herren die Treppe
hinunter, und sorge Er, daß niemand Schaden leide. Da -- da, bei Moses
und allen großen und kleinen Propheten, bei der schönen Judith und dem
grausamen Feldhauptmann Holofernes, beim Bel zu Babel, beim Drachen zu
Babel, bei der keuschen Susanne im Bade, die Herren werden's verzeihen,
daß ich ihnen nur meine Nachtmütze auf den Weg mitgebe.«
Herr Jens Pedersen Gedelöcke saß hochrot und tiefblau vor Ärger und
Aufregung im Bett und ließ seinem Worte die Tat im nämlichen Moment
folgen. In bedrohlichster Nähe flog die Zipfelmütze des Kranken an der
Nase des Pastors vorüber, und Herr Hieronymus Moekel erhob die Hände, um
den Himmel zum Zeugen dieser Verruchtheit aufzurufen, schüttelte den
Staub von den Füßen und verließ das Haus des Kurators mit dem festen
Entschluß, draußen noch einige Worte in dieser Angelegenheit zu reden.
Die beiden Ärzte folgten dem Beispiele des geistlichen Herrn, nachdem
noch der Doktor Sekundus in seiner Eigenschaft als Haus- und Leibarzt
des Kurators versucht hatte, eine versöhnlichere Stellung ihm gegenüber
einzunehmen. Die Frau Mette verschloß sich mit ihren Krämpfen und
Konvulsionen in ihr Kämmerlein, und der heillose Sünder und Verächter
jedes menschlichen und göttlichen Rechtes, Jens Pedersen Gedelöcke, ließ
sich von seinem Famulus die Kissen zurechtschieben und sprach
tiefaufatmend:
»Schenke Er Ihm auch ein Glas Spanischen ein, Davide, daß ich doch Einen
anständlichen Menschen derer Gottesgabe genießen sehe. Tausend
lappländische Donnerwetter!«
»Ihr zeitliches und ewigliches Heil und Wohlsein, Herr Kurator!« sprach
der Famulus, mit tonloser Gravität das gefüllte Glas an die Lippen
führend.
»Ich danke Ihm, Monsieur Bleichfeld,« sagte Gedelöcke. »Hoffentlich hat
Er nach Seiner Gewohnheit an der Tür das Notwendige erhorchet; -- Herr
Ludovikus hat keine bessere Komödie aufführen lassen, und Er hat's
gratis gehabt, Davide. Ei, ei -- riechet Er noch den Schwefel? -- hat
der Pfaff mir eingeheizt, wie der König Nebukadnezar den drei Männern im
feurigen Ofen! Jetzt sage Er mir selber, Davide, bin ich ein Jud oder
keiner? Ich will Ihm alles glauben.«
»Ich halte Ihn so wenig für einen Juden, Monsieur, als für den
Verfertiger der Berleburger Bibel oder sonst einen Chiliasten!« sprach
der Famulus mit Überzeugung. -- --
Der Regen fuhr in immer heftigeren Strömen hernieder; im Innern des
Hauses des Kurators Gedelöcke vernahm man keinen Laut. Die Mägde und der
Knecht kauerten verschüchtert um den Küchenherd, und Madame mit ihrem
Töchterlein rührte sich nicht; -- auf den großen Sturm war das tiefste
Schweigen gefolgt. Ein schwarzer Kater stieg wie der Geist des Hauses
langsam vom Bodenraum herab, schritt über den Gang und kratzte oder
klopfte vielmehr an der Türe des Kurators.
»Öffne Er dem Mutz, Davide,« sagte Herr Jens; »das Vieh wird auch
kommen, um wegen der Emotion und des Tumultes zu kondolieren. Hierher,
mein Kater, mein guter Kerl, ja, ja, es ist eine tugendsame und fromme
Welt. Ja, ja, mein armer Mutz, die Totenkäuze waren da, und es stehet
dahin, wie lange Er mir noch den Magen wird wärmen dürfen.«
Mit Geschnurr sprang der Schwarze auf das Bett seines Herrn, der ihm
ganz zärtlich den Pelz streichelte, und als das Tier sich zum
behaglichen Schlummer zusammengerollt hatte, plötzlich recht ernsthaft
gegen seinen Famulus begann:
»Davide, es ist eine alte Geschichte und nicht viel Besonderes daran;
aber Er weiß, was ich an Ihm getan habe; wie ich Ihn von der Gasse in
mein Haus nahm, Ihn wärmte, kleidete und fütterte und Ihm seine Kollegia
umsonsten verschaffte. Ich weiß auch, daß Er mir zugetan ist von ganzem
Herzen, und Ihm ist's nicht unbekannt, welch ein Trost mir Seine
längliche Figur und hohe Sapienz zu jeder Zeit gewesen ist. Zur
Lustigkeit ist Er nie geneiget gewesen; also wird Er auch anjetzt wohl
ein bedächtiges Wort mit Ihme reden lassen. Famule, es ist aus und zu
Ende mit dem königlich dänischen Untertan Jens Pedersen Gedelöcke, und
der Kurator überläßt der Welt Cura und Gaudium denen, so nach ihm
kommen. Ihm, Davide, habe ich meine Bibliotheka und zweitausend
Reichstaler vermacht. Madame und das Kind werden das Ihrige erhalten --
lasse Er das Heulen, Davide! der Meister Henrich Israel ist ja gar
nichts gegen Ihn! -- meine Seele gebe ich dem, welcher sie dem Erdenkloß
einblus; was den Erdenkloß selber aber anbetreffen mag, das ist in
diesem mit meinem Handsiegel pitschierten Skriptum enthalten, und lege
ich solches mit Vertrauen in Seine Hände, auf daß Er es, sobald der
Kurator Gedelöcke, Sein alter Patron, abgelaufen ist, und Zeiger und
Pendulum still stehen, an die richtige Adresse abliefert. Was darauf zu
tun ist, das wird sich finden, und mag auch Er, Davide, Seine Stimme ^in
consilio^ haben als ein treuer Diener und ein prudenter Kopf. Den Mutz
vermache ich Ihm auch und weiß, daß Er fein lieblich mit ihm umgehen und
sich keine Winterkappe aus seinem Pelz machen lassen wird. Nun gebe Er
mir auch ein Glas Spanischen, einem jeglichem, so etwas dagegen zu sagen
weiß, zum Trotz; -- ^pereat materia peccans cum titulo pleno!^ Lege Er
mir die Kissen zurecht, und lasse Er mich ein Stündlein allein; wenn der
Mensch es also kühl gegen den Magen heraufsteigen spüret, so hat er so
mancherlei zu bedenken, daß ihm seine allerbesten Freunde zum Überfluß
werden mögen.«
»Herr Kuratore,« sprach der Famulus; »ich liebe Ihn von ganzem Herzen
und von ganzer Seele; Er ist mir mehr als ein Vater gewesen, und sein
Vermächtnis rühret mich mehr als zu sagen ist. Ich verhoffe, daß ich Ihm
noch lange Jahre mit Kopf und Hand und Herzen, mit der Feder und mit dem
Maule zu Diensten sein darf; diesen Brief aber werde ich zur richtigen
Stunde, wenn es nicht anders sein kann, an den Herrn Obristen von Knorpp
abgeben, verlasse Er sich drauf.«
»^Optime!^« sprach Gedelöcke, das Gesicht der Wand zukehrend. »Es ist
eine kuriose Welt; bestelle Er mein Kompliment an den Benediktus,
Davide; das Regiment ist auf dem Marsch von Altona her.«