II.

Noch bevor die staubbedeckten Reiter -- meist Bauern aus den nächsten

stromaufwärts gelegenen Dörfern -- abgesprungen waren und den neugierig

Fragenden Bescheid gegeben hatten, kam bereits ein gar schauerlich

aussehend Gefährt in Sicht.

Vier schwarze, mit schwarzem Trauerzeug über und über bedeckte Rosse

zogen einen gewaltigen, auf hohen Rädern stehenden Wagen, einen

italienischen »~carroccio~«: auf diesem aber war ein bühnenartiges

Gerüst aufgeschlagen, das, wie der ganze Wagen, auf allen Seiten

ebenfalls mit schwarzen Tüchern behangen war.

In den vier Ecken des langgestreckten breiten Wagens, der nahezu

die ganze Heerstraße füllte, standen vier Mönche in schwarzen Kutten

mit weithin hallenden ehernen langen Posaunen in den Händen, in der

Mitte aber, sie alle überragend, ein fünfter riesenhoher Mönch, der

die schwarze Kapuze bis an die Augen über die Stirn gezogen hatte: in

der Rechten trug er eine lang hinwallende schwere Fahne von schwarzer

Wolle, in welche mit weißer Farbe plump ein Totenkopf über zwei

geschrägten Knochen gemalt war: alle fünf aber sangen in schauerlichen

Tönen -- nach den Weisen eines römischen Grabgesanges -- ein Lied: und

schauerlich stimmten sie ein, die vielen Hunderte von Männern, Frauen,

Kindern, die vor dem Wagen schritten oder demselben folgten, alle

vom Staube langer Wanderschaft über und über bedeckt, die meisten in

schwarze Gewande gehüllt, viele davon mit Geißeln und Stöcken sich auf

die entblößten Schultern und den Rücken schlagend.

Das Lied aber lautete:

»Hört ihr die Posaunen dröhnen

Und der Bußgesänge Chor?

Wehe, weh' euch, Adams Söhnen:

Euer Ende steht bevor!

Wann des Sommers Sonne wendet,

Bricht der jüngste Tag herein:

Unter geht die Welt und endet

Und euch droht die ewge Pein.

Auf den Wolken kehrt hernieder

Fürchterlich des Menschen Sohn,

Rauschend Cherubimgefieder

Schwirrt um seinen Richterthron.

Und sie reißen aus den Grüften

Sünder aus vermorschtem Sarg

Und sie zerren aus den Klüften,

Was sich zitternd lebend barg.

Alle, die im Erdschos schliefen,

Bannt der Richter sich daher

Und gehorsam aus den Tiefen

Seine Toten speit das Meer.

Weh euch Männern, weh euch Weibern

Die ihr lebend dies erschaut!

Weh den Seelen! Weh den Leibern!

Wie mich schauert! Wie mir graut!

Thuet Buße! Streuet Asche,

Asche auf das sündge Haupt,

Daß euch Satan nicht erhasche,

Der im Höllen-Abgrund schnaubt.

Euch verkündet Papst Sylvester,

Dem's der heilge Geist enthüllt,

Nicht ein Wort des Herrn steht fester:

Was er weissagt, wird erfüllt:

Hört's, ihr Kleinen, hört's, ihr Großen:

Euer Ende bricht herein:

Wer noch zweifelt, ist verstoßen

Aus der Kirche Heilverein.

Wann die Sommersonne wendet,

Mit dem Schlag der Mitternacht, --

Unter geht die Welt und endet: --

Habt auf eure Seelen acht!«

Weltuntergang: Geschichtliche Erzählung aus dem Jahre 1000 nach Christus · 第 34 / 70 题