IV.

In der diesem Abend folgenden Nacht sprengte auf der Heerstraße von dem

Südthor flußaufwärts ein ungeduldiger Reiter; immer wieder trieb er den

ohnehin wacker ausgreifenden Braunen zu rascherem Lauf an. --

Die Höhen gegen Randersacker hin, auf denen heute ein edler Trank

gewonnen wird, überzog damals noch dichtes Gehölz: im Unterschied von

dem »Königswald« auf dem linken Ufer hieß es der »Grafenwald«: denn

es gehörte zu dem Amtslehen des Grafen des Waldsassengaues. Etwa eine

Stunde oberhalb der Allmänndewiese bog von der breiten Heerstraße ein

schmaler Reitweg links nach Osten ab und schlängelte sich durch das

buschige Gelände bis zu der Höhenkrone mit ihrem finstern Urwald hinan.

Diesen engen Pfad schlug der nächtliche Reiter ein.

Er mußte der Örtlichkeit genau kundig sein: denn nicht eben leicht

war durch Weißdorn- und Hartriegelgesträuch der schmale Streif des

Weges zu verfolgen. Freilich warf der Mond, bereits über den Höhenzug

emporgestiegen, von Osten her sein phantastisches Licht auf die Abhänge

gen Westen, auf die Heerstraße und den silbern glitzernden, ruhig

ziehenden Fluß.

Allein der Wind trieb unablässig ziehend Gewölk über die noch nicht

gefüllte Scheibe, so daß das wechselvolle Licht, geraume Zeit völlig

versagend, dann wieder plötzlich auf kurze Weile grell und blendend

vorbrechend aus den schwarzgrauen Wolkenflügen, vielfach mehr störte

als förderte. Alsbald sah sich der Reiter, wie der Pfad steiler

anstieg, genötigt, abzuspringen und das Roß am Zügel langsam bergan zu

führen: trotzdem stolperte es zuweilen über die Knorrwurzeln, welche,

wie dunkle Schlangen, quer über den Waldweg liefen. »Gemach, Falk!

hübsch bedächtig,« mahnte er das erschrockene Tier. »Sieh, bei Tage

trägst du mich! bei Nacht, im Dunkel, wie billig, führ ich dich! Treue

um Treue. Erschrick nicht! Das war nur ein Glühwurm! Aber freilich, es

hauset mancherlei im nächtlichen Tanne, was mit eisigem Grausen auch

an die Brust des Weidmanns rühren mag. Schon mancher zog zu Walde zur

Nacht -- kam nicht mit heilen Sinnen wieder daraus hervor. -- Ruhig,

Brauner! Das war eine fauchende Eule -- und was da rot leuchtet an

dem alten Baumstumpf, das ist Morschholz. Vorwärts und scheue nicht!

Wir sind nicht auf schlimmem Gang!« Nach einer scharfen Rechtsbiegung

des Pfades ward oben auf der Höhe in einiger Entfernung ein schwach

glimmendes Licht sichtbar. Dahin zog nun der Weg. --

Da schlug der Vorderhuf des Pferdes, das sonst ganz geräuschlos auf das

Waldgras trat, an einen Stein: weit klirrte der helle Ton durch die

schweigende Nacht: gleich erscholl lautes, wütendes Hundegebell von der

Höhe her und in mächtigen Sätzen rannte ein gewaltiges Tier zornmütig

auf die Ruhestörer herab: kaum war es abzuwehren durch den umgewendeten

Speerschaft, welchen der einsame Wanderer ihm entgegenstreckte.

»Giero! Treuer Herdenwart! kennst du mich nicht mehr?« rief er dabei

beschwichtend. Da stutzte die grimme Rüde, schnob und schnupperte gegen

den Wind und hüpfte gleich danach friedlich und freundlich an Mann und

Pferd hinauf. »Schon gut, du wachbarer Freund! Besser zu viel Vorsicht

als zu wenig. Nun komm hinauf zu deinem Herrn.« Bald standen nun, von

dem freudig bellenden und meldenden Hunde geführt, Reiter und Roß auf

der Höhe, wo in einer runden, wie es schien, schon lang bestehenden

Waldlichtung an dem Fuß einer uralten gewaltigen Esche ein schwaches

Reisigfeuer mehr Qualm als Licht verbreitete.

Neben der Glut lehnte an dem Stamme, hoch aufgerichtet, ein hagerer

Mann in einem Mantel aus Wolfsfellen, eine ungeheuere Schürstange, wie

sie die Köhler führen, in der Faust; er hatte nach oben geschaut, in

den gerade wieder hervorgleitenden Mond; schweigend, nur mit leichtem

Nicken des grauen Hauptes, begrüßte er den Ankömmling, der sein Pferd

seitab, geschützt vor dem Zug des Rauchqualms im Südwestwind, an eine

junge Buche band.

»Nun Rado, kam ich noch zu rechter Zeit?« -- Hastig entflog die Frage.

»Du weißt: gleich durft' ich dir nicht folgen: es war noch zu hell; und

der Bischof, der mit seiner Streifschar zurückkam, noch ganz nah. Ich

fürchte, er erkannte mich, wie damals in Eurem Hof. Gar manchen Ritt im

Zickzack macht' ich noch, meine Spur zu verbergen, falls er mir einen

seiner Reiter nachgesandt hätte. Und doch -- streng schärftest du's

ein -- mußt' ich die Stunde einhalten.«

Der Alte, den Schürbaum weglehnend, nickte.

»Nur zu ziemender Zeit,

An bestimmter Stätte,

Geschieht mit Gedeihen

Weihevoll Werk!

So der Spruch der Ahnen. Wir haben noch Zeit. Seht Ihr, Junker

Hellmuth, dort rechts vom milden Herrn Mond das kleine Sternchen?

›Hollespang‹ heißt er: und ist unserer lieben weißen Frau Holle

Busenspange. Er darf nur mehr drei Handbreiten von dem Mondrand

abstehen. So müssen wir noch warten. Und fragt jetzt, was Ihr noch zu

fragen habt: denn

wann das Werk begonnen,

darf es nicht wirren

Wort und Widerwort.«

Weltuntergang: Geschichtliche Erzählung aus dem Jahre 1000 nach Christus · 第 42 / 70 题