So war es Hellmuth gewesen, welcher zuerst den Turmwart des Südthors
gewarnt und auf die nahenden Feinde merksam gemacht hatte.
Er führte die bleiche schweigende Edel in die nahe Kirche in jener
Vorstadt der Heiligen Petrus, Paulus und Stephanus. Hier, dicht bei
dem Südthor, fanden sich alsbald viele Frauen und Mädchen der Stadt
aus den nächsten Höfen, aus dem Dom und den andern Kirchen zusammen:
denn hier war man sicher, zufrühest Nachricht von dem Gefecht zu
erhalten, sowie den Bischof und die Seinen bei ihrer Heimkehr zuerst
zu begrüßen. Hierher führte auch Fulko die Geliebte, die er schon
außerhalb des Nordthors vom Rosse gehoben und gar sittsam durch die
von den zusammenlaufenden Bürgern belebten Teile der Stadt geleitet
hatte; bereits vorher war hier aus dem Dome mit ihren Frauen der beiden
Mädchen mütterliche Freundin, die Gräfin Heilfriede, eingetroffen.
Als der Bischof das Thor hinter sich gelassen hatte und nun auf der
Heerstraße ungestüm vorwärts sprengte, -- vor ihm mit brennender
Fackel Blandinus -- da drängten Hellmuth und Fulko von rechts und von
links ihre schnaubenden Rosse an seine Seite. »Gut, daß ihr da seid.
Willkommen, tapfre Junker, im letzten Gefecht,« rief er ihnen freudig
zu. »Herr Heinrich,« erwiderte Hellmuth, »wollen wir nicht warten,
bis von den Bürgern einige heran sind?« Höchlich erstaunt, ohne im
Vorwärtsjagen einzuhalten, sah der Bischof zu ihm hinüber: »So redet
Hellmuth vom hohen Horst? Um eine kleine Rotte schlecht gewaffneter
Bauern zu zersprengen ...?« -- »Herr, es sind nicht Bauern. Und nicht
eine kleine Rotte! Da! Hört Ihr das Horn? Wenden sind's.« »Gewiß die
Söldner Zwentibolds!« rief Fulko. »Das wolle Gott nicht!« stammelte der
Bischof und erbleichte, ... aber nicht aus Furcht. »Da vorn -- rechts
-- brennt schon wieder ein Hof!« rief Blandinus mit der Fackel deutend.
»Das ist, mein' ich,« riet Fulko, »das Haus des Zeidlers Wulfilo,
des Nachbars von Frau Ute. Arme Fullrun, wie mag es dir ergangen
sein! Halt, holla! Hier geblieben, Signor Blandinus!« und er fiel dem
Venetianer in die Zügel, der bei jenem Namen, laut aufschreiend, den
Gaul spornend, nach rechts hin über die Wiesen davonjagen wollte:
»Jetzt heißt's, beisammen bleiben! Wollt Ihr allein die Wenden
schlagen?« »Das Kind wird Gott beschützen,« pflichtete der Bischof bei,
»wir kämen zu spät.« »Da! Da sind sie schon!« rief Hellmuth. »Jawohl,«
lachte Fulko, das Schwert ziehend. »Jetzt hat sie der Teufel schon
da.« »Weiß Gott, die Wenden!« stöhnte der Bischof dumpf. »Und wie
viele!« rief Fulko. »Jetzt, Freund Hellmuth, jetzt heißt's fechten.«
»Ja! Gott sei Dank! -- Das wollen wir,« antwortete der mit blitzenden
Augen. »Wohlan!« sprach der Bischof. »So mögen sie denn zum letztenmal
auf Erden schmettern, die deutschen Drommeten. Bald schallen die
himmlischen Posaunen darein!«
Noch nicht gleich kam es zum Zusammenstoß: die vorausgeschickten Reiter
der Slaven jagten zurück, offenbar, ihrem Führer Meldung zu bringen.
Und der Bischof gebot Halt, seine Fußknechte nachkommen zu lassen. Wie
er das Ganze übersah, mußte er erkennen, daß sein kleines Häuflein doch
in recht schlimmer, aufs höchste gefährdeter Lage war.
Was von einer erlesenen Reiterschar gegen einen wenn auch viel
zahlreicheren Haufen schlecht gerüsteter Bauern, die nur zu Fuß
fochten, zu wagen gewesen wäre, das erwies sich als undurchführbar
gegen diese trefflich und mannigfaltig bewaffneten, zum Teil gut
berittenen Soldknechte, die unter ihrem mit wilder Begeisterung
verehrten Häuptling seit einem Jahrzehnt im Dienste gar vieler Fürsten
auf wendischer, deutscher, welscher, byzantinischer Erde gefochten und
gar oft gesiegt hatten.
»Der Wende,« rief Fulko »-- Gott verdamm ihn! -- versteht den Krieg.
Schau, Hellmuth, wie klug benützt er seine große Übermacht! -- Auf
wieviele schätzest du sie?« Hellmuth hob sich hoch in den Bügeln, bog
das behelmte Haupt vor und spähte nach allen Richtungen: »Die links von
uns in den Weinbergen und im Gehölz kann ich nicht schätzen. Aber da
auf der Straße vor uns und rechts in den Wiesen-- das sind eher vier-
als dreihundert.«
»Schau -- man sieht es deutlich im Mondlicht! -- hier auf der breiten
Straße schart er seine Reiter zusammen, viele Glieder tief, unsern
Anprall abzuwehren.« -- »Aber auch das Umgehen hat er gelernt! Sieh,
westlich von der Straße -- über die Wiesen hin -- läßt er andere
Reiter vortraben, uns in der Flanke zu fassen.« -- »Und wo bleiben
unsere Bürger? Noch gar wenige sammeln sich auf der Wiese.« -- »Und
seine Fußknechte,« ergänzte der Bischof, »und Pfeilschützen schickt
er östlich von der Straße in die Weingärten und in den Buschwald der
Höhen, uns von links zu packen. Ja, von dort könnten sie sich zwischen
uns und die Stadt werfen und uns auch vom Rücken fassen.« Er gebot den
Junkern, hier zu halten, und ritt langsam voraus, seine vordersten
Reiter zu ordnen. »Nun, die links werden aber nicht viel ausrichten,«
meinte Hellmuth, »bergan, auf den Schmalpfaden zwischen den Weinbergen.
Ein Häuflein entschlossener Männer genügt ...«
»Sind aber immer noch nicht da, auch zur Linken nicht, die lieben
Bürger von Würzburg!« -- »Oder doch nicht genug. Jetzt hab' acht, Herr
Heinrich winkt mit dem Schwerte!«