X.

Nachdem der Ruf ohne Erfolg blieb, schlug die Braune den dunkelroten

Vorhang zurück, welcher das Nebengemach zur Linken abschied.

Da erblickte sie im trüben Dämmerlicht einer Hängeampel die Freundin

auf dem Betschemel knien, die schmalen, langen, weißen Hände gefaltet

zu brünstigem Gebet vor einem dunkelfarbigen Kreuz; das stammte aus

Jerusalem; Herr Heinrich hatte es aus Monte Casino mit heimgebracht.

Rasch erhob sich nun die Beterin, strich ihr tiefblaues langfaltiges

Gewand zurecht und trat in das Vorderzimmer; mit leisem Kopfschütteln

empfing sie Minnegard. »Der Bischof kommt nicht,« seufzte sie. »Und

also auch nicht das junge Geleit, das er manchmal mitbringt.« »Desto

besser,« erwiderte Edel, die schönen dunkeln Brauen zusammenziehend.

»Du denkst nur an dich,« meinte die andere und öffnete einen in der

Wand angebrachten Verschlag, Schüssel und Teller daraus hervorholend.

»Vergieb!« bat Edel weich. »Es war selbstisch.« Sie griff nach der

Freundin Hand, sie half ihr, die Teller aufstellen. »Glaube nur, ich

gönne dir von Herzen das Vergnügen, das dir der Ritter von Yvonne zu

gewähren scheint. -- Ich gönn' es dir, -- obgleich ich es beklage.«

-- »Jetzt ... erst setze dich, Edel! +Wir+ wollen unser Nachtmahl

nicht versäumen! Ist doch morgen ohnehin schon wieder Fasttag! Weil

an diesem Tag vor vielen hundert Jahren irgendwo ein sehr heiliger

Mann -- wer kann sich alle merken! -- geboren oder gestorben oder

›transferiert‹ worden ist. Komm! Greif zu! Der kalte Rehbraten wird

dir munden, -- du wirst ihm nicht anschmecken, daß der verhaßte Fulko

den Bock erlegt hat. Sage nur, weshalb du wie auf -- den andern --

o! ich nenne ihn nicht! -- auch auf den fröhlichen Singemund deinen

Groll geworfen hast?« -- »Ich trage dem Ritter Fulko keinen Groll.«

-- »Aber er mißfällt dir?« »Doch nicht! Denn bei allem Übermut ist er

...« sie brach ab. -- »Warum dann beklagst du, daß ich ›Vergnügen‹ --

wie du das nanntest -- an ihm finde?« -- »Warum? -- Weil ich fürchte,

holde Thörin, es ist weit mehr als Vergnügen, mehr als Scherz.« »Und

wenn es Ernst wäre?« erwiderte Minnegardis sehr rasch. -- »O liebes

Herz! Das eben fürchtete ich, -- sah ich. Bedenke doch! Wie soll das

enden? Du -- im Kloster. Und im Herzen das Bild eines Mannes! Hast du

das wohl je bedacht?« Da ward das schöne Gesicht des heiteren Mädchens

plötzlich sehr ernst, -- der edle Ausdruck ließ ihr doch noch viel

besser denn der Mutwille! -- und sie antwortete nachdrücklich: »Ja,

Edel, ich +hab'+ es bedacht. Oft, lang und tief. Sieh, dieser Gedanke

ist mein Halt, er ist mein Trost, er ist mein einzig Glück. Mögen sie

mir ein Geschick aufnötigen, dem ich widerstrebe mit Leib und Seele:

-- nur den Leib doch können sie einsperren und zwingen, die Seele

nicht! Und muß ich aller andern Lebensfreuden darben, nach denen ich --

ach! so lechzend heiß begehre -- das Eine Glück --, es ist mir ja zu

gönnen, das bloße Glück der Gedanken! -- können sie mir nicht rauben:

das Glück, sein liebes, schönes Bild tief in der Brust zu tragen, das

Glück, ihn zu lieben und -- o ich weiß es! -- heiß von ihm geliebt zu

sein. Und Heil mir! Er ist es so voll wert, daß ich ihn liebe!«

Da schluchzte plötzlich Edel laut auf: strömende Thränen brachen

aus ihren Augen, sie schlug beide Hände vor das blasse, schmale

Antlitz, bog das Haupt dicht an die Stuhllehne zurück und seufzte: »Du

Beneidenswerte!«

Erschrocken sprang Minnegard auf: nie hatte sie solchen Ausbruch

des Gefühls erlebt bei der so streng verhaltenen, bis zur Härte

und Herbheit spröden und scheinbar so kühlen Freundin. »Edel, mein

Liebling!« rief sie, kniete sich zu ihren Füßen auf das Bärenfell des

Estrichs und umschlang mit beiden Armen die schmalen Hüften. »Was ist

dir? O sprich! Wirf endlich dieses starre, stolze Schweigen ab! Es

schmerzt ja doch dich wie -- wie mich! Vertrau' dein stummes Weh meinem

treuen Herzen! Sprich es aus! Es wird dir gut thun! Sieh, ich ahne ja

doch so manches! Hab' ich doch wochen- und monatelang gelebt neben

dir und --« »Nenn' ihn nicht!« brachte die Ringende schwer aus den

halbgeschlossenen Zähnen hervor. »Hab' ich's doch mit angesehen, wie

-- allmählich! -- sogar deines allzustolzen Herzens Eisrinde endlich

schmolz. Ist auch wahrlich kein Wunder! Ist er doch ...« -- »Lob' ihn

nicht! Es ist all' nicht wahr! --« Bitter, schmerzlich kam das heraus.

»Ach was! Wohl ist's wahr! Er ist -- leider Gottes: er +war+! -- der

freudigste junge Held (-- in Blond! --), den man sich träumen konnte,

wenn man nicht lieber von -- was Braunem träumte. Wie lobte ihn der

Bischof! Und auch dir gefiel sein ritterlich Wesen. Er taugte so gut

zu deiner stummen, stolzen, ehernen Art. So gut zu +dir+ -- wie -- --

ein anderer zu +meiner+ Weise. Und zuletzt -- unnahbar wie du bist --

du nahmst es an, sein edel zurückhaltend, zartes Werben!« -- »Edel

zurückhaltend -- zartes -- Werben!« Sie riß die Hände von dem Gesicht,

ein funkelnder Zornblick schoß aus den grauen Augen, die Flügel der

feinen Nase zuckten. »Bis auf einmal -- nach jenem Stechen zu Worms!

-- O wie ihr daher zurückkamt! -- Er vom Tage seines höchsten Ruhmes

wie ein weidwund geschossener Edelhirsch. Und du -- wie jene zürnende

Göttin der Jagd, von der uns Fulko verdeutschte aus Meister Ovidius.

Und wie hängt er noch immer an jedem Blick deines Auges, so grausam

auch du mit ihm umgehst! Mich wundert, daß dich seiner nicht erbarmt.

Bedenke! Wenn wirklich die nächste Sunnwend' ein Ende macht mit uns

allen ...!«

Da flog ein leichtes Erbeben über Edels feine Gestalt: ihre Züge

wechselten den Ausdruck: an Stelle des Zornes trat ein Etwas wie

Wehmut, wie Trauer: die Kluge ersah das und fuhr eifrig fort: »Wodurch

immer er deinen Zorn gereizt hat, -- willst du unversöhnt mit ihm

hinübergehen in die Ewigkeit?«

Edel schwieg und schlug die langen Wimpern nieder.

»Willst du, Grimm und Groll im Herzen gegen ihn, der dir so ganz

ergeben, vor den ewigen Richter treten, vor Christus, der seinen

Mördern selbst vergeben hat? O Edel -- ich überraschte dich -- nicht

das erste Mal! -- im Gebet: wenn du denn so fromm bist: wie lehrte uns

der Heiland beten? ›Gleich wie wir vergeben unsern Schuldigern.‹ Was

immer du gebetet hast, -- das Rechte -- +dies+ Gebet! -- du hast es

nicht gebetet!« -- »Ich ... ich betete -- wie schon so oft! ... für

ihn!« -- »Edel! -- Wie gut du bist!« -- »Nein, nein! Hoffart war mein

Gebet: -- ich sehe es jetzt ein! Ich fühlt' es bei deinen +wahrhaft+

frommen Worten. Ich betete immer nur ...« -- »Nun, was?« -- »Gott möge

ihm seine Schuld gegen mich verzeihen.« -- »Und du hast beigefügt:

gleich wie ich, Edel, ihm verzeihe?« Beschämt senkte Edel das Haupt

auf die wogende Brust. Minnegard hob es zärtlich und gelinde, mit dem

Finger unter dem Kinn, in die Höhe.

»Du schweigst, kleiner Trotzkopf?« -- »Ich ... ich will nicht ..., daß

ihm um meinetwillen Gott zürne und ihn strafe.« -- »Aber du, du zürnst

und strafest fort! Geh du dem lieben Gott mit gutem Beispiel voran!

Verzeihe du zuerst.« -- »Ich ... ich kann nicht ... will nicht.« --

»Weil du ihn eben nicht liebst! Du +kannst+ wohl gar nicht lieben!« Da

traf sie ein blitzender Blick aus den plötzlich voll aufgeschlagenen

grauen Augen: »Glaubst du?« -- »Noch einmal, Edel, bedenke: wenn nun

wirklich demnächst alles aus ist? -- Wenn ich dessen erst sicher bin

-- +ganz+ gewiß! -- dann ...!« -- »Nun? Was wirst du dann thun?« --

»Dann ...!« Minnegard sprang heftig vom Boden auf. »Ja, siehst du,

ganz genau weiß ich noch nicht, was ich dann thue. Aber einmal noch im

Leben, thu' ich dann, -- wozu das Herz, -- dies heiße Herz! -- mich

treibt, unbekümmert um das Geschelte der Welt: -- sie hat ja dann nicht

mehr viel Zeit, zu schelten.« -- »Kind -- du glühst! -- Was wogt in

dir? Was treibt dich um?« Ohne die Frage zu beantworten, fuhr Minnegard

fort, heiß erregt in der engen Kemenate auf und nieder zu schreiten;

sie hob die vollen Arme in die Höhe und holte tief Atem: »Mit einer

Halbheit in der Seele, mit ungestilltem Sehnen, mit unbefriedigtem

Begehr: -- ich weiß freilich nicht, wonach! -- aber nach Liebe, nach

einer süßen Wonne -- mit dieser schmerzenden Leere hier in der Brust

-- hinübergehen in das Jenseits, wo nicht geliebt wird, nicht gefreit

und nicht ... geküßt, also nie -- in Ewigkeit nie! -- erfahren, wie die

Minne beglückt -- das -- das also wird dann mein Los? O wie traurig!«

Sie blieb plötzlich hart vor Edel stehen. »Und du vollends! Du willst

deinen Haß mit hinübertragen gegen den Mann, der dich so herzverzehrend

liebt? Willst du dann vor den Richter treten und verlangen: bestrafe

ihn!« -- »Nein doch! Nein! Ich bete ja das Gegenteil!« -- »Dann wird

der Richter sprechen: Und du verzeihst nicht? Die ganze Welt ist

vergangen, aber nicht dieses Mädchens Haß?« Die so Bedrängte erhob

sich rasch vom Stuhle: »laß mich! Ich kann nicht anders! Laß mich

ringen im Gebet mit meinem Stolz, mit mir selbst! Laß mich wieder

beten.« -- »Gut, Schwester, bete! Geh wieder hinein zu dem Kreuze des

Allvergebers. Junker Hellmuth ist ein Ritter ohne Makel: er kann nicht

Unvergebbares verbrochen haben. Auch ich werde beten: aber nicht, daß

Gott ihm, daß er +dir+ verzeihe deinen lang nachtragenden, deinen

unversöhnlichen Groll.«

Weltuntergang: Geschichtliche Erzählung aus dem Jahre 1000 nach Christus · 第 28 / 70 题