Der Bischof hatte, jener Dreiteilung der Feinde zu begegnen, auch von
seiner ohnehin so schwachen Schar einen rechten und einen linken Flügel
abzweigen müssen.
Er sandte Boten über Boten in der Richtung gegen die Stadt zurück, die
Bürger zur Eile zu mahnen und sie, wie sie einzeln oder in kleinen
Häuflein herankamen, jenen beiden Flanken zuzuteilen. Er gedachte,
durch das beste, alterprobte Mittel deutscher Kriegskunst -- seit
nämlich die schwer gepanzerte Reiterei (zuerst in den Ungarnkriegen)
wichtiger geworden war als das alte nur zu Fuß kämpfende Aufgebot
des Heerbanns -- gegen alle Feinde: durch das Ansprengen seiner eng
aneinander geschlossenen schwergerüsteten Ritter und berittenen
Heerknappen auf den mächtigen Streithengsten die Wenden auf der
Heerstraße über den Haufen zu rennen, so durch einen gewaltigen Stoß
ihre Mitte zu durchbrechen und die Schlacht zu entscheiden. Mit dem
alten Feldruf der Deutschen: »Christus! Kyrie eleuson!« sprengte er,
hoch das Schwert schwingend, auf seinem leuchtend weißen Dänenhengst an
der Spitze seiner Panzerreiter auf die Wenden an und ein.
Es erging -- anfangs -- wie er gehofft: die schwächeren Gäule der
Slaven und die geringere Körperkraft ihrer Reiter hielten den deutschen
Ansturm nicht aus: das erste Glied war sofort überritten, das zweite --
in der Mitte wenigstens -- durchbrochen: aber in der dritten Reihe kam
der Anprall zum Stehen.
Jetzt kreuzten sich deutsches Ritterschwert und slavischer
Streitkolben: das Gefecht stand.
Und das war sehr schlimm für die kleine Reiterschar, deren einzige
Siegeshoffnung in raschem Niederreiten der Übermacht bestanden hatte.
Da ersah Herr Heinrich im roten Licht einer Pechfackel einen
feindlichen Führer in reicher Rüstung mit geschlossenem Helm, der sich
soeben von seinem gestürzten Gaul -- Hellmuth hatte ihn überrannt --
los machte und behend auf ein anderes Pferd schwang, das ihm ein Wende
zuführte. »Vorwärts!« scholl es aus dem Mundloche des Visiers hervor.
»Nieder mit den Deutschen.« Und die Wurflanze in der Hand wirbelnd ritt
er wieder in die vorderste Reihe.
»Die Stimme kenne ich!« rief Herr Heinrich, spornte das Roß gegen
den Feind, schwang grimmig das Schwert und schmetterte einen solchen
Streich auf den reich vergoldeten Helm, daß dieser klirrend in zwei
Stücke auseinander sprang. »Berengar!« schrie der Bischof. »Wie
konntest du es wagen? Gegen meinen Befehl ...?« -- »Befiehl du deinen
deutschen Knechten, nicht mir!« gab er zurück und hob scharf zielend
den Speer zum Wurf.
Allein da wurden sie getrennt, auseinander gerissen durch den Stoß
einer frischen Rotte Fußvolks, die, auf den Befehlsruf eines nicht
sichtbaren Führers, aus der vierten Reihe der Slaven mitten auf der
Heerstraße mit gefällten Lanzen vorbrach und die deutschen Reiter
sofort schwer bedrängte. Diese konnten auf der von gefallenen Pferden
und liegenden wie kämpfenden Menschen vollgestopften Straße nicht mehr
vorsprengen, also ihr wirksamstes Kampfmittel nicht mehr gebrauchen.
Und ein Roß der Bischöflichen nach dem andern brach zusammen: denn
die wendischen Lanzenknechte stießen nicht auf die gepanzerten
Reiter, sondern auf die Pferde. Nur mit äußerster Anstrengung gelang
es Fulko, der sich stets ein wenig vor Herrn Heinrichs Schimmel hielt,
die zahlreichen Speerschäfte niederzuschlagen, welche dies weithin
sichtbare Ziel vor andern bedrohten.
Da sprengte Hellmuth, welchen der Bischof entsendet hatte, Nachricht
von seiner rechten Flanke einzuholen, wo die Wenden auf den Wiesen,
nach dem Vordringen ihrer Hornrufe zu urteilen, erheblich Raum
gewonnen, auf die Straße zurück und meldete: »Nun geht's wieder da
drüben! Es stand schlimm. Aber ein Häuflein Bürger, das eben eintraf
und das ich und Gericho den wendischen Reitern entgegenwarfen, hat das
Gefecht dort gestellt. Jung Gericho macht seine Sache gut. Allein Übles
vernahm ich von unserm linken Flügel her. Dort scheinen ...«
Er konnte nicht vollenden.
Denn von eben dort, von Osten her, sprengte Blandinus, der zu gleichem
Zweck entsendet worden war, auf die linke Seite der Straße: den Helm
hatte er verloren, sein Gesicht war von Blut aus einer klaffenden
Wangenwunde überströmt. »Herr Bischof, wir sind umgangen. Die
feindlichen Pfeilschützen und Fußknechte haben die wenigen Bürger in
den Weinbergen überwältigt. Baumeister Hesso, der starke, treue Mann,
der sie befehligte, ist gefallen: ich führte die Weichenden zu einem
letzten Stoße vor -- umsonst -- -- mich traf ...« Er wankte: Fulko
hielt ihn aufrecht im Sattel.
Herr Heinrich drückte in bitterem Schmerze die Augen zusammen: »Zurück?
In die Stadt? Nein! Weichen wir einen Fuß breit, -- sind wir verloren
und der Feind dringt mit uns ein. Das soll nicht sein.« -- »Nein!«
rief Hellmuth. »Um keinen Preis! Seht, dort hinten schart sich ein
frischer, ein noch stärkerer Haufe Fußvolks zum Stoße gegen uns. Kommt
zuvor! Laßt uns noch einmal einsprengen, so gut es eben geht, und dabei
fallen, das Gesicht nach vorn!« »Jawohl,« rief Fulko. »Es muß doch
endlich einmal gleich Mitternacht sein. Dann holen die Englein unsere
Seelen hier und die Heiden holt, wie billig, der Teufel. Drauf und
drein, Herr Heinrich! Auf Wiedersehen im Himmel, Minnegard.«
Und schon wollte der Bischof, zum Tode bereit, den Befehl geben
zum letzten hoffnungslosen Ansprengen wider den entgegenstarrenden
Lanzenrechen, als plötzlich, wie durch ein Wunder, das Gefecht völlig
umschlug.