»Wie soll ich dir danken, Rado, treuer Rado? Du erfüllst den letzten
heißen Wunsch meines Lebens, der mir noch übriggeblieben!«
»Danken? Ihr? Gar nicht! Euer Vater hat mir vorausgedankt für alle
Zeiten. Die vielen Jahre, die ich, von den Rothenburger Herren ihm als
Waffenträger zugeteilt, ihm dienen durfte in Jagdfahrt und Heerfahrt,
-- das waren die besten, die ich gesehen.
Seit er gestorben, Herr Heinrich Pfaff und ich Hirt der Burgensen
geworden, -- wenig Freude habe ich mehr am Leben. Nur daß ich im
Wildwald hausen darf als Jäger und Köhler -- neben der Herden-Hut --
das thut mir wohl in der Seele. -- Und wißt Ihr, was mir das Liebste
war an Euerm Vater? Nicht, daß er mir Lohn und Beuteanteil gab mit
vollen Händen, -- nein, daß er sich so gern von mir erzählen ließ von
-- von den Alten -- Ihr wisset schon! ... Und daß er davon vieles
glaubte, was ich von meiner Mutter überkommen. Mein Bruder Wartold,
Großmutter Ute bekreuzen sich dabei, Fullrun ist zu kindjung und
mutwillig. Aber Wartold wird's schon erleben, -- gar bald! -- daß ich
recht habe. Und daß auch Ihr, obwohl des Bischofs Lieblingsritter, mir
glaubt ... --« -- »Manches, Rado! Beileibe nicht alles! Ich bin ein
guter Christ und will es bleiben. Ich glaube dir von deinen Sachen
nur ...« »Was Euch anzieht, was Euch gefällt,« schmunzelte der Alte.
»Ihr werdet nicht bereuen, daß Ihr glaubt: ›reich lohnt Woden treue
Freundschaft,‹« brummte er leis in den grauen Bart. »Und seht:« fuhr er
laut fort, »Eins hat mir -- all diese Monate her! -- so gut gefallen
von Euch.« -- »Nun?« -- »Daß Ihr etwas +nicht+ gethan, +nicht+ von mir
verlangt habt!« -- »Bin gespannt!« -- »Keinen Minnezauber!« »Rado!«
rief der Jüngling und errötete über und über. -- »Nun, ich sage nichts
weiter. Aber wer Euch und -- Eine im Winter selbander zur Jagd reiten
sah, -- Aug' in Auge! -- und Euch jetzt beisammen sieht, der merkt
was. Und doch verlangtet Ihr nicht -- wie so viele -- von mir einen
Liebeszauber.« »Niemals!« rief Hellmuth. »Lieber dreimal drüber sterben
als ihren keuschen Willen brechen -- durch Zauber!« -- »Ja, das eben
ist mein Hellmuth, den ich vom Kind an kenne und seine lichte Seele:
sie ist durchsichtig wie ein klarer Waldquell und kein trüber Fleck
darin. Ihr leidet so schwer.« -- »Bald ist nun ja auch diese Qual zu
Ende. -- Aber sage, wie kommt es, daß du, der sonst allzuwenig den
Worten der Priester glaubt, gerade diese Verkündung gleich von Anfang
-- lange bevor der Papst durch den Mönch es gebot! -- so gläubig, ja so
eifrig, so gierig aufgenommen hast? Was nur die Allergelehrtesten und
Allerfrömmsten der Kirche ergrübelt hatten ... -- ...« »Hm,« lachte der
Alte. »Und wie lang ist's her, daß die das lehren?« -- »Noch nicht Jahr
und Tag.« -- »So? -- Nun da weiß ich's etwas länger -- so seit vierzig
Wintern etwa! Mich hat's die Mutter gelehrt, als ich meinen ersten
Fuchs geschossen. ›Ei,‹ sagte sie, ›ein wacker Werk. Du hast Herrn
Loges Heer gemindert.‹ ›Herrn Loges Heer?‹ forschte ich. Und nun hob
sie an zu erzählen, was sie von ihrer Mutter gehört und die wieder von
ihrem Ahn. Ich glaube,« grübelte er vor sich hin, »unsere Sippe wußte
es von je.« »Aber was, was wißt Ihr?« unterbrach Hellmuth ungeduldig.
»Das andre ist mir all gleichgültig: nur das will ich nun endlich
genau wissen, von den letzten Geheimnissen, was Ihr immer so dunkel
angedeutet, wo und wie ...?«
»Hei, ist so kurz nicht zu sagen. Setzt Euch. Hier! Ins trockene
Eschenlaub. Nehmt die Lederflasche. Der Wein, den in der Bergleiste
Frau Sunna kocht, die heiße Herrin, ist feurig. Und da -- in meinem
Netzranzen, das ist Wildeberfleisch. Und nun gebt acht!« Er trank einen
langen Zug und hob an: »›Heilige und Teufel ringen dann‹, sagt der
Bischof? Mag ja wohl sein! Riesen und hohe Helfer sagen wir. Die ringen
und kämpfen unablässig miteinander um die Herrschaft der Welt und um
die Seelen der Menschen: so sagt der Bischof, so sage auch ich. Einst
endet die Welt, so sagen wir beide. Aber wie endet sie? Das weiß der
Bischof nicht --: auch der Papst nicht und der irrsinnig gewordene Arn
-- schad' um ihn! den hätten wir als dritten mitgenommen, hätte ihm
nicht die welsche Sonne das Gehirn verbrannt, der Tod sieht ihm aus den
hohlen Augen: ich glaub's nicht, daß er die Sunnwend noch erlebt! Also
Arn, der wußt es auch nicht: sonst hätte er's doch neulich gesagt. Wir
aber wissen's seit grauer Vorzeit der Ahnen: die Welt geht unter --
freue dich, mein tapfrer Hellmuth! -- in einem ungeheueren herrlichen
Heldenkampf, wie er noch nie gestritten ward auf Erden.«