III. Von dem Famulo Herrn David Bleichfeld.

In einem ziemlich großen, dunkelgrün ausgeschlagenen Gemach stand das

Bett des Kurators, zu Häupten vor allem bösen Zugwind durch eine

spanische Wand geschirmet, auf welcher allerlei chinesisches Volk Tee

trank, auch in Gartenhäusern sich erlustierte oder mit großen

Sonnenschirmen spazieren ging. Von dem Kurator selber erblickte man

wenig mehr, als die mächtige Zipfelmütze, das rote, indische Tuch, mit

welchem die Stirn umwunden war, und die blaue Nase, welche eine nicht

geringe Ähnlichkeit mit der einer dänischen Bulldogge hatte, deren

Konterfei dem Bett gegenüber an der Wand zu sehen war. Beim Eintritt der

Gattin, des geistlichen Herrn und der beiden Ärzte erhob sich die Nase

um ein weniges; der Famulus schob dem Kranken noch ein Kissen unter den

Kopf, worauf die hohe Nachtmütze mit recht freundlichem Nicken den

Besuch begrüßte, und der Kurator sprach:

»Ei guten Tag Messieurs; ich gratuliere mir zu dieser schönen

Gesellschaft. Davide, setze Er Stühle; ^mon coeur^, frage, womit wir

aufwarten können; ein Gläschen spanischen Weines wird eine

Annehmlichkeit um diese Zeit des Tages sein, wie ich selber eine häufige

Erfahrung davon habe.«

Der Doktor Primus räusperte sich mit einem würdigen Lächeln, und der

Doktor Sekundus klärte seine Kehle auf dieselbe Weise, allein Herr

Hieronymus sprach mit abwehrender Handbewegung:

»Wir danken dem Herrn Kuratori, doch gelüstet unserer Zunge nicht nach

irdischem Wohlschmack. Diese zwo Herren führt ihr leiblicher und mich

mein geistlicher Beruf hieher.«

»Ei, ei,« sagte Jens Pedersen Gedelöcke. »Ehrwürden verpflichtet mich

immer mehr; doch -- was saget ^mon coeur^, meine Eheliebste? Welch einen

Beruf wendet sie für?«

»O Jens!« rief die Frau Mette, »du weißt, daß es immerdar nur meine

Liebe und meine Sorge für dein irdisch und ewig Heil ist, welche mich

bei dir festhält!«

»Ei, ei, ei!« wiederholte der Kurator und setzte hinzu: »Davide, was

stehet Er und gaffet! Sein Gesicht wird dummer von Tag zu Tage; -- lasse

er den Hispanischen bringen, die Herren Doktores werden mir nicht den

Trost in meinem Jammer versagen.«

»Man muß denen Patienten ihren Willen lassen, Herr Hieronymus,« sprach

der Doktor Sekundus mit einem freundlichen Lächeln zum Pastor der

Trinitatiskirche, und der Doktor Primus sah dem Famulo mit einem

beifälligen Kopfneigen bis zur Türe nach. Dann, als der Wein gekommen

war, ein jeglicher, -- selbst der Pfarrherr -- sein Spitzglas auf dem

Knie hielt, und David Bleichfeld wiederum das Zimmer verlassen hatte,

erhob sich der Kurator Gedelöcke auf den linken Ellenbogen, blickte im

Kreise umher und verglich im Innersten die drei schwarzen Herren und die

in ein trübes Grau gekleidete Gattin mit drei Raben und einer ältlichen

Mantelkrähe, und sich selber in seinem Leiden mit einem podagristischen

Mops, welcher sich bewußt war, was er im Leben genoß, und deshalb die

Kondolenzvisite mit Geduld und Humor annehmen konnte. Mit großer Gewalt,

Beredsamkeit und Salbung rückte Ehrn Hieronymus Moekel von der

Trinitatiskirche dem wunderlichen Heiligen auf den Leib, und die Frau

Mette begleitete jeglichen Angriff mit leisem Gewimmer und lautem

Beifall; die beiden Ärzte aber hielten sich mehr passiv und an den

Spanischen, bis sich der Kampf auf ein Terrain wälzte, das weniger

Gelegenheit gab, sich zu kompromittieren. Was den Famulus David

Bleichfeld anbetraf, so stund derselbe draußen vor der Türe, hatte seine

lange dürre Gestalt rechtwinklig eingeklappt und wechselte mit dem Auge

und dem Ohr vor dem Schlüsselloch und begleitete das Spiel im Innern des

Gemaches außerhalb desselben mit den verwunderlichsten Grimassen, Gesten

und den allerkuriosesten Paraphrasen, Noten und Zitaten. Da er ein recht

gelehrter Mensch war und seinen Herrn liebte, so wollen wir uns mit dem

begnügen, was er aus der Unterhaltung der andern abzog; sintemalen es

auch wohl nicht lohnen würde, ein jedes Wort der Konversation dem

eiligen, atemlosen Publiko von neuem vor die Nase zu rücken.

»Philister über dir, Simson!« murmelte der Horcher an der Wand. »Heißa,

jetzt haben sie ihn zwischen den Kneifzangen, wie den Stürzebecher auf

dem Markt zu Hamburg. Horch, da ist der Pfarrherr schon auf dem Wege gen

Damaskon, und das Gleichnis vom schnaubenden Saulo passet wie die Faust

aufs Auge. Drauf, ^pro libertate christiana^, gebt es ihm, Herr

Kuratore. Ha, ha, an den Tod gläubet Ihr, sintemalen er alle Eure

Vorfahren verschlucket hat? Ein hohes Konsistorium hätte es Euch nicht

zugetraut, aber ein alter Heide und Ägyptier bleibt Ihr doch und nehmet

Eure Gerippe auf Eure Gastmähler nur deshalb mit, um bei ihrem Anblick

desto vergnügter das Leben zu genießen! Noch ein Gläschen Alikante, Herr

Doktor Primus? Ist es keine ^ratio theologica^, daß man die, so in der

christlichen Kirche christlich gelebet, auch in der Versammlung der

Kirchen, welche der Tempel ist, ehrlich begrabe? O Gedelöcke, Gedelöcke,

du willst nicht durch die Gewölbe und Steinplatten verdampfen und

jeglicher frommen Nase zum Ärgernis und Leibesschaden werden?! O

Gedelöcke, welch ein heidnischer Jud bist du, da es dir einerlei ist, ob

die Auferweckung der Auferstehung vorgehe: ist es dir nicht bekannt, daß

geschrieben stehet: ^resuscitatio est causa resurrectionis?^ -- Also um

9976 Meilen ist das Firmament jüngsthin eingesunken, Herr Doktor

Sekundus? -- Das ist freilich ein erfreulich Zeichen des kommenden

Jüngsten Gerichtes; aber Er ist doch ein heimlicher Jude, Herr Jens

Pedersen Gedelöcke, und wird dahin fahren, wohin Ihn der Herr Hieronymus

von der Dreifaltigkeit dirigieret. O, ruchlose Seele, ist die Hölle

nicht so heiß, wie man sie machet? Gedelöcke, Gedelöcke, wie hast du den

rechten Weg verfehlet mit deinem metaphorischen Feuer; -- wo Rauch ist,

Apokalypse, vierzehntes Kapitel am zehnten und elften Vers -- da ist

auch Flamme -- Lukas im sechzehnten Stück, Vers vierundzwanzig! Was

soll's nunmehro mit unserm Meister Henrich Israel? O ha, anjetzo fangen

wir an und ziehen erst die rechten Register. O Gedelöcke, o Herr

Kuratore, jetzt geht's mit Ihme um die Ecke und kopfüber in den Pfuhl

der Verdammnis; einen guten Stilum magst du schreiben, mit dem Mund

magst du spitz und scharf auf den rechten Fleck zufahren; aber besser

wär's dir doch gewesen, so du nicht der Gelehrten, Weltweisen und

verführerischen Rabbinen Schriften studieret hättest, sondern bei der

lautern Milch des Evangelii geblieben wärest! Das ist keine Sache für

einen gläubigen Christen, daß er seinen Braten immerdar beim jüdischen

Schlachter einkaufe; wer aber das Schwein und alles, was von ihm kommet,

verachtet, der mag sich wahren, daß er nicht selber --«

Der Famulus schnellte im jachen Schreck zurück und in die Höhe; im

Gemache seines Herrn hatte sich urplötzlich ein gewaltiger Tumult

erhoben. Stühle wurden mit Gepolter zurückgeschoben; die Glocke des

Kurators läutete gellend Sturm; die Stimme der Madame mischte sich

schneidend in das dumpfe Gebrumm der Mediziner und den rollenden

geistlichen Donner: Gedelöckes Stimme aber klang klar gleich einem

Trompetenstoß durch die Schlacht:

»Davide! Davide! wo steckt Er? Davide, eile Er herbei; komme Er seinem

geschlagenen Herrn zu Hilfe, Davide, Davide!«

Mit einem Sprunge stand der Gerufene im Krankenzimmer.

»Drauf, Davide,« schrie der Kurator. »Führe Er die Herren die Treppe

hinunter, und sorge Er, daß niemand Schaden leide. Da -- da, bei Moses

und allen großen und kleinen Propheten, bei der schönen Judith und dem

grausamen Feldhauptmann Holofernes, beim Bel zu Babel, beim Drachen zu

Babel, bei der keuschen Susanne im Bade, die Herren werden's verzeihen,

daß ich ihnen nur meine Nachtmütze auf den Weg mitgebe.«

Herr Jens Pedersen Gedelöcke saß hochrot und tiefblau vor Ärger und

Aufregung im Bett und ließ seinem Worte die Tat im nämlichen Moment

folgen. In bedrohlichster Nähe flog die Zipfelmütze des Kranken an der

Nase des Pastors vorüber, und Herr Hieronymus Moekel erhob die Hände, um

den Himmel zum Zeugen dieser Verruchtheit aufzurufen, schüttelte den

Staub von den Füßen und verließ das Haus des Kurators mit dem festen

Entschluß, draußen noch einige Worte in dieser Angelegenheit zu reden.

Die beiden Ärzte folgten dem Beispiele des geistlichen Herrn, nachdem

noch der Doktor Sekundus in seiner Eigenschaft als Haus- und Leibarzt

des Kurators versucht hatte, eine versöhnlichere Stellung ihm gegenüber

einzunehmen. Die Frau Mette verschloß sich mit ihren Krämpfen und

Konvulsionen in ihr Kämmerlein, und der heillose Sünder und Verächter

jedes menschlichen und göttlichen Rechtes, Jens Pedersen Gedelöcke, ließ

sich von seinem Famulus die Kissen zurechtschieben und sprach

tiefaufatmend:

»Schenke Er Ihm auch ein Glas Spanischen ein, Davide, daß ich doch Einen

anständlichen Menschen derer Gottesgabe genießen sehe. Tausend

lappländische Donnerwetter!«

»Ihr zeitliches und ewigliches Heil und Wohlsein, Herr Kurator!« sprach

der Famulus, mit tonloser Gravität das gefüllte Glas an die Lippen

führend.

»Ich danke Ihm, Monsieur Bleichfeld,« sagte Gedelöcke. »Hoffentlich hat

Er nach Seiner Gewohnheit an der Tür das Notwendige erhorchet; -- Herr

Ludovikus hat keine bessere Komödie aufführen lassen, und Er hat's

gratis gehabt, Davide. Ei, ei -- riechet Er noch den Schwefel? -- hat

der Pfaff mir eingeheizt, wie der König Nebukadnezar den drei Männern im

feurigen Ofen! Jetzt sage Er mir selber, Davide, bin ich ein Jud oder

keiner? Ich will Ihm alles glauben.«

»Ich halte Ihn so wenig für einen Juden, Monsieur, als für den

Verfertiger der Berleburger Bibel oder sonst einen Chiliasten!« sprach

der Famulus mit Überzeugung. -- --

Der Regen fuhr in immer heftigeren Strömen hernieder; im Innern des

Hauses des Kurators Gedelöcke vernahm man keinen Laut. Die Mägde und der

Knecht kauerten verschüchtert um den Küchenherd, und Madame mit ihrem

Töchterlein rührte sich nicht; -- auf den großen Sturm war das tiefste

Schweigen gefolgt. Ein schwarzer Kater stieg wie der Geist des Hauses

langsam vom Bodenraum herab, schritt über den Gang und kratzte oder

klopfte vielmehr an der Türe des Kurators.

»Öffne Er dem Mutz, Davide,« sagte Herr Jens; »das Vieh wird auch

kommen, um wegen der Emotion und des Tumultes zu kondolieren. Hierher,

mein Kater, mein guter Kerl, ja, ja, es ist eine tugendsame und fromme

Welt. Ja, ja, mein armer Mutz, die Totenkäuze waren da, und es stehet

dahin, wie lange Er mir noch den Magen wird wärmen dürfen.«

Mit Geschnurr sprang der Schwarze auf das Bett seines Herrn, der ihm

ganz zärtlich den Pelz streichelte, und als das Tier sich zum

behaglichen Schlummer zusammengerollt hatte, plötzlich recht ernsthaft

gegen seinen Famulus begann:

»Davide, es ist eine alte Geschichte und nicht viel Besonderes daran;

aber Er weiß, was ich an Ihm getan habe; wie ich Ihn von der Gasse in

mein Haus nahm, Ihn wärmte, kleidete und fütterte und Ihm seine Kollegia

umsonsten verschaffte. Ich weiß auch, daß Er mir zugetan ist von ganzem

Herzen, und Ihm ist's nicht unbekannt, welch ein Trost mir Seine

längliche Figur und hohe Sapienz zu jeder Zeit gewesen ist. Zur

Lustigkeit ist Er nie geneiget gewesen; also wird Er auch anjetzt wohl

ein bedächtiges Wort mit Ihme reden lassen. Famule, es ist aus und zu

Ende mit dem königlich dänischen Untertan Jens Pedersen Gedelöcke, und

der Kurator überläßt der Welt Cura und Gaudium denen, so nach ihm

kommen. Ihm, Davide, habe ich meine Bibliotheka und zweitausend

Reichstaler vermacht. Madame und das Kind werden das Ihrige erhalten --

lasse Er das Heulen, Davide! der Meister Henrich Israel ist ja gar

nichts gegen Ihn! -- meine Seele gebe ich dem, welcher sie dem Erdenkloß

einblus; was den Erdenkloß selber aber anbetreffen mag, das ist in

diesem mit meinem Handsiegel pitschierten Skriptum enthalten, und lege

ich solches mit Vertrauen in Seine Hände, auf daß Er es, sobald der

Kurator Gedelöcke, Sein alter Patron, abgelaufen ist, und Zeiger und

Pendulum still stehen, an die richtige Adresse abliefert. Was darauf zu

tun ist, das wird sich finden, und mag auch Er, Davide, Seine Stimme ^in

consilio^ haben als ein treuer Diener und ein prudenter Kopf. Den Mutz

vermache ich Ihm auch und weiß, daß Er fein lieblich mit ihm umgehen und

sich keine Winterkappe aus seinem Pelz machen lassen wird. Nun gebe Er

mir auch ein Glas Spanischen, einem jeglichem, so etwas dagegen zu sagen

weiß, zum Trotz; -- ^pereat materia peccans cum titulo pleno!^ Lege Er

mir die Kissen zurecht, und lasse Er mich ein Stündlein allein; wenn der

Mensch es also kühl gegen den Magen heraufsteigen spüret, so hat er so

mancherlei zu bedenken, daß ihm seine allerbesten Freunde zum Überfluß

werden mögen.«

»Herr Kuratore,« sprach der Famulus; »ich liebe Ihn von ganzem Herzen

und von ganzer Seele; Er ist mir mehr als ein Vater gewesen, und sein

Vermächtnis rühret mich mehr als zu sagen ist. Ich verhoffe, daß ich Ihm

noch lange Jahre mit Kopf und Hand und Herzen, mit der Feder und mit dem

Maule zu Diensten sein darf; diesen Brief aber werde ich zur richtigen

Stunde, wenn es nicht anders sein kann, an den Herrn Obristen von Knorpp

abgeben, verlasse Er sich drauf.«

»^Optime!^« sprach Gedelöcke, das Gesicht der Wand zukehrend. »Es ist

eine kuriose Welt; bestelle Er mein Kompliment an den Benediktus,

Davide; das Regiment ist auf dem Marsch von Altona her.«

Keltische Knochen/Gedelöcke: Erzählungen · 第 6 / 10 题