I.

Es war ein strahlend schöner sonniger Sonntag im Brachmond, ein paar

Stunden nach Mittag: da wogte auf den weitgestreckten Gemeindewiesen

vor der Vorstadt »auf dem Sande« eine festlich-fröhliche Menge.

Denn der Verband der Bogenschützen feierte die Wiederkehr des Tages,

an dem vor fünfzig Jahren König Otto der Große ihnen durch einen

Gnadenbrief die Rechte einer Genossenschaft und allerlei Freiheiten

und Befugnisse verliehen, auch die königliche Kammer angewiesen hatte,

alle fünf Jahre drei große Stückfässer Wein der Schützenschaft zu

verabreichen, wenn sie an diesem Tag ein Bogenschießen halten wolle;

sie hatte es immer gewollt!

Auch heute drängte sich da draußen vor dem Südthor so ziemlich alles,

was die Beine rühren und die enge, heiße Stadt verlassen konnte: denn

zur Lustbarkeit ließen sie sich schon damals recht leicht bewegen, die

guten Burgensen der fröhlichen Stadt am Main.

Männer und Weiber, diese gar oft ganz kleine Kinder auf den Armen oder

auch auf dem Rücken in einem Huckekorb oder einer »Butte« festgebunden

tragend, Laien und Priester und Mönche, bischöfliche Dienstmannen,

Pfahlbürger und zumal auch viele Bauern und Winzer aus den

benachbarten Dörfern und Höfen wallten und wogten hier durcheinander;

es fiel auf, daß die Reisigen des Grafen fehlten: aber die wenigen,

welche ihm nicht über die Alpen gefolgt waren, durften die Burgwacht

nicht verlassen.

Gerade an der Stelle, wo sich heute die Straßen nach Randersacker

und nach Heidingsfeld gabeln und wo auch dermalen -- gegenüber dem

Ehehaltenhause -- ein Wirtshaus steht, hatte ein Wirt für das allzeit

durstige Völklein -- denn die drei Fässer reichten bei weitem nicht!

-- zu dem Festtage eine sehr bescheidene Schenke aufgezimmert: über

ein paar tannenen Tischen und Bänken spannte sich, von belaubten

Birkenstämmlein getragen, aus Segeltuch ein lustiges Gezelt: grüne

Gewinde von Schilf und Zweigen waren darüber hingezogen: oberhalb

des Eingangspförtleins schwankte ein Kranz von Rebenblättern: roter

Teufelsabbiß, weißer Ehrenpreis, zierlicher Frauenschuh waren

hineingeflochten.

Hastig lief der Wirt, der sonst gar behäbige Bezzo, mit den Zinnkrügen

und Holzbechern voll billigen weißen Weines zwischen den Bänken

auf und ab, sein rosig Töchterlein zu gleichem Eifer mit manchem

Scheltwort treibend. »Röschen! daß dich der Donner verschlag! Was

steckst du wieder solang bei dem Schlingel von einem Waffenschmied?

Und der würdige Kapellan von Sankt Burchhard und sogar der Nachbar

Spedilo, der brave und gerechte Büttnermeister, müssen schier vor Durst

verschmachten! Der Bettelbub, der Scheibennarr zahlt dir doch nie ein

Handgeld über die Schuldigkeit hinaus.«

Verschämt wischte sich die Kleine das Mündchen: »Ei, ich bin mit

dem Mundgeld zufrieden!« und eilig sprang sie nun zu der Bank, wo

mehrere Geistliche und ältere angesehene Bürger der Stadt um einen

weißgescheuerten Ahorntisch versammelt saßen, dabei der dicke Büttner,

der sich vergeblich bemühte, der Flinken den Arm um die schlanken

Hüften zu legen; der junge Waffenschmied aber rief, sich das braune

Bärtchen streichend: »Ei, Vater Bezzo, +Ihr+ müßtet von Rechts

wegen dem Gast noch Mundgeld obendrein zahlen, der Euern sauern

Rostputzerwein hinunterwürgt.«

»Gelbschnabel, unverschämter! Für dich wird wohl eigens Herr Supfo

den Edeltrank vom Stein- oder vom Harfenhang schenken? Wann zahlst du

deinen letzten, vorletzten und drittvorletzten Trunk?« -- »Auf der

Hochzeit mit Röschen, Vater Bezzo!« -- »Der Teufel ist dein Vater.« --

»Nein, der wird ja mein Schwiegervater!« -- »Ich werd' euch,« grollte

von dem geistlichen Tische her der Baß des Kapellans, »wer nennt da so

keck den üblen Höllenwirt? Dann kommt er gar rasch herbei.« »Fürcht'

ihn nit!« lachte der Waffenschmied, »ich schieß' ihn zusammen auf

fünfhundert Schritt wie einen alten Auerhahn. Mein früherer Herr,

Junker Hellmuth, hat's gesagt: zwei Burschen wie er und ich reiten

allen Teufeln entgegen. Da kommt der Ritter! Er soll euch zeigen, daß

er noch viel besser schießt als ich.«

Damit sprang der hübsche Bursche auf und eilte einem ansehnlichen Zug

entgegen, der eben von der Stadt her auf die Festwiese gelangte. Es war

der Bischof selbst, begleitet von vielen seiner Geistlichen, von seinen

Junkern und den Edelfräulein. Während Herr Heinrich von den Ältesten

der Schützengilde ehrerbietig empfangen und mit seinem geistlichen

Gefolg in eine vorbehaltene festlich geschmückte Laube geleitet ward,

mischten sich seine weltlichen Begleiter unter die Menge.

»Ich hörte schon unterwegs,« begann Hellmuth, »von Gästen, die von

der Wiese bereits nach Hause trachten, wer heute -- wieder einmal!

-- den besten Schuß gethan.« -- »Ja, bis jetzt -- weil +Ihr+ nicht

mit geschossen. Kommt, Herr! Bogen und Pfeile liegen bereit. Dort:

den Rebhügel aufwärts, vor der Weinbergmauer des Geigilo steht die

Scheibe. Nun reißt die Augen auf, ihr Stümper: jetzt sollt ihr sehen,

was treffen heißt.« »Ich schieße nicht mehr -- im Spiele, Gericho;«

düsteren Blickes schritt er weiter. »Wie schade! -- Bei dem letzten

Wettschießen, mein Röslein« (denn sie war schon wieder an seiner

Seite! --) »zu Werthheim traf ich das Rote so genau in der Mitte, daß

ein besserer Schuß nicht möglich schien. Aber was that er? Was that

mein Herr? Er traf doch noch viel, viel besser. Denn er schoß meinen

Pfeil mitten entzwei. -- Wo lebt -- alles in allem -- ein junger Held

seinesgleichen?«

Diese Worte schlugen an Edels Ohr wie sie, vom Gedräng aufgehalten,

mit Minnegard einen Augenblick verweilen mußte: sie schlug die Augen

auf, glühendes Rot schoß aus dem stolzen, verhaltenen Herzen in die

bleichen Wangen bis unter die lieblich krausen Haare über der Stirn;

ganz verstohlen, von keinem gesehen, flog von der Seite ein leuchtender

Blick stolzer Freude über die edle Gestalt des Jünglings hin. Aber

auch die folgenden Worte Gerichos, obwohl er sie seinem Liebchen leise

zuflüsterte, vernahm ihr feines Ohr.

»Der Unselige! Ganz verwandelt ist er. Er lacht nicht mehr. Sogar Roß

und Speer, und all' seine Waffenfreude sind ihm verleidet. Er muß

verzaubert sein von irgend einem Neider, der ihm den vielen Ruhm nicht

gegönnt hat. Wüßt' ich den Zauberer, ich riß ihm das Herz aus dem

Leibe.«

»Vielleicht ist's eine Zauberin, die ihn verwunschen,« meinte Rosbertha

mit leisem Grauen. »Es giebt solche. Er ist gar schön. Vielleicht

that's Eifersucht -- verschmähte Liebe.« -- »Oder auch: er grämt sich

um ein Weib.« Hastig schritt Edel fürbaß, Minnegard an der Hand mit

sich ziehend.

»Nun, Nachbar Bezzo,« rief der dicke Büttner dem Wirte zu, »wann

endlich schließen wir ab? Ich bin jeden Tag bereit, den Muntschatz zu

zahlen -- soviel Ihr fordern mögt. Ich kann's! Ich hab's liegen. Ich

bin ein Mann, der Frau und Kind ernähren kann.« »Könnt Ihr sie auch

beschützen?« fragte Gericho, blitzenden Auges hinzutretend. »Schämt

Ihr Euch nicht, alter Kahlkopf? Rösleins Großvater könntet Ihr sein!«

»Immer noch jung genug,« erwiderte der Dicke, »dich, Nestling, zu

züchtigen«: und er holte mit der Rechten, zornig aufstehend, zum

Schlage aus. »Ihr? mich?« lachte der. »Versucht's! Für Euch brauch' ich

nur die Linke. Da! Seht! Meine Rechte leg' ich auf den Rücken -- so! --

und rühre sie nicht, bis Ihr am Boden liegt. Kommt an!«

»Nachbar,« meinte Bezzo, »das könntet Ihr wagen, mein ich. Gebt dem

Keckling eine Lehre.« Sichtlich nicht gerade gern befolgte Spedilo

seines Freundes Mahnung, hob die beiden Fäuste und schritt drohend

gegen den Burschen heran.

Der unterlief ihn, schlang den linken Arm um seinen Leib und, ohne

den rechten Arm vom Rücken zu lösen, lupfte er den schweren Gegner

ein wenig in die Höhe, drehte ihn um und warf ihn bäuchlings in das

weiche Gras der Wiese. Lautes Gelächter, tosender Beifall erscholl von

allen Seiten und Gericho hob nun die Rechte, dem schwerfällig sich

Aufrichtenden einen herzhaften Schlag auf die untersten Grenzgebiete

seines Rückens zu versetzen.

Aber mitten im Ausholen hielt er ein: er lauschte, vorgebeugt,

flußaufwärts und rief: »Halt! Haltet an! Still ein wenig! Was ist

das?« Und er ließ den erhobenen Arm sinken. -- »Jawohl! Stille!« --

»Horcht! Gebt Ruh.« -- »Was für ein Gedröhn!« -- »Dort von Mittag her

-- auf der großen Straße!« -- »Sind's Feinde?« -- »Die Hunnen kommen

wieder!« rief entsetzt ein altes Weiblein. »Nein! Es sind Drommeten!«

-- »Nein! Posaunen!« -- »Aber nicht das deutsche Heerhorn!« -- »Und

Grabgesänge tönen drein!« -- »Wie schauerlich!« -- »Immer näher

kommt's.« -- »Schon sieht man die Staubwolken!« -- »Viele, viele

Reiter!« -- »Und Wagen.« -- »Da! Da sind die ersten Reiter schon!« --

»Was bringen sie? Was hat das zu bedeuten?«

Und die mehr als zweitausend Menschen auf der Wiese gerieten in wirre

Bewegung: Alles drängte den die breite Heerstraße heranziehenden

Ankömmlingen entgegen.

Weltuntergang: Geschichtliche Erzählung aus dem Jahre 1000 nach Christus · 第 33 / 70 题