VII.

Der Bischof hatte, jener Dreiteilung der Feinde zu begegnen, auch von

seiner ohnehin so schwachen Schar einen rechten und einen linken Flügel

abzweigen müssen.

Er sandte Boten über Boten in der Richtung gegen die Stadt zurück, die

Bürger zur Eile zu mahnen und sie, wie sie einzeln oder in kleinen

Häuflein herankamen, jenen beiden Flanken zuzuteilen. Er gedachte,

durch das beste, alterprobte Mittel deutscher Kriegskunst -- seit

nämlich die schwer gepanzerte Reiterei (zuerst in den Ungarnkriegen)

wichtiger geworden war als das alte nur zu Fuß kämpfende Aufgebot

des Heerbanns -- gegen alle Feinde: durch das Ansprengen seiner eng

aneinander geschlossenen schwergerüsteten Ritter und berittenen

Heerknappen auf den mächtigen Streithengsten die Wenden auf der

Heerstraße über den Haufen zu rennen, so durch einen gewaltigen Stoß

ihre Mitte zu durchbrechen und die Schlacht zu entscheiden. Mit dem

alten Feldruf der Deutschen: »Christus! Kyrie eleuson!« sprengte er,

hoch das Schwert schwingend, auf seinem leuchtend weißen Dänenhengst an

der Spitze seiner Panzerreiter auf die Wenden an und ein.

Es erging -- anfangs -- wie er gehofft: die schwächeren Gäule der

Slaven und die geringere Körperkraft ihrer Reiter hielten den deutschen

Ansturm nicht aus: das erste Glied war sofort überritten, das zweite --

in der Mitte wenigstens -- durchbrochen: aber in der dritten Reihe kam

der Anprall zum Stehen.

Jetzt kreuzten sich deutsches Ritterschwert und slavischer

Streitkolben: das Gefecht stand.

Und das war sehr schlimm für die kleine Reiterschar, deren einzige

Siegeshoffnung in raschem Niederreiten der Übermacht bestanden hatte.

Da ersah Herr Heinrich im roten Licht einer Pechfackel einen

feindlichen Führer in reicher Rüstung mit geschlossenem Helm, der sich

soeben von seinem gestürzten Gaul -- Hellmuth hatte ihn überrannt --

los machte und behend auf ein anderes Pferd schwang, das ihm ein Wende

zuführte. »Vorwärts!« scholl es aus dem Mundloche des Visiers hervor.

»Nieder mit den Deutschen.« Und die Wurflanze in der Hand wirbelnd ritt

er wieder in die vorderste Reihe.

»Die Stimme kenne ich!« rief Herr Heinrich, spornte das Roß gegen

den Feind, schwang grimmig das Schwert und schmetterte einen solchen

Streich auf den reich vergoldeten Helm, daß dieser klirrend in zwei

Stücke auseinander sprang. »Berengar!« schrie der Bischof. »Wie

konntest du es wagen? Gegen meinen Befehl ...?« -- »Befiehl du deinen

deutschen Knechten, nicht mir!« gab er zurück und hob scharf zielend

den Speer zum Wurf.

Allein da wurden sie getrennt, auseinander gerissen durch den Stoß

einer frischen Rotte Fußvolks, die, auf den Befehlsruf eines nicht

sichtbaren Führers, aus der vierten Reihe der Slaven mitten auf der

Heerstraße mit gefällten Lanzen vorbrach und die deutschen Reiter

sofort schwer bedrängte. Diese konnten auf der von gefallenen Pferden

und liegenden wie kämpfenden Menschen vollgestopften Straße nicht mehr

vorsprengen, also ihr wirksamstes Kampfmittel nicht mehr gebrauchen.

Und ein Roß der Bischöflichen nach dem andern brach zusammen: denn

die wendischen Lanzenknechte stießen nicht auf die gepanzerten

Reiter, sondern auf die Pferde. Nur mit äußerster Anstrengung gelang

es Fulko, der sich stets ein wenig vor Herrn Heinrichs Schimmel hielt,

die zahlreichen Speerschäfte niederzuschlagen, welche dies weithin

sichtbare Ziel vor andern bedrohten.

Da sprengte Hellmuth, welchen der Bischof entsendet hatte, Nachricht

von seiner rechten Flanke einzuholen, wo die Wenden auf den Wiesen,

nach dem Vordringen ihrer Hornrufe zu urteilen, erheblich Raum

gewonnen, auf die Straße zurück und meldete: »Nun geht's wieder da

drüben! Es stand schlimm. Aber ein Häuflein Bürger, das eben eintraf

und das ich und Gericho den wendischen Reitern entgegenwarfen, hat das

Gefecht dort gestellt. Jung Gericho macht seine Sache gut. Allein Übles

vernahm ich von unserm linken Flügel her. Dort scheinen ...«

Er konnte nicht vollenden.

Denn von eben dort, von Osten her, sprengte Blandinus, der zu gleichem

Zweck entsendet worden war, auf die linke Seite der Straße: den Helm

hatte er verloren, sein Gesicht war von Blut aus einer klaffenden

Wangenwunde überströmt. »Herr Bischof, wir sind umgangen. Die

feindlichen Pfeilschützen und Fußknechte haben die wenigen Bürger in

den Weinbergen überwältigt. Baumeister Hesso, der starke, treue Mann,

der sie befehligte, ist gefallen: ich führte die Weichenden zu einem

letzten Stoße vor -- umsonst -- -- mich traf ...« Er wankte: Fulko

hielt ihn aufrecht im Sattel.

Herr Heinrich drückte in bitterem Schmerze die Augen zusammen: »Zurück?

In die Stadt? Nein! Weichen wir einen Fuß breit, -- sind wir verloren

und der Feind dringt mit uns ein. Das soll nicht sein.« -- »Nein!«

rief Hellmuth. »Um keinen Preis! Seht, dort hinten schart sich ein

frischer, ein noch stärkerer Haufe Fußvolks zum Stoße gegen uns. Kommt

zuvor! Laßt uns noch einmal einsprengen, so gut es eben geht, und dabei

fallen, das Gesicht nach vorn!« »Jawohl,« rief Fulko. »Es muß doch

endlich einmal gleich Mitternacht sein. Dann holen die Englein unsere

Seelen hier und die Heiden holt, wie billig, der Teufel. Drauf und

drein, Herr Heinrich! Auf Wiedersehen im Himmel, Minnegard.«

Und schon wollte der Bischof, zum Tode bereit, den Befehl geben

zum letzten hoffnungslosen Ansprengen wider den entgegenstarrenden

Lanzenrechen, als plötzlich, wie durch ein Wunder, das Gefecht völlig

umschlug.

Weltuntergang: Geschichtliche Erzählung aus dem Jahre 1000 nach Christus · 第 61 / 70 题