VI.

So war es Hellmuth gewesen, welcher zuerst den Turmwart des Südthors

gewarnt und auf die nahenden Feinde merksam gemacht hatte.

Er führte die bleiche schweigende Edel in die nahe Kirche in jener

Vorstadt der Heiligen Petrus, Paulus und Stephanus. Hier, dicht bei

dem Südthor, fanden sich alsbald viele Frauen und Mädchen der Stadt

aus den nächsten Höfen, aus dem Dom und den andern Kirchen zusammen:

denn hier war man sicher, zufrühest Nachricht von dem Gefecht zu

erhalten, sowie den Bischof und die Seinen bei ihrer Heimkehr zuerst

zu begrüßen. Hierher führte auch Fulko die Geliebte, die er schon

außerhalb des Nordthors vom Rosse gehoben und gar sittsam durch die

von den zusammenlaufenden Bürgern belebten Teile der Stadt geleitet

hatte; bereits vorher war hier aus dem Dome mit ihren Frauen der beiden

Mädchen mütterliche Freundin, die Gräfin Heilfriede, eingetroffen.

Als der Bischof das Thor hinter sich gelassen hatte und nun auf der

Heerstraße ungestüm vorwärts sprengte, -- vor ihm mit brennender

Fackel Blandinus -- da drängten Hellmuth und Fulko von rechts und von

links ihre schnaubenden Rosse an seine Seite. »Gut, daß ihr da seid.

Willkommen, tapfre Junker, im letzten Gefecht,« rief er ihnen freudig

zu. »Herr Heinrich,« erwiderte Hellmuth, »wollen wir nicht warten,

bis von den Bürgern einige heran sind?« Höchlich erstaunt, ohne im

Vorwärtsjagen einzuhalten, sah der Bischof zu ihm hinüber: »So redet

Hellmuth vom hohen Horst? Um eine kleine Rotte schlecht gewaffneter

Bauern zu zersprengen ...?« -- »Herr, es sind nicht Bauern. Und nicht

eine kleine Rotte! Da! Hört Ihr das Horn? Wenden sind's.« »Gewiß die

Söldner Zwentibolds!« rief Fulko. »Das wolle Gott nicht!« stammelte der

Bischof und erbleichte, ... aber nicht aus Furcht. »Da vorn -- rechts

-- brennt schon wieder ein Hof!« rief Blandinus mit der Fackel deutend.

»Das ist, mein' ich,« riet Fulko, »das Haus des Zeidlers Wulfilo,

des Nachbars von Frau Ute. Arme Fullrun, wie mag es dir ergangen

sein! Halt, holla! Hier geblieben, Signor Blandinus!« und er fiel dem

Venetianer in die Zügel, der bei jenem Namen, laut aufschreiend, den

Gaul spornend, nach rechts hin über die Wiesen davonjagen wollte:

»Jetzt heißt's, beisammen bleiben! Wollt Ihr allein die Wenden

schlagen?« »Das Kind wird Gott beschützen,« pflichtete der Bischof bei,

»wir kämen zu spät.« »Da! Da sind sie schon!« rief Hellmuth. »Jawohl,«

lachte Fulko, das Schwert ziehend. »Jetzt hat sie der Teufel schon

da.« »Weiß Gott, die Wenden!« stöhnte der Bischof dumpf. »Und wie

viele!« rief Fulko. »Jetzt, Freund Hellmuth, jetzt heißt's fechten.«

»Ja! Gott sei Dank! -- Das wollen wir,« antwortete der mit blitzenden

Augen. »Wohlan!« sprach der Bischof. »So mögen sie denn zum letztenmal

auf Erden schmettern, die deutschen Drommeten. Bald schallen die

himmlischen Posaunen darein!«

Noch nicht gleich kam es zum Zusammenstoß: die vorausgeschickten Reiter

der Slaven jagten zurück, offenbar, ihrem Führer Meldung zu bringen.

Und der Bischof gebot Halt, seine Fußknechte nachkommen zu lassen. Wie

er das Ganze übersah, mußte er erkennen, daß sein kleines Häuflein doch

in recht schlimmer, aufs höchste gefährdeter Lage war.

Was von einer erlesenen Reiterschar gegen einen wenn auch viel

zahlreicheren Haufen schlecht gerüsteter Bauern, die nur zu Fuß

fochten, zu wagen gewesen wäre, das erwies sich als undurchführbar

gegen diese trefflich und mannigfaltig bewaffneten, zum Teil gut

berittenen Soldknechte, die unter ihrem mit wilder Begeisterung

verehrten Häuptling seit einem Jahrzehnt im Dienste gar vieler Fürsten

auf wendischer, deutscher, welscher, byzantinischer Erde gefochten und

gar oft gesiegt hatten.

»Der Wende,« rief Fulko »-- Gott verdamm ihn! -- versteht den Krieg.

Schau, Hellmuth, wie klug benützt er seine große Übermacht! -- Auf

wieviele schätzest du sie?« Hellmuth hob sich hoch in den Bügeln, bog

das behelmte Haupt vor und spähte nach allen Richtungen: »Die links von

uns in den Weinbergen und im Gehölz kann ich nicht schätzen. Aber da

auf der Straße vor uns und rechts in den Wiesen-- das sind eher vier-

als dreihundert.«

»Schau -- man sieht es deutlich im Mondlicht! -- hier auf der breiten

Straße schart er seine Reiter zusammen, viele Glieder tief, unsern

Anprall abzuwehren.« -- »Aber auch das Umgehen hat er gelernt! Sieh,

westlich von der Straße -- über die Wiesen hin -- läßt er andere

Reiter vortraben, uns in der Flanke zu fassen.« -- »Und wo bleiben

unsere Bürger? Noch gar wenige sammeln sich auf der Wiese.« -- »Und

seine Fußknechte,« ergänzte der Bischof, »und Pfeilschützen schickt

er östlich von der Straße in die Weingärten und in den Buschwald der

Höhen, uns von links zu packen. Ja, von dort könnten sie sich zwischen

uns und die Stadt werfen und uns auch vom Rücken fassen.« Er gebot den

Junkern, hier zu halten, und ritt langsam voraus, seine vordersten

Reiter zu ordnen. »Nun, die links werden aber nicht viel ausrichten,«

meinte Hellmuth, »bergan, auf den Schmalpfaden zwischen den Weinbergen.

Ein Häuflein entschlossener Männer genügt ...«

»Sind aber immer noch nicht da, auch zur Linken nicht, die lieben

Bürger von Würzburg!« -- »Oder doch nicht genug. Jetzt hab' acht, Herr

Heinrich winkt mit dem Schwerte!«

Weltuntergang: Geschichtliche Erzählung aus dem Jahre 1000 nach Christus · 第 60 / 70 题