Der furchtbare Tag war angebrochen und nahezu abgelaufen ohne
irgendwelche Störung der Ruhe in der Stadt.
Das war bei der gewaltigen Aufregung aller Gemüter nur den weisen
und kräftigen Anordnungen zu danken, die der Bischof schon lange für
diese bangen Stunden vorbereitet und nun ins Werk gesetzt hatte. Unter
Supfos treuer Pflege -- er hatte dabei des Steinweins nicht gespart! --
erholte sich die starke Natur Herrn Heinrichs bald von der Betäubung,
in welche ihn der rasche Wechsel so mannigfaltiger Erregungen gestürzt
hatte; er begab sich noch am Abend zu rechter Zeit in den Dom und
waltete dort seiner heiligen Pflichten.
Nach durchwachter und durchbeteter Nacht schritt er in feierlichem
Aufzug, gefolgt von seiner ganzen Priesterschaft und allem Volk,
durch die Straßen, zum letztenmal Gott zu danken, seine Gnade und die
Fürbitte der Heiligen anzurufen. Zwar ward gemeldet, daß räuberische
Bauern auch an diesem Tage selbst noch sich ziemlich nahe der Stadt
gezeigt hätten: -- aber auch hiergegen hatte Herr Heinrich wachsame
Vorkehrung getroffen auf den Warttürmen.
So war der wunderschöne Sommertag friedlich, feierlich, erwartungsvoll
hingegangen.
* * * * *
Nun deckten bereits blaue Schatten die fernen, waldigen Höhen an dem
Oberlaufe des Flusses, während in der Stadt auf den Türmen im Umkreis
der Mauern die roten Pechpfannen der Türmer glühten; auch stromabwärts
glomm hier und da ein Licht aus den auf den beiden Ufern verstreuten
Höfen: die Leute wachten in bangem Gebet die Mitternacht heran.
Schon damals setzte sich wie heute auf dem rechten Mainufer die von
Süden herziehende große Heerstraße unterhalb der Stadt gen Norden hin
fort: im Osten stieß sie dicht an die mit Reben bepflanzten Anhöhen;
aber links, gegen den Fluß hin, erstreckten sich in jener Zeit noch
Wiesen und Buschwerk.
Wonnesam ist und berauschend die laue Mittsommernacht zu Würzburg und,
wie des Lenzes in jenem gesegneten Mainthal, wird, wer je dort einer
Mittsommernacht genoß, ihrer dankbar gedenken.
Und diese Nacht, welche da als die letzte ihren weichen dunklen
Schleier werfen sollte auf die Erde, -- diese Nacht war wunderbar vor
den andern vieler Jahre! --
Der Mond stand nahezu voll am Himmel: von den Osthöhen aufschwebend
warf er sein bleiches Licht zauberhaft auf den Fluß, auf die ragenden
Mauern der Burg im Westen; leichtes fast durchsichtiges Gewölk, von
rötlich gelben Rändern umsäumt, zog manchmal, vom lauen Südwest
getragen, über die leuchtende Scheibe, durch solchen Wechsel des vollen
und des gedämpften Lichts den Reiz geheimnisvoll erhöhend.
Jener weiche, warme Südwest -- hauchend, als wär' es Atmen des
Himmels -- führte auf seinen leisen Schwingen den wunderbaren, den süß
berauschenden, den entzückenden Duft der Rebenblüte von den Weingärten
des Burgbergs, zumal der Burgleiste über den Fluß nach Nordosten. --
Zur Sonnwend gerade stehen dort die Reben in voller Blust und ihr
Duft ist keinem auf Erden vergleichbar! Es ist eitel Poesie, süße,
feurige, heiße Liebeslust atmende Poesie, was die trunkenen Sinne da
einschlürfen in einer Berauschung, viel feiner und beseligender als im
Trunk des Rebensaftes selbst.
Durch jenes Strauchwerk an der Straße und über die Wiesen hin
flogen Leuchtkäfer in reicher Menge, mit ihrem grünlichen Licht das
Phantastische, Ahnungsvolle dieser halbdunkeln Stunden noch steigernd.
Das Buschwerk aber bestand zum größten Teil aus wilden Rosen, die so
schön, so starkstämmig, so zahlreich wie dort im sonnigen Mainthal wohl
nirgend mehr gedeihen auf deutscher Erde.
Vielfach hatten zwar die Rosen schon abgeblüht: aber der überaus warme
und doch feuchte Sommer hatte an vielen Büschen eine zweite Blüte
hervorgelockt: und der honigduftende süße Hauch der Wildrose mischte
sich hier mit dem feineren herberen der Rebe.
Und in den Rosenbüschen schlugen und schmetterten ihr feurig Lied
ungezählte Nachtigallen! So laut, so lustheiß, so jauchzend in
beglücktem Minnewerben! So stark, wie noch in keiner Nacht dieses
Sommers! Es war, als ahnten die klugen Vögelein, die zwar an den
Untergang der Welt nicht glaubten, daß sie nun bald verstummen mußten
für ein Jahr: und als wollten sie noch einmal aus vollster Kraft den
Wonnejubel der Liebe hinausschmettern in die blaue, die leise atmende
Nacht! --
All das: das silberne Mondlicht -- der laue Wind -- der Reben- und
Rosenduft -- das heiße, brünstige Lied der Nachtigall -- wirkte
zusammen zu einer süßen, weichen lustvollen Berauschung der Sinne und
der Seele. -- --