XIII.

Er stand schon wieder.

Hochaufgerichtet stand er, die geballte rechte Faust auf die

Tischplatte gestemmt, die flache Linke auf das wild pochende Herz

gedrückt, glühendes Rot im Gesicht.

»Verzeiht, Frau Gräfin ... -- nein: Heilfriede, vergieb, daß ich auf

die Kniee sank! Ich bin's so sehr gewöhnt, vor Heiligen zu knieen.

Und du -- du +bist+ eine Heilige! -- Und ich blinder, wildherziger

Mann habe dich all diese Jahre ... gehaßt? O nein! Ich konnte nicht!

Aber verachten wollt' ich dich und deine Treulosigkeit. ›Die schöne

Verräterin‹ nannte ich dich so gern in meinen schlummerlosen Nächten.

Ach der Spruch:

›Nicht Feuer und nicht Gift im Blut

Schmerzt wie verratne Liebe thut,‹ --

er war zu meinem Nachtgebet geworden. O dich verachten -- diese Wollust

that so bitter weh! Vergieb mir, Heilfriede! Kannst du mir vergeben?«

Sie trat nun langsam von der Thüre wieder in die Mitte der Halle

zurück. »Ich hab' mir's wohl gedacht,« erwiderte sie traurig. »Ihr

kanntet mich doch nicht genug, an mich zu glauben auch gegen den

Anschein. +Ich+, Herr Heinrich, würde nie so an Euch gezweifelt

haben.« -- »O sprich, daß du mir verzeihst!« Sie lächelte wehmütig:

-- es ließ ihr unendlich schön. »Stände ich hier, wenn ich Euch

nicht vergäbe?« -- »Dank!« -- »Ist doch kaum etwas zu vergeben! Daß

ein ungestümer Mann, gekränkt in seinem Stolz von einem Weibe, das

ihn aufgab, diesem nicht gute Beweggründe beilegt, sondern Schwäche

in seinen vorwurfsvollen Gedanken, -- das ist wohl so der Lauf der

Welt. Aber +Ihr+ ahnt nicht, was +ich+ empfand, als mich, statt der

Nachricht Euerer Verlobung mit der Regentin, wie ein Donnerschlag die

Kunde traf am fernen Rhein: ›Graf Heinrich von Rothenburg hat der Welt

entsagt.‹ Er!« Hier leuchteten die sonst so mattblickenden blauen

Augen zum erstenmal auf in freudigem Stolz. »Der allerersten Helden

des Reiches einer -- mir -- so lange Zeit! -- der Erste! Er nahm die

Weihen! Ward Priester! Umsonst, umsonst -- so sagt' ich mir -- habe

ich mein Herz verleugnet, mein Leben geopfert, ihr und ihm. Weder die

Herrin, vor der ich aus Dankbarkeit zurückstand, noch Er, dem ich den

Weg zu kaiserlichem Glanze bahnen wollte, hat Vorteil davon! -- Ach,

in jenen Nächten ist mein Haar ergraut. Und ich sagte mir doch auch,

welches Weh allein es sein konnte, das den heldenhaften Mann dahin

getrieben, das siegvertraute, das geliebte Schwert sich abzugürten.« --

»Ja, Heilfriede, auch +das+ that weh.« »O so vergebt +Ihr+ mir!« rief

sie nun in überraschendem Ausbruch des Gefühls, »daß ich +Euere+ Liebe

nicht als so stark erkannt, wie sie es war. Aber seht: darum ließ mir

die Sorge um Eure Seele keine Ruhe! Sollten wir vor Gott treten -- Ihr

belastet mit diesem sündhaften, grundlosen Hasse gegen mich und ich

ohne Eure Verzeihung, daß ich Eure Liebe unterschätzt? Alles, alles

sagte ich meinem wackren Mann in diesen Tagen auf unserer Rückreise aus

Welschland: alles! Und er ließ, ja er hieß mich dennoch zu Euch eilen.«

»Ich dank' ihm! Sagt ihm das!« In rascher Aufwallung des Edelgefühls

kam das hervorgesprudelt. Zögernd fügte nun der jahrelang genährte

Groll hinzu: »Das heißt: wenn ein Dankeswort von mir bei Graf Gerwalt

gute Stätte findet.«

»O Herr Heinrich! Ihr habt ihm noch viel, viel mehr zu danken!«-- »Hei

ja, gar manchen Span, Streit und Verdruß! Ein Glück, daß er, seit er

diesen Gau erhalten, immer jenseit der Alpen weilte. Saß er da oben auf

dem Marienberg und ich hier -- es wäre wohl Blut geflossen. So hab' ich

mich nur mit seinen Amtleuten herumzuzanken gehabt. Wo ist er? Wann

folgt er Euch nach?« -- »Heute Nacht oder morgen in aller Frühe. Er hat

noch in seinem andern, im Rangau Geschäfte.«

»Auch über diesen,« schalt der Bischof, »gab es immer Zank und Hader!«

-- »Gerade deshalb hat er ...! Aber nein! Ihr würdet mir nicht glauben.

Und bevor der Erfolg eintreten kann, stehen wir alle drei vor Gott.

Dort -- auf Wiedersehen, Herr Heinrich!« -- »Heilfriede! Wohin?« --

»Nach Haus' -- in die Burg -- so gebot mein Gemahl -- ihn dort zu

erwarten.« -- »Gut! Gehorcht ihm. Aber noch eine Bitte -- die letzte im

Leben.« -- »Sprecht!« -- »Wann nun die letzten Dinge hereinbrechen --

wann die Posaunen erdröhnen der Engel des Gerichts -- dann, Heilfriede,

laß uns die Ankunft des Herrn gemeinsam erwarten. Im Dom, am

Hauptaltar, im Schutz aller heiligen Reliquien, versammle ich, lang vor

Mitternacht, die Gemeinde um mich -- so viel der Gläubigen die Kirche

fassen mag. -- O Heilfriede, in solch schirmender Umgebung, an solch

heiliger Stätte erwarte auch du das Ende. Steige rechtzeitig herab von

der Burg und --«

»Mein Gemahl ist bis dahin sicher hier. Gern wird er mit mir Euren

frommen Vorschlag annehmen. Versöhnt, befriedet, vereint, Hand in

Hand wollen wir dann alle drei das Ende erwarten ... -- Und nun noch«

-- ihre Stimme zitterte -- »Euren Segen, Herr Bischof!« Und sie beugte

demütig vor ihm das bleiche Gesicht.

Er aber winkte ihr abwehrend mit der Hand. »Wer bin ich, daß ich dich

segne? Der Sünder die Heilige! Dich +hat+ der Herr gesegnet aus der

Maßen. Selig sind, die reinen Herzens sind, denn ihrer ... ach, +dein+,

Heilfriede, ist das Himmelreich!«

Und der starke Mann brach laut aufschluchzend zusammen über dem Tisch.

»Leb wohl! Auf Wiedersehen am Ende, Hezilo!« hauchte sie. »Heilfriede!

Deine Hand! Nur deine Hand --« Er sprang stürmisch auf.

Sie war verschwunden. Wieder lehnte er sich vorgebeugt, seiner selbst

kaum mehr bewußt auf den Schreibtisch.

Dabei streifte sein langfaltiger Ärmel eines der Pergamente, es glitt

herab von der Tischplatte und fiel gerade auf das offene Becken der

glühenden Kohlen.

Hastig raffte er es auf, schon war es leicht angebrannt.

»Kaiser Karls Verleihung!« rief er erschrocken. »Beinahe ...! Nun, und

+wenn+ sie verbrannte?« lächelte er. »Wie thöricht doch die Gewohnheit

macht! Übermorgen verbrennt sie ja doch! Mit allem was sie mir -- dem

Bistum -- schenkte. O du unselig Pergament! Durch deine zierlichen

Buchstaben hat mich der Welsche bezaubert, durch dich hat er mich

immer wieder angetrieben, wann ich nachgeben wollte. Zwar für Sankt

Burchhards Recht ... ach nein, nein, es ist ja all nicht wahr!

Heinrich, gesteh' dir's doch endlich -- an +diesem+ Tage -- selber ein,

dir und dem Allwissenden, den du ja doch nicht täuschen kannst, wie du

dich selbst so lange, so gern getäuscht hast. Die Lust, Land und Leute

zu beherrschen, gegen +ihren+ Gatten -- lauter Sünde hat dich dabei

getrieben! Unheilsurkunde! Hätt' ich dich doch nie entdeckt! Wärst du

doch verbrannt mit allen andern damals vor vielen Jahren! Oder jetzt

verbrannt -- in diesen Kohlen, -- eh' ich dich nochmal sehen mußte!

Dämonisches Geschreibsel!« Zornig zerknitterte er es in der Rechten.

»Wieviel Sünde hast du in mir angerichtet! Ich hasse dich, ich

verfluche dich -- nicht erst übermorgen -- gleich sollst du verbrennen!

Durch +meinen+ Willen! Durch +meine+ Hand! Und so wie ich dich

zerstöre, so thu' ich von mir -- zu Ehren jener bleichen Heiligen --

allen Haß gegen Gerwalt und jedes -- jedes! -- sündige Verlangen!«

Und in fiebernder Erregung, seiner Sinne nicht mehr mächtig, riß er das

zähe Pergament mit den beiden starken Händen mitten durch und warf die

beiden länglichen Streifen in die glühenden Kohlen.

Hoch loderte sofort die helle Flamme auf. Mit seltsamer Lust sah er das

noch: dann stürzte er besinnungslos, ohnmächtig auf den Estrich nieder.

So fand ihn Supfo, der den schweren Fall gehört hatte und besorgt

herbeieilte.

Fünftes Buch.

Weltuntergang: Geschichtliche Erzählung aus dem Jahre 1000 nach Christus · 第 53 / 70 题