Um dieselbe Zeit, da nördlich der Stadt Frau Minne Ritter Fulko und
schön Minnegard einander entgegengeführt hatte, eilte im Süden der
Stadt auf der großen Heerstraße gegen das Südthor zu eine weiße Gestalt.
Ein lichter Schleier flatterte ihr nach, so hastig schritt sie:
im Glanze des Mondes, den nur selten ziehend Gewölk verdeckte,
leuchtete das freiflutende, hellblonde Haar -- es war aufgegangen:
das zusammenhaltende blaue Band hatte sie bei dem raschen Aufbruch
verloren. Sie drückte den weiten hellgrauen Mantel über der Brust
zusammen. Ihr Auge spähte scharf vorwärts: aber nicht auf die Vorstadt
am Ende der Heerstraße war es gerichtet, sondern links ab von der
Straße, wo, nahe dem Flusse, das äußerste Blockhaus des Pfahlhags vor
dem Südthor ragte.
»O Gott,« betete die Eilende, »laß mich noch recht kommen. Nun Ein
Wort zu ihm -- von ihm! Dann will ich ja gern in den Dom. Wie spät
mag es schon sein? Ich konnte die Zeit nicht genau erkunden! Wartete
ich länger, mußte ich in Begleitung der andern Frauen gehen und dann
mit ihnen gleich in den Dom. Mag es wohl schon bald Mitternacht sein?
Barmherziger Heiland, o verschiebe die Stunde des Gerichts nur so
lang, bis ich ... Du blickst in mein Herz, heilige Jungfrau! Du weißt,
mich treibt nicht sündiger Liebe Verlangen -- nicht an seine Hand will
ich rühren! -- nie würde ich aus +solchem+ Sehnen die scheue Scham
überwinden, und zerspränge mir darüber das Herz in der Brust. Nein!
Nicht nach solchem steht mein Begehren! Ich will ja nur -- -- -- du
weißt, Gott, was ich will. Darum hilf mir! Bald -- bald bin ich ja
dort. Sehe ich doch schon das schmale Thor, das in das Blockhaus führt.
Gleich muß der Wiesensteig links abbiegen hier unten von der Straße ...
Ah! Was ist das? Dies Thor ...?«
Sie konnte nicht vollenden.
Mit Schrecken nahm sie wahr, wie das Blockhausthor, nach welchem Ziel
ihres eilenden nächtlichen Ganges sie so sehnsüchtig ausgeschaut hatte,
sich von innen öffnete und wie aus demselben auf dem engen Wiesenpfad,
der ein wenig hügelan auf die Heerstraße führte, ein Reiter ihr in den
Weg sprengte.
»Weh mir -- wenn man mich erkennt, anhält, -- aufhält!«
Sie wankte: sie stützte die Hand auf einen breiten Grenzstein rechts
an der Heerstraße, der hier die Markung der Stadt von den Äckern
des Randahari trennte. Schon hatte der rasche Reiter die Hochstraße
erreicht: ungestüm jagte er heran -- sein Helm glänzte und strahlte
hell im Mondlicht -- ein langer dunkler Mantel flog ihm nach von den
gepanzerten Schultern: -- sie hoffte, er werde an ihr vorbeisausen:
sie glitt ganz hinter die breite Steinsäule -- schon hörte sie das
Schnauben seines Rosses -- schon sah sie ... »Ah! Er! Gott ich danke
dir!« rief sie frohlockend und sprang, beide Arme hoch gen Himmel
erhebend, aus ihrem Versteck hervor.
Heftig erschrak das Roß, aber nicht der Reiter. »Edel!« rief er,
bändigte kraftvoll das scheuende, hochsteigende Tier, brachte es zum
Stehen, sprang nun ab und schritt ihr, den Zügel in der Hand, entgegen.
»Jungfrau Edel« -- in höchstem Erstaunen sprach er -- »was thut ...
was wollt Ihr hier -- allein ... zu +dieser+ Stunde? Was sucht Ihr?«
»Euch!« rief das Mädchen »Nein doch: +dich+, Hellmuth, +dich+!« Und
beide Hände fest ineinanderringend ließ sie sich vor ihm auf die Kniee
gleiten. »Laß mich! Nicht deine Liebe such' ich mehr -- ich weiß, ich
habe sie verwirkt -- aber deine Verzeihung. Ich kann nicht sterben,
kann nicht vor den ewigen Richter treten mit dieser unverziehenen
Schuld auf meiner Seele, der schweren Sünde der Herzenshärtigkeit,
des verstockten Stolzes, der grausamen Mißhandlung ... Ich habe dich
gequält ... gepeinigt, ich habe dein stummes monatelanges Flehen um
Verzeihung eines ach! so leichten Fehls, -- eines Fehls aus Liebe!
-- mit Füßen in den Staub getreten! O es war so schlecht von mir, so
eitel, so sündhaft! Aber sieh: nun -- in der letzten Stunde meines
Lebens -- lieg' ich, Edel, die stolze Edel, vor +dir+ im Staub -- nein,
laß mich! Ich stehe nicht auf, bis ... Und ich flehe dich an: verzeihe
mir! Verzeihe mir um des Heilands willen, der, ein Wunder wirkend,
dich mir hier entgegengesandt hat in +dieser+ Stunde! Ich sprang aus
dem Fenster der Kemenate in den Garten. Ich wußte, wo du zu finden
warst. Ich konnte es nicht mehr ertragen -- ich lief dir entgegen -- es
schob mich vorwärts wie mit unsichtbaren Engelshänden: das Wort, das
in diesen Tagen unablässig uns verkündet ward: -- ›Bereue! Büße!‹ --
es mahnte mich unwiderstehlich, die schwerste Schuld meines Lebens zu
büßen: die Schuld gegen dich und deine große, deine rührende Liebe. Ich
hätte dich im Blockhaus aufgesucht vor allen deinen Reisigen und dich
dort laut angefleht, wie hier in der heiligen, nur von Gott erschauten
Einsamkeit: Hellmuth, verzeihe mir!«
Schon hatte er sie vom Boden aufgerissen. »Edel! +Ich+ Euch -- ich
+dir+ verzeihen? Nein, vergieb +du+ mir. Die Liebe riß mich fort. Doch
du kannst das nicht fassen! Denn was weißt du von Liebe!« »Ich?« --
Sie errötete über und über, wie sie nun mit unendlicher Anmut das edle
langgestreckte weiße Antlitz zu ihm emporhob: es leuchtete geisterhaft
im Glanz des Mondes, umrahmt vom blonden Haar: -- sie richtete einen
langen Blick auf ihn aus den tiefen grauen Augen. -- Dann senkte sie
die dunklen Wimpern und fragte: »Was immer Euch in dieser letzten
Stunde der Welt in die Nacht hinausgetrieben hat, was immer Ihr suchtet
-- gewiß war's nicht Edel?« -- »Wie durfte ich das wagen? Nein! Den
Tod, den Heldentod in herrlichem Reiterkampf. Denn wisset -- von
dorther -- von Süden -- nahen alsbald furchtbare Feinde.« »Den Tod? O
so laß mich ihn teilen!« rief sie leidenschaftlich ausbrechend. »Du
hast mir verziehen -- und du liebst mich noch immer -- ich sehe dir
es an: so gewähre mir die letzte Bitte! Im Leben hat mein sündhafter
Stolz uns getrennt: laß nun im Tode meine Demut uns vereinen. Vergönne
mir, mit dir zu sterben.« Und überwältigt von allbezwingender Liebe
sank sie an seine Brust, das schmale Köpflein vorwärts beugend wie
eine tauschwere Blume. »Edel! Geliebte! Ist es wirklich? Bist du
+meine+ Edel?« -- »Ja! +Deine+ Edel! Aber nur im Tode dein!« Und er
küßte sie auf die weiße Stirn: er wagte es nicht, sie auf die so
festgeschlossenen, schmerzumzuckten Lippen zu küssen.