XI.

Zu der gleichen Stunde saß in dem Speisesaal in dem Erdgeschosse

des Bischofshauses an dem runden Tisch mit der Ahornplatte Hellmuth

in stummem Brüten vor dem unberührten Weinkrug; er hatte den linken

Ellbogen auf den Tisch gelehnt und das blonde Haupt auf die Hand

gestützt. Da trat Fulko ein und warf zorngemut das reiherbefiederte

Barett auf die Bank. »Nichts ist's!« rief er unmutig. »Der Herr

Bischof beliebt wieder einmal zu fasten, nicht zu Nacht zu speisen

und gönnt uns die gleiche Frömmigkeit.« »Ist gelogen, mit Verlaub,

Herr Ritter von Yvonne,« lachte Supfo, der eben eintrat und eine

stattlich mit allerlei Kaltfleisch gefüllte Silberschüssel auftrug,

sich neben den beiden Freunden niederließ und alsbald tapfrer als

beide zusammen auf den Braten einhieb. »Fasten müßt ihr heute Abend

nur in der Minne, richtiger gesagt: im hungrigen Anschauen einer

allerdings fast unerlaubt schönen Jungfrau. Daß sie letzteres noch

ist, Herr Ritter, ist nicht Euer Verdienst.« »Verschafft sie mir zum

Eheweib und ich erhebe Euch zu +meinem+ Kellermeister,« rief der

Provençale und schenkte sich den Zinnbecher wieder voll. »Leichter

Amt wär' es als hier,« erwiderte Supfo und trank ihm zu. »Warum?« --

»Nun: immer leerer Keller, weil immer durst'ger Herr. -- Übrigens, wo

steckt Junker Blandinus? Der pflegt doch sonst häufig euer Abendgast

zu sein! Wo läuft er noch so spät herum?« -- »Jedenfalls hinter

einem Weiberrock! Schad' um ihn.« -- »Er ist nicht übel.« -- »Nicht

dumm und nicht feige.« -- »Beides nicht!« -- »Aber die verfluchte

Eitelkeit!« -- »Und die Verliebtheit! Nach allen Seiten hin!« -- »Es

ist ihm eigentlich gar nicht drum. Er meint nur, als Venetianer, als

Dogensohn und schmucker Bursch -- denn er ist wirklich hübsch! --

müsse er überall um Minne werben. Wenn ich ihn nur einmal gehörig zum

Fechten und Schlagen bringe! Dann kann noch ein Mann aus ihm werden.«

-- »Bis dahin -- in ein, zwei Jahren -- ist auch die schlimme Runel

kein Kind mehr; und wer weiß, ob der Schwarzlockige dann nicht doch

den graulockigen Schnufilo verdrängt in ihrem trutzigen Herzlein.«

-- »Bah, was schwatzen wir da von ein, zwei Jahren -- und sind nur

noch ein paar Wochen bis Sunnwend' und Weltend'! Sagt, schlauer

Supfo, wie findet Ihr Euch ab gegenüber den Schrecken des Gerichts

und Eurem Gewissen?« »Ich?« lachte der Dicke und schob ein mächtig

Stück Rehbraten in den Mund. »Ich habe das beste Gewissen, das mir

je bei einem Menschen vorgekommen ist.« -- »Wieso?« -- »Es ist so

gut. So weinfromm. Besser als Euer Rapphengst, Herr Fulko, der beißt

zuweilen: und mein Gewissen, -- das beißt mich nie. Ich kann ihm viel

bieten, bis es nur, warnend, schnappt. Aber beißen? Nie! -- Und das

andre ...?« -- Er hob den Becher an die Nase. (»Köstlich der Ruch,

dieses weißen Leisten! --) -- das andre: der Weltuntergang? -- Das ist

dummes Zeug!« -- »Aber Supfo!« Sogar Hellmuth fuhr hier aus seiner

trübsinnigen Träumerei auf und warf dem Dicken einen fragenden Blick

zu. Jedoch der rümpfte unverzagt die rötliche Nase, verzog den Mund

wie bei einer Weinprobe und sprach bedächtig: »da hab' ich von unserem

Herrgott eine viel bessere Meinung denn ihr alle.« »Wenn's aber der

Herr Papst selber sagt?« forschte Hellmuth. -- »Hat er's schon gesagt?

Nein! Und +wenn+ er's sagt, --« »Nun, dann aber?« meinte Fulko. »Dann

ist's doch bewiesen.« »Daß er's glaubt!« schloß Supfo und stellte den

Becher nieder, daß er klirrte. »Mehr nicht. Ich glaub's mal nicht vom

braven Himmelsherrn. Man glaubt auch sonst gar viel, was nie geschah

und nie geschieht. Diese seine Welt sollte er selbst zerstören? Wer

weiß, ob er eine neue so schön wieder zusammenbrächte! Und nun gerade

heuer, da wir des Trunks der Steinrebe froh werden wollen! Heuer, da in

meiner Neupflanzung auf dem Harfenhügel schon jetzt -- vor Johannis --

alles so wundervoll abgeblüht hat. Habt ihr alle zwei den Duft nicht

verspürt vor lauter Verliebtheit? -- Übrigens --« er sog und schlürfte

nun langsam, verständnisinnig einen Schluck durch die gespitzten Lippen

(-- »ah, ist das ein Weinlein! Viel zu gut für euch unmerksame Knaben!

--) übrigens hab' ich eine prächtige Wetterprobe für Gewitter, Erdbeben

und all' dergleichen Erfreulichkeiten. Eine Prophetissa -- sagt man

in Welschland --, der glaub' ich mehr als sieben Päpsten.« »Ihr redet

recht lästerlich, Supfo,« sprach Hellmuth verweisend. »Für Erdbeben --

Ihr?« zweifelte Fulko. »Jawohl, Herr Sänger! -- Meint Ihr, nur Ihr mit

Eurer Laute seid in der Welt umhergekommen. Oho! Wir waren auch schon

draußen! Sind mit Kaiser Ott dem Roten unter dem Rothenburger Fähnlein

in Welschland auf Heldenschaft gefahren. Lagen wir da vor Napoli, der

schönen Stadt. Sehr schön. Aber heiß! Und dreckig! Wir lagen vor den

Thoren, als Beschirmer nämlich gegen die Saracenen. Nicht in Zelten

oder Holzhütten, sondern in den Häusern der Bauern lagen wir: -- sind

alle von Stein vom Grund bis unters Dach. Da drüben rauchte ganz

behaglich und gemütlich der Feuerberg, der Mons Vesuvius: -- wir waren

schon so daran gewöhnt in all' den Wochen, wie daß man den Atem sieht

im Winter. Mein Hauswirt -- Gaudenzio hieß der Wackere -- hatte eine

Katze, die liebte er mehr, beteuerte er oft, als seine gelbhäutige,

schnurrbärtige Ehefrau. ›Denn warum?‹ sagte er. ›Meine Lucia kratzt

nur, fängt aber keine Mäuse und verkürzt mir das Leben, während Mucia

zwar gelegentlich kratzt -- aber nicht mich, nur Lucia (woran sie

recht thut), Mäuse fängt und mein Leben verlängert, meine schwarze

Prophetissa!‹« »Wieso?« fragte Fulko. »Ja, wieso? genau meine Worte von

damals! (woran man erkennen kann, was Ihr für ein kluger Knab' seid!)

›Ja,‹ sagte Gaudenzio und streichelte die Katze, die gleich schnurrte.

›Nämlich wir haben hier gar oft die landesüblichen Erdbeben. Ist weiter

gar kein Vergnügen nicht, sag' ich Euch, Supfone, wenn Ihr gar nicht

getrunken habt und doch wackeln müßt mit den Beinen, weil nämlich das

Land unter ihnen wackelt, als habe das Land einen Rausch. Und wenn Euch

das eigne Haus auf den Kopf fällt, so genau und platt, wie der Deckel

auf einer Schildkröte liegt -- nur, daß Ihr nicht damit davonkrabbeln

könnt, sondern gar keinen Leichenstein mehr zu bestellen braucht! Nun

also, kurz bevor Santo Vesuvio da drüben -- Santo Januario, bitt' für

uns bei ihm! -- ein wenig rappelig wird über die Sünden seiner lieben

Napolitaner, an die er nun doch schon seit mehr als einem Jahrtausend

gewöhnt sein könnte, -- aber er ist ein unberechenbarer Heiliger! --

also bevor der liebe gute alte Vater da drüben -- mit dem dürfen wir's

noch weniger verderben als mit der heiligen Jungfrau! -- auch nur ein

kleines rappelig wird, wird Mucia -- schon ziemlich lange vorher! --

ganz rappelig, miaut, wie wenn sie ihr Fleisch durch Gesang verdienen

müßte, springt bald gegen mich, bald gegen die verschlossene Hausthür

und ruht nicht, bis sie im Freien ist: -- sie und ich auch. Nach

Lucia schaut sie gar nicht um.‹ Ich begreife Eure Liebe zu dem Tier,

sprach ich verständnisvoll. Nun gut: -- ein paar Nächte nach dieser

Unterredung weckt mich mein Gaudenzio aus dem tiefsten Schnarchschlaf:

-- denn der schwarzrote Amalfitaner ist gut, aber schwer! -- reißt

mich aus dem Strohlager und stößt mich zur Thüre hinaus ins Freie.

Ich wollte ihn gerade niederschlagen, da schrie er: ›Die Katze! die

Katze! Mucia hat gewarnt.‹ Und kaum senk' ich den erhobenen Arm, --

da taumel' ich und wanke, als hätt' ich den Amalfitaner nicht ganz

verschlafen -- war aber hecht-nüchtern -- und auf einmal -- pardauz!

-- lag sein ganzes Steinhaus platt auf dem Bauch, wie ein Frosch,

drüber ein Lastwagen fuhr. Die Ungewarnte lag leider darunter. Am

andern Morgen zog unsere Heerschar ab. Zum Abschied schenkte mir mein

Wirt seine Katze. ›Denn warum?‹ sagte er treuherzig unter Thränen.

›Brauch' sie nicht mehr. Baue kein Steinhaus mehr. Und nehme -- ganz

gewiß! -- keine Frau mehr. Denn warum? Lucia war doch so böse, wie

ich keine mehr fände. Und jetzt thut es mir gleichwohl leid um sie.

Nun denket erst, wie leid mir eine sanftere thäte! Also wozu Katze?‹

So nahm ich Mucia mit. Auf meinem Rucksack quer durch ganz Welschland

über den Brenner trug ich sie bis in die Heimat. Sie verläßt mich nie.

Hört ihr sie draußen miaun? Ich komme, Schätzlein, ich komme. -- Nun

seht: merkte Mucia das bißchen Erbrechen von dem lumpigen Vesuvio da

drunten und jedes Erdbeblein, das dort zu Lande so häufig wie bei uns

das Nießen im Schnupfen, und zeigt sie -- wie sie immer thut -- hier

jedes Gewitter an, lange bevor es vom Königswald heraufzieht! -- da

wird's die Prophetissa doch wohl auch merken, wenn alsbald die ganze

Welt zerkrachen soll. -- Ich komme schon, Liebelein! -- Ich nehme sie,

-- an dem Vorabend -- mit in einen Ort, wo -- nun, wo man dem Kern

der Erde näher ist als anderwärts. Bleibt sie ruhig, bleib' ich auch

ruhig. Die Zeit soll uns dabei schon nicht lang werden: denn an jenem

heimlichen Orte giebt's für Mucia viele Mäuse und für mich -- nun, für

mich giebt's da auch was. Wir sehen uns dann schon wieder, Jungherrn.

Entweder in der ewigen Seligkeit oder -- was ich eine Zeitlang noch

vorziehe -- hier in diesem Jammerthal. Aber dann, Herr Fulko, dann

singen wir erst recht das Lied, das mir von all' Euren Schelmenweisen

zumeist gefallen hat!« -- »Welches? Sind ja viele so nichtsnutzig, daß

sie +Euch+ gefallen können.« -- »Ich meine das:

Nun woll'n wir erst heben ein Trinken an,

Daß der Herr Gott es nicht kann fassen,

Und spricht: ›wenn der Mensch +so+ viel trinken kann,

Mehr Wein muß ich wachsen lassen!‹

Ich komme, Prophetin des Herrn. Ich bringe dir deinen Prophetenlohn

heraus,« und er nahm ein leckres Stück Braten aus der Schüssel.

»Traumselige Nacht, ihr Herren. Ihr, Fulko, küsset für mich mit!« Und

er humpelte hinaus und verschwand.

Weltuntergang: Geschichtliche Erzählung aus dem Jahre 1000 nach Christus · 第 29 / 70 题