Er stand schon wieder.
Hochaufgerichtet stand er, die geballte rechte Faust auf die
Tischplatte gestemmt, die flache Linke auf das wild pochende Herz
gedrückt, glühendes Rot im Gesicht.
»Verzeiht, Frau Gräfin ... -- nein: Heilfriede, vergieb, daß ich auf
die Kniee sank! Ich bin's so sehr gewöhnt, vor Heiligen zu knieen.
Und du -- du +bist+ eine Heilige! -- Und ich blinder, wildherziger
Mann habe dich all diese Jahre ... gehaßt? O nein! Ich konnte nicht!
Aber verachten wollt' ich dich und deine Treulosigkeit. ›Die schöne
Verräterin‹ nannte ich dich so gern in meinen schlummerlosen Nächten.
Ach der Spruch:
›Nicht Feuer und nicht Gift im Blut
Schmerzt wie verratne Liebe thut,‹ --
er war zu meinem Nachtgebet geworden. O dich verachten -- diese Wollust
that so bitter weh! Vergieb mir, Heilfriede! Kannst du mir vergeben?«
Sie trat nun langsam von der Thüre wieder in die Mitte der Halle
zurück. »Ich hab' mir's wohl gedacht,« erwiderte sie traurig. »Ihr
kanntet mich doch nicht genug, an mich zu glauben auch gegen den
Anschein. +Ich+, Herr Heinrich, würde nie so an Euch gezweifelt
haben.« -- »O sprich, daß du mir verzeihst!« Sie lächelte wehmütig:
-- es ließ ihr unendlich schön. »Stände ich hier, wenn ich Euch
nicht vergäbe?« -- »Dank!« -- »Ist doch kaum etwas zu vergeben! Daß
ein ungestümer Mann, gekränkt in seinem Stolz von einem Weibe, das
ihn aufgab, diesem nicht gute Beweggründe beilegt, sondern Schwäche
in seinen vorwurfsvollen Gedanken, -- das ist wohl so der Lauf der
Welt. Aber +Ihr+ ahnt nicht, was +ich+ empfand, als mich, statt der
Nachricht Euerer Verlobung mit der Regentin, wie ein Donnerschlag die
Kunde traf am fernen Rhein: ›Graf Heinrich von Rothenburg hat der Welt
entsagt.‹ Er!« Hier leuchteten die sonst so mattblickenden blauen
Augen zum erstenmal auf in freudigem Stolz. »Der allerersten Helden
des Reiches einer -- mir -- so lange Zeit! -- der Erste! Er nahm die
Weihen! Ward Priester! Umsonst, umsonst -- so sagt' ich mir -- habe
ich mein Herz verleugnet, mein Leben geopfert, ihr und ihm. Weder die
Herrin, vor der ich aus Dankbarkeit zurückstand, noch Er, dem ich den
Weg zu kaiserlichem Glanze bahnen wollte, hat Vorteil davon! -- Ach,
in jenen Nächten ist mein Haar ergraut. Und ich sagte mir doch auch,
welches Weh allein es sein konnte, das den heldenhaften Mann dahin
getrieben, das siegvertraute, das geliebte Schwert sich abzugürten.« --
»Ja, Heilfriede, auch +das+ that weh.« »O so vergebt +Ihr+ mir!« rief
sie nun in überraschendem Ausbruch des Gefühls, »daß ich +Euere+ Liebe
nicht als so stark erkannt, wie sie es war. Aber seht: darum ließ mir
die Sorge um Eure Seele keine Ruhe! Sollten wir vor Gott treten -- Ihr
belastet mit diesem sündhaften, grundlosen Hasse gegen mich und ich
ohne Eure Verzeihung, daß ich Eure Liebe unterschätzt? Alles, alles
sagte ich meinem wackren Mann in diesen Tagen auf unserer Rückreise aus
Welschland: alles! Und er ließ, ja er hieß mich dennoch zu Euch eilen.«
»Ich dank' ihm! Sagt ihm das!« In rascher Aufwallung des Edelgefühls
kam das hervorgesprudelt. Zögernd fügte nun der jahrelang genährte
Groll hinzu: »Das heißt: wenn ein Dankeswort von mir bei Graf Gerwalt
gute Stätte findet.«
»O Herr Heinrich! Ihr habt ihm noch viel, viel mehr zu danken!«-- »Hei
ja, gar manchen Span, Streit und Verdruß! Ein Glück, daß er, seit er
diesen Gau erhalten, immer jenseit der Alpen weilte. Saß er da oben auf
dem Marienberg und ich hier -- es wäre wohl Blut geflossen. So hab' ich
mich nur mit seinen Amtleuten herumzuzanken gehabt. Wo ist er? Wann
folgt er Euch nach?« -- »Heute Nacht oder morgen in aller Frühe. Er hat
noch in seinem andern, im Rangau Geschäfte.«
»Auch über diesen,« schalt der Bischof, »gab es immer Zank und Hader!«
-- »Gerade deshalb hat er ...! Aber nein! Ihr würdet mir nicht glauben.
Und bevor der Erfolg eintreten kann, stehen wir alle drei vor Gott.
Dort -- auf Wiedersehen, Herr Heinrich!« -- »Heilfriede! Wohin?« --
»Nach Haus' -- in die Burg -- so gebot mein Gemahl -- ihn dort zu
erwarten.« -- »Gut! Gehorcht ihm. Aber noch eine Bitte -- die letzte im
Leben.« -- »Sprecht!« -- »Wann nun die letzten Dinge hereinbrechen --
wann die Posaunen erdröhnen der Engel des Gerichts -- dann, Heilfriede,
laß uns die Ankunft des Herrn gemeinsam erwarten. Im Dom, am
Hauptaltar, im Schutz aller heiligen Reliquien, versammle ich, lang vor
Mitternacht, die Gemeinde um mich -- so viel der Gläubigen die Kirche
fassen mag. -- O Heilfriede, in solch schirmender Umgebung, an solch
heiliger Stätte erwarte auch du das Ende. Steige rechtzeitig herab von
der Burg und --«
»Mein Gemahl ist bis dahin sicher hier. Gern wird er mit mir Euren
frommen Vorschlag annehmen. Versöhnt, befriedet, vereint, Hand in
Hand wollen wir dann alle drei das Ende erwarten ... -- Und nun noch«
-- ihre Stimme zitterte -- »Euren Segen, Herr Bischof!« Und sie beugte
demütig vor ihm das bleiche Gesicht.
Er aber winkte ihr abwehrend mit der Hand. »Wer bin ich, daß ich dich
segne? Der Sünder die Heilige! Dich +hat+ der Herr gesegnet aus der
Maßen. Selig sind, die reinen Herzens sind, denn ihrer ... ach, +dein+,
Heilfriede, ist das Himmelreich!«
Und der starke Mann brach laut aufschluchzend zusammen über dem Tisch.
»Leb wohl! Auf Wiedersehen am Ende, Hezilo!« hauchte sie. »Heilfriede!
Deine Hand! Nur deine Hand --« Er sprang stürmisch auf.
Sie war verschwunden. Wieder lehnte er sich vorgebeugt, seiner selbst
kaum mehr bewußt auf den Schreibtisch.
Dabei streifte sein langfaltiger Ärmel eines der Pergamente, es glitt
herab von der Tischplatte und fiel gerade auf das offene Becken der
glühenden Kohlen.
Hastig raffte er es auf, schon war es leicht angebrannt.
»Kaiser Karls Verleihung!« rief er erschrocken. »Beinahe ...! Nun, und
+wenn+ sie verbrannte?« lächelte er. »Wie thöricht doch die Gewohnheit
macht! Übermorgen verbrennt sie ja doch! Mit allem was sie mir -- dem
Bistum -- schenkte. O du unselig Pergament! Durch deine zierlichen
Buchstaben hat mich der Welsche bezaubert, durch dich hat er mich
immer wieder angetrieben, wann ich nachgeben wollte. Zwar für Sankt
Burchhards Recht ... ach nein, nein, es ist ja all nicht wahr!
Heinrich, gesteh' dir's doch endlich -- an +diesem+ Tage -- selber ein,
dir und dem Allwissenden, den du ja doch nicht täuschen kannst, wie du
dich selbst so lange, so gern getäuscht hast. Die Lust, Land und Leute
zu beherrschen, gegen +ihren+ Gatten -- lauter Sünde hat dich dabei
getrieben! Unheilsurkunde! Hätt' ich dich doch nie entdeckt! Wärst du
doch verbrannt mit allen andern damals vor vielen Jahren! Oder jetzt
verbrannt -- in diesen Kohlen, -- eh' ich dich nochmal sehen mußte!
Dämonisches Geschreibsel!« Zornig zerknitterte er es in der Rechten.
»Wieviel Sünde hast du in mir angerichtet! Ich hasse dich, ich
verfluche dich -- nicht erst übermorgen -- gleich sollst du verbrennen!
Durch +meinen+ Willen! Durch +meine+ Hand! Und so wie ich dich
zerstöre, so thu' ich von mir -- zu Ehren jener bleichen Heiligen --
allen Haß gegen Gerwalt und jedes -- jedes! -- sündige Verlangen!«
Und in fiebernder Erregung, seiner Sinne nicht mehr mächtig, riß er das
zähe Pergament mit den beiden starken Händen mitten durch und warf die
beiden länglichen Streifen in die glühenden Kohlen.
Hoch loderte sofort die helle Flamme auf. Mit seltsamer Lust sah er das
noch: dann stürzte er besinnungslos, ohnmächtig auf den Estrich nieder.
So fand ihn Supfo, der den schweren Fall gehört hatte und besorgt
herbeieilte.
Fünftes Buch.