»Das Edelweiß!« wiederholte Hellmuth. »Sechsmal würd' ich sterben,
könnt' ich dadurch sie -- nicht gewinnen, -- ach! nur versöhnen! Danke
dir, mein Fulko. Deine Verse sind --« -- »Bah, Verse sind's! Nicht
Küsse! Bittere Tinte und trocken Pergament! Das ist all' nichts, gar
nichts! Ich halt' es nicht mehr aus! Immer bloß das verfluchte Reimen
von ihrem roten Mund und heißen Kuß! Morgen -- ganz in der Frühe --
paß ich's ab! Wenn sie aus der Kemenate tritt -- immer allein: --
Malwine, die Verwalterin des Anstands, hütet alsdann die Tugend noch
im Traum: und Jungfrau Edel verbetet sich immer um ein Weilchen!
dann trete ich hin vor diese Minnegard und fasse sie und frage sie
nicht lang und küsse sie, daß sie -- nun, nicht gerade ganz erstickt,
aber recht beinahe.« Da sprang Hellmuth auf, legte die Hand auf des
Freundes Schulter und rief: »Nein! Um Gottes willen nicht! Thu's nicht!
Wag' es nicht!« -- »Warum nicht? Ich mein', ich kann es wagen!« --
»Thu's nicht, mein Fulko! Willst du so elend werden wie -- ach! wie
mich viel, viel bescheidneres Wagnis gemacht hat?« Und er schlug die
geballte Faust vor die Stirne. Der andre zog ihm mit sanfter Gewalt
Arm und Hand herab: »Hellmuth, tapfrer Gesell! Sprich! Sprich's doch
endlich einmal aus: was ist geschehen zu Worms? -- Du weißt, ich bin
getreu und verschwiegen!« -- »Ich weiß es! Und darum sollst du -- du
allein von meiner Schuld, -- meiner schweren Schuld! -- erfahren!« Er
seufzte tief. »Bin gespannt! -- Alle Augen hier im Bischofshaus sahen
nicht bloß, daß du ... auch, daß sie dir -- allmählich! -- gut ward.
Herr Heinrich selbst sah's auch und hatte wahrlich nichts dawider!
›Ein schönes Paar und trefflich gepaart,‹ rief er mir einmal aus dem
Sattel zu, als ihr auf dem Rennweg uns entgegengesprengt kamt. ›Der
liebe Gott scheint sie für einander geschaffen zu haben.‹ So werdet
+Ihr+ sie nicht scheiden wollen? fragte ich rasch. ›+Ich?+ Junge
Liebe scheiden? +Ich+ doch gewiß nicht! -- Es sei denn‹, -- warnte
er und sah mir scharf ins Auge -- ›daß zwischen Wunsch und Erfüllung
steht -- ein Kloster.‹ Und als der Bischof nach Worms nur euch beide
mitnahm, da sagten wir: die kommen zurück mit den Ringlein am Finger.
Aber wie kamt ihr zurück! Sie wie die Eisjungfrau und du wie ein in
ihren Armen Erfrorner. Was ist geschehen, sprich, an jenem Tage deiner
schönsten Siege?« -- »Ach, ich verfluche sie. Sie haben mir all' das
Unheil angerichtet. Sieh, Fulko: du weißt, eitel und eingebildet bin
ich wahrhaftig nicht ...« -- »Behüte! Deine Bescheidenheit ist dein
größter Fehler. Könntest mir drei Viertel abgeben, -- wär' uns beiden
geholfen.« -- »So hätt' ich auch wahrlich nie gewagt, mir einzubilden,
die stolzeste der Jungfrauen werde mir, bevor ich feierlich beim
Bischof um sie geworben und dessen Ja wie das ihre erhalten, das
geringste Zeichen von Gunst gewähren.« »Verkehrt,« meinte Fulko und
trank seinen Becher aus. »Einmal muß man doch anfangen! Weib will
gewonnen sein durch Wagen.« -- »Als ich nun aber in dem Lanzenstechen
alle -- wirklich alle! -- Gegner aus dem Sattel gehoben -- zuletzt auch
Siboto, den zähen blonden Friesen, und den starken Richard, den Grafen
zu Winklarn, -- nie noch hatte ich die beiden zwingen können! -- und
als nun rings die Drommeten schmetternd meinen Sieg verkündeten und
die Herolde mich auf dem schnaubenden Roß dreimal durch den Kampfkreis
führten und alles Volk mir ›Heilô!‹ und ›Siegô!‹ zujauchzte, und der
Herr Bischof mir huldvoll zunickte von seiner Altane herab an Edels
Seite und als ich nun heranritt, aus ihrer weißen Hand den Preis, den
dreifach gewundenen Eichenkranz mit der goldenen Schnur, mir auf das
Haupt setzen zu lassen, als ich sie nun vor mir sah, schön wie nie
zuvor, strahlend vor Anmut und -- wie ich wähnte! -- auch ein klein
wenig vor stolzer Freude an mir, als sie sich über mich beugte, als ich
den zarten, leisen Druck ihrer beiden lieben Hände auf meinem Haupte
fühlte, -- da schlug ich entzückt die Augen zu ihr auf: durch mein
Herz jagte das Blut in wilden Sprüngen: -- die Hitze des Kampfes tobte
noch nach in meinen Adern -- und all' der Lärm, der Glanz ringsum, die
Freude, daß +sie+ meinen Sieg gesehen -- all' das zusammen berauschte
mich! Sehnsüchtig, -- aus aller Kraft der Seele! -- suchte ich nach
ihrem Auge, nach nur Einem Blick! --
Allein beharrlich, eigensinnig, trotzig -- ach! oder war es süße
jungfräuliche Scham? -- hielt sie die langen, langen, die feierlichen
Wimpern gesenkt. Ich flehte leise: ›Edel! Einen Blick -- nur Einen,‹
hauchte ich. -- Umsonst! -- Da ergriff mich Stolz, Trotz, heiße Wut:
-- ich wollte mir den Blick erzwingen, wie ich mir den Sieg erzwungen.
Mit der Rechten griff ich -- kein Mensch konnte es gewahren, der dichte
Kranz und ihr vorflutend Haar verbargen völlig meine Hand -- ganz leis
an ihr Kinn und hob es mit Gewalt empor: ›Einen Blick!‹ wiederholte ich
dringend! --« -- »Nun? Da sah sie auf?« -- »Ach ja! Da sah sie auf! Da
+erhielt+ ich einen Blick, aber welchen Blick! Wie blaues Feuer blitzte
mir Zorn, Haß, Empörung, Verachtung entgegen aus den sonst so sanften
Augen. -- Sie bog sich zurück, soweit sie irgend konnte, ach! mir war,
zwei scharfe Pfeile flogen durch mein Herz! Ich wankte im Sattel:
-- in Verzweiflung sprengte ich aus der Stechbahn: -- draußen glitt
ich besinnungslos vom Gaul! ›'s ist die Hitze, die schwere Rüstung‹,
hieß es. Ach wär' ich nicht mehr aufgewacht! -- Seitdem hab' ich sie
verloren für Zeit und Ewigkeit. Nie -- ich kenne dieses Herz von
Diamant! -- niemals verzeiht ihr gekränkter Mädchenstolz.« Und er brach
zusammen auf der Bank und stützte die Stirn auf die Hand. »Hm! Armer
Freund!« sprach Fulko nach einer Weile. »So hat sie dich denn wirklich
nie geliebt? -- Denn liebt ein Weib, -- ein +echtes+ Weib -- und ich
will das dieser herben Edel nicht bestreiten, -- so verzeiht es, unter
Thränen, ja im Zorne lächelnd, der Kühnheit des Geliebten. Und was ist
es denn, was du gewagt? Gar nichts! -- Nein, Hellmuth,« -- er sprang
auf -- »dein Geschick kann mich nicht warnen. Nein! Geht wirklich
demnächst die Welt zu Grunde, dann ...! Bei einem Kuß laß ich's dann
nicht bewenden. Dann, schöne Minnegardis, wirst du mein, magst du
darüber grollen oder nicht. Liebst du mich aber -- wie ich's hoffe! --
mitten im Grolle wirst du verzeih'n und -- selig sein in diesen Armen.
-- Komm, Hellmuth, laß uns schlafen. Es wird spät.«
Der Blonde erhob sich nun ebenfalls. »Ich schlafe nicht. -- Auch +ich+
habe mir ausgesonnen -- bin nur über eins dabei nicht aufgeklärt! --
wie +ich+ die letzte Stunde dieser Welt verbringen, wie ich sterben
werde. Nicht so süß umarmt wie du und nicht so weich gebettet: -- aber
auch nicht übel umarmt und auch nicht übel gebettet: -- hart, jedoch
herrlich. Allein vorher muß ich noch manches erkunden. -- Schlaf
wohl! Ich reite aus!« -- »So spät! Wohin? Zu wem?« »Zu wem?« lächelte
Hellmuth grimmig. »Nicht zu einem Liebchen. Vielleicht -- zum wilden
Jäger!«
Und klirrend in seinen Waffen schritt er hinaus.