XIV.

Angesehene Leute fanden in jenen Zeiten auf ihren Reisen fast immer

Unterkunft bei Gastfreunden; auf dem flachen Land in Burgen der Ritter

oder in Höfen der bäuerlichen Landsassen, in Klöstern oder in den

-- freilich noch seltenen -- Städten in den Häusern der Burgensen.

Die schmutzigen Herbergen in den Dörfern und Städten aufzusuchen und

darin zu nächtigen, vermied man gern: es ging gar unsauber, wüst und

lärmend darin her. Häßlich und unbehaglich sah es denn auch aus in

einem solchen Leuthaus des Nordgaues südlich der Eger nahe der Mark

der böhmischen Berunzanen. In der großen Schenkstube lag auf den

löcherigen Dielen schmutzig Schilf; und nicht nur von ehrlichem Ruße

waren die Wände aus ungehobeltem Kiefernholz so dunkelfarbig geworden;

ein paar rote Flecken in dem Schmutz des Bodens verrieten verdächtige

Ähnlichkeit mit der Farbe des Blutes.

Um den viereckigen Schenktisch -- dessen Platte ein mittendurch

zersprungener Schieferstein bildete, sie ruhte auf vier geschrägten

Balken -- saßen auf niedrigen Schemeln, rohen Eichstrünken, zwei Männer

in eifrigem, oft im Flüsterton geführtem Gespräch. Die lange nicht

mehr gesäuberte, hohe, schmale enghalsige Zinnkanne und zwei Becher

aus leichtem Tannenholz enthielten ein gelblich braunes, säuerlich

riechendes Getränk; nur einer der Gäste sprach ihm zu: der andere --

in geistlicher Tracht -- schob mit widerwilliger Handbewegung seinen

Becher so weit von sich hinweg, daß der Geruch des Nasses ihm nicht

mehr in die Nase steigen möchte. »Ihr trinket gar nix, Archidiakon?«

fragte der eifrige Zecher in einem Deutsch, dem slavische Zischlaute

einen seltsamen Anklang liehen. »Verbietet's ein Gelübde? Oder eures

Magens Eigenart?« »Mein Gaumen gebietet mir und meines Wesens Eigenart,

nur Wein, -- guten Wein -- zu trinken, nicht dies Gärgebräu, das zu

einer gewissen Ähnlichkeit mit kahnigem Traubensaft verdorben ist und

das diese deutschen Barbaren Bier nennen.« »O, ist nix schlecht,«

meinte der andere und füllte sich den Becher aufs neue. Obwohl es

ein warmer Sommerabend war, bestand seine Tracht aus Pelz: sein

enganliegendes, bis an die nackten Kniee reichendes Wams war aus

vielen hunderten von schwarzen Maulwurfsfellen zusammengenäht; um

die Hüften hielt es ihm ein breiter Dolchgurt aus mattem schwarzem

Leder zusammen: die Waden steckten in Strümpfen aus dem gleichen

schwarzen Rauhwerk: die Schuhe wurden ersetzt durch strohgeflochtene

Sohlen und ein Kreuzgeschnür von dunkeln Riemen. Die sammetschwarzen

und sammetweichen, jeder Biegung der geschmeidigen Glieder sich eng

anschmiegenden Fellchen sahen aus wie die angewachsene Haut selbst des

Wenden und gaben ihm bei seinen weichen, katzengleichen Bewegungen

Ähnlichkeit mit einem schwarzen Panther.

Aus dem dunkelbraunen Gesicht über den häßlich vorstehenden breiten

Backenknochen zu beiden Seiten der aufgestülpten Nase funkelten ein

paar tiefschwarze, aber feurige Augen; der Bart war glatt abgeschoren,

ausgenommen zwei sehr lange schmale Stränge des Schnurrbarts, welche

ihm rechts und links vom Munde hingen: er strich und drehte daran

unablässig mit der Linken. Auf dem schwarzen, kleingekrausten Haar saß

ihm schief, aber kecklich, eine hohe viereckige Mütze aus dem gleichen

schwarzen Fell, von dem ein paar schwarz-weiße Elsterfedern grell

abstachen; die rechte Hand fuhr ihm öfter an den Horngriff des langen

krummen Säbels als für die Gemütlichkeit der Unterhaltung ersprießlich

war: gereinigt war alles, was er am Leibe trug, niemals worden und der

Leib selbst recht selten. »Ist ganz gut hinunterschütten,« wiederholte

er, den Becher niedersetzend und sich den triefenden Schnauzbart mit

der Rückseite der Hand wischend. -- »Ja, Ihr seid nicht verwöhnt,

Herr Berunzane. Weder in Trank noch in Speise. Wahrscheinlich habt

Ihr all die armen Schermäuslein auch verspeist, denen ihr die weichen

Wämmslein abgestreift.« -- »Aber gewiß! Leckerer Braten! Besser sogar

noch als Engerlinge! Sind wir nix so reich, wir armen Brüderlein, wie

diese Deutschen.« -- »Wißt Ihr auch warum, mein Fürst?« -- »Oh ja. Weil

nix arbeiten, wie die Bauerntölpel. Deutschen ist Hand gewachsen zum

Pflugziehen, uns, zu nehmen, was Deutscher erarbeitet hat.« -- »Ja,

ja, Eure Leute treiben's arg mit Stehlen im Nordgau. Deshalb will ja

Euch und Eure Haufen weder Ritter noch Freibauer noch Abt aufnehmen in

Burg, Hof oder Kloster. Deshalb muß ich heute in diesem übelstinkenden

Bretterverschlag mit Euch sitzen, Fürst Zwentibold, Spithinieffs edler

Sproß!« -- Der Fürst der Maulwürfe zuckte die Achseln: »Ich hab' Euch

nix gesucht, Ihr mich. Und was wir zu verhandeln hatten, brauchte weder

Laie noch Pfaff zu hören.« -- »Wir sind nun doch einig -- in allen

Stücken?« -- »Ganz einig. Der Handel gilt: ›Blut gegen Gold‹. -- Nur

eines wurmt mich noch.« -- »Und das wäre, wackrer Held?« -- »Daß Ihr

mir nur die Hälfte des Geldes ausgezahlt habt.« -- »Die andere nach

dem Sieg.« -- »Das will sagen: Ihr traut mir nix. Aber +ich+ soll

+Euch+ trauen. Und seht, Herr Archipfaff, das ist zu viel verlangt.«

-- »Herr Wende!« -- »Nun ja! Schaut, ich und meine lieben Wölflein,

-- wir sind hier fremd im Land. Daß wir -- gegen gutes Gold! -- gern

gegen die verhaßten Deutschen losschlagen, daß wir gerne dazu helfen,

wenn deutscher Bischof gegen deutschen König kämpft und Königsgraf, --

das! -- beim großen Zrnbog! -- das mag man füglich von uns glauben.

Wer aber bürgt uns, daß +Ihr+ Euch nicht wieder vertragt mit den

anderen Deutschen? Wer bürgt für die Zähe +Eures+ Hasses? Ihr seid

...« -- »Kein Deutscher!« -- »Wohl, wohl. Weiß! Seid Lombarde! Aber

Kaiser Otto ist auch +Euer+ Landesherr. Wie Deutschland gehöret ihm

Lamparten!« Da erschrak der Wende: denn der sonst so kühle Priester

schlug plötzlich mit der Faust auf die Schieferplatte, daß die Becher

aufhüpften: und tödlicher Haß sprühte aus den dunkeln Augen unter

den starken Brauen, als er mit einer vom Zorn halb erstickten Stimme

hervorstieß: »Ja, leider! Fluch ihm dafür! Fluch und Verderben allen

Deutschen.« »Beim schwarzen Zrnbog!« rief der Slave, zurückprallend

auf seinen Schemel. »Welche Wuth! Woher?« »Woher? Warum? Weil ...!

Wohlan: Ihr sollt' es wissen! Ihr +müßt+ sogar darum wissen, sollt

Ihr das eine -- das letzte -- verstehen, was wir noch +nicht+ beredet

haben und was mir doch das Wichtigste von allem.« Mißtrauisch fuhr der

Häuptling an den Schwertgriff und warf die dicken wulstigen Lippen auf:

»Nix einen Finger rühr' ich über das Versprochene hinaus für das wenige

Geld, den Bettelsold. Ein Knicker ist er, euer Bischof von Würzburg.«

»Es ist nicht viel,« gab der Priester zu: »Nicht meine Schuld! Der

Weichmütige wollte nicht einmal diesen Betrag -- ›einstweilen nur!‹

-- seinen frommen Bauten entziehen. Säße ich auf dem reichen Stuhl

des reichen Würzburg, -- Euer Lohn sollte ...! Aber Ihr fragt, woher

mein Haß gegen diesen Kaiser-Knaben, gegen alles, was Deutsch? O der

Haß ist trefflich begründet. Ihr wißt nicht, wen Ihr vor Euch habt,

tapferer Häuptling.« -- »Den Archidiakon von Würzburg,« sagte dieser,

offenbar ohne sehr hohe Meinung von einem solchen Wesen. -- »Gott

sei's geklagt! Aber in des Priesters Adern fließt königliches Blut.«

-- »Das wäre!« staunte der Wende und riß die Augen auf. »Und ging' es

nach Recht und Gerechtigkeit, so säße ich in diesem Augenblick statt

in dieser schmutzigen deutschen Herberge auf dem goldenen Throne zu

Pavia und dies Haupt trüge, statt der Tonsur, die Königskrone des

Lombardenreichs.« -- »Ihr seid ...?« -- »Ich bin der Sohn Berengars,

des letzten rechtmäßigen Königs von Italia, und der einzige Erbe seines

Rechts und seiner Krone. Mein armer Vater! Überwunden und gefangen

von jenem schrecklichen eisernen Otto, verbannt für immer aus unserer

schönen Heimat starb er -- hier in der Nähe -- zu Bamberg. Anmaßer,

Gewaltherren, Thronräuber, Tyrannen sind alle Ottonen wie jener erste,

der meinem Vater das Scepter aus der Hand riß.« -- »Aber,« wandte der

Slave ein, »in Welschland sagte man mir, die Welschen selbst haben

jenen ersten Otto ins Land gerufen, damit er endlich Ordnung und Ruhe

...« »Tyrannen sind sie!« schrie der Lombarde, ohne auf die Worte zu

achten. »Auch mich, ein Knäblein damals, hat der fremde Zwingherr mit

meinen Eltern über die Alpen geschickt in dies Land voll Eis und Nebel

und nach des Vaters Tod zu Würzburg erziehen lassen.« -- »Das war

unvorsichtig, sehr! Bei uns zu Land erdrosselt man die Knaben besiegter

Fürsten.« -- »Teuflisch grausam war es! Denn in einem Kloster -- zum

Priester! -- ward ich erzogen. Der Welt, den Waffen sollte ich für

immer entrückt, unschädlich sollte ich gemacht werden. Ein Pfaffe kann

Italien nicht befreien vom Joche der Barbaren! Und doch ist die Lust an

weltlicher Macht, die Gier, zu herrschen, ja -- und ich fühl's! -- auch

die +Gabe+, zu herrschen, Land und Leute zu regieren, staatsmännische

Pläne zu schmieden mit des Vaters Herrscherblut auf mich vererbt.

Statt dessen -- was bin ich?« -- »Nun, wie sich soeben zeigt, auch in

weltlichen Dingen nix ohne Gewalt: -- die rechte Hand eines deutschen

Kirchenfürsten ...« -- »Verschling' ihn der Abgrund der Hölle!« schrie

der Lombarde. -- »Hui, welch heißer Haß! Und dennoch dient Ihr ihm so

eifrig? -- Wie soll ich das verstehen?« -- »Ihr +müßt's+ verstehen

lernen! Hört weiter! Als ich zum Jüngling, zum Manne herangewachsen

war und den Frevel begriff, den diese Deutschen an meinem Vaterland,

an meinem Vater, an mir begangen, da knirschte ich in das Gebiß, mit

dem sie mich wehrlos gemacht hatten. Tag und Nacht sann ich darauf,

es abzustreifen. Aber tief verbarg ich Haß und Groll und Hoffnungen!

So gut gelang mir die Verstellung, daß ich das vollste Vertrauen

der häufig wechselnden Bischöfe in der Mainstadt gewann. Bald ward

ich ihr Apokrisiar, Vorstand ihres gesamten Urkundenwesens: diesseit

der Alpen lebt kein zweiter, der dies Schrifttum so fein versteht.

So konnte es geschehen -- daß ... O ich hatte jahrelang nur gehofft,

als Flüchtling über die Alpen zu entkommen, um dort ganz Italia zur

Freiheit aufzurufen, mein Königsrecht mit dem Schwerte zu verfechten.

Und nun geschah das Wunderbare, daß mich Bischof Poppo -- der zweite

dieses Namens -- selbst mit sich nahm auf einer Romfahrt. Wie erglühte

mein Blut! Wie pochte mein Herz, als ich jenseit der Berge zuerst

lombardischen Boden betrat, mein Erbgut! Wir weilten viele Monate

in Pavia, in Mailand: Zeit übergenug für einen Kopf wie ich, einen

Aufstand vorzubereiten. Und, -- bei meines Vaters Grab! -- ich war

nicht müßig. Aber Schmach und Verderben! Was mußte ich erleben?« --

Und er verstummte vor Ingrimm, warf beide Arme aus den Tisch und legte

das Gesicht darauf. -- »Nun? Was ist? Nix traurig werden!« -- »Was

antworteten sie mir? Sie, meine Landsleute, meine Stammesgenossen,

ging's nach dem Rechte -- meine Unterthanen! ›Nie -- solange wir

zurückdenken mögen und unsere Jahrbücher berichten -- nie seit den

Tagen des großen Carolus, hat solch weise, friedliche, und doch starke,

Recht schirmende Herrschaft gewaltet in unserm Heimatland von Verona

bis Benevent und Napoli, wie unter diesen rotbärtigen Ottonen. Das

Land ist glücklich und zufrieden -- laß es so!‹ -- Und da ich nicht

abstand, zu schüren, zur Freiheit aufzumahmen, da drohten sie, -- meine

eignen Vettern in Pavia! -- mich dem deutschen Zwingherrn anzuzeigen!

Ah Schmach und Weh! Vernichtet war da, zertreten für immerdar all' mein

Hoffen, des Vaters Krone mir wieder zu erkämpfen, diese knechtischen

Seelen zu entflammen. Ich eilte nun nach Deutschland, nach Würzburg

zurück. In der entarteten Heimat Macht und Herrschaft zu gewinnen,

-- ich hatte es erfahren! -- war unmöglich. Allein ich wußte längst,

ich sah es täglich vor Augen an Köln, und Mainz, ja auch an Würzburg,

wie im deutschen Reiche Männer von Geistesschärfe und Willenskraft --

lange nicht soviel davon eignete ihnen wie dem Königssohne von Italien!

-- von ihren Bischofssitzen aus den Staat leiteten -- den deutschen

und den italischen dazu. König von Italien konnte ich nicht werden,

aber Kanzler des deutschen Reichs wie der Kölner, -- wie schon so

mancher Bischof das ward. Und einstweilen war es auch nicht übel, als

Bischof von Würzburg zu walten! Unablässig war ich daher bemüht, die

Gerechtsame dieses Bischofs zu erweitern, durch erbetene Verleihungen

des Königs, durch Geltendmachung alter, vergessener Ansprüche, die oft

nur durch meine Gelehrsamkeit -- oder ›Findigkeit!‹ -- aus Urkunden,

die ich erst wieder entdeckte, zu erweisen waren. Sie staunten über

mich, die blöden Thoren, Bischof und Domherren! Sie lobten, sie

lohnten meinen unermüdbaren Eifer für Sankt Burchhards Recht, wie sie

es nannten. Diese deutschen Tölpel! Als ob ich mich für den ersten

lange toten oder auch für den jetzigen lebendigen Bischof zu Würzburg

also mühte! Nein: für den +nächsten+ Bischof: und der sollte heißen:

Berengar!«

»Ah, verstehe jetzt. Versteh! Nix dumm!« nickte der Fürst, kratzte sich

eindringlich, -- aber vergeblich am Kopf und trank.

»Drei Bischöfe -- Poppo, Hugo und Bernward -- hatte ich, höher und

höher steigend in geistlichen Würden, erlebt. Nun hatte ich allen

Grund, anzunehmen, -- mein Amt als Archidiakon, als Apokrisiar, meine

von allen laut anerkannten Verdienste um das Bistum gaben mir ein

Recht dazu -- bei der nächsten Erledigung des Stuhls könne keinen

andern die Wahl treffen als mich. Ich zählte schon so fest darauf, daß

ich -- vielleicht unvorsichtig! aber wie hatte ich mich jahrzehntelang

zusammengehalten! -- den Stolz, das Gefühl des geborenen Herrschers,

der Überlegenheit fühlen oder doch erraten, ahnen ließ -- kurz, Bischof

Bernward verfiel in seinen letzten Zeiten in Mißtrauen, wirkte bei

dem Kaiser, bei den Domherren gegen mich und als er starb, der alte

Rothenburger, da folgte ihm nicht ich, sondern sein Neffe Heinrich!«

-- »Ja, der Rothenburger,« knirschte Zwentibold und griff ans Schwert.

»Der arge Wolf des Waldes fresse seine Seele! Was hat er uns früher

viele Brüderlein erschlagen.« -- »Dieser höchst ungeistliche Graf, der

erst vor ein paar Jahren -- plötzlich -- der Welt entsagt hatte! Dieser

Weltling schnappte mir mein schwer verdientes Bistum weg! Bei meines

Vaters Grab! Er soll's nicht lang mehr tragen.«

Zwentibold lehnte sich zurück, blinzelte dem Priester zu und wölbte

die dicken Lippen zu einem gelinden, aber ausdrucksvollen Pfeifen:

»Ahi! Aho! Fange an zu begreifen!« -- »Das geht -- scheint's --

langsam, Fürst, bei Berunzanen wie bei Deutschen. Meintet Ihr wirklich

bisher, für eines andern Macht müht sich der Königssohn Italiens so

emsig ab, feilscht um die Hilfe Eurer wilden Horde, begiebt sich in

hohe Fährlichkeit? Denn Reichsverrat ist was wir treiben: -- ich, mit

Wollust, in klarem Bewußtsein: -- der ehrenfeste Bischof unbewußt, aber

doch mit mahnendem Gewissen. Das Leben kann mir's kosten: -- im Gefecht

oder -- nach der Niederlage: -- am Galgen. Denn Graf Gerwalt versteht

keinen Scherz.« »Mich wundert doch,« sprach der Wende, kopfschüttelnd,

»daß es der Rothenburger thut. Er focht so treu für dieses Reich.« --

»Gerade so treu ficht er jetzt für seines Bistums Recht. Aber Ihr

habt nicht Unrecht. Ich hätte ihn nicht soweit getrieben ohne einen

glücklichen Zufall. Der Graf, dem er den Gau zunächst abkämpfen muß,

dieser Graf Gerwalt, -- er haßt ihn tödlich.« -- »Warum?« -- »Weiß

nicht. Man flüstert in der Stadt, der Graf habe ihn ausgestochen in

der Gunst der schönen Kaiserwitwe. Ich entdeckte diesen Haß, als --

erst ganz vor kurzem -- Gerwalt, bisher Graf des Deutzgaues gegenüber

Köln, den Waldsassengau mit Würzburg erhielt. Der Rothenburger wurde

glutrot vor Zorn bei der Nachricht. Erst seit es gegen Gerwalt fechten

heißt, will er -- im Notfall -- fechten. Im Notfall! wie er meint: denn

erst will er den Spruch des Reichstags abwarten: -- nur falls dieser

sein sonnenklares Recht nicht anerkennt ...« »Kann nix solang warten,«

grollte der Slave. »Gewiß nicht! Deshalb hab' ich, statt Euch erst

Wartegeld zu zahlen, gleich fest mit Euch abgeschlossen. Wann brecht

Ihr auf?«

»Sobald mein frischer Zuzug eingetroffen aus Tethin: zweihundert

Lanzen!« -- »Gut! Seid Ihr einmal -- in seinem Namen -- eingebrochen

in den Gau, kann er nicht mehr zurück. Er darf nicht mehr Zeit haben,

zu bereuen. Deshalb wollen wir auch gleich wegziehen von hier und

unsere Spur verbergen, damit mich seine etwaigen Boten nicht finden und

abrufen können. Denn es gelang mir doch nur dadurch ihn fortzureißen,

daß ich dem verhaßten Grafen Droh- und Hohnworte in den Mund legte,

die dieser nie gesprochen! Ich erfand sie -- jenem Gerücht angepaßt!

Das half! Wie der Stier aufs rote Tuch stürmte der plumpe Deutsche

darauf hin los. Aber nun merkt auf. Jetzt kommt die Hauptsache. Der

Rothenburger --« er stand auf, trat vor die halb offene Thür in das

Freie und überzeugte sich, daß dort niemand das Ohr an die dünne

Bretterwand lehnte. Dann kam er zurück, warf einen Blick in die

anstoßende Küche, sah, daß diese völlig leer war, trat nun dicht an

seinen Verbündeten heran und flüsterte diesem in das Ohr: »der Bischof

darf seinen Sieg nicht überleben.« »Aha,« nickte der Slave. »Meint Ihr,

ich will noch jahrelang in seinem Dienst, als sein Knecht, zusehen, wie

er mit den von Kaiser Karl verliehenen Rechten den Gau beherrscht, den

er mir verdankt? O nein! Ohne Zweifel werde ich zu seinem Nachfolger

gewählt: -- er selbst hat im voraus, falls er stürbe, die Stimmen

des Kapitels für mich gewonnen: -- so möge denn sein eigener Wunsch

geschehen: -- aber bald.« -- »Jedoch wie soll ...?« -- »Merkt auf! Er

wird nicht fehlen in dem Gefecht! Er läßt sich's nicht nehmen, selbst

den Überfall der Burg -- denn die vor allem müssen wir nehmen! -- zu

leiten.« -- »Ich führe meine Wölflein selbst,« erwiderte der Häuptling

schroff. »Und nicht schlecht, glaubt mir. Hab' was gelernt im Dienst

der Byzantiner! Nix so tölpelig bloß dreinschlagen wie diese Deutschen!«

»Schon gut. Aber der Rothenburger kämpft jedenfalls mit. Nun wohl!

Nach dem Sieg -- den soll er uns noch erkämpfen helfen! -- fliegt

nicht ein Pfeil oft irr im Gefecht? Auf der Verfolgung der Fliehenden?

Kann ihn nicht ein Geschoß -- falsch gezielt -- von Euren eigenen

Leuten treffen?« Zwentibold sprang auf: »Oder ein geworfenes Messer!

Sind vergiftet. Ein Hautritz -- muß sterben. Fehle nie meinen Mann.

Es gilt! Aber dann ...« -- »Das Doppelte!« -- »Nix genug.« -- »Wie,

Unersättlicher? Ich bringe -- auch als Bischof -- nicht mehr auf.«

-- »Nix mehr an Geld. Erst das Doppelte. Dann -- andres. Ist wilder,

lustiger! Vorerst: meine Wölflein müßt Ihr auch in die Thore hinein

lassen.« -- »Er will's zwar nicht. Aber der Überfall der Burg --

der Kriegsmann in ihm wird's einsehen -- gelingt am sichersten so.

Ihr sollt hinein!« -- »Hui wohl! Dann -- liegt er erst tot -- nix

zahm die Hand hinhalten, wie Bettler um Geschenklein -- dann --« Die

Augen des Slaven funkelten, wie die des Raubtieres, das zum Sprunge

niederduckt. »Nun, was dann?« »Plündern!« stieß Zwentibold hervor mit

schnalzender Zunge. »Nur zwölf Stunden! Mit Brand und Blut und -- nix

zu vergessen! -- die Weiblein küssen, -- ohne kirchlichen Segen. Ihr

wißt, wir brauchen den nix,« höhnte er, »sind nix getauft!« -- »Das muß

ich doch ...« -- »Erst überlegen? Nix! Herr Bischof Berengar +muß+!«

Seine Faust fuhr an den Schwertgriff. »Oho! Es giebt der Söldner noch

mehr.« »Wohl«, lachte der Häuptling, daß seine weißen Zähne blitzten.

»Aber Zwentibold, Spithinieffs Sohn, kennt jetzt des Herrn Archidiakons

Geheimnisse.« »Was wollt Ihr damit sagen?« fragte der Lombarde,

scheinbar ruhig, aber er ward ganz bleich unter seiner gelben Haut.

»Ihr seid nix so dumm, das nicht zu erraten! Entweder Ihr thut nach

meinem Willen oder ich fange an, Geschichtlein zu erzählen. Dankbare

Hörer, gut zahlende, werd' ich finden: den Herrn Kaiser, den Grafen

Gerwalt und -- nicht zum mindesten -- den Bischof Heinrich.« Er sprang

auf. Berengar that desgleichen und reichte ihm die Hand. »Es sei! Ich

gönn' es diesen Deutschen!«

Drittes Buch.

Weltuntergang: Geschichtliche Erzählung aus dem Jahre 1000 nach Christus · 第 32 / 70 题