Angesehene Leute fanden in jenen Zeiten auf ihren Reisen fast immer
Unterkunft bei Gastfreunden; auf dem flachen Land in Burgen der Ritter
oder in Höfen der bäuerlichen Landsassen, in Klöstern oder in den
-- freilich noch seltenen -- Städten in den Häusern der Burgensen.
Die schmutzigen Herbergen in den Dörfern und Städten aufzusuchen und
darin zu nächtigen, vermied man gern: es ging gar unsauber, wüst und
lärmend darin her. Häßlich und unbehaglich sah es denn auch aus in
einem solchen Leuthaus des Nordgaues südlich der Eger nahe der Mark
der böhmischen Berunzanen. In der großen Schenkstube lag auf den
löcherigen Dielen schmutzig Schilf; und nicht nur von ehrlichem Ruße
waren die Wände aus ungehobeltem Kiefernholz so dunkelfarbig geworden;
ein paar rote Flecken in dem Schmutz des Bodens verrieten verdächtige
Ähnlichkeit mit der Farbe des Blutes.
Um den viereckigen Schenktisch -- dessen Platte ein mittendurch
zersprungener Schieferstein bildete, sie ruhte auf vier geschrägten
Balken -- saßen auf niedrigen Schemeln, rohen Eichstrünken, zwei Männer
in eifrigem, oft im Flüsterton geführtem Gespräch. Die lange nicht
mehr gesäuberte, hohe, schmale enghalsige Zinnkanne und zwei Becher
aus leichtem Tannenholz enthielten ein gelblich braunes, säuerlich
riechendes Getränk; nur einer der Gäste sprach ihm zu: der andere --
in geistlicher Tracht -- schob mit widerwilliger Handbewegung seinen
Becher so weit von sich hinweg, daß der Geruch des Nasses ihm nicht
mehr in die Nase steigen möchte. »Ihr trinket gar nix, Archidiakon?«
fragte der eifrige Zecher in einem Deutsch, dem slavische Zischlaute
einen seltsamen Anklang liehen. »Verbietet's ein Gelübde? Oder eures
Magens Eigenart?« »Mein Gaumen gebietet mir und meines Wesens Eigenart,
nur Wein, -- guten Wein -- zu trinken, nicht dies Gärgebräu, das zu
einer gewissen Ähnlichkeit mit kahnigem Traubensaft verdorben ist und
das diese deutschen Barbaren Bier nennen.« »O, ist nix schlecht,«
meinte der andere und füllte sich den Becher aufs neue. Obwohl es
ein warmer Sommerabend war, bestand seine Tracht aus Pelz: sein
enganliegendes, bis an die nackten Kniee reichendes Wams war aus
vielen hunderten von schwarzen Maulwurfsfellen zusammengenäht; um
die Hüften hielt es ihm ein breiter Dolchgurt aus mattem schwarzem
Leder zusammen: die Waden steckten in Strümpfen aus dem gleichen
schwarzen Rauhwerk: die Schuhe wurden ersetzt durch strohgeflochtene
Sohlen und ein Kreuzgeschnür von dunkeln Riemen. Die sammetschwarzen
und sammetweichen, jeder Biegung der geschmeidigen Glieder sich eng
anschmiegenden Fellchen sahen aus wie die angewachsene Haut selbst des
Wenden und gaben ihm bei seinen weichen, katzengleichen Bewegungen
Ähnlichkeit mit einem schwarzen Panther.
Aus dem dunkelbraunen Gesicht über den häßlich vorstehenden breiten
Backenknochen zu beiden Seiten der aufgestülpten Nase funkelten ein
paar tiefschwarze, aber feurige Augen; der Bart war glatt abgeschoren,
ausgenommen zwei sehr lange schmale Stränge des Schnurrbarts, welche
ihm rechts und links vom Munde hingen: er strich und drehte daran
unablässig mit der Linken. Auf dem schwarzen, kleingekrausten Haar saß
ihm schief, aber kecklich, eine hohe viereckige Mütze aus dem gleichen
schwarzen Fell, von dem ein paar schwarz-weiße Elsterfedern grell
abstachen; die rechte Hand fuhr ihm öfter an den Horngriff des langen
krummen Säbels als für die Gemütlichkeit der Unterhaltung ersprießlich
war: gereinigt war alles, was er am Leibe trug, niemals worden und der
Leib selbst recht selten. »Ist ganz gut hinunterschütten,« wiederholte
er, den Becher niedersetzend und sich den triefenden Schnauzbart mit
der Rückseite der Hand wischend. -- »Ja, Ihr seid nicht verwöhnt,
Herr Berunzane. Weder in Trank noch in Speise. Wahrscheinlich habt
Ihr all die armen Schermäuslein auch verspeist, denen ihr die weichen
Wämmslein abgestreift.« -- »Aber gewiß! Leckerer Braten! Besser sogar
noch als Engerlinge! Sind wir nix so reich, wir armen Brüderlein, wie
diese Deutschen.« -- »Wißt Ihr auch warum, mein Fürst?« -- »Oh ja. Weil
nix arbeiten, wie die Bauerntölpel. Deutschen ist Hand gewachsen zum
Pflugziehen, uns, zu nehmen, was Deutscher erarbeitet hat.« -- »Ja,
ja, Eure Leute treiben's arg mit Stehlen im Nordgau. Deshalb will ja
Euch und Eure Haufen weder Ritter noch Freibauer noch Abt aufnehmen in
Burg, Hof oder Kloster. Deshalb muß ich heute in diesem übelstinkenden
Bretterverschlag mit Euch sitzen, Fürst Zwentibold, Spithinieffs edler
Sproß!« -- Der Fürst der Maulwürfe zuckte die Achseln: »Ich hab' Euch
nix gesucht, Ihr mich. Und was wir zu verhandeln hatten, brauchte weder
Laie noch Pfaff zu hören.« -- »Wir sind nun doch einig -- in allen
Stücken?« -- »Ganz einig. Der Handel gilt: ›Blut gegen Gold‹. -- Nur
eines wurmt mich noch.« -- »Und das wäre, wackrer Held?« -- »Daß Ihr
mir nur die Hälfte des Geldes ausgezahlt habt.« -- »Die andere nach
dem Sieg.« -- »Das will sagen: Ihr traut mir nix. Aber +ich+ soll
+Euch+ trauen. Und seht, Herr Archipfaff, das ist zu viel verlangt.«
-- »Herr Wende!« -- »Nun ja! Schaut, ich und meine lieben Wölflein,
-- wir sind hier fremd im Land. Daß wir -- gegen gutes Gold! -- gern
gegen die verhaßten Deutschen losschlagen, daß wir gerne dazu helfen,
wenn deutscher Bischof gegen deutschen König kämpft und Königsgraf, --
das! -- beim großen Zrnbog! -- das mag man füglich von uns glauben.
Wer aber bürgt uns, daß +Ihr+ Euch nicht wieder vertragt mit den
anderen Deutschen? Wer bürgt für die Zähe +Eures+ Hasses? Ihr seid
...« -- »Kein Deutscher!« -- »Wohl, wohl. Weiß! Seid Lombarde! Aber
Kaiser Otto ist auch +Euer+ Landesherr. Wie Deutschland gehöret ihm
Lamparten!« Da erschrak der Wende: denn der sonst so kühle Priester
schlug plötzlich mit der Faust auf die Schieferplatte, daß die Becher
aufhüpften: und tödlicher Haß sprühte aus den dunkeln Augen unter
den starken Brauen, als er mit einer vom Zorn halb erstickten Stimme
hervorstieß: »Ja, leider! Fluch ihm dafür! Fluch und Verderben allen
Deutschen.« »Beim schwarzen Zrnbog!« rief der Slave, zurückprallend
auf seinen Schemel. »Welche Wuth! Woher?« »Woher? Warum? Weil ...!
Wohlan: Ihr sollt' es wissen! Ihr +müßt+ sogar darum wissen, sollt
Ihr das eine -- das letzte -- verstehen, was wir noch +nicht+ beredet
haben und was mir doch das Wichtigste von allem.« Mißtrauisch fuhr der
Häuptling an den Schwertgriff und warf die dicken wulstigen Lippen auf:
»Nix einen Finger rühr' ich über das Versprochene hinaus für das wenige
Geld, den Bettelsold. Ein Knicker ist er, euer Bischof von Würzburg.«
»Es ist nicht viel,« gab der Priester zu: »Nicht meine Schuld! Der
Weichmütige wollte nicht einmal diesen Betrag -- ›einstweilen nur!‹
-- seinen frommen Bauten entziehen. Säße ich auf dem reichen Stuhl
des reichen Würzburg, -- Euer Lohn sollte ...! Aber Ihr fragt, woher
mein Haß gegen diesen Kaiser-Knaben, gegen alles, was Deutsch? O der
Haß ist trefflich begründet. Ihr wißt nicht, wen Ihr vor Euch habt,
tapferer Häuptling.« -- »Den Archidiakon von Würzburg,« sagte dieser,
offenbar ohne sehr hohe Meinung von einem solchen Wesen. -- »Gott
sei's geklagt! Aber in des Priesters Adern fließt königliches Blut.«
-- »Das wäre!« staunte der Wende und riß die Augen auf. »Und ging' es
nach Recht und Gerechtigkeit, so säße ich in diesem Augenblick statt
in dieser schmutzigen deutschen Herberge auf dem goldenen Throne zu
Pavia und dies Haupt trüge, statt der Tonsur, die Königskrone des
Lombardenreichs.« -- »Ihr seid ...?« -- »Ich bin der Sohn Berengars,
des letzten rechtmäßigen Königs von Italia, und der einzige Erbe seines
Rechts und seiner Krone. Mein armer Vater! Überwunden und gefangen
von jenem schrecklichen eisernen Otto, verbannt für immer aus unserer
schönen Heimat starb er -- hier in der Nähe -- zu Bamberg. Anmaßer,
Gewaltherren, Thronräuber, Tyrannen sind alle Ottonen wie jener erste,
der meinem Vater das Scepter aus der Hand riß.« -- »Aber,« wandte der
Slave ein, »in Welschland sagte man mir, die Welschen selbst haben
jenen ersten Otto ins Land gerufen, damit er endlich Ordnung und Ruhe
...« »Tyrannen sind sie!« schrie der Lombarde, ohne auf die Worte zu
achten. »Auch mich, ein Knäblein damals, hat der fremde Zwingherr mit
meinen Eltern über die Alpen geschickt in dies Land voll Eis und Nebel
und nach des Vaters Tod zu Würzburg erziehen lassen.« -- »Das war
unvorsichtig, sehr! Bei uns zu Land erdrosselt man die Knaben besiegter
Fürsten.« -- »Teuflisch grausam war es! Denn in einem Kloster -- zum
Priester! -- ward ich erzogen. Der Welt, den Waffen sollte ich für
immer entrückt, unschädlich sollte ich gemacht werden. Ein Pfaffe kann
Italien nicht befreien vom Joche der Barbaren! Und doch ist die Lust an
weltlicher Macht, die Gier, zu herrschen, ja -- und ich fühl's! -- auch
die +Gabe+, zu herrschen, Land und Leute zu regieren, staatsmännische
Pläne zu schmieden mit des Vaters Herrscherblut auf mich vererbt.
Statt dessen -- was bin ich?« -- »Nun, wie sich soeben zeigt, auch in
weltlichen Dingen nix ohne Gewalt: -- die rechte Hand eines deutschen
Kirchenfürsten ...« -- »Verschling' ihn der Abgrund der Hölle!« schrie
der Lombarde. -- »Hui, welch heißer Haß! Und dennoch dient Ihr ihm so
eifrig? -- Wie soll ich das verstehen?« -- »Ihr +müßt's+ verstehen
lernen! Hört weiter! Als ich zum Jüngling, zum Manne herangewachsen
war und den Frevel begriff, den diese Deutschen an meinem Vaterland,
an meinem Vater, an mir begangen, da knirschte ich in das Gebiß, mit
dem sie mich wehrlos gemacht hatten. Tag und Nacht sann ich darauf,
es abzustreifen. Aber tief verbarg ich Haß und Groll und Hoffnungen!
So gut gelang mir die Verstellung, daß ich das vollste Vertrauen
der häufig wechselnden Bischöfe in der Mainstadt gewann. Bald ward
ich ihr Apokrisiar, Vorstand ihres gesamten Urkundenwesens: diesseit
der Alpen lebt kein zweiter, der dies Schrifttum so fein versteht.
So konnte es geschehen -- daß ... O ich hatte jahrelang nur gehofft,
als Flüchtling über die Alpen zu entkommen, um dort ganz Italia zur
Freiheit aufzurufen, mein Königsrecht mit dem Schwerte zu verfechten.
Und nun geschah das Wunderbare, daß mich Bischof Poppo -- der zweite
dieses Namens -- selbst mit sich nahm auf einer Romfahrt. Wie erglühte
mein Blut! Wie pochte mein Herz, als ich jenseit der Berge zuerst
lombardischen Boden betrat, mein Erbgut! Wir weilten viele Monate
in Pavia, in Mailand: Zeit übergenug für einen Kopf wie ich, einen
Aufstand vorzubereiten. Und, -- bei meines Vaters Grab! -- ich war
nicht müßig. Aber Schmach und Verderben! Was mußte ich erleben?« --
Und er verstummte vor Ingrimm, warf beide Arme aus den Tisch und legte
das Gesicht darauf. -- »Nun? Was ist? Nix traurig werden!« -- »Was
antworteten sie mir? Sie, meine Landsleute, meine Stammesgenossen,
ging's nach dem Rechte -- meine Unterthanen! ›Nie -- solange wir
zurückdenken mögen und unsere Jahrbücher berichten -- nie seit den
Tagen des großen Carolus, hat solch weise, friedliche, und doch starke,
Recht schirmende Herrschaft gewaltet in unserm Heimatland von Verona
bis Benevent und Napoli, wie unter diesen rotbärtigen Ottonen. Das
Land ist glücklich und zufrieden -- laß es so!‹ -- Und da ich nicht
abstand, zu schüren, zur Freiheit aufzumahmen, da drohten sie, -- meine
eignen Vettern in Pavia! -- mich dem deutschen Zwingherrn anzuzeigen!
Ah Schmach und Weh! Vernichtet war da, zertreten für immerdar all' mein
Hoffen, des Vaters Krone mir wieder zu erkämpfen, diese knechtischen
Seelen zu entflammen. Ich eilte nun nach Deutschland, nach Würzburg
zurück. In der entarteten Heimat Macht und Herrschaft zu gewinnen,
-- ich hatte es erfahren! -- war unmöglich. Allein ich wußte längst,
ich sah es täglich vor Augen an Köln, und Mainz, ja auch an Würzburg,
wie im deutschen Reiche Männer von Geistesschärfe und Willenskraft --
lange nicht soviel davon eignete ihnen wie dem Königssohne von Italien!
-- von ihren Bischofssitzen aus den Staat leiteten -- den deutschen
und den italischen dazu. König von Italien konnte ich nicht werden,
aber Kanzler des deutschen Reichs wie der Kölner, -- wie schon so
mancher Bischof das ward. Und einstweilen war es auch nicht übel, als
Bischof von Würzburg zu walten! Unablässig war ich daher bemüht, die
Gerechtsame dieses Bischofs zu erweitern, durch erbetene Verleihungen
des Königs, durch Geltendmachung alter, vergessener Ansprüche, die oft
nur durch meine Gelehrsamkeit -- oder ›Findigkeit!‹ -- aus Urkunden,
die ich erst wieder entdeckte, zu erweisen waren. Sie staunten über
mich, die blöden Thoren, Bischof und Domherren! Sie lobten, sie
lohnten meinen unermüdbaren Eifer für Sankt Burchhards Recht, wie sie
es nannten. Diese deutschen Tölpel! Als ob ich mich für den ersten
lange toten oder auch für den jetzigen lebendigen Bischof zu Würzburg
also mühte! Nein: für den +nächsten+ Bischof: und der sollte heißen:
Berengar!«
»Ah, verstehe jetzt. Versteh! Nix dumm!« nickte der Fürst, kratzte sich
eindringlich, -- aber vergeblich am Kopf und trank.
»Drei Bischöfe -- Poppo, Hugo und Bernward -- hatte ich, höher und
höher steigend in geistlichen Würden, erlebt. Nun hatte ich allen
Grund, anzunehmen, -- mein Amt als Archidiakon, als Apokrisiar, meine
von allen laut anerkannten Verdienste um das Bistum gaben mir ein
Recht dazu -- bei der nächsten Erledigung des Stuhls könne keinen
andern die Wahl treffen als mich. Ich zählte schon so fest darauf, daß
ich -- vielleicht unvorsichtig! aber wie hatte ich mich jahrzehntelang
zusammengehalten! -- den Stolz, das Gefühl des geborenen Herrschers,
der Überlegenheit fühlen oder doch erraten, ahnen ließ -- kurz, Bischof
Bernward verfiel in seinen letzten Zeiten in Mißtrauen, wirkte bei
dem Kaiser, bei den Domherren gegen mich und als er starb, der alte
Rothenburger, da folgte ihm nicht ich, sondern sein Neffe Heinrich!«
-- »Ja, der Rothenburger,« knirschte Zwentibold und griff ans Schwert.
»Der arge Wolf des Waldes fresse seine Seele! Was hat er uns früher
viele Brüderlein erschlagen.« -- »Dieser höchst ungeistliche Graf, der
erst vor ein paar Jahren -- plötzlich -- der Welt entsagt hatte! Dieser
Weltling schnappte mir mein schwer verdientes Bistum weg! Bei meines
Vaters Grab! Er soll's nicht lang mehr tragen.«
Zwentibold lehnte sich zurück, blinzelte dem Priester zu und wölbte
die dicken Lippen zu einem gelinden, aber ausdrucksvollen Pfeifen:
»Ahi! Aho! Fange an zu begreifen!« -- »Das geht -- scheint's --
langsam, Fürst, bei Berunzanen wie bei Deutschen. Meintet Ihr wirklich
bisher, für eines andern Macht müht sich der Königssohn Italiens so
emsig ab, feilscht um die Hilfe Eurer wilden Horde, begiebt sich in
hohe Fährlichkeit? Denn Reichsverrat ist was wir treiben: -- ich, mit
Wollust, in klarem Bewußtsein: -- der ehrenfeste Bischof unbewußt, aber
doch mit mahnendem Gewissen. Das Leben kann mir's kosten: -- im Gefecht
oder -- nach der Niederlage: -- am Galgen. Denn Graf Gerwalt versteht
keinen Scherz.« »Mich wundert doch,« sprach der Wende, kopfschüttelnd,
»daß es der Rothenburger thut. Er focht so treu für dieses Reich.« --
»Gerade so treu ficht er jetzt für seines Bistums Recht. Aber Ihr
habt nicht Unrecht. Ich hätte ihn nicht soweit getrieben ohne einen
glücklichen Zufall. Der Graf, dem er den Gau zunächst abkämpfen muß,
dieser Graf Gerwalt, -- er haßt ihn tödlich.« -- »Warum?« -- »Weiß
nicht. Man flüstert in der Stadt, der Graf habe ihn ausgestochen in
der Gunst der schönen Kaiserwitwe. Ich entdeckte diesen Haß, als --
erst ganz vor kurzem -- Gerwalt, bisher Graf des Deutzgaues gegenüber
Köln, den Waldsassengau mit Würzburg erhielt. Der Rothenburger wurde
glutrot vor Zorn bei der Nachricht. Erst seit es gegen Gerwalt fechten
heißt, will er -- im Notfall -- fechten. Im Notfall! wie er meint: denn
erst will er den Spruch des Reichstags abwarten: -- nur falls dieser
sein sonnenklares Recht nicht anerkennt ...« »Kann nix solang warten,«
grollte der Slave. »Gewiß nicht! Deshalb hab' ich, statt Euch erst
Wartegeld zu zahlen, gleich fest mit Euch abgeschlossen. Wann brecht
Ihr auf?«
»Sobald mein frischer Zuzug eingetroffen aus Tethin: zweihundert
Lanzen!« -- »Gut! Seid Ihr einmal -- in seinem Namen -- eingebrochen
in den Gau, kann er nicht mehr zurück. Er darf nicht mehr Zeit haben,
zu bereuen. Deshalb wollen wir auch gleich wegziehen von hier und
unsere Spur verbergen, damit mich seine etwaigen Boten nicht finden und
abrufen können. Denn es gelang mir doch nur dadurch ihn fortzureißen,
daß ich dem verhaßten Grafen Droh- und Hohnworte in den Mund legte,
die dieser nie gesprochen! Ich erfand sie -- jenem Gerücht angepaßt!
Das half! Wie der Stier aufs rote Tuch stürmte der plumpe Deutsche
darauf hin los. Aber nun merkt auf. Jetzt kommt die Hauptsache. Der
Rothenburger --« er stand auf, trat vor die halb offene Thür in das
Freie und überzeugte sich, daß dort niemand das Ohr an die dünne
Bretterwand lehnte. Dann kam er zurück, warf einen Blick in die
anstoßende Küche, sah, daß diese völlig leer war, trat nun dicht an
seinen Verbündeten heran und flüsterte diesem in das Ohr: »der Bischof
darf seinen Sieg nicht überleben.« »Aha,« nickte der Slave. »Meint Ihr,
ich will noch jahrelang in seinem Dienst, als sein Knecht, zusehen, wie
er mit den von Kaiser Karl verliehenen Rechten den Gau beherrscht, den
er mir verdankt? O nein! Ohne Zweifel werde ich zu seinem Nachfolger
gewählt: -- er selbst hat im voraus, falls er stürbe, die Stimmen
des Kapitels für mich gewonnen: -- so möge denn sein eigener Wunsch
geschehen: -- aber bald.« -- »Jedoch wie soll ...?« -- »Merkt auf! Er
wird nicht fehlen in dem Gefecht! Er läßt sich's nicht nehmen, selbst
den Überfall der Burg -- denn die vor allem müssen wir nehmen! -- zu
leiten.« -- »Ich führe meine Wölflein selbst,« erwiderte der Häuptling
schroff. »Und nicht schlecht, glaubt mir. Hab' was gelernt im Dienst
der Byzantiner! Nix so tölpelig bloß dreinschlagen wie diese Deutschen!«
»Schon gut. Aber der Rothenburger kämpft jedenfalls mit. Nun wohl!
Nach dem Sieg -- den soll er uns noch erkämpfen helfen! -- fliegt
nicht ein Pfeil oft irr im Gefecht? Auf der Verfolgung der Fliehenden?
Kann ihn nicht ein Geschoß -- falsch gezielt -- von Euren eigenen
Leuten treffen?« Zwentibold sprang auf: »Oder ein geworfenes Messer!
Sind vergiftet. Ein Hautritz -- muß sterben. Fehle nie meinen Mann.
Es gilt! Aber dann ...« -- »Das Doppelte!« -- »Nix genug.« -- »Wie,
Unersättlicher? Ich bringe -- auch als Bischof -- nicht mehr auf.«
-- »Nix mehr an Geld. Erst das Doppelte. Dann -- andres. Ist wilder,
lustiger! Vorerst: meine Wölflein müßt Ihr auch in die Thore hinein
lassen.« -- »Er will's zwar nicht. Aber der Überfall der Burg --
der Kriegsmann in ihm wird's einsehen -- gelingt am sichersten so.
Ihr sollt hinein!« -- »Hui wohl! Dann -- liegt er erst tot -- nix
zahm die Hand hinhalten, wie Bettler um Geschenklein -- dann --« Die
Augen des Slaven funkelten, wie die des Raubtieres, das zum Sprunge
niederduckt. »Nun, was dann?« »Plündern!« stieß Zwentibold hervor mit
schnalzender Zunge. »Nur zwölf Stunden! Mit Brand und Blut und -- nix
zu vergessen! -- die Weiblein küssen, -- ohne kirchlichen Segen. Ihr
wißt, wir brauchen den nix,« höhnte er, »sind nix getauft!« -- »Das muß
ich doch ...« -- »Erst überlegen? Nix! Herr Bischof Berengar +muß+!«
Seine Faust fuhr an den Schwertgriff. »Oho! Es giebt der Söldner noch
mehr.« »Wohl«, lachte der Häuptling, daß seine weißen Zähne blitzten.
»Aber Zwentibold, Spithinieffs Sohn, kennt jetzt des Herrn Archidiakons
Geheimnisse.« »Was wollt Ihr damit sagen?« fragte der Lombarde,
scheinbar ruhig, aber er ward ganz bleich unter seiner gelben Haut.
»Ihr seid nix so dumm, das nicht zu erraten! Entweder Ihr thut nach
meinem Willen oder ich fange an, Geschichtlein zu erzählen. Dankbare
Hörer, gut zahlende, werd' ich finden: den Herrn Kaiser, den Grafen
Gerwalt und -- nicht zum mindesten -- den Bischof Heinrich.« Er sprang
auf. Berengar that desgleichen und reichte ihm die Hand. »Es sei! Ich
gönn' es diesen Deutschen!«
Drittes Buch.