In der diesem Abend folgenden Nacht sprengte auf der Heerstraße von dem
Südthor flußaufwärts ein ungeduldiger Reiter; immer wieder trieb er den
ohnehin wacker ausgreifenden Braunen zu rascherem Lauf an. --
Die Höhen gegen Randersacker hin, auf denen heute ein edler Trank
gewonnen wird, überzog damals noch dichtes Gehölz: im Unterschied von
dem »Königswald« auf dem linken Ufer hieß es der »Grafenwald«: denn
es gehörte zu dem Amtslehen des Grafen des Waldsassengaues. Etwa eine
Stunde oberhalb der Allmänndewiese bog von der breiten Heerstraße ein
schmaler Reitweg links nach Osten ab und schlängelte sich durch das
buschige Gelände bis zu der Höhenkrone mit ihrem finstern Urwald hinan.
Diesen engen Pfad schlug der nächtliche Reiter ein.
Er mußte der Örtlichkeit genau kundig sein: denn nicht eben leicht
war durch Weißdorn- und Hartriegelgesträuch der schmale Streif des
Weges zu verfolgen. Freilich warf der Mond, bereits über den Höhenzug
emporgestiegen, von Osten her sein phantastisches Licht auf die Abhänge
gen Westen, auf die Heerstraße und den silbern glitzernden, ruhig
ziehenden Fluß.
Allein der Wind trieb unablässig ziehend Gewölk über die noch nicht
gefüllte Scheibe, so daß das wechselvolle Licht, geraume Zeit völlig
versagend, dann wieder plötzlich auf kurze Weile grell und blendend
vorbrechend aus den schwarzgrauen Wolkenflügen, vielfach mehr störte
als förderte. Alsbald sah sich der Reiter, wie der Pfad steiler
anstieg, genötigt, abzuspringen und das Roß am Zügel langsam bergan zu
führen: trotzdem stolperte es zuweilen über die Knorrwurzeln, welche,
wie dunkle Schlangen, quer über den Waldweg liefen. »Gemach, Falk!
hübsch bedächtig,« mahnte er das erschrockene Tier. »Sieh, bei Tage
trägst du mich! bei Nacht, im Dunkel, wie billig, führ ich dich! Treue
um Treue. Erschrick nicht! Das war nur ein Glühwurm! Aber freilich, es
hauset mancherlei im nächtlichen Tanne, was mit eisigem Grausen auch
an die Brust des Weidmanns rühren mag. Schon mancher zog zu Walde zur
Nacht -- kam nicht mit heilen Sinnen wieder daraus hervor. -- Ruhig,
Brauner! Das war eine fauchende Eule -- und was da rot leuchtet an
dem alten Baumstumpf, das ist Morschholz. Vorwärts und scheue nicht!
Wir sind nicht auf schlimmem Gang!« Nach einer scharfen Rechtsbiegung
des Pfades ward oben auf der Höhe in einiger Entfernung ein schwach
glimmendes Licht sichtbar. Dahin zog nun der Weg. --
Da schlug der Vorderhuf des Pferdes, das sonst ganz geräuschlos auf das
Waldgras trat, an einen Stein: weit klirrte der helle Ton durch die
schweigende Nacht: gleich erscholl lautes, wütendes Hundegebell von der
Höhe her und in mächtigen Sätzen rannte ein gewaltiges Tier zornmütig
auf die Ruhestörer herab: kaum war es abzuwehren durch den umgewendeten
Speerschaft, welchen der einsame Wanderer ihm entgegenstreckte.
»Giero! Treuer Herdenwart! kennst du mich nicht mehr?« rief er dabei
beschwichtend. Da stutzte die grimme Rüde, schnob und schnupperte gegen
den Wind und hüpfte gleich danach friedlich und freundlich an Mann und
Pferd hinauf. »Schon gut, du wachbarer Freund! Besser zu viel Vorsicht
als zu wenig. Nun komm hinauf zu deinem Herrn.« Bald standen nun, von
dem freudig bellenden und meldenden Hunde geführt, Reiter und Roß auf
der Höhe, wo in einer runden, wie es schien, schon lang bestehenden
Waldlichtung an dem Fuß einer uralten gewaltigen Esche ein schwaches
Reisigfeuer mehr Qualm als Licht verbreitete.
Neben der Glut lehnte an dem Stamme, hoch aufgerichtet, ein hagerer
Mann in einem Mantel aus Wolfsfellen, eine ungeheuere Schürstange, wie
sie die Köhler führen, in der Faust; er hatte nach oben geschaut, in
den gerade wieder hervorgleitenden Mond; schweigend, nur mit leichtem
Nicken des grauen Hauptes, begrüßte er den Ankömmling, der sein Pferd
seitab, geschützt vor dem Zug des Rauchqualms im Südwestwind, an eine
junge Buche band.
»Nun Rado, kam ich noch zu rechter Zeit?« -- Hastig entflog die Frage.
»Du weißt: gleich durft' ich dir nicht folgen: es war noch zu hell; und
der Bischof, der mit seiner Streifschar zurückkam, noch ganz nah. Ich
fürchte, er erkannte mich, wie damals in Eurem Hof. Gar manchen Ritt im
Zickzack macht' ich noch, meine Spur zu verbergen, falls er mir einen
seiner Reiter nachgesandt hätte. Und doch -- streng schärftest du's
ein -- mußt' ich die Stunde einhalten.«
Der Alte, den Schürbaum weglehnend, nickte.
»Nur zu ziemender Zeit,
An bestimmter Stätte,
Geschieht mit Gedeihen
Weihevoll Werk!
So der Spruch der Ahnen. Wir haben noch Zeit. Seht Ihr, Junker
Hellmuth, dort rechts vom milden Herrn Mond das kleine Sternchen?
›Hollespang‹ heißt er: und ist unserer lieben weißen Frau Holle
Busenspange. Er darf nur mehr drei Handbreiten von dem Mondrand
abstehen. So müssen wir noch warten. Und fragt jetzt, was Ihr noch zu
fragen habt: denn
wann das Werk begonnen,
darf es nicht wirren
Wort und Widerwort.«